Die ersten Tage der Synode

Ein Bericht von Martha Heizer

 

Meinen ersten wichtigen Eindruck – noch im Vorfeld der Synode – bekam ich beim Treffen der „Rainbow Catholics“ am Samstag. Schon auf der Fahrt dorthin erreichte mich die Nachricht vom Outing des hochrangigen polnischen Theologen der Glaubenskongregation, Charamsa: „Ich bin stolz darauf, schwul zu sein, und ich habe einen Partner.“

Gerade der polnische Episkopat ist als besonders hartnäckig bekannt, wenn es um eine andere Regelung bezüglich des Umgangs mit homosexuellen Menschen in der Kirche geht. Nun bleibt abzuwarten, wie die Bischöfe reagieren werden. Nervös sind sie allemal.

Das Treffen der „Rainbow Catholics“ verlief in einer liebenswürdigen, wertschätzenden Atmosphäre. Die frühere irische Präsidentin Mary McAleese sprach sehr bewegend über ihren Einsatz für homosexuelle und lesbische Menschen. Ihr Beitrag zur Familiensynode ließ uns alle recht schmunzeln: „Also ganz ehrlich, wenn ich eine Expertise über Familie bräuchte, käme ich nicht als allererstes auf die Idee, 300 zölibatäre Männer zu versammeln, von denen – soweit wir das wissen – noch keiner eine Windel gewechselt hat.“ In den Medien klang das dann so: …noch keiner ein Kind aufgezogen hat.

Susanne aus der Schweiz erzählte uns später, wie sehr die Gruppe gerungen habe um ein Statut, gute Vereinsbedingungen und einen repräsentativen Vorstand. Aber nun gibt es also das „Global Network for Rainbow Catholics“ (alle anderen bisherigen Vereinigungen wie LGBT-Europe sind ökumenisch).

Leider mussten wir die Versammlung vorzeitig verlassen, weil wir unbedingt die Vigil am Petersplatz mitfeiern wollten. Dazu hatten sich einige zehntausend Menschen getroffen. Organisiert hatte die italienische Bischofskonferenz. Viele verschiedene Familien kamen zwischen den Liedern und Gebeten und Lesungen zu Wort, allerdings gab es keine Übersetzung. Dennoch hat uns die Stimmung verzaubert: Abendsonne, dann Sonnenuntergang, schließlich viele Kerzen und immer wieder Lieder zum Mitsingen. Es war uns wichtig, mit all den Menschen für eine gute Synode zu beten.

 

Am SONNTAGvormittag fand der große Eröffnungsgottesdienst statt. Er wurde auf den Petersplatz übertragen, allerdings ohne Übersetzung (wie auch?). Das Tagesevangelium lautete ausgerechnet: Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen. Wir wollten dringend erfahren, was Franziskus dazu zu sagen hat. So lief Renate zur Sala Stampa, dem Pressezentrum des Vatikan, und fand dort eine deutsche Übersetzung der päpstlichen Predigt. Wir waren sehr angetan davon. Er begann mit dem Drama der Einsamkeit, leitete über zur Liebe, betonte, dass die Kirche immer das Ideal einer „never ending love“ verteidigen wolle, dass aber die Liebe auch dazu führe, Leute, die am Ideal scheitern, mit offenen Armen aufzufangen und nicht zu bestrafen. (Das ist eine sträfliche Kurzfassung meinerseits. Ich habe allerdings die Predigt im Wortlaut und kann sie zur Verfügung stellen!).

Am Nachmittag schien wirklich freier Sonntag für alle, auch für die Journalisten. So machten wir einen Spaziergang in den Parks der Villy Borghese, aßen ein gelato und fuhren dann zum Kolosseum, in dessen Nähe sich neuerdings ein Martin Luther-Platz befindet. Sowas! Nach 500 Jahren hat es der exkommunizierte Reformer zu einem Platz in Rom gebracht.

Am Abend trafen wir uns in der Trattoria gegenüber unserem Hotel (dem Treffpunkt der deutschen Journalisten und des deutschen Klerus) mit Kate McElwee (WOW USA), Susanne Birke (Pfarrei-Initiative Schweiz), die von der Gründung der Rainbows erzählte, Deborah Rose-Milavec von FutureChurch, die einen faszinierende täglichen Blog schrieb, der sich lohnt, nachgelesen zu werden, und einem deutschen Journalisten zu Pasta und Pizza und Limoncello.

 

Der MONTAG war also der erste Arbeitstag der Synode. Ich bemühte mich noch um eine Akkreditierung, es scheiterte aber am Passfoto! Trotzdem konnte ich bei der  mittäglichen Pressekonferenz  als Gast dabei sein.

In der Synodenaula am Vormittag sprach zunächst der Papst. Er sprach von einem Gott, der stets überrascht, der sich um die Kleinen und Armen kümmert, der den Menschen über das Gesetz stellt, der 99 Schafe verlässt, um ein verlorenes zu suchen usw. Sehr programmatisch. Dem nachfolgenden Redner, Kardinal Erdö aus Ungarn, machte es Mühe, seinen Beharrungsstandpunkt klar zu legen. Er brauchte exakt 7300 Wörter dafür. Uff.

P. Lombardi hatte zur mittäglichen Pressekonferenz  3 Kardinäle geladen, unter ihnen auch Kardinal Erdö. Sein Statement machte den Eindruck, es wäre alles entschieden, nichts könne revidiert, geändert, ergänzt werden, denn hier gäbe es einen sehr klaren Standpunkt.

Deborah meinte: “Listening to Cardinal Erdo, it would seem the deal is done and everyone should go home.”  

Aber es gab einige gute Fragen: ein irischer Journalist erzählte von der Aussage Mary McAleeses. Das gab ein etwas ungemütliches Sesselrutschen. Die Kardinäle hatten Mühe  zu erklären, warum sie sich mit Familien so gut auskennen: Wir sind doch alle in Familien hineingeboren und in ihnen aufgewachsen, meinte der eine. Wir wissen viel über Familien durch das Beichthören, erklärte uns der andere. Leises nachsichtiges Schmunzeln im Auditorium.

Noch einmal Deborahs Kommentar: „It was kind of ‚the king has no clothes‘ moment, and one had to feel a bit sorry for the fellows. Nothing in their repertoire could help them credibly defend the indefensible process that we know as the Synod on the family.”

Am Abend gab es einen Presseempfang der deutschen Synodenteilnehmer, und Christian und Deborah waren eingeladen (wäre ich auch gewesen mit Presseausweis). Dort fragte Gudrun Sailer von Radio Vatican noch einmal nach, ob der Modus der Stimmberechtigung nicht modernisiert werden könne. Immerhin sind 2/3 der Synodenteilnehmer stimmberechtigt, nämlich alle zölibatären Männer, und 1/3 ist es nicht, nämlich die geladenen Familien, damit auch die Frauen. Sowohl Kardinal Marx als auch Bischof Bode meinten, dass das geändert werden sollte.

Jeremias Schroder OSB, Erzabt und Präsident der Benediktiner Kongregation von Sant'Ottilia, stellte dazu noch fest, dass drei Nonnen als Zuhörerinnen ohne Stimmberechtigung geladen waren, wohingegen männliche Ordensangehörige stimmberechtigt seien.

 

DIENSTAG

Die Pressekonferenz am Dienstag war überraschend – gemessen an der vom Montag. Der Start allerdings war langweilig. Zum zweiten und letzten Mal bekam ich einen Besucherausweis, wurde aber gleich gewarnt, dass ich als Besucherin keine Erlaubnis hätte, Fragen zu stellen. Das war schade, ich wollte tatsächlich nachhaken: „Mindestens 50% aller Familienmitglieder sind weiblich. Wo sind die stimmberechtigten Frauen?“ Ging also nicht. So war ich eben wieder einmal eine ordentliche Frau in der Kirche, still und auf die Männer hörend.

Pater Lombardi begann mit einem Überblick über die 47 Statements, die es am Vormittag in der Synodenaula gegeben hatte, und bat dann die anderen Gäste am Podium, das gleiche zu tun und zu ergänzen, was er möglicherweise ausgelassen hätte. Was wir zu hören bekamen, war eine beeindruckende Liste von Problemen, mit denen Familien weltweit zu tun haben, umfangreich, aber nicht neu.

Aber bald ging’s los. Fr. Thomas Rosica (CEO of Salt & Light TV und English Speaking Assistant von Fr. Lombardi im Vatikan) hob einige der Reformwünsche, die am Vormittag geäußert worden waren, besonders hervor: Wir brauchen eine andere Sprache, um von den Menschen verstanden zu werden. Als Beispiel dafür nannte er: Wir dürfen einfach niemals sagen, wir hätten MITLEID mit den Homosexuellen. Und wir brauchen nicht notwendig eine gesamtkirchliche Lösung des Problems mit den Wiederverheirateten, weil das Problem nicht überall das gleiche ist.

Während Erdö am Montag noch sagte, das Kommunionverbot für Wiederverheiratete sei ja kein willkürliches Verbot, sondern unverzichtbar wegen der Treue zur Unauflöslichkeit, meint nun Erzbischof Celli ( der Italiener ist Kurienerzbischof und Präsident des Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel), das sei durchaus eine offene Frage und es könne doch nicht alles schon erledigt sein durch die Wortmeldung Erdös. Das sei eine wichtige Meinung gewesen, aber eben eine unter vielen.

 

Ein Journalist fragte Erzbischof Durocher (Vorsitzender der kanadischen Bischofskonferenz CECC), ob es sich bei den Wiederverheirateten denn um eine Frage der Lehre oder der Vorschriften handle (doctrine or discipline). Seine Antwort war nachdenklich. „Das wissen wir noch nicht. Darüber wird zu diskutieren sein.” Und er fügte hinzu:  "If you want doctrine, go read Denzinger.“  „Haben wir Angst, wir könnten uns zu weit von unserer Lehre weg entwickeln, oder haben wir Angst, den Kontakt zur Welt zu verlieren, weil wir uns in uns selber verkapseln?“ Es war ziemlich eindeutig, wohin er tendiert: „Ich will nicht, dass wir ins Ghetto gehen.“

Eine deutsche Journalistin drehte sich an dieser Stelle zu mir um und flüsterte mir ins Ohr: “Rosica und Durocher haben die Synode gerettet!” Ich fand diese Aussage  ein bisschen früh, aber sie hat die Stimmung im Saal wiedergegeben.

Fr. Manuel Dorantes erzählte noch eine Episode vom Vormittag: mitten in all den Statements begann ein drei Monate altes Baby zu weinen. Welch eine Neuigkeit für eine Synode!

Am Nachmittag begannen die Sprachgruppen (Circoli minori) zu arbeiten. Eine völlig neue Vorgangsweise für eine Synode. In der deutschen Gruppe sammeln sich einige Kontrahenden (Marx, Kaspar, Müller, Schönborn…). Luther würde sagen, zu viele Gockel auf einem Miste! Mal sehen, was herauskommt. Sie betonen alle in großer Einmütigkeit, dass natürlich niemand streitet und dass es völlig friedlich um die beste Lösung geht. Hofberichterstattung eben. Aber vielleicht schaffen sie es ja. Inzwischen gibt es auch schon den ersten Zwischenbericht der Gruppen. Die klingen tatsächlich wenig kämpferisch.

Alle unsere Pressekontakte habe ich nicht beschrieben, auch nicht all die zufälligen Begegnungen in der Trattoria und auf der Straße, die uns Blitzlichter aus dem Synodenalltag vermittelten.

Schließlich musste ich schon packen und am Mittwoch früh zum Bahnhof. Unsere Ressourcen reichen nicht, um die gesamte Synode aus der Nähe beobachten zu können. Christian und Renate konnten noch bis zum Sonntag bleiben, Christian wird an den letzten Tage der Synode noch einmal in Rom sein.

In der Zwischenzeit verfolgen wir die Ereignisse über die Medien.

(für „International Movement We Are Church“ in Rom: Christian Weisner , Martha Heizer und [auf eigene Kosten:] Renate Holmes)

 

Für alle, die noch mehr erfahren wollen: Auf der Homepage von IMWAC  (International Movement We Are Church ) gibt es ein Synod Diary in englischer Sprache.

 

regelmäßiger Blog von der Synode in deutscher Sprache: http://www.katholisch.de/aktuelles/themenseiten/aus-der-aula

 

http://de.radiovaticana.va/news/2015/10/13/synode_%E2%80%9Edas_thema_frauen_und_kirche_wird_umfahren%E2%80%9C/1178940

 

 

 

 

 

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