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Presseaussendungen, die der Vatikan leider noch nicht versendet hat.



Auch ein Jahr nach dem Papstwechsel keine Lösung zentraler Fragen in Sicht


„Wir sind Kirche“ zum Jahrestag von Papsttod (2. April 2005) und Papstwahl (19. April 2005):

Die Plattform „Wir sind Kirche“ stellt mit großem Bedauern fest, dass auch ein Jahr nach dem Papstwechsel noch keine konkreten Schritte zur Lösung der seit langem aufgeschobenen grundlegenden pastoralen Fragen und Probleme in der röm. kath. Kirche zu erkennen sind. Zwar hat sich das öffentliche Erscheinungsbild Joseph Ratzingers als Papst Benedikt XVI. – auch unter dem großen Einfluss der Medien – in bemerkenswerter Weise gewandelt. Aber der unter seiner 23-jährigen Ägide als oberster Glaubenshüter entstandene theologische und pastorale Stillstand sowie das Klima der innerkirchlichen Angst und Erstarrung wirken auch ein Jahr nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. (2. April 2005) und der Wahl des neuen Papstes (19. April 2005) nach.

Trotz mancher neu gesetzter hoffnungsvoller Zeichen haben sich Benedikts jetzige Bemühungen als „Brückenbauer“ (lat. „Pontifex“, einer der Titel des Papstes) nach Ansicht der katholischen Reformbewegung „Wir sind Kirche“ noch nicht als wirklich überzeugend und tragfähig erwiesen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

1- Benedikt XVI. hat sich am Anfang seines Pontifikats zur Kollegialität und zum Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) bekannt. Doch die – auch seiner persönlichen Bescheidenheit widersprechende – mediale Präsentierung des Papstes betont das zentralistische Petrus-Amt weit über Gebühr. Entgegen der im Zweiten Vatikanum erfolgten Aufwertung, hat Benedikts Vorgänger die Ortskirchen und das Kirchenvolk immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Dies wurde von Papst Benedikt noch nicht korrigiert.

2- Bei der Eucharistie-Synode der Bischöfe im Oktober 2005 war eine neue Offenheit im Diskussionsstil zu beobachten. Doch abweichende Meinungen fanden keine Aufnahme in die am Ende eilfertig erstellten Beratungsdokumente. Es bleibt abzuwarten, ob und wie weit Benedikt jetzt auch die reformorientierten Positionen zahlreicher Synodenteilnehmer aufgreifen wird.

3- Bei der Ernennung neuer Kardinäle im März 2006 hat der Papst z.B. mit Bischof Joseph Zen Ze-kiun von Hongkong neue politische Akzente gesetzt. Die Ernennung des Erzbischofs von Bologna, Carlo Caffarra, der als Leiter des päpstlichen Familieninstituts die Empfängnisverhütung mit einem Mord verglichen hat, ist dagegen für viele Katholikinnen und Katholiken verletzend.

4- Innerhalb der Vatikanischen Behörden hat Benedikt bisher nur kleine Akzente gesetzt. Für die seit langem überfällige Reform der römischen Kurie sind noch keine konkreten Konturen erkennbar.

5- Zu der kürzlich veröffentlichte Antrittsenzyklika „DEUS CARITAS EST“, die auf breite Zustimmung gestoßen ist, fehlt das 3. Kapitel, nämlich, wie sie in der Kirche umgesetzt wird. Es fehlt der innerkirchliche Dialog. Die Enzyklika nimmt eine klare Unterscheidung von Kirche und Staat vor (28 a.). Umso ärgerlicher ist die jüngst erfolgte starke Einmischung Benedikts in die italienische Politik, welche die Glaubwürdigkeit seiner Worte in Zweifel zieht.

6- Das von Papst Benedikt am 28. Juni 2005 herausgegebene „Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche“ (eine Zusammenfassung des „Weltkatechismus“ aus dem Jahr 1992) ist in keiner Weise repräsentativ für den Stand der heutigen katholischen Theologie, der Exegese und der theologischen Ethik. Der Fixierung auf Fragen der Sitte und Moral mit der wiederholten Verurteilung von homosexuellen Partnerschaften, Ehescheidung und Verhütung schadet der Glaubwürdigkeit unserer Kirche, vor allem solange nicht unnachgiebig gegen die sexuelle Gewalt von Priestern und Ordensleuten an Kindern, Jugendlichen und Frauen vorgegangen wird.

7- Dem kürzlich gemachten Zugeständnis, dass über mehr Raum für Frauen in der Kirche und ihre stärkere Beteiligung an kirchlichen Leitungsaufgaben „nachgedacht“ werden dürfe, steht in enttäuschender Weise die gleichzeitig wiederholte Aussage gegenüber, dass die Priesterweihe nur Männern vorbehalten sei.

8- Die Aufhebung des Pflichtzölibats und die Weihe von Frauen zu Priesterinnen werden von Benedikt XVI. nach wie vor strikt ablehnt. Doch der Papst wird sich diesen Fragen stellen müssen, da in dem mehr als 26-jährigen Pontifikat von Johannes Paul II. die Zahl der Priester um 4 Prozent zurück ging, während die Zahl der Katholikinnen und Katholiken weltweit um 40 Prozent anstieg. Schon jetzt hat fast die Hälfte aller katholischen Gemeinden auf der ganzen Welt, auch in den Missionsgebieten, keinen eigenen Priester mehr.

9- Über das überraschende Treffen von Papst Benedikt XVI. mit dem kirchenkritischen Theologen Prof. Dr. Hans Küng am 24. September 2005 in Castel Gandolfo hat der Vatikan ausführlich berichtet. Die sehr viel häufigeren Treffen mit Traditionalisten (wie z.B. am 29. August 2005 mit dem Nachfolger des exkommunizierten Marcel Lefebvre, Bischof Bernard Fellay) fanden dagegen weniger Beachtung. Auf die Bitte der innerkirchlichen Reformbewegungen um ein Gespräch wurde bisher nicht einmal reagiert.

10- Benedikt XVI. sagte zu Beginn seines Pontifikats, er wolle seine ganze Kraft der Einheit der Kirchen widmen. Doch den ökumenischen Bemühungen mit den orthodoxen Kirchen steht der Stillstand in der Ökumene mit den Kirchen der Reformation gegenüber, die von Rom nach wie vor noch nicht als Kirchen anerkannt werden. Die Erwartung, Benedikts besondere Kenntnis der Situation im Land der Reformation werde die Ökumene einen wichtigen Schritt nach vorn bringen, hat sich bisher nicht erfüllt.

Im kommenden Jahr wird sich nach Auffassung der Plattform „Wir sind Kirche“ zeigen, wie sich der Papst zu den offenen Fragen der Kirchenreform positioniert. Sein Verhalten, wie immer es ausfällt, wird ein deutliches Signal sein, welchen Weg die Kirchenleitung gehen will. Mit dem Zusammenlegen von Pfarrgebieten unter die Leitung eines der verbliebenen Priester allein, wird das Leben in den Gemeinden nicht aufrechtzuerhalten sein. Dies kann daher nicht die einzig strukturelle Antwort auf die offenen Fragen bleiben. Wie ist es also um die Bereitschaft bestellt, „Laien“, Frauen und Männer, nicht nur– möglichst ehrenamtlichen – zur Mitarbeit in der Kirche aufzufordern, sonder ihnen gemeinsam mit den Priestern als „Volk Gottes“ auch Mitverantwortung und Mitentscheidung zu übertragen?

Für die Zukunft des Christentumsss wird es entscheidend sein, ob es Benedikt gelingen wird, die ihn selber seit Jahrzehnten umtreibende Frage des Verhältnisses von römischer Universalkirche und lokaler Ortskirche, von Einheit der Kirche und ihrer Vielfalt zu lösen. Findet er als weltweit anerkannter Theologe jetzt keine gute Antwort, dann droht ein Rückzug in die Zeit weit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Um dies zu verhindern, muss Papst Benedikt XVI. immer wieder an das erinnert werden, was er in seinen jungen Jahren als Konzilstheologe geschrieben und gesprochen hat.

Dr. Martha Heizer
Ing. Hans Peter Hurka
„Wir sind Kirche“ – Österreich




FÜR EIN LEBEN IN FÜLLE

5. „Herdenbrief“ der Plattform „Wir sind Kirche“

Zehn Jahre nach dem Kirchenvolks-Begehren und nach bisher 4 „Herdenbriefen“ zu den einzelnen Forderungen wenden wir uns erneut an die Bischöfe Österreichs und den Bischof von Bozen-Brixen. Dieser 5. „Herdenbrief“ ist dem Thema „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ gewidmet, sozusagen der „Klammer“ über alle Forderungen des Kirchenvolks-Begehrens, und enthält zudem die bisher erschienen „Herdenbriefe“ – zur Erinnerung an sie und für einen erneuten Dialog darüber.

Die gute Nachricht soll lebendig werden: Blinde sehen, Lahme gehen, den Armen wird die frohe Botschaft verkündet. Wir hoffen so sehr, dass das Reich Gottes Gestalt annimmt.

Das liegt auch an uns.

Wir glauben, dass die Erfüllung der Forderungen des Kirchenvolks-Begehrens mithelfen kann, den Weg dorthin zu ebnen. Deswegen setzen wir uns dafür ein.

5. „Herdenbrief“ der Plattform „Wir sind Kirche“, ISBN 3-85167-174-0, Edition VA bENE 2005, 112 Seiten, broschiert.

Bestellung über Buchhandel oder Büchershop der Plattform



10 Jahre
Kirchenvolks-Begehren:
Worte der Ermutigung


Ermutigungen zum zehnjährigen Jubiläum

Der Plattform „Wir sind Kirche“ möchte ich zum Jubiläum zwei Ermutigungen aussprechen:

1. Die meisten Forderungen, die vor 10 Jahren das „Kirchenvolksbegehren“ aufstellte, waren schon lange vorher in vielen Synoden, beginnend von der Würzburger Synode über die Schweizer Synode bis hin zu den österreichischen Diözesansynoden, fast gleichlautend – mit Ausnahme der Priesterweihe der Frau – formuliert worden. Es ist ermutigend, dass ihr nicht allein seid, sondern viele auch schon vorher so dachten.s

2. An die gleichen Forderungen – wieder ausgenommen die Priesterweihe der Frau – wird auch heute von sehr vielen außerhalb der Plattform immer wieder in oft sehr differenzierter Form erinnert, ja in der selben Richtung sogar weitergedacht. Und das nicht nur in der Basis, sondern auch in hochrangigen theologischen .....
[Text im PDF]




Renate Zieritz, Vorsitzende des Solidaritätskreises

"Weg der Hoffnung"


Herrn
DDr. Klaus Küng
Bischof der Diözese St. Pölten
Domplatz 1
3100 St. Pölten.

St. Pölten, am 26. November 2004

Sehr geehrter Herr Bischof!

Zuerst einmal herzlichen Dank, dass Sie es auf sich genommen haben, die Aufgabe eines Visitators in der Diözese St. Pölten auszuführen. Eine Aufgabe, die sicher nicht leicht war und unter einem starken medialen Scheinwerfer stand.

Sowohl als Visitator wie auch als Bischof der Diözese St. Pölten haben Sie immer wieder von einem Neubeginn gesprochen, der dringend nötig wäre. Dies hat uns erfreut, Mut gemacht und wir warten darauf. Katholikinnen und Katholiken Ihrer Diözese wollen den von Ihnen angesprochenen Neubeginn jedenfalls aufgreifen und unterstützen. Bisher fehlen uns aber notwendige Ansatzpunkte. Deshalb fragen wir:

  1. Gibt es einen Abschlussbericht der Visitation?
    Wir bitten Sie, der Öffentlichkeit und uns das Ergebnis der Visitation mitzuteilen. Die Schließung des Priesterseminars und die Abberufung Bischof Krenns sind zwar allgemein ablesbare Konsequenzen. Ursachen und Wirkungen können vermutet aber nicht nachvollzogen werden.


  2. Ist nicht eine Entschuldigung angebracht?
    Die Ernennung von Bischof Krenn in der Diözese St. Pölten und sein späteres Wirken haben viele Wunden aufgerissen, die dringend einer Wiedergutmachung bedürfen. Werden Sie auf die jeweils dafür verantwortlichen Personen einwirken, dass sie sich entschuldigen?


  3. Was wird getan, damit solche falschen Personalentscheidungen künftig nicht mehr erfolgen?


  4. Ist die Abberufung Bischof Krenns die einzige personelle Korrektur?
    Was ist mit jenen Personen, die Bischof Krenn gefördert und deren Wirken zu Spannungen, Spaltungen und Verletzungen geführt hat, bleiben die in ihren Ämtern und mit ihren bisherigen Aufgaben betraut?


  5. Stimmt es, dass Alt-Regens Küchl nun Religionslehrer ist?
    Wir halten es für nicht vertretbar einen Mann, dem vorgeworfen wird er habe homoerotische Beziehungen zu von ihm abhängigen Alumnen gepflegt und deswegen seine Funktion als Regens des Priesterseminars aufgeben mußte, nun als Religionslehrer einzusetzen.


  6. Welche konkreten Schritte planen Sie, um die Einheit der Diözese St. Pölten wieder herzustellen?


  7. Wobei und wie können wir Ihnen dabei helfen?
    Sehr geehrter Herr Bischof, wir erwarten Ihre Antwort und wünschen Ihnen zu Ihrer Amtseinführung alles Gute und für Ihr Wirken in der Diözese St. Pölten Gottes reichen Segen.


  8. Hans Peter Hurka
    „Wir sind Kirche – Österreich“







FÜR EIN LEBEN IN FÜLLE:

Frohbotschaft statt Drohbotschaft


Der Grundtext für den 5. „Herdenbrief“ der Plattform „Wir sind Kirche“ an die Bischöfe Österreichs und den Bischof von Bozen-Brixen ist fertig und kann per eMail angefordert werden.

Wir laden alle Interessierten herzlich ein,
diesen „Herdenbrief“ mit zu gestalten,
und Änderungen, Ergänzungen
oder Anmerkungen zum Grundtext
bis Ende Oktober 2004 an folgende Adressen zu senden:

Per eMail

per Post: Plattform „Wir sind Kirche”,
1090 Wien, Mosergasse 8
per Fax: 0043(0)1/315 42 00


Wir ersuchen um möglichst präzise und vorformulierte Anregungen, damit das Redaktionsteam diese nach Möglichkeit einarbeiten kann.







" WIR SIND KIRCHE SCHRIEB"
POST AN DEN VISITATOR


Sehr geehrter Herr Bischof!

Ihr Sekretariat hat mir am 16. August 2004 mitgeteilt, dass Sie bereits eine Vielzahl von Gesprächen mit Menschen der Diözese St. Pölten geführt und dabei auch mit Mitgliedern der Plattform „Wir sind Kirche“ gesprochen haben. Daraus hätten Sie einen guten Einblick in die Situation der Diözese erhalten. Für die Mühe Ihrer Arbeit und die angekündigte Sorgfalt bei der Prüfung und Übermittlung aller Vorschläge an den Papst möchte ich Ihnen herzlich danken. Die Plattform „Wir sind Kirche“ fasst mit diesem Brief die Vorfälle in der Diözese St. Pölten zusammen und unterbreitet konkrete Vorschläge zu Lösung. Ich bitte Sie, diese zu berücksichtigen.

Menschen aus der Diözese St. Pölten und aus anderen Diözesen sagen, die Vorfälle im Priesterseminar sind nur die Spitze eines Eisberges. Ursachen dafür und vor allem die Auswirkungen gehen sowohl sachlich als auch örtlich weit über die Diözese St. Pölten hinaus.

Erste Anzeichen dafür sind stark steigende Kirchenaustritte auch in anderen Diözesen und es ist zu befürchten, dass Abmeldungen vom Religionsunterricht ebenfalls zunehmen werden. Dadurch sind auch Arbeits- und Lebensgrundlagen von Menschen bedroht. Obwohl nach zuletzt veröffentlichten Umfragewerten eine große Zahl von Menschen Sehnsucht nach einer moralischen Autorität haben, verliert unsere Kirche weiterhin an öffentlicher Reputation.

Gott sei Dank haben die Menschen heute ein höheres Bildungsniveau, sind kritischer und bilden sich ihre eigene Meinung. Dies gilt auch für die Kirche. Noch nie war das theologische Wissen im Volk Gottes so weit verbreitet und die Bereitschaft vorhanden, Verantwortung in der Kirche zu übernehmen. Gerade angesichts der Krise sollten wir uns der eigenen Stärken bewusst sein und daran denken, wie viele Laien und Kleriker mit redlichem und unermüdlichen Einsatz in der Nachfolge Jesu stehen. Sie vertreten aber ein anderes Kirchenbild, als es durch die Vorfälle in St. Pölten sichtbar wurde.

Gerade mit der Glaubwürdigkeit der Kirche ist Bischof Krenn grob fahrlässig umgegangen. Wer mit dem Anspruch, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit Gottes zu verkünden, Homosexuellen das Verbot des Vollzugs als Lehre der Kirche entgegenhält und zugleich homosexuelle Praktiken der Leitung des Priesterseminars gegenüber abhängigen Alumnen duldet, verschweigt, leugnet oder herunterspielt, beschädigt die Glaubwürdigkeit der Kirche schwer. Noch schlimmer ist es, wenn Homosexualität und Pädophilie undifferenziert bleiben. Nicht die Homosexualität ist das Problem. Sondern gegenüber dem Messen mit zweierlei Maß, den Beziehungen zwischen Abhängigen, häufig wechselnde Partner und der Pädophilie muss konsequent aufgetreten werden. Pädophilie gehört bestraft und (Homo-) Sexualität differenzierter gesehen.

Autoritäre Entscheidungen wie beispielsweise die Abberufungen von Dr. Schmatz, P. Udo Fischer, Pfarrer Oppolzer, Dr. Dillinger oder Regens Schrittwieser oder die Auflösung von Pfarrgemeinderäten, die Besetzung von Pfarren mit schwierigen, wenig kommunikativen Priestern, die Förderung vorkonziliarer Liturgie, der Aufbau von Einrichtungen wie das Seminar in Klein Hain oder die Gemeinschaft in Maria Langegg, die erklärter Weise im Kontrast zu bestehenden Institutionen stehen, haben die Diözese gespalten. Weiters verbot Bischof Krenn unliebsamen Referenten in kirchlichen Räumen der Diözese Vorträge zu halten, etwa im Bildungshaus St. Hippolyt. Davon waren namhafte Theologen betroffen. Die Auflösung des diözesanen Laienrates und die Ausgrenzung nicht genehmer Katholikinnen und Katholiken haben, genauso wie seine Verhinderung gemeinsamer Entscheidungen in der Bischofskonferenz oder die Einmischung in Angelegenheiten anderer Diözesen oder unwürdi-ger Auftritte in den Medien (Caritas, Muslime etc.), weit reichende Störungen im Erscheinungsbild der Kirche ergeben. Ich bitte Sie, weitere Details der Auflistung an Vor-fällen aus den Augustnummern der Kirchenzeitung JA zu entnehmen und zu berücksichtigen.

Diese Vorgangsweise hat nicht nur die Betroffenen selbst sondern viele Menschen verärgert. Es entstand der Eindruck, hier wird einseitig, willkürlich und nicht zum Wohl der Diözese gehandelt. Selbst wenn Dr. Krenn „die Welt retten will“ und er seiner Meinung nach „falsche Propheten“ abwehren möchte, so geht dies doch nur mit und nicht gegen den Willen der Menschen. Bei jeder Entscheidung ist heute Akzeptanz unverzichtbar. Sie steigt mit Einbindung der Betroffenen und verständlichen Begründungen. Dies gab es jedoch nicht. Einseitigkeit oder gar religiöser Fanatismus gepaart mit bedingungsloser Unterwürfigkeit sind keine Hilfen. Die Einsetzung einer von ihm abhängigen Untersuchungskommission hat deutlich die dringend notwendige Gewaltentrennung auch in der Kirche gezeigt. Wer wie er eine einseitige Theologie vertritt, obwohl er wissen müsste, dass es heute in der Kirche vielfältige Strömungen gibt, stärkt eine kleine Gruppe mit Scheuklappen ausgestatteter Bekenner und stößt viele Menschen ab. Dies gepaart mit autoritären Entscheidungen zu Gunsten dieser kleinen Gruppen, führt jede Gemeinschaft an den Rand des Zerfalls.

Um dem drohenden Priestermangel vorzubeugen, zog Bischof Krenn Kandidaten aus anderen Diözesen an. Diese waren dort mitunter für diese Aufgabe bereits als ungeeignet abgelehnt worden. Statt dieser missglückten Vorgangsweise schlagen wir vor, verheiratete Priester und bereits bewährte Frauen und Männer für diesen Dienst heran zu ziehen.

Eine heutige Priester- oder Priesterinnenausbildunghat sich neben einer der Welt zugewandten Theologie mit den aktuellen human- und gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen zu befassen. Für „Glaubens-Manager“ im Zentrum einer Gemeinschaft sind heute Psychologie, Soziologie und Kommunikation unverzichtbar. Alumnen sollten in Fragen ihrer Sexualität, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit nicht nur Gott vor Augen haben. Hilfreich wäre, mit anerkannten Fachleuten das konkrete Leben zu reflektieren und angemessene Umgangsformen erarbeiten zu können. Diese sind mindestens so wichtige Kriterien wie die Dogmengeschichte oder das Kirchenrecht. Ziel muss es sein, gefestigten Persönlichkeiten das Priesteramt anzuvertrauen, die mitten im Leben stehen und sich in Beziehungen und in der Gesellschaft bewährt haben. Die Bibel und das Leben lehren uns: Das sind dies Männer und Frauen.

An den Vorfällen im Priesterseminar und den daraus folgenden Reaktionen wird deutlich, wie stark Sexualität in der Kirche noch immer tabuisiert wird. Der Kirche – in St. Pölten und darüber hinaus – gelingt es nicht, ihre Positionen so in die Diskussion einzubringen, dass sie tatsächlich ernst genommen werden. Über 90 % der Katholikinnen und Katholiken in Westeuropa und den USA leben z.B. seit langem anders als es „humanae vitae“ und die Sexualmoral der Kirche vorschreiben.

Woran liegt es, dass die Kirche ihre Vorstellungen von Sexualität so wenig überzeugend vermitteln kann? Wieso glauben die Menschen, der Kirche gehe es in diesen Fragen lediglich um Verbot und Macht und nicht um Freude, Lust und ein gelungenes Leben? Schade, wenn durch Pillen- und Kondomverbot der Blick auf die Verantwortung für Kinder und auf dauerhafte, verlässliche Beziehungen ständig verdeckt wird. Mit dem Ignorieren humanwissenschaftlicher Erkenntnisse, dem Wegschauen vor der Realität oder dem bloßen Aussprechen von Verboten wird keine Akzeptanz erreichbar sein. Kraft und Lebensfreude, die die Menschen aus hetero- oder homosexuellen Beziehungen schöpfen, lassen sie sich von der Kirche nicht mehr nehmen.

Von Mitgliedern der Diözese St. Pölten werden Bischof Krenn auch vorgeworfen. Wir bitten Sie, auch die ordnungsgemäße Verwendung der Kirchenbeitrags- und Spendengelder im Rahmen Ihrer Visitation zu prüfen. Herzlichen Dank für Ihre Klarstellung, dass keine „Kirchengelder“ für Rechtsstreitigkeiten beschuldigter Personen in der Causa aufgewendet werden. Wir gehen davon aus, dass diese Aufwendungen aus dem jeweiligen Privatvermögen bestritten werden.

Plakativ werden die Vorwürfe an Dr. Krenn mit „Wasser predigen und Wein trinken“ zusammengefasst. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit der Kirche extrem. Jede Verkündigungsaufgabe, unabhängig ob in Schule oder Pfarre, wird durch derartige „Vorfälle“ schwer behindert. Thomas Plankensteiner hat seinerzeit zutreffend von der Körpersprache der Kirche gesprochen. Bischöfe die glauben, alleine gegen die Welt kämpferisch und hart bis zur Unmenschlichkeit, eine Korrektur des Kirchenkurses gegen breite Kreise des Kirchenvolkes vorantreiben zu müssen, werden kaum Verständnis und wenig Gefolgschaft erreichen.

Wir glauben daher, dass die von mehr als 75 % der Katholikinnen und Katholiken - zumindest in Europa und den USA - unterstützten Vorschläge des Kirchenvolks-Begehrens jene Lösungsansätze beinhalten, die die Kirche dringend braucht, um ihrer Botschaft für die Menschen treu zu bleiben.

Wir bitten Sie, in Ihrem Bericht an den Papst folgende Lösungsansätze zu berücksichtigen:

  • Überwindung der Kluft zwischen Klerus und Laien,
  • Mitbestimmung des Gottesvolkes bei der Bestellung von Bischöfen und Pfarrern,
  • Gleichberechtigung der Frauen,
  • Positive Bewertung und Bejahung der Sexualität – auch der Homosexualität
  • Erweiterung und Aktualisierung der Priesterausbildung,
  • Aufhebung des verpflichtenden Zölibats,
  • Einrichtung weiterer Ombudsstellen, die Vorwürfe unabhängig prüfen und
  • Gewaltentrennung in der Kirche.
Wir wollen ausdrücklich feststellen, uns geht es nicht um eine blinde Kopfjagd nach Dr. Krenn, auch wenn wir gleichzeitig – ohne Häme – auf die Proteste hinweisen, die bereits anlässlich der Ernennung und im Vorfeld seiner Weihe aus dem Kirchenvolk deutlich waren. Sie bestärken uns in der Überzeugung, der „sensus fidelium“ war, ist und bleibt ein untrügliches Signal. Wir wünschen uns, dass die Kirchenleitung stärker als bisher darauf zu hören vermag.

Uns geht es um eine Kirche, die als Wegweiserin ihre reichen Schätze der Botschaft Jesu und ihrer Tradition vorlebt und von den Menschen als anziehende „Kontrastgesellschaft“ ernst genommen werden kann. Ein Dialog unter uns Katholikinnen und Katholiken, mit Mitgliedern anderer Religionen und der gesamten Welt ist dafür unverzichtbar. Ebenso unverzichtbar ist für uns das innerkirchliche Gespräch über die Forderungen des Kirchenvolks-Begehren. Dass dies fruchtbar möglich ist, hat die Delegiertenversammlung in Salzburg zum Dialog für Österreich im Oktober 1998 eindrücklich gezeigt. So kann die Kirche als Grundsakrament zum Zeichen der Liebe Gottes in dieser Welt werden.

Sehr geehrter Herr Bischof, wir sind überzeugt, die Abberufung Dr. Krenns als Bischof von St. Pölten ist eine unumgängliche Voraussetzung für eine positive Entwicklung der Diözese und der Kirche Österreichs. Sein Wirken fügt der gesamten Kirche schweren Schaden zu. Wir bitten Sie daher, die Ablöse Dr. Krenns im Vatikan zu empfehlen. Ebenso dringend bitten wir Sie, nicht dabei stehen zu bleiben, sondern auch für die dahinter liegenden Fragen Lösungsvorschläge zu unterbreiten.

Die Neubesetzung des Bischofsstuhls sehen wir als Chance, Gemeinsamkeiten zu suchen und Unterschiede als Bereicherung zu erleben. Dies sollte schon bei der Kandidatensuche für eine Neubestellung des Bischofs beginnen und alle betroffenen Menschen verantwortlich einbinden. Der Prozess der Kandidatenfindung soll transparent ablaufen und unabhängig von Lobbyisten und Einflüsterern erfolgen. Zustände wie in den 80-er Jahren, wo bewährte und weit über die Grenzen der Kirche hinaus angesehene Menschen herabgewürdigt wurden und andere, entgegen dem „sensus fidelium“, zu wichtigen Ämtern in der Kirche aufgestiegen sind und dieser großen Schaden zugefügt haben, sollte es keinesfalls wieder geben.

Zur Kandidatenfindung schlagen wir den Prozess eines „Diözesankonklaves“ vor. In diesem sollen die Menschen in den Pfarren befragt werden und die Pfarrgemeinderäte die Vorschläge zusammentragen. Gewählte Frauen und Männer, Kleriker und Laien aus den Pfarrgemeinderäten könnten ihre Vorschläge in Dekanatsversammlungen austauschen und verdichten. Diese Vorschläge sollen einer, die Menschen der Diözese repräsentierenden, gewählten Versammlung übergeben werden. Diese tritt zu einem „Diözesankonklave“ zusammen und erarbeitet in Meditation, Gebet und Gespräch einen „Dreiervorschlag“, der dem Papst zur Entscheidung übermittelt werden soll. In einem solchen Prozess kann viel Vertrauen, welches in den letzten Jahren verloren gegangen ist, neu entstehen, wenn er ehrlich und transparent geführt wird. Ich bitte Sie, diesen Vorschlag in Ihren Bericht aufzunehmen.

Für weitere Gespräche stehen wir gerne zur Verfügung. Für Ihre schwierige Aufgabe wünschen wir Ihnen Gottes reichen Segen und die Gabe, die erforderlichen Reformen vorzuschlagen.

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Peter Hurka
„Wir sind Kirche – Österreich“



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POST AN DEN VISITATOR



(Bild: religion.orf.at)

Der Apostolische Visitator DDr. Klaus Küng hat angekündigt, mit allen zu sprechen, um sich ein umfassendes Bild von der Situation in St. Pölten machen zu können.

Wir bieten Ihnen die Möglichkeit, Ihre Fragen und Anliegen zu äußern und werden diese gesammelt an Bischof Küng weiter leiten.

Was ich dem Visitator sagen möchte

Anonyme oder beleidigende Mails berücksichtigen wir nicht. Wenn Sie es wünschen, wird Ihr Name allerdings dem Visitator nicht bekannt gegeben. Wir bitten in diesem Fall um einen entsprechenden Vermerk in Ihrem Mail.




Hans Peter Hurka-Ingrid Thurner-Martha Heizer

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Ingrid Thurner zur Beendigung ihrer Funktionen in der Plattform „Wir sind Kirche“

Abschied nehmen fällt schwer. Noch schwerer fällt mir der Abschied von einer Arbeit, von einem Einsatz, von lieben Menschen ... von all dem, was mein Leben in den vergangenen neun Jahren geprägt hat, weil ich diese Arbeit sehr gerne und mit aller Kraft geleistet habe.

Vor zwei Jahren schon hatte ich anlässlich meiner Wahl zur Vorsitzenden meinem Mann versprochen, dass es meine letzte Funktionsperiode sein wird. Eine große Familie, die Betreuung meiner inzwischen 93-jährigen Mutter und auch mein eigenes, steigendes Bedürfnis nach mehr Stille und Ruhe ließen sich nicht mehr so leicht wie in den vergangenen Jahren mit dem Totaleinsatz in der Plattform „Wir sind Kirche“ vereinbaren.

Inzwischen kann ich aber auch eine gewisse Resignation angesichts der Situation unserer Kirche nicht mehr verdrängen. Ich bin zwar nach wie vor überzeugt davon, dass Gruppen wie die unsere lebensnotwendig sind für die Zukunft unserer Kirche, und ich hoffe und bete darum, dass andere Menschen diesen Auftrag weiter tragen – mir selbst ist die Motivation dafür ziemlich abhanden gekommen. Von Monat zu Monat wurde für mich der Spagat immer unmöglicher, innerlich immer mehr auf Distanz zur Kirche, zu ihren Strukturen und verletzenden Umgangsformen zu gehen, während ich nach außen Hoffnung versprühte und mit aller Kraft darum kämpfte, dass Änderungen – irgendwann einmal – möglich werden.

Meine persönliche Situation ist in den vergangenen Monaten dadurch zeitweise fast unerträglich geworden. Ich denke, dass unter dieser Zerrissenheit die Glaubwürdigkeit meines Einsatzes, womöglich auch die Glaubwürdigkeit der Plattform, leiden würde, wenn ich all das verdrängen und weiter machen würde wie bisher. Die – auch für mich – schmerzliche und bittere Konsequenz war mein Entschluss, bei der Wahl nicht mehr zu kandidieren und auch alle anderen Aufgaben innerhalb der Plattform zurück zu legen.

Erleichtert wird mir der Abschied von meinen bisherigen Aufgaben und das Loslassen „meines geliebten Kindes Plattform“ durch die Zuversicht, dass andere kompetente Menschen genauso in meine Fußstapfen treten werden, wie ich den Weg nach meinen Vorgängern Dr. Thomas Plankensteiner und Dr. Hubert Feichtlbauer weiter gegangen bin.

Mein Dank gilt ihnen und den Freundinnen und Freunden des Vorstands. Mit ihnen durfte ich viel Schönes erleben, mich über Erfolge freuen und so manche schmerzliche Erfahrung teilen. Von ihnen habe ich viel gelernt und in problematischen Situationen Rückendeckung erhalten. Sie alle werden mir sehr fehlen!

Danken möchte ich auch allen Frauen und Männern, die mir im Laufe der Jahre Mut machten und durch Mitarbeit und wohlwollende Kritik halfen, meine Aufgaben zu erfüllen.

Nicht zuletzt danke ich Gott für seinen Ruf in diesen Einsatz, weil ich dadurch meinen Teil der Berufung aller Christinnen und Christen in Kirche und Welt erfüllen konnte, selbst reich beschenkt wurde und in meinem Wachsen und Werden reifen durfte.

Ich möchte mit einem Text von Hermann Hesse schließen. Er drückt besser als viele weiteren Worte von mir aus, was mich im Augenblick bewegt und was ich tief in mir empfinde - im Blick auf meinen Abschied und auf mein eigenes Leben. Zugleich steckt in diesem Gedicht auch meine ganze Hoffnung für die

Zukunft unserer Bewegung.

STUFEN

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang liegt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse


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In PUBLIK-FORUM Nr. 5 vom 12. März 2004 erschien folgender Artikel. Er betrifft die Plattform "Wir sind Kirche" genau so wie die deutsche KirchenVolksBewegung. Natürlich interessiert uns auch Ihre Meinung zu diesem Artikel. Wir freuen uns, wenn Sie uns Ihre (möglichst kurze) Stellungnahme schicken (i.thurner@tirol.com) - und vielleicht auch einen LeserInnenbrief an Publik-Forum (redaktion@publik-forum.de) schreiben.

Zur Zukunft der Kirchenreformer

Überalterung und schwindende Resonanz: Die Probleme der katholischen Kirche spiegeln sich in der Kirchenvolksbewegung

Von Hartmut Meesmann

Die Liste ist lang: keine Bischofswahlen durch das Volk; keine Zulassung von Frauen zum Priesteramt, noch nicht einmal zum Diakoninnenamt; keine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten; Rücknahme der Liturgiereform; keine wirklichen Möglichkeiten der Mitentscheidung für Laien; keine Anerkennung homosexueller Lebenspartnerschaften, eher eine Diffamierung dieser Menschen; keine Schwangerenkonfliktberatung mehr im staatlichen Beratungssystem; zunehmende Ausgrenzung von Reformkatholiken, ja selbst von gemäßigten Katholiken, die in einzelnen Sachfragen wie der Schwangerenberatung, der Homosexualität, der Ehescheidung anderer Meinung sind als die Hierarchie; massive Einforderung des Gehorsams unter Missachtung der Gewissensfreiheit der Gläubigen; Diffamierung von Theologinnen und Theologen, denen – oft ohne Angabe von Gründen – die kirchliche Lehrerlaubnis verweigert wird; kirchenamtliche Hofierung konservativer Gruppen (nicht nur des Opus Dei) und Ausgrenzung »linker«, befreiungstheologischer Initiativen (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel) ...

Die katholische Kirche profiliert sich als Hort der Reformverweigerer. Verkauft wird diese Haltung als Treue zu sich selbst. Es ist eine Treue, die den Weg ins selbst gewählte Getto weist, der dann als »Treue zum Herrn« glorifiziert wird.

Initiativen wie die Kirchenvolksbewegung »Wir sind Kirche« oder »Kirche von unten« sind – so gesehen – eigentlich wichtiger denn je. Sie halten die Vision einer offeneren und »demokratischen« – oder, wer es lieber hören möchte: synodaleren – Kirche im Bewusstsein der kirchlichen wie der nichtkirchlichen Öffentlichkeit.

Nur: Der Abwärtstrend, der die Kirchen erfasst hat, verschont auch die Reformkreise nicht. Die Zahl ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter schwindet, so wie die Mitgliederzahlen der Kirchen langsam, aber stetig sinken. Den Mitgliedsgruppen der innerkatholischen Opposition droht die »Vergreisung«. Junge Mitglieder sieht man nur vereinzelt. Da hilft auch die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft »Wir sind Kirche Jugend« durch ein paar äußerst aktive junge Mitstreiterinnen und Mitstreiter nicht viel. In den Niederlanden hat sich die 8. Mai-Bewegung – einflussreicher Vorreiter eines kritischen Katholizismus auch hier in Deutschland – mangels Masse und Stoßkraft inzwischen aufgelöst.

Diese Entwicklung hat einen Grund: Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung am Thema Kirchenreform nicht (mehr) interessiert ist. Für die meisten Menschen ist die Institution Kirche inzwischen ohne größere Bedeutung für ihr Leben. Die jungen Leute schnuppern schon mal hier und da in ein kirchliches Projekt hinein, wenn es denn halbwegs interessant erscheint, Eventcharakter bietet und die Gewähr, Gleichaltrige zu treffen oder einen Star. Aber sonst? Null Bock auf Kirche!

Von diesem Desinteresse sind auch katholische Reformgruppen betroffen. Außerdem haben sich viele Ältere, die sich noch vor Jahren für Reformen eingesetzt und die Kirchenvolksbewegung mit viel Sympathie begleitet hatten, innerlich oder äußerlich verabschiedet. Die innerkatholische Opposition, das muss man nüchtern sehen, blutet aus – langsam, aber stetig.

Innerkirchlich haben sich die ehemals verfestigten Fronten zwar inzwischen aufgelöst. In dem Bemühen, die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils gegen den massiv auftretenden Block der Vorkonziliaren zu retten, treffen sich Reformkatholiken mit breiten Kreisen in den Verbänden und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Das ist erfreulich und stärkt die Gemeinsamkeit, aber natürlich nicht in allen Fragen.

Und doch: Angesichts von Spardruck und säkularem Gegenwind sind viele Engagierte – ob haupt- oder ehrenamtlich tätig – froh, wenn sie halbwegs zufrieden überleben. Sie haben oft genug reichlich damit zu tun, das (herkömmliche) kirchliche Leben in den neuen pastoralen Räumen sicherzustellen und ihr berufliches wie familiäres Leben mit all dem gewachsenen Druck und Stress mit dem kirchlichen Engagement einigermaßen zu vereinbaren. Das kostet Nerven genug. Warum sich dann noch mit verbohrten, selbstgefälligen oder hinterhältigen Amtsträgern herumschlagen? Der resignierte Rückzug aufs Refugium des kleinen, familiären Kreises in der Gemeinde ist die – durchaus verständliche – Folge. Man schützt sich selbst. Oder man engagiert sich gezielt und bewusst in seiner sozialen oder politischen Gruppe (zusammen mit anderen Christen) und lässt die eigene Kirche Kirche sein, ohne allerdings aus ihr auszutreten.

So erscheint die Situation paradox: Einerseits ruft die Zeit nach Reformen – andererseits ist das Klima in der katholischen Kirche noch selten so reformabweisend gewesen wie derzeit. Trübe Aussichten für »Wir sind Kirche« & Co. Aushalten werden die Reformerinnen und Reformer diese Situation im Grunde nur mit einer spirituellen Haltung, die sich auf das symbolische Bild von der Wanderung durch die Wüste stützt: Man muss es einfach ertragen, dass der eigene Glaube an Plausibilität in der Gesellschaft verliert und der eigene Einsatz für innerkirchliche Reformen an abweisende Mauern stößt. Die Reformer werden sich auf die Bibel besinnen müssen, in der es oft heißt, dass Gott im Verborgenen wirkt, im Unscheinbaren, im Gescheiterten. Glücklich zu preisen, wer dieses Vertrauen leben kann. Wer es nicht kann, wird die katholische Kirche sich selbst überlassen und seine eigenen religiösen Wege gehen. Oder in eine andere christliche Kirche übertreten – und dort möglicherweise auf ähnliche Probleme stoßen.

PUBLIK-FORUM Nr. 5 vom 12. März 2004

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KIRCHE IM DORNRÖSCHENSCHLAF



Foto: Rupprecht@kathbild.at


Fünf Jahre nach der Delegiertenversammlung in Salzburg zum "Dialog für Österreich" hat die Plattform "Wir sind Kirche" an alle seinerzeitigen Delegierten einen Brief gesandt und diese um eine aktuelle Stellungnahme dazu gebeten.
Über 50 Antworten von Delegierten aus allen Diözesen sind gekommen, d.h., dass sich knapp ein Viertel all derer geäußert hat, die den Brief auch tatsächlich erhielten (ca. 30 Briefe waren wegen veralteter Adressen leider nicht zustellbar).
In einer Pressekonferenz am 6. November 2003 in Wien mit Statements von Gerhard Bittner, Geschäftsführer Österreichische Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe, Karl Woditsch MAS, Generalsekretär der Katholischen Aktion Eisenstadt, und Ingrid Thurner, Vorsitzende der Plattform "Wir sind Kirche" wurden Auszüge aus ca. 40 Antworten der Delegierten präsentiert.

Schreiben an die Delgierten: PDF Symbol
Auszüge aus den Delegiertenantworten: PDF Symbol
Aktuelle Information und Klärungen: PDF Symbol
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HANS KÜNG
Ein Pontifikat voller Widersprüche



Der Tübinger Theologe Hans Küng bescheinigt Papst Johannes Paul II. eine Amtszeit voller Widersprüche. Der Papst entzog dem heute 75-jährigen Präsidenten der Stiftung Weltethos 1979 die katholische Lehrbefugnis.

Aus der Heidenheimer Neuen Presse vom 18.Oktober 2003, formal, nicht inhaltlich, bearbeitet von Klaus Braden (http://bradenk.bei.t-online.de/kueng.html)


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Ein Pontifikat voller Widersprüche von HANS KÜNG

Am 17. Oktober 1979 veröffentlichte ich eine Zwischenbilanz des ersten Amtsjahrs Papst Johannes Pauls II. Dieser in mehreren Weltblättern publizierte Artikel gab zwei Monate später den Ausschlag zum Entzug meiner kirchlichen Lehrbefugnis als katholischer Theologe.

25 Jahre Pontifikat haben meine Kritik bestätigt. Für mich ist dieser Papst nicht der größte, wohl aber der widersprüchlichste des 20. Jahrhunderts. Ein Papst vieler großer Gaben und vieler falscher Entscheidungen. Vereinfacht auf einen Nenner gebracht: Seine „Außenpolitik“ verlangt von aller Welt Bekehrung, Reform, Dialog.

Im krassen Widerspruch dazu aber seine „Innenpolitik“, die auf Restauration des Status quo ante Concilium und Verweigerung des innerkirchlichen Dialogs abzielt. In zehn komplexen Problemfeldern zeigt sich diese Widersprüchlichkeit.

Keine Gewaltenteilung

l. Derselbe Mann, der die Menschenrechte nach außen vertritt, verweigert sie nach innen den Bischöfen, Theologen, den Frauen vor allem: Der Vatikan darf die Menschenrechtserklärung des Europarates nicht unterzeichnen; allzu viele Kanones des mittelalterlich-absolutistischen römischen Kirchenrechtes müssten zuvor geändert werden. Gewaltenteilung ist in der katholischen Kirche unbekannt. In Streitfällen fungiert dieselbe Behörde als Gesetzgeberin, Anklägerin und Richterin. Folgen: Ein serviler Episkopat und unhaltbare Rechtszustände. Wer mit der höheren kirchlichen Instanz in einen Rechtsstreit gerät, hat kaum eine Chance, Recht zu bekommen.
2. Ein großer Marienverehrer, der hehre Frauenideale predigt, aber Frauen abwertet und ihnen die Ordination verweigert: Attraktiv für viele traditionell katholische Frauen, stößt dieser Papst moderne Frauen ab, die er von höheren Weihen „unfehlbar“ für alle Ewigkeit ausschließen will und im Falle der Empfängnisverhütung zur „Kultur des Todes“ rechnet.

Folgen: Zwiespalt zwischen äußerem Konformismus und innerer Gewissensautonomie, der wie etwa in der Schwangerschaftskonfliktberatung auch die römisch gesinnten Bischöfe von den Frauen entfremdet und so zu wachsendem Exodus der bisher noch kirchentreuen führt.

3. Ein Prediger gegen Massenarmut und Elend in der Welt, der jedoch mit seiner Einstellung zu Geburtenregelung und Bevölkerungsexplosion an diesem Elend mitschuldig ist: Der Papst, der auf seinen vielen Reisen und auch gegenüber der UN-Bevölkerungskonferenz in Kairo gegen Pille und Kondome Stellung nimmt, dürfte mehr als jeder Staatsmann mitverantwortlich sein für ein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum in manchen Ländern und die Aidsausbreitung in Afrika.

Folgen: Selbst in traditionell katholischen Ländern wie Irland, Spanien und Polen lehnt man zunehmend die päpstliche Sexualmoral ab und wehrt sich gegen römisch-katholische Rigorismus in Sachen Abtreibung.

4. Ein Propagandist des zölibatären männlichen Priesterbildes, der die Mitverantwortung trägt für den katastrophalen Priestermangel, den Zusammenbruch der Seelsorge in vielen Ländern und die nicht mehr vertuschbaren Pädophilie-Skandale im Klerus. Dass Priestern noch immer die Ehe verboten wird, ist nur ein Beispiel dafür, wie auch dieser Papst sich über die Lehre der Bibel und die große katholische Tradition des ersten Jahrtausends, die kein Zölibatsgesetz für Amtsträger kennen, hinwegsetzt, zugunsten des Kirchenrechts aus dem 11. Jh.

Folgen: Die Kader haben sich ausgedünnt, der Nachwuchs bleibt aus. bald werden fast die Hälfte der Pfarreien ohne ordinierte Seelsorger und regelmäßige Eucharistiefeier sein, was auch der Priester-Import aus Polen, Indien und Afrika und die fatale Zusammenlegung von Pfarreien zu „Seelsorgeeinheiten“ nicht mehr verschleiern können.

5. Der Betreiber einer inflationären Zahl von lukrativen Heiligsprechungen, der zugleich mit diktatorischer Macht seine Inquisition gegen missliebige Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe vorgehen lässt: Inquisitorisch verfolgt werden vor allem Gläubige, die sich durch kritisches Denken und energischen Reformwillen auszeichnen Wie Pius XII. die bedeutendsten Theologen seiner Zeit (Chenu, Congar, de Lubac, Rahner, Teilhard de Chardin) verfolgte, so Johannes Paul II. (und sein Großinquisitor Ratzinger) Schillebeeckx, Balasuriya, Boff, Bulanyi, Curran sowie Bischof Gaillot (Eveux) und Erzbischof Huntington (Seattle).

Folge: Eine Überwachungskirche in der sich Denunziantentum Angst und Unfreiheit breitmachen Die Bischöfe empfinden sich als römische Statthalter statt als Diener des Kirchenvolkes, und die Theologen schreiben Konformes oder - schweigen.

6. Ein Lobredner der Ökumene, der aber die Beziehungen zu den orthodoxen wie den reformatorischen Kirchen belastet und die Anerkennung ihrer Ämter und die Abend- mahlsgemeinschaft von Evangelischen und Katholiken verhindert: Der Papst könnte, wie mehrfach von ökumenischen Studienkommisionen empfohlen und von vielen Pfarrern vor Ort praktiziert, die Ämter und Abendmahlsfeiern der nicht-katholischen Kirchen anerkennen und eucharistische Gastfreundschaft erlauben. Auch könnte er den übersteigerten mittelalterlichen. Machtanspruch gegenüber Ostkirchen und reformatorischen Kirchen zurückschrauben. Er aber will das römische Machtsystem erhalten. Folgen: Die ökumenische Verständigung wurde nach dem Vatikanum II blockiert. Das Papsttum erweist sich wie schon im 11. Jh. und im 16. Jh. als das größte Hindernis für eine Einheit der christlichen Kirchen in Freiheit und Vielfalt.

7. Ein Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil, der die dort beschlossene Kollegialität des Papstes mit den Bischöfen missachtet und den triumphalistischen Absolutismus des Papsttums bei jeder Gelegenheit neu zelebriert: Statt der konziliaren Programmworte „Aggiornamento — Dialog — Kollegialität — ökumenische Öffnung“ wieder in Wort und Tat „Restauration — Lehramt - Gehorsam — Re-Romanisierung“.

Folgen: Die Massen bei Papstmanifestationen sollten nicht darüber hinweg täuschen: Millionen haben unter diesem Pontifikat „Kirchenflucht“ begangen oder sich in die innere Emigration zurückgezogen. Die Animosität der breiten Öffentlichkeit und der Medien gegenüber der hierarchischen Selbstherrlichkeit hat bedrohlich zugenommen.

8. Ein Vertreter des Gesprächs mit den Weltreligionen, der diese zugleich als defizitäre Formen von Glauben abqualifiziert: Der Papst versammelt gerne Würdenträger anderer Religionen um sich. Aber von einem theologischen Eingehen auf deren Anliegen ist wenig zu spüren. Vielmehr versteht er sich auch im Zeichen des Dialogs noch als „Missionar“ alten Stiles.

Folgen: Das Misstrauen gegenüber dem römischen Imperialismus ist nach wie vor weit verbreitet. Und dies nicht nur unter den christlichen Kirchen, sondern auch in Judentum und Islam und erst recht in Indien und China.

9. Ein wortmächtiger Anwalt der privaten und öffentlichen Moral und engagierter Kämpfer für den Frieden, der sich zugleich durch weltfremden Rigorismus als moralische Autorität unglaubwürdig macht:

Die berechtigten moralischen Bemühungen des Papstes wurden weithin um ihren Erfolg gebracht durch rigoristische Positionen in Fragen des Glaubens und der Moral.

Folgen: Für manche traditionalistischen Katholiken wie Säkularisten ein Superstar, hat dieser Papst sein Amt durch Autoritarismus dem Autoritätsverfall preisgegeben. Obwohl auf medial wirksam inszenierten Reisen ein charismatischer Kommunikator (bei gleichzeitiger Gesprächsunfähigkeit und Regelungswut nach innen), fehlt ihm die Glaubwürdigkeit eines Johannes XXIII.

10. Der Papst, der sich im Jahre 2000 zu einem öffentlichen Sündenbekenntnis durchrang, hat daraus kaum praktische Konsequenzen gezogen: Nur für die Verfehlungen der „Söhne und Töchter der Kirche“ bat er um Vergebung, nicht für die der „heiligen Väter“ und der „Kirche selbst“.

Folgen: Das halbherzige Bekenntnis hat keine Folgen. Keine Umkehr, nur Worte, keine Taten. Statt nach dem Kompass des Evangeliums, der angesichts der Fehlentwicklungen in Richtung Freiheit, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit weist, richtet man sich in Rom noch immer nach dem mittelalterlichen Recht, das statt einer Frohbotschaft eine anachronistische Drohbotschaft mit Dekreten, Katechismen und Sanktionen bietet.

Die Rolle des polnischen Papstes beim Zusammenbruch des Sowjetimperiums lässt sich nicht übersehen. Doch ging dieses nicht am Papst zugrunde, sondern an den wirtschaftlich-sozialen Widersprüchen des Sowjetsystems selbst. Die tiefe persönliche Tragik dieses Papstes: Sein polnisch-katholisches (mittelalterlich-gegenreformatorisch-antimodernistisches) Modell von Kirche ließ sich nicht auf den „Rest“ der katholischen Welt übertragen. Vielmehr wurde es in Polen selber von der modernen Entwicklung überrollt.


Letztlich ein Desaster


Für die katholische Kirche erweist sich dieses Pontifikat trotz seiner positiven Aspekte letztendlich als ein Desaster. Ein hinfälliger Papst, der seine Macht nicht abgibt - wiewohl er könnte -, ist für viele das Symbol einer Kirche, die hinter glänzender Fassade verknöchert und altersschwach geworden ist. Wollte der nächste Papst die Politik dieses Pontifikats weiterführen, würde er den ungeheuren Problemstau noch verstärken und die Strukturkrise der katholischen Kirche geradezu ausweglos machen. Nein, ein neuer Papst muss sich zu einem Kurswechsel entscheiden und der Kirche Mut zu Neuaufbrüchen einflößen - im Geist Johannes‘ XXIII. und in Konsequenz der Reformimpulse des Zweiten Vatikanischen Konzils.


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