2.
"Herdenbrief" |
|
|
Thesen zum Aufbau einer geschwisterlichen Kirche -
Zusammenfassung des Anliegens ![]()
An diesem Schriftwort aus der Rede Jesu gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten orientieren sich folgende Thesen. Die ganze Rede kann als jesuanische Kritik an vermachteten hierarchischen Strukturen der Kirchen gelesen werden.
1. Wo immer Menschen im Namen Jesu sich versammeln, seine Botschaft vom Reich Gottes hören und danach handeln, ist Kirche. Menschliche Gemeinschaften, die Kirche sind, gründen sich auf das Evangelium Jesu Christi und sind gesandt, seine göttliche Heilsbotschaft in der jeweiligen konkreten Welt zu verkünden.
2. Die Kirche und noch mehr die Kirchen als organisierte Glaubensgemeinschaften sind
Teil der konkreten Gesellschaft. Als Teil der Gesellschaft bedienen sich die Kirchen
vorhandener weltlicher Strukturen und Ordnungen, verändern diese und werden auch durch
sie in ihren Organisationsstrukturen verändert. ![]()
3. Im Lauf der Geschichte gab und gibt es in allen Kirchen, teils in unterschiedlicher Weise, stärker oder schwächer, alle Strukturformen weltlicher Herrschaft, von der Monarchie und Hierokratie bis hin zur Demokratie.
4. Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes stellt jedoch alle menschliche Herrschaft in
Frage, auch die geschichtlich bedingten Kirchenordnungen. Wie der einzelne Mensch der
Buße und Umkehr bedarf, ist die Kirche in all ihren Gemeinschaftsformen immer
reformbedürftig. ![]()
5. Religiöse Reformbewegungen in der Kirche orientieren sich darum an biblischen Modellen, wie dem Meister-Jünger-Verhältnis der Evangelien, den geistgewirkten charismatischen Strukturen des 1. Korintherbriefes oder der Hausgemeinschaft mit den Ordnungsdiensten von Presbytern, Episkopen und Diakonen in den Pastoralbriefen. Sie sind vom Ideal der apostolischen Geschwisterlichkeit geprägt. Die späteren Zusammenschlüsse der verschiedenen Gruppen und Gemeinden einer religösen Reformbewegung berücksichtigen die geschwisterliche Gesinnung und sind synodal strukturiert.
6. Das jetzige hierarchisch gestufte Weiheamt Diakon-Priester-Bischof ist eine spätere
Formgebung der in der Bibel genannten gleichrangigen Ordnungsdienste christlicher
Gemeinschaften. Diese Formgebung wurde unter anderem beeinflußt von der kirchlichen
Übernahme der von Kaiser Diokletian geschaffenen diözesanen Verwaltungsstruktur des
römischen Reiches und vom mittelalterlichen Feudalwesen. ![]()
7. Konzilien, Synoden, Presbyterien, Generalkapitel von Orden und Kongregationen mit ihren Abstimmungen und Wahlvorgängen sind uralte kirchliche Entsprechungen moderner weltlicher demokratischer Strukturen. Auch der Glaubensgrundsatz, daß vor Gott und seinen Geboten alle Menschen gleich sind, spiegelt sich im demokratischen Prinzip von der Gleichheit aller Personen vor dem Gesetz.
8. Das Zweite Vatikanische Konzil wollte die Botschaft Jesu allen Menschen in der Welt
von heute nahe bringen. Es verstand sich als Reformkonzil. War das Markenzeichen der
Inkulturation des Evangeliums vergangener Jahrhunderte das Bündnis zwischen "Thron
und Altar", so hoffte das Konzil auf das lebendige Zeugnis des gläubigen Volkes und
suchte das Gespräch mit allen Menschen. Die bevorzugten Instrumente sind "Begegnung
und Dialog".![]()
9. Mit der Lehre von der Kirche als Volk Gottes bezeugt das Konzil Jesus Christus als "Licht der Völker". Mit der Errichtung einer institutionellen Beratungsstruktur vom Pfarrgemeinderat über Diözesan- und Pastoralräte, nationale und kontinentale Bischofskonferenzen bis hin zur römischen Bischofssynode hat die lateinische Kirche Möglichkeiten der Mitbestimmung und Mitverantwortung des Gottesvolkes an der kirchlichen Sendung geschaffen. Den Zeichen der Zeit folgend nutzt sie damit demokratische Organisationsformen, um den Auftrag Jesu in der modernen Welt zu erfüllen.
10. Das Kirchenvolksbegehren "Wir sind Kirche" orientiert sich mit seinen
Forderungen an der Botschaft Jesu und teilt voll und ganz die Reformanliegen des Zweiten
Vatikanischen Konzils, wenn es den Aufbau einer geschwisterlichen Kirche und die Wahl der
Bischöfe mit Hilfe der diözesanen Beratungsstrukutur der Ortskirche fordert. ![]()
11. Einheit in Vielfalt ist das Ziel des Aufbaus einer geschwisterlichen Kirche mit den Instrumenten der Begegnung und des Dialogs. Dieses Ziel verbietet die Ausgrenzung von Minderheiten in Kirche und Gesellschaft und achtet die Rechte aller Menschen. Deshalb fordert das Kirchenvolksbegehren, die freie Wahl der Lebensform für Priester wiederherzustellen und Frauen zum Weiheamt zuzulassen.
12. Konflikt und Streit gab es unter den Jüngern Jesu genauso wie es sie unter
Geschwistern und verschiedenen kirchlichen Gruppen gibt. Zur Aufarbeitung von
Streitigkeiten zwischen kirchlichen Gruppen und Institutionen, die nicht die Glaubenslehre
und das Sakramentenrecht betreffen, ist die Errichtung einer eigenen unabhängigen
kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit in Form von Schiedsgerichten wünschenswert. ![]()
13. Für den Aufbau einer geschwisterlichen Kirche sind vielfältige Formen der Buße und Umkehr, des Verzeihens und der Vergebung notwendig. Beispielsweise ist es ein Zeichen der Geschwisterlichkeit, Geschiedenen, die wieder heiraten, nach einer Zeit der Buße zu vergeben und den Zutritt zur eucharistischen Mahlgemeinschaft zu ermöglichen.
14. Die Verurteilung von Glaubensirrtümern und die Unterbindung von Streitigkeiten
über die christliche Lehre - vor allem zwischen Theologieprofessoren und dem päpstlichen
Lehramt - mittels Geheimverfahren steht im Widerspruch zur öffentlichen Verkündigung des
Evangeliums. Geheimverfahren dienen kaum der Wahrheitsfindung und verletzen zudem die
Menschenwürde der vermeintlich Irrenden. Öffentliche Verfahren schützen die
Streitenden, machen die Urteilsfindung für die Gesamtheit der Gläubigen nachvollziehbar
und stärken so den Glaubenssinn aller Christen. ![]()
15. Im ökumenischen Dialog sind historische Streitigkeiten zwischen den Kirchen wegen der Kirchenordnung oder der Glaubenslehre im Geist der Buße zu beenden, die verschiedenen Kirchenordnungen anzuerkennen und die eucharistische Gastfreundschaft zu pflegen.
16. Durch die Taufe bilden alle Christen ein heiliges Volk und eine königliche
Priesterschaft. Alle sind gesandt, die Botschaft Jesu von Gottes Liebe und Barmherzigkeit
zu bezeugen. Das derzeitige kirchenrechtliche Verbot der Laienpredigt in der
Eucharistiefeier ist eine Einschränkung, die dem Sendungsauftrag des Auferstandenen und
dem Aufbau einer geschwisterlichen Kirche widerspricht. ![]()
17. Im Gotteslob, dem liturgischen Dienst der Kirche, nehmen alle Gläubigen kraft der Sakramente Taufe und Firmung direkt teil am dreifachen Amt Jesu Christi, dem Lehramt, dem Hirtenamt und dem Priesteramt; bzw. am Prophetentum, Königtum und Priestertum Christi, wie es in der Lehrtradition der reformatorischen Kirchen heißt. Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen ist keine Ableitung vom besonderen Priestertum und keine Unterstufe des sakramentalen Weiheamtes.
18. Das besondere Priestertum ist als ein eigenständiges sakramentales Zeichen ein
besonderes Gnadengeschenk Gottes zur Auferbauung einer geschwisterlichen Kirche.
Allgemeines und besonders Priestertum sind bei der christlichen Gemeinschaftsbildung, beim
Kirche-Machen einander zugeordnet und nicht einander über- oder untergeordnet.![]()
19. Der Aufbau einer geschwisterlichen Kirche vollzieht sich grundsätzlich in tätiger Nächstenliebe. Soziales Engagement und Solidarität der Christen gelten dabei vor allem den Armen und Kranken, den Fremden und Minderheiten, den Gefangenen und Ausgegrenzten, den Notleidenden und Verfolgten. Eine Fülle kirchlicher Gruppen und Einrichtungen gibt davon ein beredtes Zeugnis.
20. In der Welt von heute teilen die Christen mit allen Menschen Freude und Hoffnung, Trauer und Leid. Sie nehmen einzeln und in Gruppen nach bestem Wissen und Gewissen aktiv teil an der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Gestaltung dieser Welt. Sie verwirklichen auf diese Weise den Sendungsauftrag der Kirche in der Welt.
Auszüge aus den
Beiträgen ![]()
Gotthold Hasenhüttl
"Macht Kirche: die geschwisterlich Alternative zum hierarchischen Prinzip"
Hat Jesus Christus wirklich eine hierarchische Institution Kirche gewollt? Darauf ist exegetisch und dogmatisch klar mit Nein zu antworten. Jesus hat zu seinen Lebzeiten keine besonders geformte oder strukturierte Gemeinschaft beabsichtigt, auch nicht als gesonderte Glaubensgemeinschaft. Die Kirche selbst hat nie gewagt, verbindlich zu erklären, daß der historische Jesus eine Kirche gegründet hat.
All das besagt jedoch nicht, daß Kirche als Glaubensgemeinschaft nicht eine Folge jesuanischen Wirkens ist. So ist es durchaus richtig, daß sich nach Ostern Menschen zusammengefunden haben, die ihr Leben an Jesus Christus orientieren wollten. Die Menschen wurden Christen genannt und die Gemeinschaft derer, die ihr Leben an Jesus Christus ausrichten wollten, Kirche.
Sie war keine Institution, sie war Folge der geschichtlichen Entwicklung
nach Jesu Tod. Die Aussage - vom Kirchenvolks-Begehren aufgegriffen - "Wir sind
Kirche", war eine Selbstverständlichkeit. Dieses Grundverständnis ging freilich in
der Kirche nie ganz verloren, so daß Pius XII. (1946) schreiben konnte, daß alle
Glaubenden die Kirche sind. Für sie gilt: "Wir gehören nicht nur zur Kirche, wir
sind die Kirche". Nur zögerlich folgten den Gedanken das 2. Vat. Konzil und die
Bischofssynode (Rom 1987), wo es heißt, die Katholiken "sind die Kirche".![]()
Elisabeth Moltmann-Wendel
"Ganzheit und Katholizität"
Was unser Ganzsein, unsere Katholizität weiter blockiert, ist die Hierarchie. Hierarchien trennen unsere Gesellschaft und unsere Kirchen, teilen sie auf in oben und unten, in solche, die das Sagen haben und in solche, die zu hören haben, und verleugnen Gott, der die Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. Eine Priesterhierarchie, die Frauen nicht in ihre Ämter zuläßt, die sich von "Laien" zu distanzieren sucht, ist nicht mehr durchlässig für neue Erfahrungen, schneidet sich selbst vom Strom des Lebens ab. In Hierarchien entwickeln Menschen Macht über andere, kann Gewalt entstehen, die andere mundtot und unmündig macht. Ein Beispiel dafür ist auch die protestantische Definitionsmacht der Kirche, die bestimmen will, was und wie geglaubt und gelebt werden soll.
Aber der Gegensatz zu Hierarchie ist nicht Anarchie und Gleichmacherei,
sondern Beziehungen in Gegenseitigkeit. Blockiert hierarchisches Denken und Verhalten, das
Menschen voneinander lernen, so gibt es für Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit beruhen,
eine Fülle von Varianten, in denen sich Menschen gegenseitig bereichern: Freundschaft,
Partnerschaft, Teilhaben aneinander, Interdependenz. In Gegenseitigkeit werden die
Unterschiede zwischen Menschen, zwischen den Geschlechtern, Klassen und Rassen nicht
aufgehoben. Sie werden aber fruchtbar gemacht. Ich brauche Dich, und ich werde gebraucht.
Du brauchst mich, und du wirst gebraucht. Gegenseitigkeit ist das Grundmuster des Lebens,
nach dem wir ins Leben getreten sind und weiterhin überleben. Im Mutter-Kind-Verhältnis
zeigt sich, daß es in Beziehungen Stärkere und Schwächere gibt, aber beide voneinander
leben und sich bereichern. ![]()
Johannes B. Bauer
"Maximen des Aufbruchs"
Das Kirchenvolks-Begehren fordert einen neuen Aufbruch. Für die dabei aufgeworfenen Fragen sind - das muß auch einmal mit aller Deutlichkeit gesagt werden - von der Mehrheit der Theologen längst Lösungsvorschläge gefunden worden und das mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und mit Verantwortungsbewußtsein ohnegleichen. Die Argumente liegen auf dem Tisch, die Kirchenführer müßten sich ihnen stellen, sie ernst nehmen.
Wenn die Kirchen weiterhin den Paradigmen der Vergangenheit verhaftet
bleiben und sich einkapseln, dann wird es weiterhin nur mehr eine Ökumene der Verlierer
geben. Fast täglich melden die evangelische wie die katholische Nachrichtenagentur immens
steigende Austrittszahlen. Die randständigen Mitglieder verlassen angewidert ihre
Kirchen. Die engagierten Christen, die mit dem Klerus die Last des Tages tragen, leiden an
ihren Kirchenleitungen und deren Betriebsblindheit. ![]()
Walbert Bühlmann
"Das hoffnungserweckende Jahrtausendkonzil. Plädoyer für eine geschwisterliche Kirche"
Die Ortskirchen sollten viel mehr Mitsprache haben bei der Ernennung von
Bischöfen und bei der Beauftragung von Professoren der Theologie. Ebenso für die Fragen
der Inkulturation, wobei das nicht nur die Kirche Afrikas angeht, sondern auch die
Europas. Wir sind zwar damals irgendwie in die germanische Kultur inkulturiert worden,
aber sind es doch keineswegs in die des ausgehenden 20. Jh. Darum der tiefe Graben
zwischen dem Denken der "Kirche" und des Volkes. Vor allem die
Kontinentalkirchen müßten viel mehr Eigenkompetenz erhalten, sogar eigene Patriarchate
bilden, so daß z.B. Lateinamerika selbst über die Befreiungstheologie befinden, Europa
selbst über die Bedürfnisse einer Kirche in der säkularisierten Welt entscheiden
könnte. Solches Eigenleben der Kontinentalkirchen wird leider total blockiert mit Verweis
auf die Universalkirche. Wiederum Bischof K. Lehmann sagte damals bezüglich des KVB, es
sei unsinnig, Postulate aufzustellen, die universalkirchlich keine Chance haben,
angenommen zu werden. Er hätte besser gesagt: die römisch keine Chance haben. Rom
identifizierte sich zu rasch mit der Universalkirche und handhabt praktisch das absurde
Prinzip: Was nicht schon überall geschieht, vor allem in Rom, darf nirgendwo geschehen!
Wie, wenn in einer Familie mit vier Kindern zwischen 12 und 20 Jahren der Vater zu den
älteren zwei sagen würde: Ihr habt am Abend nicht auszugehen, die jüngeren gehen auch
nicht aus. Dezentralisierte Kompetenz setzt mehr Eigenverantwortung voraus, aber ist
sicher sinnvoller als starre Uniformität, die von einem fernen Zentrum diktiert wird. ![]()
Richard Picker
"Kommunikation und Konfliktbewältigung in der Kirche"
Eine der auffälligsten Folgen geleugneter Konflikte ist die gestörte Kommunikation untereinander. Das kann man an allen fünf Forderungen des Kirchenvolksbegehrens gut sehen, besonders aber an dessen Gesamt-Verhältnis zur Österreichischen Bischofskonferenz. Dieses hat die prozeßhafte Gestalt eines Theaterstückes. Das Vorspiel ist der "Fall Groer" gewesen. Darauf reagierte die Innsbrucker Gruppe um Thomas Plankensteiner mit dem Kirchenvolks-Begehren. Dies war der erste Akt. Im zweiten Akt spaltet sich die Bischofskonferenz in drei Gruppen.
a) Stille Befürworter (Minderheit: "Eigentlich hat das KVB ja recht!")
b) Larvierer ("Mit ein bißchen Ja-Aber sitzen wir das schon aus!")
c) Absolute Gegner ("Wer das KVB unterschreibt, schließt sich aus der hierarchisch verfaßten Kirche aus").
Im 3. Akt startet die Bischofskonferenz ein Treffen in Mariazell, also:
"Reden und Beten" anstelle von "Vertretung des Kirchenvolks-Begehrens dem
Weltepiskopat und dem Papst gegenüber". Im 4. Akt beginnt das Kirchenvolks-Begehren
sich weltweit zu verbreiten, um gleichzeitig in Österreich an Kraft zu verlieren. Die
Bischöfe nutzen die Situation zu einem "Dialog für Österreich" (zu Deutsch:
"Reden wir von etwas anderem!"). Es fehlt der Schluß des Stückes, und es wird
sich zeigen, ob es zur Tragödie, zur Komödie oder sonst etwas gerät. Besonders
auffallend ist die Leugnung dieses Vorganges in 5 Akten von seiten der Kurie und der
Bischofskonferenz, weil ja der Ort dieses Konfliktes an sich schon verschoben ist. Der
wirkliche Adressat ist die römische Zentrale, der wirkliche Ort des Konfliktes ein Konzil
oder eine Weltbischofskonferenz und das Hindernis formaler Art stellt die im Kirchenrecht
festgeschriebene "hierarchische Verfassung" dar, die im spirituellen Bereich
unangetastet, im Verwaltungsbereich aber vom KVB in Frage gestellt wird. ![]()
Eva Petrik
"Geschwisterlichkeit in kirchlichen Strukturen"
Festzustellen ist: Es herrscht kein Defizit an Theorie, sondern eines in
der Praxis! Und wenn heute der Ruf nach dem Ende von "oben" und
"unten" und der Wunsch nach partizipatorischem Handeln immer lauter wird, so
heißt das, daß das "Kirchenvolk" obrigkeitlichen Leitungsstil und
überspitzten Zentralismus nicht mehr ertragen will. ![]()
Roland Schwarz
"Der biblische Befund. Wie es in der Kirche zu Ämtern kam."
Was heute fehlt, sind praktikable innerkirchliche Korrekturmechanismen, die verhindern, daß Amtsträger zu wenig oder gar nicht auf die berechtigten Anliegen der Gemeinde hören. In der Bibel mußte sich etwa selbst Petrus rechtfertigen, als er das Haus von Heiden betreten hatte (Apg 11); die Gemeinde konnte gegen einen Presbyter auch Klage erheben (1 Tim 5,20). Durch die kollegiale Leitung war einem Mißbrauch bereits ein gewisser Riegel vorgeschoben (in den Pastoralbriefen wird allerdings auch eine dem Presbyterium übergeordnete Autorität greifbar).
Bei zukünftigen Personalplänen ist zu berücksichtigen, daß der Dienst
der Leitung durch eine überschaubare Gemeindegröße wirklich geleistet werden kann. Es
darf amtstheologisch nicht nur um eine flächendeckende Sakramentenspendung gehen! Die
Möglichkeit des verheirateten Gemeindeleiters wäre ernsthaft zu überlegen. Das in der
Bibel mit hoher Wahrscheinlichkeit gegebene Amt des weiblichen Diakons wäre
wiederzuentdecken. Die bisher beigebrachten Argumente gegen eine Ordination von Frauen
sind weitgehend unhaltbar. ![]()
Walter Kirchschläger
"Kreative Vielfalt. Biblische Kriterien für die Neuordnung kirchlicher Ämter"
Die entscheidende Frage der Kirchenstruktur um die Jahrtausendwende darf nicht mehr die Frage der Zulassungskriterien zu einer Stufe des kirchlichen Dienstes sein. Zwar ist einsichtig und notwendig, daß dies im Sinne des nächsten, aber eben kleinen Schrittes im Vordergrund konkreter Bemühungen steht. Um das allein kann es aber nicht gehen. Mit der allfälligen Zulassung von Verheirateten sowie Männern und Frauen zum priesterlichen Dienst ist das Problem von Kirchenstruktur keinesfalls gelöst, und es wäre verhängnisvoll, wollten wir dies allein als Ziel betrachten. Die Zeichen der Zeit rufen nach einem Paradigmenwechsel, und die Kirchengeschichte lehrt uns: Es wäre nicht der erste!