Dialog ist möglich und wichtiger denn je
Presseaussendung am 23. April 2005
In der vollen Donaucity-Kirche fand am Samstag, dem 23. April 2005 das Symposium „10 Jahre Kirchenvolks-Begehren, eine kritische Standortbestimmung“ statt. Die Plattform „Wir sind Kirche“ hat eingeladen, öffentlich über Ihre Reformanliegen zu diskutieren. Sechs namhafte VertreterInnen aus verschiedensten Richtungen der Kirche haben zu den Änderungswünschen der Reformbewegung Stellung genommen. In den Jahren 1995 bis 2005 gab es in Österreich und weltweit breite Zustimmung zu den fünf Forderungen des Kirchenvolks-Begehrens. Wie kann es – nunmehr unter einem neuen Papst - weiter gehen?
In seiner Begrüßung erinnerte der derzeitige Vorsitzende von „Wir sind Kirche“, Ing. Hans Peter Hurka, an die dreifachen strategischen Ziele der Plattform: „Wir wollen Dialog mit den Bischöfen und den TheologInnen, rufen die Menschen auf, der Botschaft Jesu zu folgen und nach ihrem Gewissen zu handeln, unabhängig ob es durch kirchliche Vorschriften gedeckt ist oder nicht und wir fördern die Vernetzung möglichst vieler mündiger ChristInnen“.
In seinem Grußwort sprach der von Papst Johannes Paul II. von seiner französischen Diözese in die Wüste versetzte Bischof Jacques Gaillot von der Notwendigkeit der ChristInnen „Späher nach der Morgenröte“ zu sein: das heißt, wir sollten nicht unser Augenmerk auf das richten, was vergeht, sondern auf das, was entsteht, was sich entfaltet zum Wohl der Menschen hervortritt. Dies wäre sowohl binnenkirchlich als auch politisch zu verstehen.
Die Wiener Journalistin, Dr. Dolores Bauer, ahnte die vorhersehbare Frustration des Kirchenvolkes, weil die Forderungen die Ortskirche nicht erfüllen kann. Sie mahnte vor allem die Geschwisterlichkeit ein: Die katholische Kirche sei von einer „Miteinander-Kirche“ noch weit entfernt, die Gläubigen verstünden sich immer noch eher als Besucher einer Kirche und nicht als die Kirche selbst.
Der Initiator des Kirchenvolks-Begehrens, Dr. Thomas Plankensteiner, wies durch Beispiele auf die Kluft hin, was einerseits die Kirche predigt und von der Gesellschaft fordert und andererseits dem, was sie selbst in der Praxis tut. Die notwendigen Reformen sind weder ausschließliche Strukturfragen noch Randthemen, meint er. Es geht nicht um „Anpassung an den Zeitgeist“, sondern „an den Geist des Evangeliums“. So ist zum Beispiel der praktische Ausschluss von Frauen vom Priesteramt nur wegen des Geschlechtes eine „strukturelle Sünde“ der Kirche.
Die ehemalige Vorsitzende der katholischen Frauenbewegung in Wien, Edeltraud Novy, wies auf die fehlende Option für die Armen und Benachteiligten hin und bedauerte es, dass man in Österreich von einer „bürgerlichen Kirche“ mit „bürgerlichen“ Gemeinden sprechen müsse, die die soziale Dimension nicht selbst wahrnehmen, sondern an die Caritas delegiere.
Der Wiener Dogmatiker, Univ.-Prof. Dr. Bertram Stubenrauch, verwies daran, dass es in der kirchlichen Tradition gute Gründe für die unterschiedliche Stellung von Mann und Frau in der Kirche gebe. Andere Reformforderungen würden „offene Türen einrennen“. Er könne sich vorstellen, den Zölibat freizugeben, bei gleichzeitiger intensiver Werbung für den Zölibat als priesterliche Lebensform. Grundsätzlich müsse gelten, die Kirche muss lernen mit Gescheiterten umzugehen. „Der Weg der Kirche ist der Mensch.“
Der em. Universitätsprofessor Dr. Bruno Primetshofer (Kirchenrecht) mahnte bei aller Notwendigkeit von Reformen den Grundsatz ein: „Moderata durant.“ – Das Maßvolle überdauert. Er kritisierte den leider revolutionären statt evolutionären Weg der Plattform „Wir sind Kirche“ in den vergangenen 10 Jahren, und warb für Geduld, sodass die Kirche ihre Funktion als Stütze für die Langsamen wahrnehmen kann. Andererseits freue er sich, dass es Menschen gibt, die solche Forderungen stellen. Bei den Fragen der Ehescheidung und dem Zölibat sehe er Möglichkeiten, wie ein lebensfördernder Weg in die Freiheit gegangen werden kann.
Für den Journalisten, Dr. Peter Pawlowsky, hat die „Eruption“ des Kirchenvolks-Begehrens im Jahr 1995 mit der spezifischen Situation des österreichischen (Kirchen-)Volks zu tun, das in der Geschichte gelernt hat, sich trotz Unterwürfigkeit unter die verschiedensten Obrigkeiten (Kaiser, Bischöfe, „Führer“..) seine eigenen Meinungen zu bewahren, bis es eben nicht mehr zum Aushalten ist. Das wäre 1995 gegeben gewesen. Im Übrigen erinnerte Dr. Pawlowsky auf einen schon vor Jahren gemachten Vorschlag des damaligen Wiener Dogmatikprofessors Gisbert Greshake, der meinte, dass die Möglichkeiten der Partizipation von Frauen in der Kirche noch lange nicht ausgeschöpft seien. So sollten/könnten z. B. 50% der Kardinäle Frauen sein und den Papst wählen dürfen, was kirchenrechtlich möglich ist.
Der in der Zeit des Kommunismus geheim in der tschechischen Untergrundkirche zum Bischof geweihte Dusan Spiner beschloss die Reihe der Beiträge mit einem Appell, an der Verwirklichung des Reiches Gottes mitzuwirken. Wenn jemand unseren Glauben übernimmt, glaubt er deswegen noch nicht anders. Nur wenn er geistig in Bewegung bleibt fällt die Binde von den Augen und er wird sehend. Der Same Gottes geht dort auf und bringt reiche Frucht, wo er empfängliche Herzen trifft, die offen sind für einen Funken Wahrheit und die Sehnsucht nach vollem Menschsein in sich tragen.
In der anschließenden Publikumsdiskussion, die unter der bewährten Leitung von Dr. Hubert Feichtlbauer geführt wurde, waren die Empörung über den von der Kirchenleitung verordneten Stillstand im Dialog und die Ungleichbehandlung der Frauen zentrale Themen. Selbst dann, wenn Evolution der Revolution vorzuziehen sei, ist Bewegung die Voraussetzung dafür, die gegenwärtig seitens der Bischöfe nicht erkennbar ist. Weiters wurde klar herausgearbeitet, dass der Wert der gleichen Würde von Mann und Frau über den, der Rücksicht auf die noch nicht zur Änderung bereiter Frauen und Männern zu stellen ist. Im Übrigen gibt es ebenso eine Reihe von Frauen und Männern die es unerträglich finden, dass noch nichts in dieser Frage geschehen ist. Hier hebt sich das zeitliche Argument auf.
Am Ende gab es eine gute Stimmung, viel Lob an die Veranstalter und eine besinnliche Eucharistiefeier die zeigte, „Wir sind Kirche“ und zwar gemeinsam.
„Wir sind Kirche – Österreich“

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