„Ich bin gekommen,
damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben.“

(Joh 10, 10b)
Österliche Gedanken von Ingrid Thurner


  „Sie fanden, wonach sie suchten: umfassendes Glück, erfülltes Dasein, ‚Leben in Fülle’“, so beschreibt Georg Betz, in seinem Buch „Verehren wir den falschen Gott?, Einspruch gegen die Verharmlosung der Sache Jesu“, die ersten christlichen Gemeinden. „Diese Christen versuchten, den von Jesus empfohlenen Kontrast zu leben: den Kontrast zum Immer-mehr-Brauchen und Immer-mehr-haben-Wollen, zur Ellbogenstrategie, zur Bewertung des Menschen nach seiner Leistung, zur Diskriminierung der Schwachen und Versager, zur Unterscheidung von oben und unten, klein und groß, zur Feindschaft, zum Aug um Auge, zum Wettlauf um Ansehen, zum Selbst-sehen-Müssen, wie man zurecht kommt, zum Glauben an die Allmacht der Vernunft. In den Gemeinden war zu spüren, wie sich Krankheit verkroch und neue Gesundheit breit machte, wie kaputte, gestörte Menschen in Ordnung kamen und Freunde wurden, wie Stumme ihre Stimme wieder fanden, Taube ihr Gehör, wie Blinde wieder sehen konnten, Lahme mobil, Beziehungslose wieder kontakt- und gemeinschaftsfähig wurden, von irgendeinem Ungeist Besessene wieder aufblühten. Es muss gar nicht verwundern, wenn in diesen Gemeinden wunderbare Veränderungen an den körperlich und seelisch Kranken vor sich gingen. Die krank machenden Stoffe waren in christlichen Gemeinden des Anfangs mit ihrem vorbehaltslosen Vertrauen auf Gottes väterliche Fürsorge und ihrem intensiven Mit- und Füreinander gering dosiert, die gesund machenden und gesund erhaltenden dagegen hoch. In diesen Gemeinschaften war auch der Hunger kein Gespenst mehr, weil die einen mit dem, was sie nicht brauchten, die Habenichtse, die Arbeitslosen, die Kinderreichen und die Witwen, die Waisen und die Alten satt machten. Wohnungsprobleme lösten sich, und auch der Tod verlor seinen Schrecken, nicht nur, weil man den Glauben teilte, dass der gute Gott keines seiner Kinder ins Leere fallen lässt. Der Tod verlor in der neuen Familie seinen Schrecken auch deshalb, weil er seine leidvollen Folgen für die Hinterbliebenen verlor. Die Gemeinde sicherte sie materiell ab und fing ihre Trauer auf. Einsamkeit und Not waren zu Fremdwörtern geworden. Im Wissen darum starb es sich leichter.“

  Sicher lebte es sich auch leichter in dieser Atmosphäre des Vertrauens und der Geborgenheit! Zu erfahren, dass jede und jeder willkommen ist - unabhängig davon, wer und wie sie ist und woher er kommt; zu erleben, dass alle in ihrem So-Sein anerkannt werden, und darauf vertrauen zu können: In allen Situationen des Lebens sind andere Menschen da, die trösten, sich mitfreuen, die einander unterstützen und aufbauen ... davon träumen wohl fast alle Menschen. Und diese grundsätzliche Anerkennung, der Rückhalt und die Ermutigung durch eine Gemeinschaft machen es auch möglich, dass Menschen ihre Lebensängste verlieren und über sich hinaus wachsen, sich zu den Menschen entwickeln, die sie sein könnten - zur Verlebendigung des eigenen Lebens und zum Heil vieler Menschen.

  Der Einwand ist berechtigt, dies sei doch alles Illusion oder nur eine schöne Geschichte aus längst vergangener Zeit und hat mit der Realität heute nichts zu tun. Es stimmt auch, dass die frühchristlichen Gemeinden eine andere Qualität besaßen als die ziemlich unverbindlichen und anonymen Gemeinschaften von Pfarren, Dekanaten und Diözesen, die wir heute kennen. Und es stimmt leider auch, dass wir beim Begriff „Kirche“ eher an „Macht und Streit“ denken als an „Geborgenheit und Beistand“, dass wir eher Ärger, Gleichgültigkeit und Resignation empfinden als die Erwartung: In dieser Gemeinschaft lässt es sich gut leben.

  Wir alle wissen, dass es nur mehr sehr wenige Menschen gibt, die wirklich in ihrer Kirchenerfahrung von Geborgenheit, Verständnis, Hilfe und Angenommen-Sein sprechen können. Das liegt nicht nur an den gegebenen Strukturen, am Unvermögen der Hierarchie oder am Kirchenrecht. Es liegt auch an jeder und jedem Einzelnen von uns.

  Vor 9 Jahren ging ein Aufatmen durch Österreichs Kirche: Das Kirchenvolks-Begehren setzte ein starkes Signal und ließ ungezählte Menschen aktiv werden. Sie setzten sich mit Kirche auseinander, und sie setzten zugleich ein unübersehbares Zeichen: Kirche lebt, Kirche hat Zukunft, und Kirche vermittelt Hoffnung, sobald nicht nur „von oben“ Vorschriften kommen, sondern sich das Volk Gottes aktiv beteiligt und versucht, mit seinen Hirten in einen Dialog einzutreten. Leider wurde dieser Dialog-Wunsch wenig bis gar nicht angenommen. Inzwischen machen sich wieder Resignation und Hilflosigkeit breit.

  „Ich möchte Sie alle deshalb an den vielbeachteten „Offenen Brief an die Bischöfe Schönborn, Weber, Kapellari“ von Dr. Thomas Plankensteiner im April 1996 erinnern - er war damals an die Bischöfe gerichtet.

  Heute kann und sollte er für alle von uns Anlass sein, unser persönliches Handeln zu überdenken und starke Motivation, uns aus dieser Glaubensüberzeugung heraus auch weiterhin kraftvoll für eine Erneuerung der Kirche einzusetzen:

  „Wir sehen einen Gott, der die Menschen, auch die geringsten und unscheinbarsten, aufrichtet und ermutigt: ‚Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.’ (Joh 15,15), der Amts- und Machtausübung immer unter dem Aspekt des Dienens sieht: ‚Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.’ (Mt 20,26). - Wie sollte dieser Gott Anstoß nehmen an mehr Mitsprache und Mitverantwortung aller Gläubigen?

  Wir sehen einen Gott, der sich beherzt für die gleiche Würde aller Menschen, auch von Mann und Frau, einsetzt: ‚Es gibt nicht mehr...Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer’ in Christus Jesus.’ (Gal 3,28) - Wie sollte dieser Gott Anstoß nehmen an Menschen weiblichen Geschlechts im Diakonat oder im Priesteramt?

  Wir sehen einen Gott, der die Menschen zur Gemeinschaft sammelt und Gemeinden aufbaut und sich über jeden Menschen - ob Mann oder Frau, ob verheiratet oder unverheiratet - freut, der zum priesterlichen Dienst in der Gemeinde bereit und befähigt ist. - Wie sollte dieser Gott Anstoß nehmen an verheirateten Männern oder an Frauen als Priester?

 : Wir sehen einen Gott, der den Menschen mit seiner Körperlichkeit und Sexualität geschaffen und gutgeheißen hat und der die Verbindung zwischen Mann und Frau segnet. - Wie sollte dieser Gott Anstoß nehmen an der verantwortlich gelebten Lebensfreude und Liebeslust zweier Menschen, auch jenseits von Fruchtbarkeit und Zeugung?

  Und wir sehen schließlich einen Gott, dem Menschen in schwierigen Situationen, an den Rand Gedrängte und schuldig Gewordene ganz besonders am Herzen liegen. - Wie sollte dieser Gott daran Anstoß nehmen, wenn auch seine Kirche solchen Menschen verständnisvoll und einfühlsam begegnet?“

  Wieder steht Ostern vor der Türe. Ich wünsche mir, uns allen und unserer Kirche, dass wir nicht nur beim Gedächtnis von Leiden und Tod stehen bleiben, sondern Leben in Fülle durch die Auferstehung Christi erfahren.