50 Jahre nach dem Konzil – (m)eine Bilanz

06.03.2012, Helmut Krätzl

 

Der Konzilszeuge und em. Wiener Weibischof, DDr. Helmut Krätzl, hielt am 27. Februar 2012 bei "Wir sind Kirche" in Wien und am 2. März 2012 im Gemeindezentrum Wil, Schweiz, nachstehenden Vortrag. Den Text seines Vortrags hat er uns freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.

 

Am 11. Oktober 1962 wurde das II. Vatikanische Konzil feierlich eröffnet. In diesem Jahr wird vielfach auf die seither vergangenen 50 Jahre zurückgeblickt. Es wird Bilanz gezogen. Diese fällt sehr unterschiedlich aus.

In offiziellen Äußerungen erwarte ich mir zwei entgegengesetzt laufende Bilanzen: eine, die das ganze Konzilsgeschehen nur aus der Kontinuität heraus interpretieren will, eine andere, die viel mehr das Neue hervorkehrt, das das Konzil wirklich brachte Rom scheint der ersten Form zuzuneigen.  Am 6. Jänner d.J.  hat die Kongregation für die Glaubens-lehre eine Note mit pastoralen Hinweisen für das Jahr des Glaubens, beginnend am 11. Oktober 2012 veröffentlicht. Darin wird Papst Benedikt XVI zitiert aus einer Rede vom 22. Dezember 2005 an das Kardinalskollegium und an Mitglieder der römischen Kurie, wo er die Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruchs als irrig zurückwies und von der Hermeneutik der Reform unter Wahrung der Kontinuität sprach.1)

Inzwischen ist noch eine dritte Form der Hermeneutik ins Gespräch gekommen.2) Die Piusbruderschaft, mit der Rom ja sehr geduldig verhandelt, sieht kein „allzu  großes Problem“ dem Konzil zuzustimmen, wenn Rom dabei nichts verlangt, was einen Bruch mit der Tradition bedeutet. Das hieße aber, dass es eine abgestufte, oder eine mit hermeneutischem Vorbehalt versehene Anerkennung des Konzils gäbe. Wo aber ist die Grenze? Wer entscheidet darüber?

 

Ich möchte zuerst eine sehr positive Bilanz ziehen, was also durch das Konzil tatsächlich an Reform neu geworden ist. Dann will ich zeigen, dass der nun schon seit Jahren  kritisierte Stillstand in der Kirche auch daher kommt, dass das Potential des Konzils bis heute nicht ausgeschöpft wurde. Dieses Potential gilt es neu zu erkennen und zu heben.

 

1.  Was das Konzil tatsächlich Neues brachte

 

Die eben erwähnte Note spricht von vier Konstitutionen unter den 16 Konzilstexten, die die „wahren Säulen des Konzils“ sind, um die herum sich 3 Erklärungen und 9 Dekrete gruppieren.  Die Konstitutionen haben so etwas wie einen Verfassungsrang. Die Note beschreibt sie so:

„Ausgehend vom Licht Christi, der in der Feier der heiligen Liturgie (SC) und mit seinem göttlichen Wort (DV) reinigt, erleuchtet und heiligt, wollte das Konzil das innere Wesen der Kirche (LG) und ihre Beziehung zur Welt von heute (GS) vertiefen.“ 3) Bemerkenswert ist die Reihung, die hier vorgenommen wurde und welche Bedeutung Sacrosanctum Concilium, also das Liturgieschema hat. Als erstes vom Konzil verabschiedete Schema war es also nicht nur als “Probegalopp“ für schwerere Materien gedacht, sondern wurde  als erstes behandelt, weil Liturgie wirklich Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens ist und darin sich auch das Wesen der Kirche ausdrückt. Dennoch möchte ich als den wichtigsten Fortschritt zuerst zeigen, wie sich die Kirche selbst neu gesehen und beschrieben hat.  

 

1. 1 Die neue Sicht der Kirche:"Kirche ist Gemeinschaft" –  Communioekklesiologie

Kirche ist Gemeinschaft. Die Begründung ist theologisch, nicht nur soziologisch, wie manche meinten und so auch irrtümlich von einer „Demokratisierung“ der Kirche spra-chen. Die Kirche beschreibt sich auf dem Konzil von der Trinität her, weiß sich als Ikone der Trinität. Dieses Gottesbild hat auch  starke Auswirkungen auf das Leben, sogar auf Strukturen der Kirche. Yves Congar hat nachgewiesen, dass  durch die einseitige Kon-zentration auf Christus im 2. Jahrtausend die westlich-römische Kirche "nicht nur juridisch-klerikal, sondern auch zentralistisch enggeführt wurde". Der "trinitarische" Gott verweist auf Vielfalt in Einheit, auf ständige Kommunikation, auf Austausch. Kirche, die Abbild dieses dreieinen Gottes sein will, muss ihr "Gesicht", also auch ihre Strukturen, dementsprechend ändern. Das hat Folgen:

 

Alle Getauften bilden Kirche, nicht nur vordergründig die Hierarchie. Das wertet die Laien auf. "In diesem Volk gibt es zwar verschiedene Dienstleistungen, aber letztlich nur eine Berufung." (Ratzinger) 4) Das drückt die Mitverantwortung der Laien aus, die nicht mehr nur "Objekt" kirchlicher Leitung und Pastoral sind, sondern "Subjekte". Eine beson-dere Art mit Mitverantwortung besteht auch im Einbringen des Glaubenssinns (sensus fidelium) der Gläubigen. Der ist übrigens qualitativ sehr gestiegen, weil es wohl noch  nie so viel Laien gab, die theologisch gebildet sind.

 

Kollegialität zwischen Papst und Bischöfen. Das bedeutet eine Aufwertung der Ortskirchen, "in denen und aus denen" die Gesamtkirche besteht (LG 23). Dabei wird klar, dass die Einheit der Kirche die Vielheit der Kirchen einschließen muss, es also "nie eine absolute Zentralisierung in der Kirche geben kann" (Ratzinger) 5). Das nimmt alle Bischöfe zusätzlich zu ihrer Verantwortung in der Ortskirche in die Verpflichtung, sich auch weltkirchlich einzusetzen.  

 

Die Kirche hat damit wieder ihr synodales Wesen entdeckt, das sie im 2. Jahrtausend vernachlässigt hat (im Gegensatz zur Ostkirche). Überall wo Mitverantwortung geübt oder wo nötig sogar eingefordert wird, ist das eine Frucht, ja ein Auftrag des Konzils. Orte dafür sind Synoden und Gremien auf allen Ebenen.

 

1.2 Die Liturgie als Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens, aber auch als Darstellung des Wesens der Kirche

Die Liturgiereform ist das Herzstück des Konzils, weil Liturgie "Höhepunkt und Quelle des kirchlichen Lebens" 6) ist. Sie ist Ausdruck des Glaubens der Kirche, Zentrum ihrer Verkündigung, Selbstdarstellung ihres Lebens und Dienens inmitten dieser Welt und zugleich Verweis auf das letzte Ziel, auf das die Kirche pilgernd zugeht.

 

Die erneuerte Liturgie (vor allem die Eucharistie) gibt das neue Kirchenbild wieder. Aus einer reinen Klerusliturgie wurde die des ganzen Volkes Gottes. Nicht der Messe „beiwohnen“, sondern sie tätig mitgestalten heißt das. Dafür gibt es verschiedenen Rollen, wie Lektor, Kantor, Ministrant, Chor,. Mystagoge. Der Volksaltar, noch nicht vom Kon-zil direkt erwähnt, symbolisiert die Versammlung der ganzen Gemeinde, inklusive Priester, um den Altar, der Symbol für Jesus Christus ist. Alle nehmen je in eigener Weise teil am einzigen Hohenpriestertum Christi.  

Das Konzil hat für die Liturgieerneuerung die Richtung angegeben, sie längst nicht vollendet. Dieser Prozess geht nun weiter, aber im Geiste der Prinzipien des Konzils.

 

25 Jahre nach Verabschiedung von SC betonte Papst Johannes Paul II: "Es besteht in der Tat eine sehr enge und organische Verbindung zwischen der Erneuerung der Liturgie und der Erneuerung des ganzen Lebens der Kirche." 7)  Auf diesem Hintergrund muss der heutige Streit über die Reform der Liturgie betrachtet werden und vor allem ist große Sorge am Platz, wenn man gleichsam aus sehr verschiedenen Gründen wieder zur „alten“ Liturgie zurückkehren will. Wird hier die neue Liturgie etwa nur als ein anderer Ritus gesehen, und übersehen, dass sie ein neues Kirchenbild wiedergibt?

 

1.3  Die Bibel: Gott offenbart sich selbst

 

Das Konzil hat die Bibel neu entdeckt. Sie ist nicht ein Buch über Gott, sondern in ihr spricht Gott selbst  zu den Menschen, „In dieser Offenbarung redet der unsichtbar Gott aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde und verkehrt mit ihnen, um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen.“ (DV 2)

 

Durch das Konzil wurde das Verhältnis der Bibelwissenschaft zur Dogmatik verändert. Jetzt soll die Schrift für die Theologie Fundament sein, aber nicht nur statisch gesehen, sonder aus ihr gewinnt sie ihre sichere Kraft (roboratur) und verjüngt sich ständig (iuvenescit).8) Die Hl. Schrift muss "die Seele der ganzen Theologie" sein. 9) Ratzinger zieht daraus weitreichende Konsequenzen: "Das bedeutet, dass die Bibel in Zukunft zuerst aus sich selbst gesehen, bedacht und befragt werden muss und dann erst die Entfaltung der Überlieferung und die dogmatische Analyse einsetzen kann." 10) Das hat Konsequenzen für die künftige theologische Ausbildung, das gilt in gleicher Weise für die theologische Forschung, wie für die vielen Formen der Verkündigung, wohl aber auch für lehramtliche Äußerungen, weil auch das Lehramt unter dem Wort der Schrift steht.11)

Das bedeutet aber auch eine neue Sicht des Zueinander von Schrift und Tradition. Hier liegt auch eine Annäherung zum Schriftverständnis der Kirchen aus der Reformation (sola scriptura).

Am Konzil sind endlich die Früchte der unverdrossenen Arbeit vieler Bibelwissenschaftler eingebracht worden. Den Exegeten wird offiziell die Verantwortung zugesprochen, durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten die Voraussetzungen zu schaffen,  dass das Urteil der Kirche für die Erfüllung ihres Auftrags, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen, reift.12)

 

1.4 Die Kirche sieht ihr Verhältnis zu anderen christlichen Kirchen, ja zu anderen Religionen ganz neu.

 

Reflexion darüber in verschiedenen Erklärungen:

Ökumenismusdekret (Unitatis Redintegratio – abk. UR)

Die Kirche Jesu Christi ist nicht mehr deckungsgleich mit römisch-katholischer Kirche wie noch unter Pius XII in Mystici Corporis. Aber sie „subsistiert“ in ihr.

Neue ökumenische Prinzipien, Aufruf zu Gemeinsamkeiten, zum Austausch der Spiritualitäten.  

Erklärung der Kirche über das Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“

Besonders wichtig sind darin die Ausführungen über das ganz neue Verhältnis zum Judentum. Im jüdischen Glauben findet sich das „Innere“ unserer Religion, da sie in der Religion der „Väter“ ihren Ursprung, ihre Wurzel hat.
Für heute sind ganz besonders aktuell die Aussagen in NAe über das Verhältnis zum Islam.

 

1.5.Erklärung  über die Religionsfreiheit – Dignitatis humanae.

 

Wohl der deutlichste Schritt gegen frühere Positionen, wie sie Gregor XVI 1832 scharf formulierte, der in der Forderung nach Religionsfreiheit so etwas wie ein „delirium“ sah.

 

1.6. Die Welt ist Gottes Welt

 

Nach der Verkündigung der Kirche in Aszese und Moral schien früher ein fast unüberwindbarer Gegensatz zwischen Geistlichem und Weltlichem, Irdischem und Überirdischen. Auch zwischen Glaube und Naturwissenschaft kam es immer zu Kontroversen. Das Konzil öffnet sich in ganz neuer Weise zur Welt, beschreibt das gegenseitig befruchtende Verhältnis, spricht sogar von einer recht verstandenen Autonomie der irdischen Wirklichkeiten. (GS  36) Hier atmet wieder die so positive Sicht von GS von der Welt. Sie ist  Gottes Welt, seine Schöpfung, von sich aus gut und als solche dem Menschen als Partner Gottes anvertraut.
Kirche und Welt tauschen einander viel aus.

 

1) Zunächst leistet die Kirche dem Einzelnen  Hilfe zur Entwicklung seiner Persönlichkeit, zur Durchsetzung seiner Rechte, in der Betonung der freien Entscheidung des Gewissens.

2) Die Kirche dient der Gesellschaft, vor allem in Gelingen von Frieden und Versöhnung.

Dafür hat übrigens die Kirche auf Grund ihrer „globalen Verfassung“ auch ein unersetzbares Instrumentarium.

3) Ganz gegen eine weltfremde Frömmigkeit fordert das Konzil die Christen zur Erfüllung der irdischen Pflichten auf. Wer sich nicht für die Welt einsetzt, bringt sein ewiges Heil in Gefahr. 13)

4) Völlig überraschend klingt die Feststellung in Art. 44, dass die Kirche auch von der Welt Hilfe erfährt. Im Einzelnen verdankt die Kirche der Welt die Erfahrung aus der Geschichte, den Fortschritt der Wissenschaft, den Reichtum der Kultur, die Hilfen für die Verkündigung durch Sprache und  Philosophie und den Austausch nationaler Kulturen.

Ferner bekommt sie Hilfe von denen in der Welt, die eine wirkliche Kenntnis der verschiedenen Fachgebiete haben und die Zeichen der Zeit unterscheiden können. Das alles ist keine Anpassung an die Welt, sondern schafft Voraussetzungen zur bessern Selbstverwirklichung der Kirche.

5) „Ja selbst die Feindschaft ihrer Gegner und Verfolger, so gesteht die Kirche, war für sie sehr nützlich und wird es bleiben.“ (44,3)

2  Das Potential des Konzils noch nicht ausgeschöpft.

Die Schwierigkeiten, in die die Kirche in den letzten Jahren geraten ist, werden von manchen dem Konzil zugeschrieben. Es hat eben nicht nur Aufbruch, sondern auch Abbruch gebracht. Das ist töricht. Die Kirche ist durch den Gesellschaftswandel ab 1968 in eine ganz neue, noch ungewohnte Position in Gesellschaft und Welt gekommen, und dadurch unsicher geworden, in Schwierigkeiten geraten. Aus diesen Schwierigkeiten kommt die Kirche aber deshalb so schwer heraus, weil sie das Potential des Konzils noch lange nicht ausgeschöpft hat. Das Konzil hat einen Prozess ausgelöst, der noch lange nicht zu Ende ist.

An einigen Beispielen möchte ich das aufzeigen.

 

2.1  Mitverantwortung der Bischöfe in der Weltkirche ist nicht verwirklicht

 

Bei vielen schon durch Jahre hindurch angemahnten Erneuerungen heißt es immer wieder: „Das betrifft die Gesamtkirche,  diese Fragen können wir allein nicht lösen.“ Man verteidigt sich, wir können nicht gegen Rom oder an Rom vorbei etwas entscheiden. Das stimmt. Aber die Bischöfe hätten die Möglichkeit, ja die Verpflichtung manch Dringendes in Rom mit allem Nachdruck vorzubringen. Jan-Heiner Tück, Dogmatiker in Wien, erinnerte unlängst daran, dass das Konzil nicht zu einem solchen Markstein geworden wäre, wenn die Bischöfe damals nicht aufgestanden wären und sich gegen das ursprüngliche Vorhaben der Kurie gewendet hätten, vorbereiteten Papieren „einfach zuzunicken“. Von diesem Mut und Kollegialitätsverständnis könnten Bischöfe auch heute noch etwas lernen, - so Tück - nicht zuletzt in der pastoralen Arbeit und dem selbstbewussten Beschreiten neuer Wege etwa beim Thema wiederverheirateter Geschiedener. Sicher könnte man  hier auch die Frage der viri probati, der Predigt der Laien und andere anfügen.

Das Instrument der römischen Bischofssynode, das alle 3 Jahre stattfindet hat bis jetzt keinerlei Fortschritt gebracht. Aber gerade dort ist Weltkirche versammelt und das Wort der Bischöfe der ganzen Welt sollte geachtet und nicht immer gleich abgeschwächt werden.

 

2.2 Das synodale Wesen

 

Nach dem Konzil haben viele Synoden dazu geholfen, die Vorgaben des Konzils in den Lokalkirchen umzusetzen, was bis in die Basis, die auch damit befasst war, gelang.

Heute scheint man Angst vor Synoden zu haben. Und Gremien sind jetzt meist Versammlungen, wo berichtet wird und oft schon vorher gefasste Beschlüsse mitgeteilt werden. Selbst der von den deutschen Bischöfen ausgerufene Dialogprozess kämpft schon zu Beginn mit gehörigen Schwierigkeiten.

 

2.3 Die Mitverantwortung der Laien

 

Theologisch wurde das Zueinander von gemeinsamen und ministeriellen Priestertum  nicht weitergedacht. Das führt bis heute zu Spannungen zwischen geweihten Priestern und Laien im Seelsorgedienst. Probleme bestehen auch bei der Leitung von Pfarren durch Leitungsteams (vgl. CIC can 517,§ 2).
Frauen sind noch immer diskriminiert, etwa bei der Übertragung von Akolythat und Lektorat.  

 

2.4  Die Erneuerung der Liturgie ist noch nicht zu Ende

 

Allenthalben hört man heute Kritik, die Liturgie habe sich zu weit, auch in eine falsche Richtung entwickelt. Zu viel Aktion, zu wenig Ehrfurcht. Nicht wenige schauen daher lieber zurück auf die frühere Weise der Messe, die sog. „außerordentliche Form“.

Die Liturgiereform darf aber nicht  gestoppt werden, sondern muss weiter entfaltet werden. Die Verwendung der Muttersprache in der Messe verlangt nach neuen Gebeten, die eben nicht nur immer wieder aus dem Lateinischen übersetzt, sondern neu gestaltet werden müssten. Den Tisch des Wortes reicher zu decken fordert auch ein Überdenken, ob die heutige Perikopenauswahl schon die richtige ist. Der so sehr ans Schauen gewöhnte Mensch braucht auch verständlichere Rituale. Und die werden sich je nach Kulturkreisen ganz anders anbieten. D.h. dass die vom Konzil angeregte Inkulturation wohl auch eine Dezentralisierung der liturgischen Kompetenzen etwa nach Kulturkreisen oder Kontinenten braucht und nicht immer noch mehr nach Rom zentrieret werden darf. Nach SC 22 liegt die  Autorität für die Liturgie zwar bei Rom, dann aber nach Maßgabe des Rechtes auch bei den Bischöfen. Das gehört ausgeweitet. Eine Inkulturation ist ja  nur im Kulturkreis selbst möglich.

 

2.5. Die hl. Schrift muss die Seele der ganzen Theologie sei.   

 

Das Interesse an der Bibel ist vielfach gewachsen, viele sind auch schon in der Bibel sehr bewandert. Die Bibelarbeit hat sich weit bis in die Basis ausgebreitet.

Aber wie ist es in der Verkündigung, der Theologie, sogar in offiziellen päpstlichen Enuntiationen?   

Ich sehe gerade in diesem Gedenkjahr eine Herausforderung. Die Glaubenskongregation hat in ihren pastoralen Hinweisen vor allem den Weltkatechismus in den Mittelpunkt gestellt und den Jugendkatechismus. Er wird als eine authentische Frucht des Konzils bezeichnet 14) und drückt das aus, „was man die Symphonie des Glaubens nennen kann.“ 15) Aber schon in der Zeit der Erstellung und auch danach haben Theologen Kritik angemeldet, ob im KKK tatsächlich der Umgang mit der Bibel jener sei, wie in DV vorgeschrieben hat. 16) Auch nach Erscheinen des KKK meldeten sich namhafte Exegeten in ähnlichem Sinn zu Wort.17)

 

2.6 Die positive Sicht der Welt und der herausfordernde Dialog mit ihr.

 

Mit dem Verlust wesentlicher Einflussmöglichkeit hat die Kirche die souverän optimistische Sicht der Welt verloren und  spricht allzu bald vom Diktat des Relativismus. Der Dialog mit Naturwissenschaft und Medizin ist angesichts der rasanten Entwicklungen und denen sich darauf sogar manipulierbaren Möglichkeiten menschlichen Lebens ungleich schwerer geworden. Was heißt nun Anerkennung der rechten Autonomie der irdischen Wirklichkeiten? Wo kann oder muss die Kirche sich in die öffentliche Debatte einmischen? Welche Freiheit lässt sie „katholischen“ Wissenschaftlern? Was ist noch christliche Politik, und wie frei sind christliche Politiker in ihrem Gewissensentscheid, da und dort auch Kompromisse eingehen zu müssen?

 

2.7 Ökumene

 

Viele haben den Eindruck, die Ökumene, nach dem Konzil erstaunlich rasch vorangegangen, stagniere nun. Kardinal Kurt Koch meinte unlängst, sie habe derzeit kein rechtes Ziel. Die Aussagen des Papstes bei seinem letzten Deutschlandbesuch wurden z.T. kritisiert. Man hat sich keine Gastgeschenk erwartet, wie manche Zeitungen meinten, aber doch, dass die Probleme angesprochen werden.

Wie drängend der Weitergang der Ökumene ist, wird oft betont. Dann aber heißt es bald, Einheit lasse sich nicht machen, die müsse man sich von Gott schenken lassen und man müsse noch viel darum  beten  Hat  nicht gerade das Konzil gezeigt, dass die Kirche tat-sächlich ihre ökumenischen Prinzipien von früher ganz neu überdacht und geändert hat?  

Stagnierende Ökumene ist nicht nur eine innerkirchliche, gar theologische Frage, sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wie wir Christen den einigenden Christus selbst ernst nehmen uns von ihm führen lassen, und damit der zerrissenen Welt ein Beispiel „versöhnter Verschiedenheit“ zu geben.

 

2.8.  Die neue Sicht von Ehe und Sexualität

 

Auf diesem Gebiet scheint die Kirche ihre Lehrkompetenz völlig verloren zu haben. Da-bei hat das Konzil Aussagen gemacht, die wie kaum andere das persönliche Leben der Leute betroffen haben. Das Konzil erklärt gegenüber früher dass die eheliche Akte auch einen Eigenwert haben und nicht erst mit der Absicht auf Fortpflanzung „versittlicht“ werden. Das Konzil spricht den Eheleuten „verantwortete Elternschaft“ zu, d.h. die Eigenverantwortung über die Zahl der Kinder in ihrem Gewissen vor Gott und im Hinhören auf das Lehramt. Und die ganze Ehelehre wurde aus dem so streng rechtlichen Bereich (Ehe als Vertrag) in den menschlichen Bereich gegenseitiger Liebe erhoben. Damit hat das Konzil rechtzeitig vor einer totalen sexuellen Revolution der 1968er Jahre sehr verantwortlich Weichen gestellt.

Das pastorale Potential wurde nicht ausgeschöpft, eher abgeschwächt. In Humanae Vitae 1968 wurde der Gewissensentscheid der Eheleute ausschließlich auf die sog. Natürliche Methode eingeengt. Etwa 30 Bischofskonferenzen haben damals die pastorale Not er-kannt und ergänzende Schreiben veröffentlicht. Die österreichischen Bischöfe taten dies in der „Mariatroster Erklärung“. Aber bei der röm. Bischofssynode über Ehe und Familie 1980  wurde diese Lehre  im nachsynodalen Schreiben Familiaris consortio unverändert festgeschrieben. Die Folgen sind schwerwiegend: in der Praxis suchen sich nun die Eheleute ihren eigenen Weg, sind gleichsam ihrem Gewissen, mit allen Einflussmöglichkeiten ausgesetzt. Und die Moraltheologie fühlt sich in ihrer Forschung eingeengt. Wann wird man endlich das so wichtige Potential einer neuen  Sicht von Sexualität und Ehe heben und weiterdenken?

 

2.9 Pastoral für wiederverheiratet Geschiedene

 

Sie hat eine dramatische Geschichte. 18) Am Konzil wurde nicht direkt darüber verhandelt. Aber außerhalb suchte man schon seit den frühen 1970er Jahren danach. Joseph Ratzinger war einer der ersten, der auf einer Tagung in München Wege dafür aufgezeigt hat für eine Lösung im Einzelfall und in Anlehnung an die Praxis der Orthodoxie. Dort hält man auch an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Aber man toleriert eine zweite, sogar ein dritte Ehe.

Seit dem postsynodal Schreiben Familiaris Consortio 1981 aber wird Menschen in einer zweiten Partnerschaft der Empfang der Sakramente nur gestattet, wenn sie „wie Bruder und Schwester“ d.h. völlig enthaltsam leben. 19)

 

Schlussfolgerung:

 

In diesem Jahr geht es nicht nur um einer Erinnerung an das Konzil, sondern es als Schatz neu kennen zu lernen. Wie die katholische Kirche mit diesem Schatz des Konzils umgeht, ist nicht nur für ihre eigene allernächste Geschichte entscheidend, sondern auch für die Zukunft der Menschheit. Das Konzil hatte vor Augen „die ganze Menschheitsfamilie mit der Gesamtheit der Wirklichkeiten, die Geschichte der Menschheit, von ihren Unternehmungen, Niederlagen und Sorgen geprägt, die Welt, die nach dem Glauben der Christen durch die Liebe des Schöpfers begründet ist und erhalten wird, die unter die Knechtschaft der Sünde geraten, von Christus dem Gekreuzigten und Auferstandenen durch Brechung der Herrschaft des Bösen befreit und umgestaltet wurde.“ 20)

Auf diesen Weg hat das Konzil die Kirche gewiesen. Mit diesem Potential gilt es verantwortungsbewusst umzugehen. Eine kritische Bilanz wird zeigen, dass dies zu wenig geschehen ist. Das Gedenkjahr ist Gelegenheit, ja Verpflichtung  dieses Potential für Kirche, Menschen und Welt endlich auszuschöpfen.

 

Anmerkungen:

 1)  Kongregation für die Glaubenslehre, Note mit pastoralen Hinweisen zum Jahr des Glaubens vom 6. Jänner 2012

 2)  Piusbrüder und Rom: Weiter Tauziehen. In: Kathpress Nr. 510, 24. Februar 2012, S. 2f
 
 3)  ebd
 
 4)  J. Ratzinger, Einleitung in: Zweites Vatikanisches Konzil. Konstitution über die Kirche. Münster 1965, 12
 
 5)  Ratzinger, a.a.0 14

 6)  SC 10

 7)  Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben  "Vicesimus Quintus Annus", (anläßlich des 25. Jahrestages der Litur-giekonstitution) Nr. 2 u. 4
 
 8)  DV 24
 
 9)  OT 16
 
10)  Ratzinger, Kommentar  zu DV in: LThK II, 577
 
11)  DV 10
 
12)  DV 12,5
 
13)  GS 43
 
14)  Benedikt XVI, Apostolisches Schreiben Porta fidei, Nr. 4
 
15)  Johannes Paul II,  Apostolische Konstitution  Fidei depositum v. 11.Oktober 1992, Nr. 2 zur Veröffentlichung des KKK
   
16)  Vgl. dazu Hans Jürgen Verweyen, Der Weltkatechismus. Therapie oder Symptom einer kranken Kirche? Düsseldorf 1993. Verweyen war Fundamentalprofessor in Freiburg i. Br. und ist ehemaliger Schüler von Joseph Ratzinger.
   
17)  Vgl. dazu Hans Josef Klauck, Der Katechismus der Katholischen Kirche. Rückfragen aus exegetischer Sicht In: E. Schulz (Hg.) Ein  Katechismus für die Welt Düsseldorf 1994. Dieses Buch gibt eine Tagung an der Katholischen Akademie in Bayern wieder, an der auch der damalige Weihbischof in Wien und Redaktor des KKK Christoph Schönborn teilnahm.
 
18)  Vgl. dazu H. Krätzl, Dramatisches Ringen um die rechte Pastoral an wiederverheirateten Geschiedenen. In: ders. Neue Freude an der Kirche, Innsbruck 2001, 185-205
 
19)  Johannes Paul II Apostolisches Schreiben „Familiaris Consortio“ v. 22.11.1981, n. 84
 
20)  GS 2, 2

 

 Zum Referenten:

 

Weihbischof DDr. Helmut Krätzl                                                        Stand (29.08.2013)

Helmut Krätzl ist emeritierter Weihbischof der Erzdiözese Wien. Am 6. März 2008 hat Papst Benedikt XVI. dessen Rücktrittsgesuch angenommen.

Helmut Krätzl wurde am 23. Oktober 1931 in Wien geboren, studierte nach seiner Matura 1949 an der Universität Wien Theologie und wurde am 29. Juni 1954 in Wien von Kardinal Theodor Innitzer zum Priester geweiht.

Sein geistliches Wirken begann Krätzl als Kaplan in Baden bei Wien. Im September 1956 wurde er zum Zeremoniär des damals neuernannten Erzbischofs von Wien, Dr. Franz König, berufen.

1959 promovierte er an der Universität Wien zum Doktor der Theologie. An der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom erwarb er 1964 sein zweites Doktorat in Kirchenrecht.

In dieser Zeit erfuhr er zum ersten Mal die weltumspannende Dimension der Kirche. Er lernte die kirchliche Zentralverwaltung mit all ihren erstaunlichen Leistungen, aber auch so manchen irdischen Menschlichkeiten kennen. Vor allem aber durfte er, wie er selber sagt, auf dem 1962 begonnenen Konzil als "Stenograph" Schreiberdienste tun und gewann so unmittelbare Einblicke in das Konzilsgeschehen.

In der Heimat zurück, trat Dr. Krätzl 1964 sein Amt als Pfarrer in Laa an der Thaya an, das er bis 1969 innehatte. Hier erlebte er die Auswirkungen des Konzils an der Basis.

Bei der Wiener Diözesansynode 1969/1971 ebnete Dr. Krätzl mit seinem Referat über die pastoralen Gremien den Weg für eine Verständigung zwischen jenen Synodalen, die eine totale Gremialisierung der Kirche befürchteten, und den Anhängern einer Demokratisierung auf allen Ebenen. Kardinal König bestellte Krätzl am 1. September 1969 zum Ordinariatskanzler der Erzdiözese Wien. In dieser Funktion, die er bis 1980 innehatte, bemühte sich Dr. Krätzl vor allem um eine "praxisorientierte Handhabung" der kirchenrechtlichen Vorschriften und um die Förderung einer erneuerten Sakramentenpastoral nach den Leitlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Papst Paul VI. ernannte Dr. Krätzl am 30. September 1977 zum Titularbischof von Heraclea Pontica und Weihbischof für die Erzdiözese Wien. Kardinal König weihte Dr. Krätzl - dessen Wahlspruch "In der Kraft Gottes" lautet - gemeinsam mit Florian Kuntner (+ 1994) am 20. November 1977 im Wiener Stephansdom zum Bischof.

Von 1981 bis 1985 übte Bischof Krätzl die Funktion des Generalvikars der Erzdiözese Wien aus. Nach dem Rücktritt von Kardinal König als Erzbischof von Wien wurde Dr. Krätzl im September 1985 vom Wiener Domkapitel zum Diözesanadministrator der Erzdiözese Wien gewählt, eine Funktion, die er bis zum Amtsantritt des neuen Erzbischofs Dr. Hans Hermann Groer am 14. September 1986 innehatte. Kardinal Groer ernannte Dr. Krätzl 1987 zum Bischofsvikar für die Bereiche Erwachsenenbildung und Priesterfortbildung; diese Verantwortung behielt er auch unter Erzbischof Dr. Christoph Schönborn bis zum Jahr 2004 bei. Von 2004 bis zu seiner Emeritierung 2008 war Weihbischof Krätzl Bischofsvikar für die ökumenischen Fragen.

Zwanzig Jahre hindurch war Dr. Krätzl in der österreichischen Bischofskonferenz "Schulbischof", und damit zuständig für den Religionsunterricht im allgemeinen, für die Privatschulen und für die Schulpolitik.

Bischof Krätzl war im Rahmen der Österreichischen Bischofskonferenz für die Erwachsenenbildung, das Katholische Bibelwerk und das Seminar für Kirchliche Berufe zuständig. Das Referat "Ökumene" teilte er sich mit Kardinal Christoph Schönborn.

Papst Benedikt XVI. hat am 6. März 2008 das Rücktrittsgesuch von Weihbischof Helmut Krätzl angenommen. Der Weihbischof hatte zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 2006, wie vom Kirchenrecht vorgesehen, seinen Rücktritt eingereicht.

Bischof Krätzl zählt zu den angesehensten Repräsentanten der katholischen Kirche in Österreich. Sein Einsatz für die konsequente Verwirklichung des Zweiten Vatikanischen Konzils, für eine den Menschen nachgehende Seelsorge, für ökumenische Verständigung, für den Dienst der Kirche an der Gesellschaft von heute, für eine an echten Werten orientierte Bildung und Erziehung findet weit über den kirchlichen Bereich hinaus größte Beachtung. Aber auch seine Beiträge zur Europa-Problematik und zur Situation in den osteuropäischen Reformstaaten haben wesentlich zur Meinungsbildung in Kirche und Öffentlichkeit beigetragen.

 

Kontaktadresse: Stephansplatz 5/2, 1010 Wien

 

 

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