Das Konzil: Die Laien treten aus dem Schatten heraus

06.07.2012, Maria Clara Lucchetti Bingemer

 

In "concilium", der Internationalen Zeitschrift für Theologie, wurde im Juli 2012 nachstehender Beitrag über die "Laien" in der Kirche von der Brasilianischen Theologin Maria Clara Lucchetti Bingemer verffentlicht.

 

Das fünfzigjährige Konzilsjubiläum lädt dazu ein, den Blick von Neuem auf dieses wichtige Ereignis zu werfen. Als Johannes XXIII. im Jahr 1958 zum Papst gewählt wurde, überraschte er die Welt mit der Einberufung des Konzils. Sein Ziel war es, die gewohnten Bahnen, in denen sich das christliche Volk bewegte, zu überdenken und zu erneuern und die Kirchendisziplin den Bedingungen der modernen Welt anzupassen. Das italienische Wort aggiomamento brachte die Intention des Konzils und die Früchte, die es bringen sollte, zum Ausdruck.

 

Der prophetischen Vision Johannes' XXIII. zufolge sollte das Konzil "ein neues Pfingsten" oder eine tiefe und weitreichende spirituelle Erfahrung sein, die die katholische Kirche nicht nur als Institution, sondern als eine dynamische Bewegung des Evangeliums, die sich durch Öffnung und Erneuerung auszeichnet, neu gestalten sollte. So nahm der Prozess seinen Anfang, der ins Zweite Vatikanische Konzil mündete und der nach den Worten des Papstes selbst "einen Hauch eines unerwarteten Frühlings" darstellte. Seine Kennzeichen waren Öffnung und ein versöhnter Blick auf die Welt und deren komplexe Wirklichkeit. 

 

Während es die Hauptsorge vorausliegender Konzilien gewesen war, Häresien zu verurteilen, Glaubenswahrheiten und Sittenlehren zu verkünden sowie Irrtümer zu korrigieren, die die Klarheit der vollen Wahrheit verdunkelten, hatte das Zweite Vatikanische Konzil von Anfang an die Suche nach einer stärker positiven und teilhabenden Rolle des christlichen Glaubens innerhalb der Gesellschaft zur Grundorientierung. Es wollte nicht nur dogmatische und theologische Definitionen diskutieren, sondern seine Aufmerksamkeit gleichermaßen den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen widmen, die es nicht als Bedrohung betrachtete, sondern als echte pastorale Herausforderungen begriff, die einer Antwort vonseiten der Kirche bedurften. 

 

Um die Besonderheit des Konzils, das er einberief, zu beschreiben, erklärte Johannes XXIII. mit Nachdruck und in pastoraler Stärke und Kühnheit, dass es nicht die Absicht sei, ein weiteres Mal Listen von Irrtümern und Verurteilungen zu erstellen, wie es in der Vergangenheit so oft der Fall war. Er wünschte aber sehr wohl, dass die Kirche mehr Barmherzigkeit und weniger Strenge walten lasse. Dies führte nach seinem Verständnis eher zur Begegnung mit den Bedürfnissen der Zeit und verlieh der Kirche ein stärker mütterliches und einladendes Antlitz. 

 

Die Frage der Laien, die eine größere Teilhabe am Leben und an der Sendung der Kirche wünschten, war eines der wichtigen Themen, welche das Konzil behandelte. Hier fand der offizielle "Boom" des Sichtbarwerdens der Laien innerhalb der Kirche statt, und das Lehr-amt der Kirche machte sich eine Theologie des Laienstandes zu eigen, die von großen europäischen Theologen bereits systematisch entwickelt worden war. 1) Auch die Konzilsdokumente ihrerseits sind reichhaltig an Reflexionen über die Laien und an Stellungnah-men zu ihrer Bedeutung für die Kirche heute. 2)

 

Unser Beitrag will einige der hinsichtlich dieser Fragen wichtigsten Dokumente untersuchen und deren Anfragen an die Theologie heute herausarbeiten. Wir hoffen, dass es uns schließlich gelingt, einige Punkte freizulegen, die aus dem erneuernden Geisteswehen des Konzils hervorgingen, die aber heute vor der Herausforderung stehen, sich über das Kon-zil hinauszuentwickeln. 

 

Zurück zu den Quellen 

 

Das Konzil spricht viel und in guter Weise über die Laien. Die apostolischen Laienbewegungen, die in den Jahrzehnten vor dem Konzil sehr aktiv gewesen waren 3), lieferten den Konzilsvätern wichtiges und inspirierendes Material, um Hindernisse auf dem Weg zu einer stärker integrierten und von Gemeinschaft gekennzeichneten Ekklesiologie zu überwinden. In diesem Sinne 

 

  • versucht das Konzil, zum Teil die negative Definition der Laien (die nicht Priester, nicht Mönch bzw. Nonne undnicht Ordensmann bzw. Ordensfrau sind) zu überwinden und eine stärker positive Charakterisierung (als Glieder des Volkes Gottes, sofern sie ge-tauft sind) zu betonen und sie als aktive Mitglieder zu würdigen, die verantwortlich für den Aufbau der Kirche sind (LG 30); 
  • verkündet das Konzil feierlich eine Definition von Kirche, innerhalb derer dem gemeinsamen Christsein Priorität vor der Unterschiedenheit der Funktionen, Charismen und Ämter zukommt. Lumen Gentium beschreibt die kirchliche Gemeinschaft als Volk Gottes, innerhalb dessen alle vollwertige Glieder sind (LG 31); 
  • wertet das Konzil die Gemeinschaft wieder auf und hebt sie von vertikalen und hierar-chisierenden Ekklesiologien ab, die Yves Congar "Hierarchologien" nannte. 4)

 

Für das Selbstverständnis der Laien innerhalb der Gemeinschaft der Kirche ist die Sichtweise des Konzils in diesem Dokument entscheidend, in dem festgehalten wird, dass die Laien den Hirten nicht untergeordnet oder deren Diener, sondern vielmehr geschwisterlich mit ihnen verbunden sind: "Wie die Laien aus Gottes Herablassung Christus zum Bruder haben, der, obwohl aller Herr, doch gekommen ist, nicht um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen (vgl. Mt 20,28), so haben sie auch die geweihten Amtsträger zu Brüdern, die in Christi Autorität die Familie Gottes durch Lehre, Heiligung und Leitung so weiden, dass das neue Gebot der Liebe von allen erfüllt wird." (LG 32) 

 

Damit gewann das Konzil wichtige, konstitutive Elemente ihres Selbstverständnisses seit der Antike zurück. Das Neue Testament entwickelte bei seinem Versuch, die Konturen der Kirche Jesu Christi zu beschreiben, keinen Begriff von "Laien" oder etwas, was den heutigen Laien faktisch ähnlich wäre, nein, es lässt sich im Gegenteil ein Fehlen dieses Begriffs feststellen. 5) Es spricht eher von Jüngern, Christen, Gläubigen, Auserwählten, Heiligen, ohne zwischen Laien und Amtsträgern zu unterscheiden. 

 

Jesus selbst erscheint im Neuen Testament nicht als Priester, sehr wohl aber als einer, den man heute als "weltlich" bezeichnen würde, ohne jegliche besondere Ausstattung mit Macht oder einem Amt innerhalb der offiziellen Religion. Jesus war einer, der die religiöse Macht, wie sie sich innerhalb der eigenen Institution etabliert hatte, in Frage stellte. 6) Diese Tatsache wurde von den Christen seiner Zeit und der darauffolgenden Jahrhunderte völlig übernommen. 7)

 

Andererseits stellt man fest, wenn man das Neue Testament durchgeht, dass es von Anfang an eine Vielfalt von Ämtern gab. Der Text des Neuen Testament behauptet im Zusammenhang der Behandlung der Charismen und Dienste des Volkes Gottes, dass der Geist nur einer ist, die Charismen und Ämter jedoch viele, und dass diese aus eben diesem einen Geist hervorgehen (vgl. 1 Kor 12). Im selben Atemzug, in dem die Vielheit der Charismen behauptet wird, wird klar, dass für Jesus die Gruppe der Zwölf von besonderer Bedeutung ist (Apg 1,21-22 und dass er sie auf andere Weise behandelt wie die übrigen Jünger und ihnen andere Aufgaben überträgt. Man kann also nicht sagen, dass es der Urkirche an jeglicher Organisation gefehlt und dass sie sich mit Blick auf die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi in enthusiastischer Anarchie entfaltet habe. Doch trotz dieser Strukturierung der Gemeinde und der untereinander aufgeteilten Dienstämter ist für die Kirchen des Neuen Testaments das ganze Volk Gottes (laós) geheiligt und priesterlich, und die Vorstellung von der "Kirche" unterstreicht dies noch, insofern sie das Element der Versammlung und Zusammenkunft der Gemeinde der Gläubigen zum Ausdruck bringt. 8) Innerhalb dieser Gesamtheit der Kirche bleibt der Amtsträger ein Getauf-ter, ein Jünger Jesu. Er bildet keineswegs mit Seinesgleichen eine abgesonderte Gruppe, sondern hat an der gemeinsamen christlichen Würde teil, auch wenn er besondere Funk-tionen übernimmt, die mit seinem Amt einhergehen. In diesem Sinne ist jeder Christ mit der Salbung des Geistes gesalbt, und es gibt keine Gruppen von Spezialisten und Privile-gierten, die abseits der Mehrheit der Gläubigen stünden. 9)

 

Wenn Gott auch ein einziges Volk hat, so sind doch nicht alle Amtsträger. Wie soll man die einen von den anderen unterscheiden? Sicherlich unterlag das Christentum dem Einfluss vorchristlicher Vorstellungen, die innerhalb der griechisch - römischen Kultur vorherrschten, innerhalb derer laós, Volk, bzw. Plebs ein abwertender Begriff im Sinne einer unkultivierten, ungesitteten, ungebildeten, primitiven etc. Person ist. 

 

Die ersten Gemeinden übernahmen diesen Begriff teilweise, als sie sich innerhalb der damaligen Welt ausbreiteten, und machten sich die Identifikation des einfachen Christen mit der unterschwelligen Bedeutung von Unterordnung und Passivität zu eigen. Dieser einfache Christ wäre nun derjenige, der sich führen lässt, der von einem anderen, Wis-senden (der handelt und lenkt), belehrt und geleitet wird. Dies macht es schwer, das Bewusstsein von der gemeinsamen christlichen Würde von ordinierten Amtsträgern und solchen, die dies nicht sind, aufrechtzuerhalten. 10)

 

Die Entwicklung des Begriffs und der damit verbundenen Vorstellung ließ die Laien in zwei Dimensionen erscheinen:theologisch als Christen ohne weitere Bestimmungen, seit den Ursprüngen des Christentums, soziologisch als Christen, die keine Amtsträger sind, seit dem 2. und 3. Jahrhundert. 

 

Solche begrifflichen Unschärfen sollten von Augustinus von Hippo aufgegriffen und über-wunden werden, der im 4. Jahrhundert über seine Sendung als Bischof sagte: "Wo mich erschreckt, was ich für euch bin, da tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes bezeichnet das Amt, dieses die Gnade, jenes die Gefahr, dieses das Heil." 11) Und diese Zweideutigkeiten führten schließlich zu einer "dichotomischen Verwirrung", deren sich das Konzil annahm und die es aufzulösen versuchte. 

 

Die Konzilsväter wurden mithilfe der theologischen Berater gewahr, dass eine solche Dichotomie die Botschaft des Neuen Testamentes verfälscht. Dem Neuen Testament zufolge sind alle Glieder der Kirche Priester, da sie am einzigen Priestertum Christi teilhaben. Die späteren Dichotomien kommen in Wahrheit von Dualismen her, die der eigenen, au-thentischen christlichen Erfahrung fremd und äußerlich sind. 12)

 

Die theologischen und kirchlichen Folgen dieses Sachverhalts sind gravierend: 

 

  • eine Abwertung des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen und dazu noch eine Re-duzierung der Bedeutung der Taufe auf ein Minimum im Gegensatz zur Weihe und zu den Ordensgelübden, 
  • eine Herabstufung der Würde der getauften Christen im Vergleich zu den geweihten Amtsträgern, 
  • eine Prägung des Selbstverständnisses der getauften Christen im Sinne von Unterord-nung und Passivität hinsichtlich ihrer Verantwortung für ihre Teilhabe an der Sendung der Kirche, 
  • ein verqueres Verständnis, das die Kleriker mit den Gebildeten, Gelehrten, und die Laien mit den Ungebildeten, Dummen identifiziert, die die Heilige Schrift nicht kennen und deshalb innerhalb der Kirche keine Entscheidungsgewalt innehaben. 13)

 

Lumen Gentium stellt jedoch die Grundlagen wieder her, aus denen sich all das herleitet, worauf die Kirche sich selbst wieder errichten kann: die Taufe als den gemeinsamen Grund der Zugehörigkeit zu Christus, die alle Christen zum Volk Gottes macht. Erst danach kommt die Ausfaltung in besondere Dienstämter gemäß den Charismen, die der Geist innerhalb der Gemeinde verleiht. 

 

Die Sendung der Laien 

 

Auf der Suche nach der Identität der Laien konzentriert sich das Konzil auf dessen Weltlichkeit (LG 33.35. 36; GS 43; AA 2.29). 14) Die Laien sind diejenigen, die das Gemeinwesen der Menschen aufbauen und sich um das Profane kümmern müssen, wobei sie das Heilige dem Klerus und den Ordensleuten zu überlassen haben. 

 

Innerhalb der Konzilsdokumente - insbesondere in Lumen Gentium - stehen zwei Ekklesiologien nebeneinander: eine juridische und eine Ekklesiologie der communio. 15) Obwohl die zweite der ersten übergeordnet ist, hat die Tatsache, dass beide nebeneinander bestehen, einen entscheidenden Einfluss auf andere damit verbundene ekklesiologische Themen. Das Thema der Laien innerhalb der Kirche ist eines davon. 

 

Im vierten Kapitel von Lumen Gentium (Art. 31) fasst das Konzil unter der Bezeichnung "Laien" "alle Christgläubigen" zusammen "mit Ausnahme der Glieder des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes". Obwohl die Definition mit einer positiven Aussage beginnt ("alle Christgläubigen") und die Konstitution die grundlegende Gleichheit aller Getauften innerhalb des Volkes Gottes behauptet, ist die Fortsetzung der Definition juridisch und drückt sich negativ aus: Die Laien wären demnach immer noch Nicht-Kleriker, Nicht-Ordensleute, diejenigen, denen innerhalb der Kirche weder ein Charisma noch eine Berufung oder ein "besonderes" Amt verliehen wurde. 

 

Dies wirkt sich auf das Verständnis der Sendung der Laien aus. Und im selben Artikel 31 wird bereits im Zusammenhang der Definition der Laien festgestellt: "Dem Laien ist der Weltcharakter in besonderer Weise eigen." Von den Klerikern wird gesagt, dass sie "bis-weilen mit weltlichen Dingen" zu tun haben können, "sogar in Ausübung eines weltlichen Berufes. Aufgrund ihrer besonderen Erwählung aber sind sie vor allem und von Berufs wegen dem heiligen Dienstamt zugeordnet". Die Laien hingegen sind eindeutig hinsichtlich ihrer apostolischen Sendung der Welt zugeordnet. 

 

Mit diesen Aussagen eröffnet LG 31 eine positive Perspektive für die Anerkennung der Arbeit dieses größeren Teiles des Gottesvolkes, doch der Text bekräftigt auf subtile Weise die Dichotomie zwischen gottgeweihtem und weltlichem Leben, zwischen Kirche und Welt, wie sie in der Art und Weise, die Kirche zu verstehen, am Werk ist. 

 

In gleicher Weise unterstreicht das "Dekret über das Apostolat der Laien" Apostolicam actuositatem deren weltlichen Charakter und sagt: "Da es aber dem Stand der Laien ei-gen ist, inmitten der Welt und der weltlichen Aufgaben zu leben, sind sie von Gott berufen, vom Geist Christi beseelt nach Art des Sauerteigs ihr Apostolat in der Welt auszuüben." (AA 2) Deshalb muss die christliche Bildung der Laien auch in diesem Sinne erfolgen: "So fügt sich der Laie selbst reif und geflissentlich in die Wirklichkeit der zeitlichen Ordnung ein und übernimmt erfolgreich seine Funktion bei ihrer Gestaltung. Zugleich macht er die Kirche als ihr lebendiges Glied und als ihr Zeuge inmitten der zeitlichen Dinge präsent und wirksam." (AA 29) 

 

Und die Felder des apostolischen Wirkens der Laien müssen demzufolge auch vor allem im Bereich des Weltlichen liegen. Das Dekret erwähnt konkret: die kirchlichen Gemeinden, die Familie, die Jugend, die sozialen Milieus, das nationale und internationale Leben (vgl. AA 9). Doch nach diesem Konzilsdekret müssen die Laien auch innerhalb der Kirche wirken. Der Artikel 10 beschreibt dieses Wirken in positiver Weise, obwohl er die Teilhabe der Gläubigen vor allem an den materiellen und organisatorischen Aspekten des kirchlichen Lebens betont: Verwaltung der Güter, materielle und persönliche Unterstützung. Unter den im eigentlichen Sinne pastoralen Tätigkeiten erwähnt der Text lediglich die Katechese als Feld der Weitergabe des Wortes Gottes ausdrücklich, das den Laien in eigentümlicher Weise zukommt (AA 10)15. 

 

Mit dem Konzil über das Konzil hinaus 

 

Diese Konzeption brachte unermessliche Fortschritte nicht nur für die Laien, sondern für die gesamte Kirche mit sich. Sie stellte die Würde des Laienstandes wieder her, indem sie ihm einen offiziellen Status innerhalb des Leibes der Kirche verlieh. Sie befreite die Laien aus ihrer Rolle der bloßen Zuschauer bei einer Pastoral, die von der Hierarchie organisiert wurde, und machte sie zu deren Teilnehmern. 

 

Doch die Ambivalenz bezüglich der Weltlichkeit des Laienstandes, die die Konzilsdokumente durchdringt, scheint uns noch die Gemeinschaft selbst zu strukturieren, da ihre Zusammensetzung und Herausbildung eine zentrale Dichotomie zur Grundlage hat: den Gegensatz von Klerus und Laienstand, zu dem sich noch ein anderer Gegensatz gesellt, nämlich der zwischen Ordensmann/ -frau und Nicht-Ordensmann/ -frau. Der erste Gegensatz bezieht sich auf den wesentlichen (nicht bloß graduellen) Unterschied zwischen allgemeinem Priestertum der Gläubigen und hierarchischem Priestertum. Der zweite auf die Struktur innerhalb Kirche, deren Grundlage ein anderer Lebensstand im Blick auf das gemeinsame Ziel der allgemeinen Heiligkeit der Gläubigen ist. 

 

Aus diesem doppelten Gegensatz geht ein dritter hervor: der Gegensatz zwischen heilig und zeitlich oder heilig und profan. Er sorgt für die Aufteilung in zwei "funktionale" Blöcke: Den Laien obliegt es, sich um den Bereich des Zeitlichen und Materiellen (Familie, Gesellschaftsstrukturen, politische Strukturen) zu kümmern. Dies ist sein Gebiet. Der Klerus und die Ordensleute beschäftigen sich mit den spirituellen Dingen, mit dem Heiligen. Sie vollziehen, verwalten und teilen Sakramente und symbolische "Güter" aus, von denen die Gemeinde lebt und sich nährt. Und sie geben in der Welt Zeugnis vom Geist der Seligpreisungen (vgl. LG 31). 

 

Heute kann man, vor allem bei einigen jüngeren theologischen Strömungen 16) immer stärker den Versuch beobachten, diese Gegensätze zu überwinden. Es wird die Frage aufgeworfen, ob diese Gegensätze die Weite des Geistes der konziliaren Ekklesiologie nicht einengen, deren Grundlage die umfassende Kategorie des Volkes Gottes ist. In Wahrheit scheinen diese Gegensätze der anderen Ekklesiologie geschuldet zu sein, die die Konzilsdokumente ebenfalls durchzieht, nämlich der eher juridischen und hierarchisierenden. 

 

Diese Theologien schlagen die Überwindung der erwähnten Gegensätze mittels einer neuen Achse eines dialektischen Spannungsverhältnisses vor, nämlich der Achse Gemeinschaft - Charisma - Dienstämter. Auf diese Weise entdeckt die Kirche ihre Berufung als eine umfassende Gemeinschaft von Getauften wieder, in der die Charismen als Dienste empfangen und die Ämter als Dienste ausgeübt werden. 17) 

 

Im Lichte dieser neuen Theologien - welche dem wahren Geist des Konzil gerecht werden wollen - wird der Primat der Ontologie der Gnade über jede mögliche nachträgliche Unterscheidung bis in seine letzte Konsequenz durchdacht. Die pneumatologische Dimension der Kirche wird an die erste Stelle gerückt. Der Heilige Geist wirkt in der ganzen Gemeinde und weckt die unterschiedlichen Charismen, um den Leib Christi aufzubauen. Und das Dienstamt ist die Verfassung der ganzen Kirche und nicht eines ihrer Teile. Die Kategorie "Laie" und "Laienstand" selbst werden überwunden und nur noch als negativ Abstraktion thematisiert, welche die Dynamik der Kirche ärmer macht. Die Ekklesiologie, die sich daraus ergibt, ist eine umfassende Ekklesiologie 18), und der Laienstand ist eine in der Geschichte gegenwärtige Dimension der ganzen Kirche. Die Worte Laie und Laienstand-werden nach und nach und mittelfristig ihre Existenzberechtigung verlieren. Das Selbstbewusstsein der Laien, das vom Konzil geweckt wurde, wird sich nach und nach entwickeln, bis es in eine Selbstwahrnehmung des vollen Bürgerrechtes und der vollen Verantwortung innerhalb und für die kirchliche Gemeinschaft im Dienst des von Jesus initiierten Reiches Gottes mündet. 

 

Dieser gesamte Gang theologischer Reflexion über das Thema der Laien in den letzten fünfzig Jahren wirft heute einige brennende Fragen auf: 

 

  • In den ersten Jahrhunderten christlicher Erfahrung wurde die Kirche in ihrer Gesamtheit als Alternative zur Welt betrachtet. Es wurde nicht zwischen "Spezialisten des Geistes" und Christen unterschieden, die sich "den zeitlichen Dingen" widmen, sondern vielmehr zwischen dem Neuen, das das Christentum brachte, und der Gesellschaft, der die Botschaft des Evangeliums verkündet werden musste. Die Kirche der ersten Stunde scheint auch keine Spuren des heutigen Phänomens der Laien aufzuweisen, sie verstand sich vielmehr als die Gesamtheit der Getauften. Können wir also behaupten, dass es für uns heute dringend an der Zeit ist, "zu den Quellen zurückzukehren", um die Wurzeln dessen freizulegen, was wir heute Laie und Laienstand nennen? 
  • Die neuen theologischen Strömungen scheinen die allmähliche Beseitigung der Spaltung, welche die Kategorie "Laie" mit sich bringt, zugunsten einer neuen, umfassenderen Ekklesiologie vorzuschlagen, die vom Heiligen Geist des Dienstes durchdrungen ist und keine Dichotomien und Gegensätze aufweist. So verlockend diese Theorie in ihrer Positivität auch ist, so macht sich dahinter doch ein Verdacht bemerkbar: Heißt das Wort abschaffen nicht, das Problem damit unsichtbar zu machen? Verbirgt sich hinter dieser Strömung nicht die Gefahr einer neuen Art von Klerikalisierung, bei der die Auflösung des Spezifikums der Laien den Versuch bedeuten könnte, die dornige und heikle Frage nach der Macht in der Kirche zu verschleiern und nicht an sie zu rühren? Mit einem Wort: Würde das nicht bedeuten, zu einer Synthese gelangen zu wollen, ohne die Antithese durchlitten und integriert zu haben, welche die faktische unkomfortable Situ-ation der weiterhin bestehenden Aufspaltung zwischen lehrender und lernender Kirche darstellt? 

 

Schluss: Das Wagnis eines neuen Paradigmas in postkonziliaren Zeiten 

 

Als Ergebnis der vom Konzil vollzogenen Bewegung ließen sich im Lauf der letzten fünfzig Jahre einige Initiativen vonseiten der Laien erkennen, die auf ein neues Paradigma zu verweisen scheinen. Weil es notwendig war oder aufgrund von konkreten Umständen haben sich Laien Ämter und Dienste angeeignet und diese mit Leben gefüllt, die vorher nur Klerikern und Ordensleuten vorbehalte waren. Daraus erwuchsen konkrete Rollen, die die Konturen eines neuen Paradigmas des Laien entwarfen. Sie beziehen ihre Kraft aus der konziliaren Erneuerung und unternehmen kühne Schritte, die über diese konziliare Erneuerung hinausgehen. 

 

1. Der Laientheologe/Die Laientheologin: In einer Kirche, in der die Berufungen zum Priesteramt oder zum Ordensleben in dramatischer Weise rückläufig sind, weisen die theologischen Lehranstalten und Lehrveranstaltungen oftmals ein Mehrheit von Lernenden und Lehrenden auf, die Laien sind. Die Kritik prominenter Theologen wie etwa Hans Urs von Balthasar, derzufolge diese Laien in Wahrheit bloß gescheiterte Priester seien, welche in der theologischen Ausbildung lediglich eine Art und Weise sehen, einer nicht verwirklichten Berufung nachzugehen, führt nur dazu, dass die Zahl der Laientheologen (vor allem der Frauen unter ihnen) zunimmt. 19) Viele von ihnen tragen Wesentliches zur theologischen Reflexion des Glaubens bei, indem sie sich an brennende Themen heran wagen, die sie aus Erfahrung kennen und über die sie etwas Qualifiziertes und gut Begründetes sagen können. 

 

Heute streben Laien akademische Grade in den besten Lehranstalten und theologischen Fakultäten in verschiedenen Regionen an und erwerben sie auch. Auf diese Weise sind sie ebenso wie die Priester oder Ordensleute für die Lehre an jeder beliebigen akademischen Einrichtung qualifiziert. 20)

 

2. Die spirituellen Meister(-innen): In früheren Zeiten war die Gegenwart eines "Älteren" oder Erfahreneren üblich, der andere auf dem Weg des Gebetes und der Spiritualität begleitete. Und dies konnte ein Laie oder ein Kleriker sein. Später wurde diese Rolle stärker den Priestern vorbehalten, da sie - fälschlicherweise - auch mit dem Beichtsakrament in Zusammenhang gebracht wurde. Heute jedoch gibt es zahlreiche Laien - Männer wie Frauen -, die diesen Dienst übernehmen: Sie geben Exerzitien, gewähren Menschen geistliche Begleitung und entwickeln Materialien als Hilfen für das Gebet und die Liturgie auf verschiedenen Ebenen. Die Frucht, die diese spirituellen Meister hervorbringen, ist beachtlich. Sie helfen so vielen Menschen, Jesus nachzufolgen und auf das zu hören, was der Geist ihnen sagt. 

 

3. Die Leiter und Leiterinnen liturgischer Feiern: Die Liturgiereform des Konzils hat unter anderem die Einbeziehung der Laien verwirklicht, und zwar nicht nur in einer passiven Rolle als "Konsumenten", sondern als Aktive, als "Produzenten" Insbesondere die Frauen haben hier eine gewichtige Rolle gespielt, indem sie liturgische Räume und Ereignisse schufen, in denen das Volk Gottes in Freude und in Schönheit seinen Glauben zum Aus-druck bringen kann. Dabei bleibt man der Tradition treu, doch gleichzeitig erfolgt dies in der Freiheit der unerschöpflichen Kreativität des Geistes. 
Dieses neue Paradigma, dessen Protagonisten sie sind, ist die köstliche und reife Frucht, die die konziliare Erneuerung zeitigte und die heute in ihrem vollen Sinne zur Entfaltung kommen will. 
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Anmerkungen:

1 Der größte dieser Theologen ist Yves Congar. Vgl. sein einschlägiges umfassendes Werk: Der Laie. Entwurf einer Theologie des Laientums, Ostfildern 1957. 

2 Wir beziehen uns vor allem auf Kapitel IV der dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium und auf das Dekret Apostolicam Actuositatem. 

3 Wir denken vor allem an die Katholische Aktion, die in Frankreich von Pater Lebret initi-iert wurde und die eine enorme Bedeutung erlangte. Vgl. Antonio J. de Almeida, Leigos em que? Uma abordagem histórica, Sao Paulo 2006, insbesondere Kap. 6, 249-268. 

4 Vgl. Congar, Der Laie. 

5 Dazu vgl. Maria Clara Lucchetti Bingemer, Die Taufe als Quelle des christlichen Dienstamtes. Fallbeispiel Kirchliche Basisgemeinden, in: CONCILIUM 46 (Februar 2010/1), 24-35. 

6 Vgl. Joh 8; Mt 21,12-14; Mk 11,11-15; Lk 19,45-47; Joh 2,13-21. 

7 Juan Antonio Estrada Diaz, La identidad de los laicos. Ensayo de eclesiologia, Madrid 1990, 18. In jedem Fall entspricht es durchgehend der neutestamentlichen Exegese, dass allein Jesus in Wahrheit die Bezeichnung "Priester" verdient. Vgl. dazu Sergio Galimberti - Ettore Malnati, Il cristiano nella storia, oggi, Triest 1994, 83.; vgl. auch Alexandre Faivre, Les laics aux origines de l'Église, Paris 1984. 

8 Galimberti - Malnati, Il cristiano, ebd. 

9 Vgl. ebd., 117: "Das typisch Christliche besteht darin, dass alle gottgeweiht sind, dass es keinen Christen gibt, der ein profanes Leben führte." 

10 Vgl. dazu Yves Congar, Für eine dienende und arme Kirche, Mainz 1965. Vgl. auch Ma-nuel Guerra Gómez, Teologia dei sacerdocio IV; Burgos 1972, zitiert in: Estrada Diaz, La identidad, 117. 

11 Aurelius Augustinus, Sermo 340, 1, in: PL 38, 1483, zit. in: LG 32. 

12 Vgl. Galimberti - Malnati, Il cristiano, 99. 

13 Vgl. zu all dem neben den anderen bereits zitierten Autoren de Almeida, Leigos, insbe-sondere Kap. 7, 101-115. 

14 Vgl. dazu Antonio Acerbi, Due ecclesiologie: Ecclesiologia giuridica ed Ecclesiologia di comunione nella "Lumen Gentium", Bologna 1975. 

15 Es handelt sich um ein traditionellerweise den Laien, vor allem den Frauen, anvertrau-tes Betätigungsfeld. 

16 Vgl. vor allem Bruno Forte, La chiesa, icona della Trinita. Breve ecclesiologia, Brescia 1984, sowie die bereits zitierten Arbeiten von de Almeida und Estrada Diaz. Vgl. auch die Arbeiten von Severino Dianich, Edward Schillebeeckx usw. Das Bemühen, die von uns benannte Dichotomie zu überwinden, reicht allerdings schon länger zurück und wurde von Yves Congar selbst in Angriff genommen. Vgl. ders., Priester und Laien im Dienst am Evangelium, Freiburg i. Br. 1965, sowie das bereits zitierte Buch Der Laie. 

17 Vgl. Forte, La chiesa, 32-33. 

18 Der Ausdruck stammt von Bruno Forte, La chiesa. 

19 Vgl. Hans Urs von Balthasar, Neue Klarstellungen, Einsiedeln 1979, insbesondere das Kapitel "Notiz zu Laientheologen", 116-119. 

20 Doch es ist leider eine Tatsache - wir stellen das traurig fest -, dass sie oftmals nicht für Stellen zugelassen werden, die sie hervorragend und mit Engagement ausfüllen könnten.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Dr. Bruno Kern M.A.

 

Zur Autorin:

 

Maria Clara Lucchetti Bingemer ist 1949 geboren. Sie schloss ihr Studium in Rio de Janeiro mit einem B.A. in Kommunikationswissenschaft ab. An der Gregoriana in Rom wurde sie in Theologie promoviert. Nach dem Rede- und Lehrverbot gegen Leonardo Boff vertrat sie Boff an dessen Lehrstuhl im Franziskanischen Theologischen Institut in Petrópolis.

Lucchetti Bingemer war 1986–1992 Regionalkoordinatorin von EATWOT. Gegenwärtig ist sie Professorin an der Katholischen Universität von Rio de Janeiro (PUC-Rio) und Dekanin der Fakultät für Theologie und Humanwissenschaften. Lucchetti Bingemer beteiligte sich auch am Aufbau des jesuitischen Centro Loyola de Fé e Cultura (CLFC, Loyola-Zentrum für Glaube und Kultur) an der PUC-Rio, das sie zehn Jahre lang leitete.

Lucchetti Bingemer ist verheiratet, hat drei erwachsene Söhne und zwei Enkelinnen.

 

Veröffentlichungen u.a.: Mistica e filosofia (2010); Jesus Cristo: Servo de Deus e Missias gloriosa (2009); Simone Weil e o encontro entre as culturas (2009). Für CONCILIUM schrieb sie zuletzt über "Die verborgene Liebe. Bemerkungen zur Kenose des Geistes inder westlichen Tradition" in Heft 4/2011.

 

Anschrift: Pontificio Universidade Católica do Rio de Janeiro, Depo. de Teologia (TEO), Rua Marqués de Sáo Vicente 225, Edificio Cardenal Leme 11 andar, Caixa Postal 38097, 22453-900 Rio de Janeiro/RJ, Brasilien. e-mail: agape[at]@puc-rio.br

 

Lucchetti Bingemer ist Mitherausgeberin der Revista Eclesiástica Brasileira (REB), der bedeutendsten theologischen Zeitschrift in Brasilien, und von Concilium. Von 2004 bis 2008 war sie auch Mitherausgeberin des Journal of the American Academy of Religion (JAAR).

 

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Einardo Bingemer berät sie die Nationale Bischofskonferenz Brasiliens in Fragen des Laienapostolats. Lucchetti Bingemer hat eine führende Position in der ignatianischen Laienbewegung Gemeinschaft Christlichen Lebens inne.

Lucchetti Bingemer gehört zu den Begründerinnen der feministischen Befreiungstheologie in Lateinamerika. Sie vertritt die Ansicht, dass der Befreiungskampf der lateinamerikanischen Frauen nicht zu trennen ist vom Befreiungskampf der Armen, und bemüht sich insbesondere um die Ausarbeitung einer feministisch-theologischen Anthropologie. Lucchetti Bingemer organisierte 1985 ein erstes Treffen lateinamerikanischer Theologinnen und nahm 2008 auch am 1. deutsch-lateinamerikanischen Theologinnenkongress in Buenos Aires teil.

 

Bücher:

 

Christliche Eschatologie (mit João Batista Libânio). Patmos-Verlag, Düsseldorf 1987, ISBN 3-491-77716-X (Bibliothek Theologie der Befreiung).

 

Maria, Mutter Gottes und Mutter der Armen (mit Ivone Gebara). Patmos-Verlag, Düsseldorf 1988, ISBN 3-491-77718-6 (Bibliothek Theologie der Befreiung).

 

 

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