Die Krankensalbung und die Krankenhausseelsorge: Zeichen der Nähe Gottes

01.12.2013, Basilius J. Groen

 

Nachstehenden Vortrag hat Professor Basilius J. Groen für den Studientag der Reformgruppen in der römisch-katholischen Kirche am 29. November 2013 in St. Virgil, Salzburg, zum Thema: "Gottes Nähe in der Krise ­– Krankensalbung als unser biblischer Auftrag" erstellt.

 

Es gibt wenige Rituale, die sich so klar an der Grenze zwischen Leben und Tod zutragen, wie die Krankensalbung. Es handelt sich hier um ein Sakrament, das in Krankheits- und Sterbeprozessen von Christ/inn/en eine bedeutende Rolle spielte und oft noch immer spielt. Leider ist die Krankensalbung lange Zeit wie das verkannte Stiefkind unter den Sakramenten betrachtet worden, und sie bekam in den sakramententheologischen Traktaten relativ wenig Aufmerksamkeit. Aber schon die Tatsache, dass die Krankensalbung im Lauf der Jahrhunderte riesige Veränderungen erfahren hat und noch immer erfährt, sowohl in Bezug auf ihre Bedeutung als auch in Bezug auf die Art, wie sie gefeiert wird, rechtfertigt die Aufmerksamkeit für dieses Ritual.

    In einem ersten Schritt werde ich einige Streifzüge durch die wechselvolle Geschichte der Krankensalbung machen. Das tue ich auch mit dem Ziel, damit die heutige Problematik besser verständlich wird. In einem zweiten Schritt wende ich mich der heutigen Praxis innerhalb der Katholischen Kirche zu. Dann werde ich auch die neuen Entwicklungen innerhalb der Evangelischen Kirche, unter anderem die neue Agende der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, besprechen. Die Entwicklungen in der Kirche Englands und die Praxis innerhalb der ostkirchlichen orthodoxen Tradition werden ebenfalls zur Sprache gebracht. In einem dritten Schritt werde ich einige Punkte nennen, die meines Erachtens mehr Diskussion brauchen.

 

1. Geschichte

 

Öl, meistens Olivenöl, erfüllte im Altertum, vor allem im Mittelmeerraum, mehrere Funktionen. Eine wichtige war, es zu benutzen, um Schmerzen zu lindern und Wunden zu heilen. Der ‚barmherzige Samariter‘ zum Beispiel goss Öl und Wein auf die Wunden des überfallenen Mannes (Lk 10, 34). Wenn dies mit dem Anrufen des Namens des Herrn einhergeht, wie zum Beispiel im Jakobusbrief bezeugt wird (Jak 5,14-16a), sind wir schon bei der ersten Phase der historischen Entwicklung der Krankensalbung. Die Krankensalbung, also eine Ölsalbung mit Gebet, war im Frühchristentum an erster Stelle auf Heilung einer Krankheit und – sekundär und nur im Zusammenhang mit der Krankheit – auf Vergebung von Sünden hin ausgerichtet. Jeder und jede konnte oder durfte die kranke Person salben: Laien, Mönche, Nonnen, Priester. Es war auch möglich, dass der/die Kranke sich selbst salbte oder das Öl trank oder schluckte. Der liturgische Akzent wurde nicht auf die Salbung oder auf das Schlucken, sondern auf die Segnung des Öls gelegt. Diese wurde vom Bischof, manchmal vom Priester vorgenommen.

 

In der Westkirche gab es jedoch ab der karolingischen Reform einige große Veränderungen.

 

Erstens: Das Salben durfte nicht mehr von Laien gemacht werden, sondern es wurde einem Priester vorbehalten.

 

Zweitens: Die Salbung wurde an die Buße und die letzte Wegzehrung, das Viatikum, gekoppelt. Weil die Buße schwer war, hatten schon in der Frühkirche viele die Buße bis auf ihr Lebensende verschoben. Durch die Bindung der Krankensalbung an die Buße wurde darum auch sie oft auf das Lebensende verschoben.

 

Drittens: Aufgrund der damals hohen Sterblichkeitsrate wurden Priester angeordnet, in ihrer Seelsorgepraxis an erster Stelle die Sterbenden und Schwer-Kranken zu salben. Aus dieser Anordnung ergab sich später die Vorschrift: Nicht-Schwer-Kranke und Nicht-Sterbende dürfen nicht gesalbt werden.

 

Viertens: Die Texte der heiligen Öl-Salbung wurden gemeinsam mit denjenigen des Bußgottesdienstes und des Sterberituals in einem liturgischen Buch aufgenommen. Dies verstärkte natürlich die Koppelung der Salbung ans Totenbett.

 

Fünftens: Die geistlichen Auswirkungen der Salbung, vor allem die Sündenvergebung, wurden immer mehr, und die körperlichen Auswirkungen, die Heilung, immer weniger betont. Die Heilung von Krankheiten verschwand als beabsichtigte Wirkung allmählich aus dem Blick. In den Texten der Feier selber blieb jedoch ausdrücklich die Rede von Heilung.

Die scholastische Theologie reflektierte über ein Sakrament, welches ab dem Ende des zwölften Jahrhunderts als ‚Letzte Ölung‘ (extrema unctio) gedeutet wurde und welches an Sterbenden vollzogen wurde. Die scholastische Überlegung war – die Nuancen lasse ich jetzt außer Betracht – dass die Ölung die Überbleibsel der Sünden des Sterbenden hinweg nimmt und ihn oder sie auf die himmlische Herrlichkeit vorbereitet.

 

Sechstens: Am Ende des Mittelalters wurde die Reihenfolge der Sterbesakramente Buße–Ölung–Viatikum in Buße–Viatikum–Ölung verändert. Dadurch wurde die Ölung also das allerletzte Sterberitual.

 

Siebtens: Es sollten sich sieben Priester an der Salbung beteiligen und es wurde vorgeschrieben, die Salbung solle sieben Tage lang wiederholt werden. Zudem musste die Familie des Sterbenden dem Priester oder, falls mehrere da waren, den Priestern hohe Stuhlgelder bezahlen. Am Anfang der Neuzeit wird das tridentinische Rituale Romanum dennoch nur noch von einem Priester als Spender des Sakramentes sprechen und diese Auffassung setzte sich schließlich durch.

 

Achtens: Es wurde den Priestern im Lauf des Mittelalters untersagt, das Olivenöl selbst zu weihen. Sowieso war dieses Öl in Westeuropa knapp. Die beiden letzten Faktoren trugen gewiss dazu bei, dass die Ölung in Westeuropa ein seltenes Ereignis wurde.

 

Die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts war der Meinung, dass die Krankensalbung nicht von Jesus Christus selber eingesetzt worden war – das war die Bedingung für die kirchliche Sakramentespendung – und dass die Praxis der Letzten Ölung einen scharfen Gegensatz zum Salben der Kranken zur Zeit des Neuen Testamentes (namentlich Jak 5,14-15) und der Frühkirche bildete. Manche Reformatoren waren auch der Ansicht, dass nach der Anfangszeit des Christentums die Gnadengabe, das Charisma der Heilung aufgehört hatte, zu existieren und dass auch aus dem Grund ein kirchliches ‚Heilungsritual‘ überflüssig war. Wegen dieser Argumente wurde die Krankensalbung als Sakramentalfeier abgelehnt und sie verschwand etwa vier Jahrhunderte lang aus dem Gesichtskreis der protestantischen Liturgie.

 

In seiner Auseinandersetzung mit der reformatorischen Theologie hielt das Trienter Konzil (1545–1563) an der damals etablierten Lehre und Praxis des Sakramentes fest.

 

Die Kernstruktur der Krankensalbung im nach dem Trienter Konzil 1614 promulgierten Rituale Romanum ist folgende: Nach dem Gruß spricht der Priester drei Gebete um Segen und Schutz. Dann breitet er seine Rechte über den Kopf der kranken Person und betet, dass „alle Macht des Teufels in dir gelöscht wird“ (… extinguatur in te omnis virtus diaboli …). Danach salbt er Augen, Ohren, Nase, Mund, Hände und Füße – letztere Salbung kann eventuell unterlassen werden – und spricht dabei eine Formel, die Gottes Vergebung der Sünden, die durch die einzelnen Sinne begangen worden sind, betont (Per istam sanctam unctionem et suam piissimam misericordiam indulgeat tibi Dominus quidquid per visum bzw. auditum, odoratum, gustum et locutionem, tactum, gressum). Zum Schluss spricht der Priester drei Gebete zur Heilung des kranken Menschen. Währenddessen sollten die übrigen Anwesenden für den/die Kranke/n beten, z.B. indem sie die sieben Bußpsalmen mit der Allerheiligenlitanei rezitieren. Das Ritual wurde ganz lateinisch vollzogen und fand fast immer im Sterbenskontext statt. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass trotz der veränderten Situation, in der die Salbung seit dem Mittelalter vollzogen wurde – ‚Todesweihe‘ statt Heilungsritual – die Gebete am Ende des Formulars, die älter als die hoch- und spätmittelalterliche scholastische Theologie sind und von Heilung und Genesung sprechen, erhalten blieben. Der Spendeformel, mit ihrem Akzent auf der Sündenvergebung, wurde jedoch eine größere Bedeutung beigemessen als den gerade genannten Formulargebeten. Dies geschah im Besonderen, weil die scholastische Theologie für jedes Sakrament die ‚Form‘ und die ‚Materie‘ festlegte und diese als unentbehrliche Kernelemente betrachtete. Für unser Sakrament waren das die Spendeformel bzw. das Öl.

 

    Um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde im deutschen Sprachgebiet auch bei der Krankensalbung das Monopol des Lateins durchbrochen und es konnte fast die ganze Feier in deutscher Sprache begangen werden. Das sich auf die Macht des Teufels beziehende Gebet und die Spendeformel mussten jedoch lateinisch bleiben.

 

Unter dem Einfluss liturgiewissenschaftlicher und theologiehistorischer Forschung entschied man sich während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), die Ölungspraxis zu reformieren. Es wurde der Name ‚Krankensalbung‘ (unctio infirmorum) bevorzugt sowie dargelegt, dass die Salbung nicht nur Sterbenden vorbehalten war, sondern dass sie auch Kranken und Senioren, die beginnen, in Lebensgefahr zu geraten, gegeben werden konnte. Ebenfalls wurde die Reihenfolge Buße–Viatikum–Ölung wieder in ihre ursprüngliche Form gebracht, nämlich Buße–Ölung–Viatikum. Dadurch wurde wiederum klar gemacht, dass, wie in der Orthodoxen Kirche, nicht die Ölung, sondern die Wegzehrung das eigentliche Sterbesakrament ist. Im Jahre 1972 erschien der neue Ritus für die Krankensalbung. Ein Jahr vorher war bereits das neue Formular für die Segnung des Salböls für die Kranken im Rahmen der ‚Ölweihen‘ während der Chrisammesse am Gründonnerstag erschienen. Andere liturgische Bücher, nämlich das Lektionar, das Messbuch und das Zeremoniale, enthalten noch weitere Bestimmungen über die Ölsegnung an diesem Tag.

 

Laut dem römischen Ordo der Feier ist die Krankensalbung für diejenigen bestimmt, die wegen Krankheit und Alter geschwächt worden sind. Sie dient zum Aufgerichtet-Werden, dies im breiten Sinn des Wortes. Die Krankensalbung kann jedoch auch mit Sterbenden gefeiert werden, wobei dann die Aspekte der Erleichterung, Milderung und Ruhe akzentuiert werden. Die ‚Grundform‘ der Feier, die nun in der jeweiligen Volkssprache stattfindet, besteht aus folgenden Elementen: Gruß, Schuldbekenntnis, Schriftlesung, Fürbitten, Handauflegung, Segens- oder Dankgebet über dem Öl, die Salbung, ein Gebet um Genesung oder ein anderes der Situation entsprechendes Gebet, das Vater Unser sowie der Schlusssegen. Die Salbungsformel spricht von Beistand, Sündenvergebung, Rettung und Linderung. Gesalbt werden die Stirn und die Hände. Nur der Priester darf die Salbung vornehmen. Die Krankensalbung kann auch während der Eucharistie gefeiert werden, zwischen dem Wort- und dem Tischgottesdienst. Weiterhin ist im Fall von Todesgefahr der ritus continuus – das heißt: Beichte, Salbung und Viatikum – vorgesehen.

 

In der realen liturgischen Praxis wird heutzutage jedoch nicht nur das ‚offizielle‘ Formular benutzt, sondern es werden an mehreren Orten auch andere, ‚nicht-offizielle‘ Formulare verwendet. Letztere sind meistens von Theologen oder Priestern verfasst worden, weil sie die Sprache in den römischen liturgischen Büchern als ‚abgehoben‘, und ‚überholt‘ empfinden und der Meinung sind, dass Menschen von heute Begriffe, wie z.B. ‚Heil‘ und ‚Erlösung‘, nicht verstehen. Daher wird in den einschlägigen Formularen eine freiere Sprache benutzt und sie sind in der Regel dem spezifischen Kontext des westeuropäischen kranken Menschen stärker angepasst als das römische Formular.

 

Im griechisch-byzantinischen Teil der Christenheit entwickelte sich die Krankensalbung während des mittel- und spätbyzantinischen Zeitraumes nicht oder kaum zu einem Sterberitual, sondern zu einem anderen Extrem. Hier wurde die oft ‚Gebetsöl‘ (euchelaion) genannte Krankensalbung immer mehr ein allgemeines Ritual zur Vergebung der Sünden. Jede/r orthodoxe Christ/in, egal ob er oder sie körperlich krank war oder nicht, konnte daran teilnehmen. Man findet den Ritus der Krankensalbung in den meisten Euchologien vor. (Ein Euchologion ist ein liturgisches Buch für den Klerus mit den Texten für unter anderem die Sakramente und die Segnungen.) Aufgrund der ausführlichen rituellen Handlungen und Texte der Ölweihe und der Salbung sowie aufgrund der zahlreichen Lesungen, Gesänge und Gebete ist die Krankensalbung in mehreren Euchologien sogar das längste und komplizierteste Ritual der byzantinischen Sakramente. Genauso wie im Westen war vorgeschrieben, dass sieben Priester an der Feier teilnehmen sollen. Am Anfang war sie eng mit dem Morgenlob und der Eucharistie verbunden. Im dreizehnten Jahrhundert wurde sie davon getrennt, aber sie blieb ein Mammutritual.
Doch wurde in Byzanz die Ölung auch für Verstorbene gefeiert. Schon im ersten Jahrtausend wurden in Syrien Tote liturgisch gesalbt. Das lateinische Mittelalter kannte ebenfalls die Totensalbung. Ab dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts entwickelte die griechische Orthodoxie ein Sonderformular der ‚Totenölung‘. Dessen Struktur ist größtenteils die gleiche wie die der gewöhnlichen Krankensalbung, aber das Hauptthema ist hier die Seelenruhe sowie die Sündenvergebung für den/die Verstorbene/n.

 

Heutzutage erfährt die Krankensalbung aufs Neue wichtige Änderungen. Darum werde ich mich nun einigen dieser Änderungen zuwenden. Dabei werden sowohl die römisch-katholische Tradition als auch die evangelische und die ostkirchliche, orthodoxe Tradition zur Sprache kommen.

 

2. Heutige Praxis

 

2.1. Die katholische Tradition

 

Hier werde ich mich auf die Situation in West- und Mitteleuropa konzentrieren, wobei mir diejenige in den Niederlanden und Österreich am besten bekannt ist.

 

Zunächst möchte ich auf ein Element der Kontinuität mit der Vergangenheit hinweisen, nämlich die Krankensalbung als Letzte Ölung. Die Praxis, dass nur Sterbende gesalbt werden, ist in den meisten Pfarrgemeinden noch sehr üblich. Der Name wird zwar häufig angepasst: man spricht dann vom ‚Krankensakrament‘ oder von der ‚Krankensalbung‘. „Versehen mit dem (heiligen) Krankensakrament (oder: Gestärkt durch die Krankensalbung) und in völliger Hingabe an Gott verstarb N.N.“ lautet der Text in mehreren Traueranzeigen. Die Feier findet fast immer in der Wohnung des Sterbenden statt (oder im Krankenhaus oder einer anderen Pflegeanstalt; ich werde gleich darauf zurückkommen). Es kommt gelegentlich - aber recht selten - vor, dass ein/e Sterbende/r im Kirchengebäude mit der Beteiligung der Pfarrgemeinde, als Zeichen der Lebensvollendung, gesalbt wird.

Zudem wird, im Einklang mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums, die Krankensalbung manchmal auch zur Stärkung und Linderung im Fall einer ernsthaften Krankheit gefeiert.

Weiters entwickelt sie sich in vielen Pfarren immer mehr zu einer Feier ‚zur Ermutigung und Stärkung‘ des alten Menschen. In diesem Rahmen werden kollektive Krankensalbungen gefeiert, manchmal während des normalen Sonntagsgottesdienstes, manchmal während einer Sondereucharistie. In einer gemeinschaftlichen Krankensalbung lässt sich die Solidarität der Gemeinschaft besser zeigen und Wärme sich mehr empfinden. Außerdem können in diesem Fall Kranke die Salbung einfacher als Sakrament zur ‚Aufrichtung‘ statt als ‚Versehung‘ empfinden. Die kollektiven Krankensalbungen im französischen Marienwallfahrtsort Lourdes erfüllten dazu eine bedeutende Beispielsfunktion.

 

Es wäre jedoch nicht richtig, diese Feiern als radikalen Bruch mit der Praxis der Letzten Ölung zu sehen. Auf jeden Fall werden sie von vielen Teilnehmenden nicht so empfunden. Aus Gesprächen, die ich während der 1990 Jahre sowie im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends mit vielen Teilnehmenden führte, ergab sich, dass man die Tatsache, dass man bereits gesalbt worden ist, als beruhigend empfand: ein unerwartetes Sterben, ohne dass man zuvor mit der Salbung versehen wäre, sei auf diese Weise ausgeschlossen. So dient die Krankensalbung ebenfalls als eine Art ‚religiöse Lebensversicherung‘. Gleichzeitig jedoch erfahren die Teilnehmenden auch Kraft und Ermutigung. Indem sie gemeinsam mit anderen gesalbt werden, haben sie Gesellschaft und fühlen sich als Schicksalsgefährten. Es gibt jedoch auch einige Leute, die sich nicht auf den ‚Versicherungsgedanken‘ stützen und nur für Aufrichtung und Genesung von ihrem Leiden beten. Ein weiterer Aspekt ist übrigens, dass die gemeinschaftliche Krankensalbung für viele Senioren natürlich auch eine angenehme Unterbrechung des Alltagslebens ist: man trifft sich, plaudert vor und nach der Feier miteinander, trinkt zusammen Tee oder Kaffee, isst Kuchen, usw.  

 

Zur Veranschaulichung werde ich nun einige Beispiele einer gemeinschaftlichen Krankensalbung geben.
Zunächst schildere ich eine Feier in der St. Antonius Abt-Pfarrkirche in der niederländischen Stadt Nijmegen am Mittwochmorgen in der Karwoche 2001. Diese Feier findet einmal alle fünf Jahre statt. Das erste Mal war 1991; nun war es also das dritte Mal. Zuvor wurden namentlich die Älteren zur Teilnahme an der Feier eingeladen. Zur Beruhigung wies der Pfarrer im Pfarrbulletin darauf hin, dass Teilnahme nicht bedeutete, die Gesalbten würden bald danach sterben. Ganz im Gegenteil, es handle sich gerade um Stärkung, betonte er. Daher hieß die Feier selbst ‚Zur gegenseitigen Unterstützung und Ermutigung. Eucharistiefeier mit Kranken- und Seniorensalbung‘. (In kollektiven Krankensalbungen, die ich 2000-2001 in anderen Nijmegener Pfarren erlebte und die entweder während der gewöhnlichen Sonntagsmesse stattfanden oder nicht, hieß die Krankensalbung ‚das Sakrament der Ermutigung‘ und ‚das Sakrament des älter werdenden Menschen‘.) An der Feier an dem bewussten Mittwochmorgen beteiligten sich ungefähr fünfzig Leute, die sich fast alle tief in der dritten Lebensphase befanden. Das statistische Verhältnis zwischen Frauen und Männern war 5:1. Mitglieder der pfarrgemeindlichen Arbeitsgruppe ‚Kranke und Senioren‘ waren da, um zu helfen. Weil der Pfarrer ein Pastoralassistent und kein geweihter Priester ist, war ein Emeritus-Geistlicher gebeten worden, der Feier mit vorzustehen. In der Eröffnungsansprache wurde darauf hingewiesen, dass die Krankensalbung Linderung, Ruhe und Geborgenheit in der Liebe Gottes schenkt. In der vom Pastoralassistent gehaltenen Betrachtung nach den Lesungen stand das Alter im Mittelpunkt. Laut dem Prediger soll es nicht nur als ein negativer Abbau, sondern auch als die positive Vollendung des Lebens betrachtet werden. Jede Person hat ihre eigenen Leiden und trägt ihr eigenes Kreuz. Durch die Krankensalbung können wir das eigene Leiden und unsere Sterblichkeit akzeptieren, Linderung unserer Schmerzen sowie Vergebung unserer Schwächen empfinden, so sagte der Prediger. In den Lesungen kamen Genesung und Vergebung durch Gebet und durch die Ölsalbung (Jak 5, 13-16a) sowie die Ruhe und Linderung für die Erschöpften (Mt 11, 25-30) zur Sprache. Nach der Betrachtung kamen jene, die sich für die Salbung angemeldet hatten – einundzwanzig an der Zahl – nach vorne und setzten sich in einem halben Kreis um den Altar herum. Dort legte der Pastoralassistent ihnen die Hände auf, indem er sagte: „Gottes Hand ruhe auf Ihnen in der Sorge, der Hilfe und dem Mitfühlen vieler Menschen“. Anschließend salbte der Priester sie auf der Stirn und den Händen, während er sagte: „Durch diese Salbung erfülle Sie der Herr mit der Kraft Seines Geistes. Er vergebe Ihnen all Ihre Schwächen, erleichtere die Last Ihrer Jahre und schenke Ihnen ewiges Leben. Amen“. Danach wies der Priester darauf hin, dass diese Krankensalbung die Teilnehmenden auch mit der großen Kirchengemeinschaft verbindet, vor allem mittels der Ölsegnung in der Kathedrale am Gründonnerstag und durch das Sprechen des Glaubensbekenntnisses. Die Bitte um Kraft und Ermutigung kehrte im Gabengebet und im Hochgebet wieder. Am Ende der Feier gab es Sonderfürbitten für die Kranken, die Einsamen, die Alten und die Sterbenden. Nachher fand hinter in der Kirche eine Brotmahlzeit statt.

 

Das zweite Beispiel betrifft eine Krankensalbung in Österreich (28. März 2004). In der Grazer St. Leonhard-Pfarre wird seit dem Anfang der 1980er Jahren jedes Jahr am ‚Krankensonntag‘ nachmittags eine gemeinschaftliche Krankensalbung mit Eucharistie gefeiert. Die daran Interessierten müssen sich zuvor anmelden und können, wenn sie möchten, von der pfarrgemeindlichen Caritas mit Autos abgeholt und zurückgebracht werden. In den ersten Jahren nahmen recht viele Senioren teil; danach wurden es weniger, weil in den Seniorenheimen oder Pflegeanstalten, wo sie wohnen, auch die Krankensalbung gefeiert wird oder eine Bußfeier stattfindet.

Vor der Feier gab es die Möglichkeit, zu beichten. Davon machten etwa fünf bis zehn Personen Gebrauch; drei Priester nahmen die Beichte ab. An der Feier selbst nahmen ungefähr fünfzig Menschen teil. Fast alle waren über sechzig Jahre alt und schwach. Das statistische Verhältnis zwischen Frauen und Männern war 9:1. Auch einige Frauen, die sich um die Senioren kümmerten, nahmen teil. In seiner Eröffnungsansprache betonte der Vorsteher die Zuwendung Jesu zum Menschen, Sein Erbarmen und identifizierte Ihn mit Hoffnung. Die Lesungen betonten den vom Herrn gebahnten neuen Weg (Jes 43,16-21) und die Tatsache, dass Jesus die ‚Ehebrecherin‘ nicht verurteilt, sondern ihr eine neue Chance gibt (Joh 8,1-11). Die Predigt des Pfarrers handelte darüber, dass Menschen, denen es schlecht geht, sich an Gott wenden können. Gott hat immer Zeit und ermöglicht den Neuanfang. Auch in der Krankensalbung wenden schwer Kranke sich zu Gott, weil es ihnen schlecht geht, sagte der Prediger. Danach wurde die Salbung ‚gespendet‘. Alle Älteren ließen sich salben. Von der Caritasgruppe ließ sich auch eine Frau salben, nicht weil sie krank war, sondern zur ‚Prävention‘, wie sie mir später sagte. Nicht nur der Vorsteher der Feier, sondern auch ein anderer Priester nahm die Salbung vor. Sie gingen durch die Bänke, legten die Hände auf – bei mehreren Frauen, die eine Hut trugen, war das übrigens kaum möglich - und salbten Stirn sowie Handflächen und -rücken. Dabei sagten sie: „Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes“ (bei der Salbung auf der Stirn) und „Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf“ (bei der Salbung auf den Händen). Das ist die Formel aus dem römischen Ordo. Sofort nach der Salbung wischten die Priester mit einer Watte das Öl wieder ab. Während der Salbung wurde die Orgel gespielt und es sang eine Sängerin. Nach der Salbung wurden Fürbitten für die Einsamen und Menschen in Not gesagt, merkwürdigerweise nicht für Kranken. Es wurde die Eucharistie gefeiert. Alle kommunizierten. Nach der Feier war im Pfarrsaal ein gemütliches Beisammensein mit Kuchen und Kaffee. Nach etwa einer Stunde wurden die meisten Teilnehmenden wiederum nach ihren Heimen zurückgebracht.

 

In der Grazer Franziskanerkirche wird die Krankensalbung seit drei Jahren alljährlich gefeiert (seit ein neuer Pfarrer – ein ehemaliger Krankenhausseelsorger – da ist, der die Feier der Krankensalbung forciert). Am Samstagnachmittag, dem 19. Mai 2006, 16.00 Uhr, war die Kirche voll. Der Pfarrer sagte in seiner Begrüßung, die Krankensalbung gehöre zur Osterzeit („die Zeit für Sakramente: Firmung, Erstkommunion…“), sie sei für alle, die körperlich oder seelisch leiden. Es gab zwei Lesungen: beide waren vom Tage und handelten über die Liebe bzw. das Liebesgebot (1 Joh 4,7-10 und Joh 15,9-17). In seiner Predigt sprach der Pfarrer über die Bedeutung von Krankheit („ein schwieriges Thema, man kann jedoch darauf hinweisen, dass Jesus für uns gelitten hat“) und er betonte, wie wichtig Krankenpflege und Solidarität mit Kranken sind sowie dass Kranke sich helfen lassen und nicht einsam sind. Auch erwähnte er, wie er sich persönlich immer von dieser Feier berührt fühlt. Dann geschah die Salbung. Es kamen hunderte Menschen (!) nach vorne. Die meisten davon waren Senioren, aber es ließen sich auch mehrere Erwachsene des mittleren wie des jüngeren Alters salben. Gesalbt wurden Stirn und Handflächen, wobei die Formel aus dem römischen Ritual verwendet wurde. Nicht nur der Vorsteher salbte, sondern auch noch zwei dafür hinzugekommene Franziskanerpatres. Der Vorsteher trug eine weiße Kasel, die beiden anderen ihren braunen Talar mit einer weißen Stola. Nur der Pfarrer legte auch die Hände auf (wie im römischen Ordo vorgesehen), die beide andere Patres nicht. Während der Salbung, die geraume Zeit dauerte, spielten zwei Musizierende Teile aus dem Hoboekonzert von Wolfgang A. Mozart. Jede gesalbte Person erhielt ein Gebetszettel mit einem Bild, einem Text über Heilung durch Jesus, einem Gebet, dem Text der Spendeformel und Raum, um den Eigennamen und das Datum auszufüllen und es eventuell vom Priester unterschreiben zu lassen.

 

    Nach der Salbung wurde das Glaubensbekenntnis gesprochen, Fürbitten wurden verlesen und die Gaben bereitet. Als Präfation wurde der Sondertext für Kranken benutzt. Soweit ich sehen konnte, knieten alle beim Hochgebet und setzten sich wiederum nach den Einsetzungsworten. Man sprach das Vater Unser, wünschte einander Frieden und kommunizierte (für die am Altar Stehenden unter beiderlei Gestalt, für die übrigen nur die Hostienkommunion). Der Segen des Pfarrers beendete die Feier um 17.15 Uhr. Alle verließen die Kirche, es gab keine Agape oder Ähnliches. Einige Pflegebedürftige wurden heimgebracht.

 

Am Sonntag, dem 28 Mai 2006, wurde in der Pfarrgemeinde von Graz-Kroisbach zum ersten Mal eine kollektive Krankensalbung gefeiert. Zuvor hatte das Pfarrbulletin mehrere Beiträge über die aufrichtende Bedeutung der Salbung publiziert und in Ankündigungen war schon auf diesen ‚Sonntag der Ermutigung‘ hingewiesen worden. Die Feier selbst hatte die normale Sonntagsstruktur vom Tage, die Lesungen z.B. waren Apg 1,15-17.20a.c.-26 und Joh 17,6a.11b-19. In seiner Predigt erklärte der Pfarrer den wieder entdeckten Stellenwert der Krankensalbung als Zeichen des ganzen Heils statt als ‚Versehganges‘. Er lud eine Frau ein, ein Zeugnis zu geben. Diese sprach darüber, wie sehr während ihrer Krebskrankheit die Salbung sie ermutigt und Ruhe gegeben hatte und wahrscheinlich zu ihrer Genesung beigetragen hatte; ähnliche Erfahrungen berichtete sie über einige ihrer Angehörigen. Dann nahm der Pfarrer das Öl, kam nach vorne und forderte alle, die sich – aufgrund von Krankheit oder Alter – salben lassen wollten, auf, sich mit einem Handzeichen zu melden. Er ging zu jeder Person, legte ihnen schweigend die Hände auf und salbte Stirn und Handflächen, wobei er die dazu vorgesehenen Worte aus dem römischen Ordo sprach.  Es ließen sich etwa 25 Frauen und 2 Männer salben. Die darauf folgenden Fürbitten berücksichtigten die Anliegen von Kranken, Älteren, Einsamen, Armen usw. Es folgte der eucharistische Teil der Messe. Alle gesalbten Personen gingen auch zur Kommunion. Nach der Messe fand draußen, wie üblich bei schönem Wetter, eine Agape statt.   

 

Im Grazer Dom wird bereits seit 25 Jahren am Sonntag vor oder nach Fronleichnam die Krankensalbung während der pfarrgemeindlichen Eucharistie (Beginn: 10.00 Uhr) gefeiert. Nach den Fürbitten (Sonderfürbitten für die Kranken und ihre BetreuerInnen) werden alle, die sich krank, mühselig oder belastet fühlen, für die Salbung eingeladen. Anfänglich nahmen nur wenige teil – die Salbung wäre ja, aufgrund der langen Tradition, nur ‚für die Sterbenden‘ – später jedoch immer mehr. Als ich selber an der einschlägigen Feier am Dreifaltigkeitssonntag 2007 teilnahm, stellte ich fest, dass sich etwa 100 Menschen salben ließen, die meisten von denen Senioren, aber auch Menschen des mittleren Alters. Drei Priester nahmen die Salbung vor. Nachher wurden alle eingeladen zu einer Agape, an der jedoch nur wenige teilnahmen. Der Dompfarrer erklärte die geringe Teilnahme damit, dass ältere Menschen nicht gerne etwas Außergewöhnliches tun: ‚Sonntagsmesse und Mittagsessen ja, aber nicht noch eine Agape dazwischen!‘

 

Am 15. März 2008, am Samstagabend, am Vorabend des Palmsonntags, wurde in der Pfarrkirche Santa Maria Liberatrice (‚Heilige Maria Befreierin‘) im römischen sich am Fuß des Aventinhügels befindenden römischen Stadtviertels Testaccio eine Messe mit Krankensalbung gefeiert. Diese alljährlich um diese Zeit herum stattfindende Feier war zuvor im Pfarrbulletin usw. angekündigt worden. Zunächst wurde das normale Formular der Sonnabendsmesse vor Palmsonntag des A-Jahres benutzt, d.h. ohne Palmsegnung und Prozession, aber mit den Lesungen des Palmsonntags, nämlich Jesaia 50,4-7; Philipper 2,6-11 und die Passionsgeschichte nach dem Matthäusevangelium (Mt 26,14 – 27,66). Nach dem Evangelium kündigte der Pfarrer die Krankensalbung an. Es sammelten sich 16 ältere Menschen vor dem Altar, 13 Frauen und 3 Männer. Der Pfarrer legte ihnen schnell die Hände auf, er sagte dank über dem Öl und las die Fürbitten. Danach salbte er den Stirn und die Hände der 16 vor ihm Stehenden, wobei er die vom Rituale Romanum vorgesehene Formel sprach. Es gab Baumwolle und damit entfernten alle das Öl sofort nach der Salbung. Der Pfarrer sprach das Heilungsgebet aus dem römischen Rituale und alle kehrten zurück zu ihren Plätzen im Schiff. Die Messe wurde fortgesetzt mit dem Glaubensbekenntnis, den Fürbitten und dem übrigen Ablauf.      

 

Das so genannte ‚Sakrament der Ermutigung‘ für Senioren stößt auch auf den Widerstand einiger alter Menschen. In einer niederländischen Pfarre, wo jedes Jahr eine gemeinschaftliche Krankensalbung gefeiert wird, waren am Anfang alle Pfarrangehörigen, die über siebzig Jahre alt waren, persönlich zur Teilnahme eingeladen. Nicht wenige von ihnen waren böse und sagten: „Was meinen die Veranstalter: dass wir schon sterben, schwach sind …?!“ Seitdem steht im Bulletin dieser Pfarre nur eine allgemeine Einladung, und man kann sich dann anmelden.

 

Einige Pfarrer und Theologen betrachten die allgemeine Salbung zur Ermutigung alter Menschen als eine Abwertung. Sie halten die erneuerte Sicht der Krankensalbung für einen Betriebsunfall der katholischen Liturgiereform und sind der Ansicht, dass die Kraft dieses Sakramentes an erster Stelle in der Sterbesituation klar wird. Ihrer Meinung nach gäbe es kein geeignetes Ritual in der Todesstunde mehr, wenn die Krankensalbung vor allem für Kranke und Senioren da ist und nicht für die Sterbenden. Meiner Ansicht nach kann die Krankensalbung sowohl in der einen als auch in der anderen Situation gefeiert werden. Es ist nicht ‚entweder – oder‘, sondern ‚sowohl – als auch‘.

 

Dass die Krankensalbung ein ambivalentes Ereignis ist, ergab sich aufs Neue nach einem katastrophalen Brand in einer Kneipe im berühmten holländischen Touristenort Volendam in der Neujahrsnacht 2001, bei dem fünfzehn Jugendliche starben und viele schwer verletzt wurden. Der dortige Pfarrer salbte einige Opfer mit Öl und sagte dazu, dass er das nicht mache, weil die Betroffenen schon bald sterben würden, sondern als Hilfe im Kampf ums Überleben, den sie führen mussten.  
Die Krankensalbung wird auch manchmal gefeiert in Fällen, wo jemand mittels aktiver Euthanasie sterben möchte. Es ist klar, dass die Salbung hier als Letzte Ölung dient: körperliche Genesung ist unmöglich. Ziemlich viele Pfarrer fühlen sich hier in einer sehr prekären Situation, weil aktive Euthanasie der offiziellen Kirchenlehre widerspricht. Aus einer Untersuchung des Fernsehprogramms Kruispunt (‚Kreuzung‘) des niederländischen katholischen Rundfunks KRO, die am 18. März 2001 präsentiert wurde, ergab sich, dass die meisten Pfarrer über dieses Thema nicht vor der Kamera reden wollten. Nur drei taten es. Sie sprachen über die Spannung zwischen der Lehre und dem Leben und zwischen dem eigenen Gewissen und dem ‚bestellten Tod‘.

 

In den Krankenhäusern ist die Krankensalbung noch immer eine sehr wichtige Aufgabe der Seelsorger, egal ob das nun die Krankenhausseelsorger oder die von außen kommenden Pfarrgemeindeseelsorger sind. Manche von ihnen verrichten über tausend Krankensalbungen pro Jahr. Gelegentlich werden Beichte, Salbung und Viatikum hinter einander gefeiert. Meistens betrifft es auch hier wiederum die traditionelle Letzte Ölung, also die ‚Versehung‘. Das Sakrament wird in diesen Fällen oft eilig vollzogen, manchmal mitten in der Nacht, während die Person, um die es sich handelt, das Bewusstsein bereits verloren hat. Die engsten Angehörigen sind oft dabei. Übrigens wird nur eine Minderheit der römisch-katholischen bald sterbenden Patienten gesalbt. Die meisten von ihnen versterben ohne ‚Versehung‘. Manchmal wird wegen der Familie, als Zeichen des Trostes und des Abschiedes, ein gerade verstorbener Patient noch gesalbt. Übrigens versterben im heutigen Westeuropa 80% aller Menschen in einer Einrichtung, obwohl 80% lieber daheim sterben möchten. Das üblichste Sterberitual ist zurzeit die Schmerztherapie, man könnte sie die ‚ärztliche Letzte Ölung‘ (Reimer Gronemeyer) nennen.

 

    Sehr problematisch ist die Tatsache, dass gerade die Angehörigen eines sterbenden Patienten oft nicht wollen, dass ihre Mutter, ihr Vater gesalbt wird. Sie betrachten die Salbung als Zeichen des bevorstehenden Todes und den Priester als Todesherold. „Es ist noch nicht so weit“, „später bitte“, bis es eigentlich zu spät ist ... Die Angst der Familie vor dem Verlust einer geliebten Person und die Unfähigkeit darüber zu kommunizieren verhindern eine angemessene Feier der Krankensalbung.

 

Es gibt auch andere Möglichkeiten in Krankenhäusern und sonstigen Pflegeanstalten: Die Krankensalbung wird gelegentlich am Anfang des Sterbeprozesses als ‚Proviant für unterwegs‘ gefeiert. Es kommt auch regelmäßig vor, dass sie zur Stärkung und Linderung, beispielsweise vor einer Operation, also ohne dass der Patient schon sterbend ist, gefeiert wird. Ein besonderes Beispiel ist die Feier im Fall der Alzheimerkrankheit. Dann kann sie zur Stärkung des/der Kranken und dessen/deren Partner/in dienen und eventuell ebenfalls den Übergang von der vertrauten Wohnung ins Pflegeheim markieren.

Es finden in Krankenhäusern und anderen Pflegeanstalten übrigens nicht nur individuelle, sondern auch kollektive Krankensalbungen statt.  

Der tatsächliche Vorsteher bei der Salbung ist längst nicht immer ein Priester. Das ergibt sich in Westeuropa im Besonderen in den großen Krankenhäusern, wo die Seelsorgeteams meistens sowohl aus Katholiken als auch Protestanten, sowie sowohl aus Geweihten als auch Nicht-Geweihten bestehen. Die Seelsorger und Seelsorgerinnen pflegen oft eine enge Zusammenarbeit, auch im liturgischen Bereich; die Stationen sind oft unter den Mitgliedern des Seelsorgeteams verteilt. Vielen Patienten macht es nichts mehr aus, ob sie von einem Priester, einem Pastoralassistenten, einer Pastoralassistentin oder einem/einer evangelischen Pfarrer/in pastorale Sorge, einschließlich der liturgischen Feiern, bekommen. Es geht ihnen um die Zuwendung und das Vertrauen, nicht um die Konfession. Darum kommt es regelmäßig vor, dass Pastoralassistenten und -innen Kranke mit Öl salben. Zudem kommt es in Ländern mit einer konfessionell gemischten Bevölkerung, wie in Deutschland und den Niederlanden, sogar manchmal vor, dass evangelische Pfarrer/innen, die die Krankensalbung aufs Neue entdeckt haben, römisch-katholische Kranke mit Öl salben. In den Niederlanden führte diese Praxis sogar dazu, dass im Dezember 2000 ein für die gradlinige Anwendung der römischen Richtlinien eintretender Pfarrer (damals Pfarrer an der deutschen Grenze liegenden Kleinstadt Millingen am Rhein, nun Weihbischof der Diözese Herzogenbusch), ein gerichtliches Eilverfahren gegen das akademische Krankenhaus der Katholischen Universität Nijmegen (Radboudziekenhuis) und gegen eine dort tätige reformierte Pfarrerin einleitete. Der katholische Pfarrer forderte, der Richter solle es verbieten, dass die evangelische Pfarrerin künftig römisch-katholische Patienten salben würde. Der Richter war jedoch der Meinung, dass die Pfarrerin, die sich, wie sie aussagte, den Patienten immer als evangelische Pfarrerin vorstellte, nicht unrechtmäßig gehandelt hatte, und verwarf die Forderung des Millinger Pfarrers. Anlässlich dieser Sache verfasste der Diözesanbischof von Herzogenbusch, Mgr. Anton Hurkmans, im Februar 2001 einen Brief an Krankenhäuser und Pflegeanstalten in seinem Bistum, in dem er darlegt, eine Feier, der kein amtlicher Priester, sondern ein ‚Nicht-Zuständiger‘ vorsteht, sei kein ‚gültiges Sakrament‘.

 

    Es kommt ebenfalls gelegentlich vor, dass katholische Pfleger/innen nicht mehr versuchen einen Seelsorger bzw. eine Seelsorgerin zu erreichen, sondern selbst Sterbende salben, z.B. mit Lavendelöl.

Die Vorsteherfrage wird wiederum anders beantwortet in manchen Feiern bei Menschen zu Hause, wobei nicht nur der/die Kranke, sondern auch alle anderen Anwesenden mit Öl gesalbt werden und nicht nur der Pfarrer salbt, sondern auch alle Teilnehmenden einander salben.

 

Für den Ablauf der Feier werden unterschiedliche Formulare benutzt: sowohl das ‚offizielle‘ als auch ‚nicht-offizielle‘ Formulare. Der offizielle römische Ordo aus dem Jahr 1972 ist in die meisten europäischen Sprachen übersetzt worden. Die in der editio typica vorgesehene Möglichkeit, Anpassungen vorzunehmen, ist jedoch in einigen Sprachgebieten nicht in Anspruch genommen. Das trifft zum Beispiel (leider) für die erste Ausgabe des niederländischen Rituales zu; die zweite Ausgabe enthält einige Ergänzungen. Die deutsche Übersetzung (mit einigen Anpassungen) erschien im Jahr 1975, die zweite Ausgabe 1994.

 

Laut den römischen liturgischen Büchern findet die Ölsegnung im Dom am Gründonnerstag während der Chrisammesse statt. Hier wird nicht nur das Katechumenen- und das Krankenöl gesegnet und das Chrisam geweiht, sondern müssen die Diözesanpriester auch ihr Treueversprechen dem Bischof gegenüber erneuern. Bei diesem Anlass gibt es Sonderlesungen, die sowohl die Salbung als auch das Priestertum thematisieren (Jes 61,1-3a. 6a.8b-9; Offb 1,5-8; Lk 4,16-21). Die Zwischengesänge sind Ps 89,21-22,25,27 (Antwortgesang: Vs. 2a und Jes 61,1). Die Öle werden am Anfang des eucharistischen Gottesdienstes feierlich hineingetragen und vorgestellt. Das Krankenöl wird während des Hochgebetes, kurz vor seinem Ende, geweiht. Im Segensgebet wird um die Ankunft des Heiligen Geistes über dem Öl gebetet, damit Er Körper, Seele und Geist schützt und Schmerzen und Krankheit vertreibt.  (Die beiden anderen Öle werden erst nach dem Schlussgebet geweiht, wobei im Besonderen das Sprechen oder Singen des Gebetes über dem Chrisam feierlich gestaltet wird.) Um eine Feier mit sämtlichen Gliederungen der Diözese zu ermöglichen, werden in mehreren Bistümern – zum Beispiel in den niederländischen Bistümern Rotterdam und Haarlem-Amsterdam – die Öle schon am Mittwochabend gesegnet. In den beiden genannten Bistümern nehmen Vertreter/innen aller Pfarren sowie der Krankenhäuser – nicht nur Pfarrer sondern auch Krankenschwestern und Pfarrgemeinderäte – an der Feier teil, gehen in Prozession zum Bischof und holen die Öle bei ihm ab. Auch in der österreichischen Diözese Graz-Seckau wird die Chrisammesse bereits am Mittwoch am Nachmittag gefeiert, damit möglichst viele Priester und Diakone konzelebrieren können. Die Öle werden hier nachher von Vertretern der Pfarrgemeinden (meistens Pfarrern) im nahe gelegenen Priesterseminar abgeholt.

 

Das Krankenöl besteht übrigens, wie das Katechumenenöl, aus reinem Olivenöl, während Chrisam eine Mischung von Olivenöl mit einem Duftstoff darstellt.   

 

In der charismatischen Erneuerungsbewegung, der nicht nur Katholik/inn/en sondern auch evangelische Christ/inn/en angehören, werden die Ölsalbung und die Handauflegung, gemeinsam mit Gebet, als Rituale zur Genesung des ganzen Menschen praktiziert: zur Gesundung körperlicher Übel und geistiger Leiden sowie zur Vergebung von Sünden und Schwächen. Es werden regelmäßig Heilungsgottesdienste veranstaltet, in denen kirchliche Amtsträger vorstehen und das heilende Auftreten Jesu Christi thematisiert wird. Zudem gibt es so genannte ‚Nicht-Sakramentalfeiern‘ der Krankensalbung als auch offizielle ‚Sakramentalfeiern‘ der Krankensalbung. In einigen Kreisen beschränkt man sich auf die letztgenannte Feiergestalt.

 

In der Altkatholischen Kirche erlebte ich am 10. Juni 2007 (in dem Jahr ‚Sonntag für die Kranken‘) eine Heilige Messe mit Krankensalbung. Am Anfang der Messe wurden einige Texte von Karin Leiter gemeinsam gelesen (Nr. 295, 296 aus „Spurensuche“). Als Lesungen dienten die für den heutigen Tag vorgesehenen aus dem Lektionar (1 Kön und Lk ‚Nain‘). Nach der Predigt lud der Priester alle ein nach vorne zu kommen. Es waren etwa 12 Menschen da. Zunächst legte der Priester alle, die nach vorne gekommen waren (8), schweigend die Hände auf. Dann salbte er alle auf die Handfläche und sprach dabei die vom Rituale vorgesehenen Worte. Der Pfarrer ließ sich auch selbst die Hände auflegen und die Hände salben. Dies wurde vom auch teilnehmenden Emeritus-Pfarrer vorgenommen. Währenddessen spielte eine CD meditative Hintergrundsmusik. Dann wurden spezifische Fürbitten verlesen. Es folgten das Glaubensbekenntnis und die Eucharistie. Nachher wurde gemeinsam Kaffee getrunken und geplaudert.

 

    Der Pfarrer erzählte mir, dass dies jetzt zum ersten Mal in Graz geschah. Der Emeritus-Pfarrer fügte hinzu, dass er selber lange gezögert hatte, um sich salben zu lassen, weil die Salbung so eng mit dem Sterben verbunden scheint, aber dass er nachher froh darüber war.

 

2.2. Die evangelische Tradition

 

Nach der Jahrhundertlangen Ablehnung erstand während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts innerhalb der reformatorischen Kirchen mehr Aufmerksamkeit für die Krankensalbung, sowohl auf der Ebene der Forschung als auch auf der der Seelsorgepraxis. (Ich beschränke mich hier auf die ‚klassische‘ Reformation. In den Pfingstkirchen existieren das Salben von Kranken, das Eintauchen von Tüchern in Öl, um Kranke damit zu bestreichen, und Ähnliches schon viel länger.) Diese Wiedergeburt der Krankensalbung muss in der allgemeinen Neuentdeckung liturgischer Elemente durch reformatorische Pfarrer/innen und Theolog/inn/en positioniert werden. Während lange Zeit dem gesprochenen und gehörten Wort (vor allem Bibel und Predigt) ein viel höherer Stellenwert als den nichtverbalen Zeichen beigemessen wurde und die Amtshandlungen der Kasualien (Trauung, Beerdigung) eher für weniger wichtig als der Predigtgottesdienst gehalten wurden, erlebten die Kasualien am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eine Wiederbelebung und wurden immer mehr als ‚Segensraum‘ betrachtet.

 

Ökumenische Kontakte und die Erforschung der Traditionen anderer Kirchen förderten diese liturgische Bewegung. Die große Aufmerksamkeit für Körperlichkeit, leibliches Wohlsein, Wellness und menschliche Selbstentfaltung in der heutigen westlichen Welt tragen wahrscheinlich zum Interesse für die Krankensalbung bei.

 

In Deutschland spielte vor allem die Evangelische Michaelsbruderschaft eine wichtige Rolle in der Rückkehr zu den liturgischen Quellen, auch in der Wiederentdeckung der Krankensalbung. Im Jahr 1987 gab die Nordelbische Kirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Handreichung für den Krankensegen und die Krankensalbung heraus. Auch andere Mitglieder der EKD haben die Salbung empfohlen, wie zum Beispiel die Badische Landeskirche. Krankensalbung in ihrer neuen 1994 erschienenen ‚Agende‘ für Krankenliturgie, Dienst an Kranken, auf. Das Formular der VELKD, mit dem Titel Krankensegnung [mit Krankensalbung], sieht folgendermaßen aus. Der/die Kranke wird in seinem/ihrem Zimmer begrüßt und es wird ein Eröffnungswort, in dem auf den Text des Jakobusbriefes über die Krankensalbung (Jak 5,14-16) hingewiesen werden kann, gesprochen. Dann wird Ps. 23 oder ein anderer geeigneter Psalm verlesen. Nach einer eventuellen Beichte werden die Seligpreisungen (Mt 5,3-10) oder ein anderer Bibeltext gelesen. Danach spricht der Pfarrer oder die Pfarrerin ein persönliches Wort. Darauf folgt ein Gebet, in dem Gott um Hilfe, Stärkung und Heilung gebeten wird. Dieses Gebet ist frei und soll den jeweils unterschiedlichen Umständen angepasst werden. Dann kommt der Krankensegen, der mit einer Salbung einhergehen kann. Der Segen wird mit Handauflegung gegeben. Die eventuelle Salbung (mit purem Olivenöl) geschieht auf der Stirn und den Händen. Im Vergleich zum Gebet sind die Gebärden jedoch sekundär; das Wort bleibt an erster Stelle stehen. Als Formel beim Segen und bei der eventuellen Salbung hat die vorstehende Person die Wahl aus vier Möglichkeiten. In den ersten zwei werden Gottes Beistand und das Aufgerichtet-Werden der/des Kranken betont. Das dritte Gebet ist dem Ritus der Konfirmation entnommen und bittet um Gottes Schutz; das vierte Gebet ist der aaronitische Segen (Num 6,24-26). Das Thema der Sündenvergebung fehlt sowohl im Gebet als auch in den Formeln. Nach dem Krankensegen kann man, wenn man will, das Abendmahl feiern. Ein Dankgebet, das Vater Unser und der Schlusssegen beenden die Feier. Dieser Gottesdienst kann ebenfalls mit Sterbenden stattfinden. In diesem Fall liegt der Akzent dennoch auf der Linderung des Leidens; die Bitte um die Nähe Gottes und die um die Aufnahme in das ewige Leben kommen hinzu. Der Krankensegen mit Salbung kann auch in der Kapelle oder Kirche während eines besonderen Gottesdienstes für Kranke oder eines normalen Gottesdienstes stattfinden. Übrigens darf auch jede/r gut vorbereitete Krankenbesucher/in die Segnung sowie die Salbung vornehmen.

 

2001 waren in evangelischen Pfarrgemeinden 20.000 Exemplare dieser Agende verbreitet worden. In evangelischen Krankenhäusern und Pfarrgemeinden wird regelmäßig die Krankensalbung gefeiert. Wenn eine sterbende Person das Abendmahl – obwohl in der protestantischen Tradition die Wegzehrung im katholischen und orthodoxen Sinne unbekannt ist, ist die Feier des Abendmahles am Krankenbett das Sterbesakrament – nicht mehr empfangen kann, dient die Ölsalbung manchmal als Abschiedsritual. Es kommt auch vor, dass ein Pfarrer erschöpfte Menschen salbt, zum Beispiel Feuerwehrleute, die nach einem Einsatz ‚kaputt‘ sind und dann in einem kurzen Segnungsgottesdienst gesalbt werden.

 

Ferner besteht in einigen Großstädten großes Interesse an den so genannten ‚Thomasmessen‘ für Menschen, die sich am Rande oder außerhalb der Kirche befinden. Während der Thomasmesse in Bremen werden denen, die um einen persönlichen Segen bitten, von einem Mitglied des liturgischen ‚Teams‘ die Hände aufgelegt. Auch ‚Laien‘ können Teammitglied sein. Die Stirn und die Hände der Person, die sich den Segen wünscht, werden kreuzförmig mit Öl gesalbt. Die dazugehörige Formel bittet um Gottes Segen. Die Thomasmesse ist während der 1980er Jahre in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands zur Erneuerung des liturgischen Lebens gestaltet worden. Gebet, Fürbitte sowie die Abendmahlsfeier stehen im Mittelpunkt. In der Agricola-Kirche Helsinkis – das ‚Zentrum‘ der Thomasmesse – werden Kranke und andere Personen, die sich in einer Lebenskrise befinden, auf ihren Wunsch hin mit Öl gesalbt. Dies wird sowohl von Pfarrern als auch von Laien, denen der Bischof genehmigt hat, bei der Abendmahlsfeier zu assistieren und die oft eine pastorale Ausbildung haben, vorgenommen.

 

Inspiriert von den anglikanischen Heilungsgottesdiensten (siehe unten) ergriffen im Besonderen seit den 1990er Jahren ebenfalls in Deutschland einige Pfarrer/innen die Initiative, ‚Salbungsgottesdienste‘ zu feiern. Oft empfinden die Initiatoren die gewöhnlichen Sonntagsgottesdienste als ‚fad‘, zu verbal und zu rationalistisch; sie wollen mehr Aufmerksamkeit für ‚den ganzen Mensch‘ und dessen andere Sinne sowie für Freiheit und Experimente in der Liturgie. Waldemar Pisarski zum Beispiel – er ist Pfarrer in der Bayerischen Landeskirche und gleichzeitig Gestalttherapeut und Supervisor in der Klinischen Seelsorgeausbildung – legt dar, dass (und wie) Gottes Ja zu unserem Leben, in einem Salbungsgottesdienst erfahren werden kann. Ein solcher Gottesdienst ist jedoch keine Fertiglösung. Daher empfiehlt er Übungen im Alltagsleben, wodurch man sich der eigenen Leiblichkeit, der eigenen Spannungen und Gefühle, des Umgangs zwischen Körper und Seele usw. bewusst werden kann.

 

Zur Vorbereitung auf einen solchen Gottesdienst wird in einem Team Ehrenamtlicher, unter der Leitung des Pfarrers oder der Pfarrerin, die biblische Bedeutung von Öl erforscht und übt man sich im delikaten und intimen Prozess des Berührens und Salbens.

 

Der Salbungsdienst findet im Kirchengebäude statt, vorzugsweise an einem Samstag- oder Sonntagabend. Die ganze Gemeinde ist eingeladen. Laut Pisarski besteht die Struktur des Gottesdienstes aus vier Teilen:
a. Eröffnung: leise Musik, Stille, Willkommen-heißen, Lied, Meditation und Gebet;

 

b. Verkündigung: Kurzpredigt über die ‚Freundlichkeit‘ Gottes;

c. Salbung: Lesung über die Frau, die Jesus salbt – in der Markusversion (Mk 14,3-9), Dankgebet über dem Öl, Salbung und Gebet;

 

d. ‚Geleit nach draußen‘: Fürbitten, Vater Unser, Schlusssegen und Kollekte.

 

In den Gebeten und Liedern wird der Lobpreis betont: nicht nur der ‚klassische‘ Lobpreis, wie in Ps 103,1-2, sondern auch das Lob der Phantasie, des Nein-Sagen-Könnens sowie der Stille. Die Salbung selbst findet auf einer so genannten ‚Salbungsstation‘ oder ‚Salbungsinsel‘ statt: ein Stuhl mit einem Hocker, worauf eine brennende Kerze und ein Schälchen Öl stehen. Das Öl ist Olivenöl, dem eventuell ein Duftöl, wie Bergamottöl, hinzugefügt worden ist. Das ‚Salbungsteam‘ besteht aus drei Menschen: einer davon salbt und die beiden anderen stehen hinter der zu salbenden Person und legen als Zeichen der Unterstützung ihre Hand an ihren oder seinen Rücken. (Sie legen ihre Hand also nicht auf den Schultern; es geht um Rückenstärkung). Die salbende Person fragt zunächst nach dem Vornamen und salbt dann die Stirn und die Handflächen mit Zeig- und Mittelfinger. Dabei sagt er oder sie: „N.N., ich salbe dich im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Eine längere Version lautet: „N.N., ich salbe dich im Namen Gottes, des Vaters, der dich geschaffen hat“ (bei der Stirn), „im Namen des Sohnes, der dich erlöst hat“ (bei der einen Handfläche), „im Namen des Heiligen Geistes, der dein Leben mit Farbe und Leidenschaft füllt” (bei der anderen Handfläche). Danach führt die salbende Person die Hände des Gesalbten zusammen und spricht einen Segens- und einen Friedenswunsch.

 

Lasst uns nun den Blick auf die anglikanische Gemeinschaft richten. Während des zwanzigsten Jahrhunderts war die Krankensalbung das Thema umfassender Studien in der Church of England. Es wurden mehrere Formulare für die Salbung in Umlauf gebracht. Das geschah sowohl von den Synoden von Canterbury und York (in den Dreißigerjahren) als auch von Pfarrern und Gruppierungen, die beabsichtigten, den kirchlichen Heilungsdienst zu fördern; unter diesen Gruppen befand sich die 1915 gegründete anglo-katholische Sankt Rafaelzunft. Ich werde mich hier auf die neuen offiziellen liturgischen Bücher seit dem Jahr 1980 beschränken.

 

Im Alternative Service Book aus dem Jahr 1980, das Alternativfeiern für The Book of Common Prayer anbietet, findet man ein Formular für die Segnung der Öle am Gründonnerstag vor. Der Gottesdienst beginnt mit einer Eröffnungssentenz (Apk 1,6) und der Kollekta. Diese (neue) Kollekta, in welcher um die Salbung mit dem Heiligen Geist gebetet wird, basiert auf die Aussage des Petrus, dass Gott Jesus mit heiligem Geist und Kraft gesalbt hat (Apg 10,38-39). Darauf folgen Ps 89,19-30, Ps 133 sowie drei Lesungen (Jes 61,1-9; Jak 5,13-16a [oder Apk 1,5b-8]; Lk 4,16-21). Diese Lesungen sind fast identisch mit denen der römischen Chrisammesse. Weiters gibt es eine Eigenpräfation und eine Sentenz nach der Kommunion (2 Kor 1,22). Ein Gebet zur Segnung der Öle sucht man vergebens. Auch wird nicht erwähnt, dass es der Bischof ist, der die Segnung vornimmt. Die Anweisung, dass die liturgische Farbe weiß ist, fehlt jedoch nicht.
Das Alternative Service Book hilft dem Bedarf an einer Ordnung der Krankensalbung selbst nicht ab. Diese ‚Lücke‘ wurde 1983 mit dem Erscheinen von Ministry to the Sick gefüllt. Das Material dieses Krankenrituals wurde gemeinsam mit anderen Texten in die neueste anglikanische Agende, Common Worship, die seit Ende 2000 in Gebrauch ist, aufgenommen. In diesem Buch nehmen die Formulare für einen Gottesdienst um Ganzheit und Genesung, einschließlich der Krankensalbung, einen prominenten Platz ein. Wichtige Ausgangspunkte dabei sind, dass Ganzheit und Genesung an die bei der Taufe bekommene Vergebung und Erneuerung gekoppelt werden; dass es um leibliches, emotionelles, geistliches und soziales Ganz-Sein sowie um Befreiung von den Mächten des Bösen geht; dass das Heil-Werden des Menschen, schwach und verwundbar wie er oder sie ist, zwar zur Frohbotschaft Jesu gehört, aber dass körperliche Genesung nicht immer Gottes Plan ist; dass es keinen einfachen Kausalzusammenhang zwischen Krankheit und Sünde gibt; und dass das Gebet um Genesung die Medizin nicht ausschließt.

 

Die so genannte ‚Feier der Ganzheit und Heilung‘ (Celebration of Wholeness and Healing) ist vor allem für die Diözesan- und die Dekanatsebenen gedacht. Vorsteher ist der Bischof oder ein Priester, wenn möglich mit der Assistenz anderer. Nach dem Gruß und der Kollekta, die größtenteils mit der der Segnung der Öle aus dem Alternative Service Book identisch ist, wird aus der Heiligen Schrift gelesen. Zunächst liest man aus dem Alten Testament, danach kommen ein Psalm, eine Epistel und ein Evangelium; es gibt viele Wahlmöglichkeiten. Darauf folgen die Predigt, Fürbitten zum Herrn des Lebens, eine Gewissenserforschung und Bußübung, die Absolution, ein Gebet über dem Öl, Handauflegung und die Salbung. Die letztgenannte soll mit purem Olivenöl erfolgen. Das Öl kann bereits am Gründonnerstag vom Bischof gesegnet sein oder wird während der Feier selbst gesegnet, bzw. geweiht. (Manche, namentlich Hochkirchliche, sprechen lieber von ‚Weihe‘; andere, vor allem Niederkirchliche, ziehen ‚Segnung‘ oder gar kein der Salbung vorangehendes Gebet über dem Öl vor; oft werden jedoch diese Ausdrücke durcheinander benutzt.) Das Formular bevorzugt die Ölsegnung während der Feier selbst. Die Salbung geschieht kreuzförmig auf die Stirn. In der Salbungsformel werden die Vergebung und Heilung durch Christus sowie seine Liebe und Gnade, Ganzheit und Friede des Vaters betont. Dann wird, wenn man will, das Abendmahl gefeiert. Während des Gottesdienstes werden auch Hymnen gesungen. Zum Schluss wird das Vater Unser gebetet und wird die Gemeinde unter anderem mit einem Sendungsevangelium und einem Friedenswunsch entlassen.

 

Auch bei einer Eucharistie in der eigenen Pfarrkirche können die Handauflegung und die Salbung stattfinden. Beide Ritualhandlungen folgen hier dem Wortgottesdienst. Während der eucharistischen Liturgie gibt es Sonderpräfationen, ein spezielles Gebet nach der Kommunion und eine Sonderform der Entlassung. Weiters ist es möglich, dass bei der gewöhnlichen Pfarreucharistie das Gebet für bestimmte Personen mit einer Handauflegung und einer Salbung einhergeht. Das ist bei den Fürbitten, bei der Kommunion oder am Ende der Feier möglich. Es ist ebenfalls möglich, während des sonntäglichen Morgenlobes oder Abendlobes eine Danksagung für den kirchlichen Heilungsdienst einzufügen. Die wichtigsten Teile dieser Danksagung sind eine Schriftlesung, z.B. Jak 5,13-16a, Gebete, Fürbitten und eine eventuelle Handauflegung gemeinsam mit der Salbung mit geweihtem Öl. Außerdem gibt es die Möglichkeit, dass Handauflegung und Salbung an anderen Orten geschehen: in einem Krankenhaus oder beim Kranken zu Hause, und zwar während der Eucharistie oder des Austeilens der Kommunion. Außer der Stirn können auch die Hände gesalbt werden.

 

Die Krankensalbung wird in Common Worship möglichst stark in der Gemeindefeier positioniert. Feiern im kleinen Kreis, nur mit dem Kranken bzw. der Familie usw., sind zwar möglich, aber von der Gemeindefeier hergeleitet. Des Weiteren fällt es bei einem Vergleich zwischen der Handauflegung und der Salbung auf, dass auf die letztere mehr Gewicht gelegt wird. Jeder oder jede dazu bevollmächtigte Laie kann die Hände auflegen, aber die Salbung darf nur von einem Priester verrichtet werden. Die Handauflegung ist informeller, hat eine weniger komplizierte Natur und kann häufiger vorgenommen werden. Oft soll man sich für die Salbung zuvor anmelden, wird der Name der zu salbenden Person verlesen und betet die Kirchengemeinschaft für sie oder ihn. Übrigens ist die genaue Zahl der Pfarren, in denen mindestens einige Male pro Jahr die Krankensalbung während des Sonntagsgottesdienstes, im Lauf der Woche oder an einem besonderen Tag, wie am Sankt Lukastag (18. Oktober), gefeiert wird, unbekannt, aber sie wird auf 10 bis 25% geschätzt. Unter diesen Pfarrgemeinden finden sich sowohl solche, die mit der charismatischen Bewegung sympathisieren, als auch ‚evangelikale‘.

 

Common Worship bietet ebenfalls die Möglichkeit, dass Sterbende mit geweihtem Öl gesalbt werden. Der Salbung gehen ein Versöhnungsritual, Schriftlesungen und Gebete voran; die Kommunion und das Anvertrauen der sterbenden Person an Gott folgen ihr. Die Salbungsformel in diesem anglikanischen ritus continuus spricht von Unterstützung durch den Herrn, von Vergebung, Loslassen und ewigem Leben.

 

Auch andere Kirchen innerhalb der anglikanischen Gemeinschaft, wie die Episkopale Kirche in den Vereinigten Staaten von Amerika, haben die Krankensalbung angenommen.

 

Das amerikanische episkopale Gottesdienstbuch The Book of Common Prayer aus dem Jahr 1979 enthält eine Ordnung der Handauflegung und Krankensalbung als Privatfeier zur Genesung. In einer wachsenden Anzahl von Pfarren – die genaue Zahl ist mir nicht bekannt – ist dieser Gottesdienst eine öffentliche Feier geworden, nämlich ein Mal pro Monat als Bestandteil der Sonntags- oder Wochentagseucharistie.

 

In der neuen Agende Enriching Our Worship 2 aus dem Jahr 2000 ist die fakultative Krankensalbung Teil eines ‚öffentlichen Heilungsdienstes‘ (public service of healing). Der Aufbau dieses Gottesdienstes ist Gebet, Lesungen, Fürbitten, ein Bekenntnis von Sünden und/oder Bedürfnissen, Handauflegung mit eventueller Salbung und Eucharistie. Bei der Handauflegung und der Salbung hat man die Wahl aus mehreren Formeln. Das Öl soll vom Priester geweiht werden oder schon zuvor vom Bischof geweiht sein. Die Salbung wird in der Praxis auch von Laien mit der Gabe, Krankheiten zu heilen, verrichtet. Zudem bietet die neue Agende weiterhin die Gelegenheit zur Krankensalbungsfeier bei Kranken zu Hause oder in einem Krankenhaus bzw. einer Pflegeanstalt. Die Handauflegung mit allfälliger Salbung bei Sterbenden und Personen, deren ärztliche Behandlung beendet wird, ist ebenfalls vorgesehen.

 

Auch die britischen Methodisten, die Kirche Schwedens, die Protestantische Kirche in den Niederlanden (ein 2004 zu Stande gekommener Zusammenschluss der Niederländisch-Reformierten Kirche, der Reformierten Kirchen in den Niederlanden und der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Königreich der Niederlande), die amerikanischen Lutheraner und die amerikanische Baptistenkirche United Church of Christ – meine Übersicht ist bei weitem nicht vollständig – haben mittlerweile die Krankensalbung in ihre neuen liturgischen Bücher integriert. In einigen Gruppierungen der multiethnischen amerikanischen United Methodist Church ist es üblich, dass die vorstehende Person während des Sonntagsgottesdienstes die Teilnehmenden am Altar mit Öl salbt. Das geschieht zum Beispiel in Gottesdiensten mit einem philippinischen ethnischen Charakter – die Salbung erfolgt dort während eines Gebetes um Genesung des Leibes, des Geistes und der Seele – sowie in manchen afro-amerikanischen Gottesdiensten. In liberianisch-amerikanischen methodistischen Gemeinschaften findet die Salbung mitten in der Woche, nicht während des Sonntagsgottesdienstes statt. In den indianischen (Native American) methodistischen Gemeinschaften benutzt man übrigens nicht Öl, sondern Rauch. Das Smudging-Ritual beinhaltet, dass eine Person, die Genesung oder Segnung braucht, in Rauch von Sweetgrass (eine spezielle nordamerikanische Räucher-Pflanze, die nach Vanille duftet), Salbei oder Zedernholz gehüllt wird, indem der Vorsteher den Rauch vom brennenden Feuer mit einer Feder zu der Person, um die es geht, hinfegt. Dieser Rauch steht sowohl für das Gebet als auch für die Präsenz Gottes. Auch Häuser können durch das Smudging-Ritual gesegnet werden.

 

Neben Begeisterung bei vielen evangelischen Christ/inn/en gibt es bei anderen Protestanten noch Unbehagen und Ängstlichkeit: Angst einerseits vor ‚katholischem Ritualismus‘ und Magie und andererseits vor den sensationellen Heilungsgottesdiensten der amerikanischen Pfingstbewegung, die nicht nur auf geistliche Erweckung, sondern auch sehr auf körperliche Genesung hinzielen. Deswegen sind gute Aufklärung und Erklärung innerhalb der Reformata sehr wichtig, meinen die Befürworter des Salbungsrituals. Man weist ebenfalls auf die Realität hin, dass nur einige körperlich gesund werden und dass am Ende alle sterben werden.

 

Viele evangelische Theolog/inn/en und Pfarrer/innen nennen die Krankensalbung ein ‚Ritual‘ oder eine ‚Symbolhandlung‘ und vermeiden den Ausdruck ‚Sakrament‘. Manche anglikanische Theolog/inn/en nennen die Krankensalbung schon ‚sakramental‘; andere Anglikaner jedoch ‚quasi-sakramental‘.

 

Die evangelische Unerfahrenheit in Bezug auf die Krankensalbung kreiert ein Aufgeschlossen-Sein für neue Wege und Richtungen. So geht man in einigen Kirchen, wie zum Beispiel in der VELKD (aber nicht in der Kirche Englands), mit der Frage, wer die Salbung verrichtet, großzügig um. Das tut man ebenfalls mit der Frage, wer die Empfangenden sind, nämlich Kranke im Allgemeinen. Einige Theologen befürworten sogar, dass alle Anwesenden gesalbt werden, weil auch die angeblich Nicht-Kranken die Beschränktheit des Lebens empfinden und durch die Salbung die Gemeinschaft mit der kranken Person gestärkt wird. Gelegentlich plädiert man auch dafür, dass sämtliche Anwesenden einander salben. Zudem wird auf den Wert des Berührens und auf die Bedeutsamkeit des Ölduftes hingewiesen.

 

2.3. Die ostkirchliche orthodoxe Tradition

 

Aufgrund der großen Vielfalt innerhalb der weltweiten Orthodoxie werde ich hier nur die Situation in Griechenland besprechen. In jenem Land ist die Orthodoxie die vorherrschende Religion. Die Krankensalbung wird dort in den meisten Fällen nicht für körperlich Kranke gefeiert. Viele Leute ‚machen‘ die Krankensalbung mit dem Pfarrer bei ihnen zu Hause während der ersten drei Tage der Karwoche. In Pfarr-, Bischofs- und Klosterkirchen findet die Feier am Mittwoch der Karwoche oder am Gründonnerstag statt. (Das Letztgenannte trifft auch auf die anderen Orthodoxen, auch auf die in Österreich lebenden, zu.) Ebenfalls feiert man oft die Salbung kurz vor Weihnachten oder vor dem pfarrgemeindlichen Patronatsfest. Man tut das vor allem zur Vorbereitung auf die Kommunion während des Festes selber. (Die häufige Kommunion wird in der Orthodoxie kaum praktiziert; aber wenn man schon zur Kommunion geht, bereitet man sich meistens gründlich mittels Fastens, sexueller Enthaltung und Beichte vor.) Zudem sehen viele in der Krankensalbung ein Mittel, das dem Wohlergehen dient (gia to kalo), sowohl dem eigenen Wohlsein als auch dem der Familie, des Hauses usw. Die Krankensalbung kann also eigentlich jederzeit gefeiert werden.

 

Die Krankensalbung im Fall einer Krankheit oder des Sterbens kommt vor allem noch auf dem Land vor. Es betrifft dann nicht nur leibliches Leiden; auch im Fall schwerer Depressionen oder anderer seelischen Erkrankungen feiert man manchmal die Krankensalbung. In den griechischen Städten ist im Fall des Krankseins die Salbung infolge der Säkularisierung fast völlig von der modernen Medizin verdrängt worden. Immer mehr Griechen sind der Meinung, dass in der modernen Zeit Krankheiten nicht mit einer Ölung, sondern nur mit einer ärztlichen oder psychiatrischen Behandlung bekämpft werden müssen. Ferner bewirken die große Unkirchlichkeit und die Tatsache, dass es ziemlich viele ‚Mammutpfarren‘ gibt – manche Pfarrgemeinden zählen schon 100.000 ‚Seelen‘ – sowie die zunehmende Anonymität, dass der Abstand zwischen dem Klerus und dem ‚Volk‘ in den Städten größer ist als am Land, und dass in den Städten daher relativ weniger Menschen in der Pfarrkirche um Feiern wie die Krankensalbung bitten. Außerdem sind viele, die keine theologische Ausbildung haben, der Ansicht, dass die Krankensalbung eben zu Ostern und Weihnachten gehört und dass diese Feier an erster Stelle dem allgemeinen Wohlsein der Teilnehmenden und des ganzen Hauses dient. So kommt die Krankensalbung in einen Teufelskreis hinein.

 

Wenn die Krankensalbung schon im Fall einer körperlichen Krankheit gefeiert wird, dann handelt es sich oft um eine Krankheit, die das Leben des Kranken direkt bedroht. Der Priester wird meistens nicht bereits in einer frühen Phase der Krankheit gerufen, einerseits wegen der Angst vor dem Tod und der Unfähigkeit, darüber zu kommunizieren, andererseits weil der Priester gerade mit dem Sterben identifiziert wird: er bringt ja auch das Viatikum, das Sterbesakrament par excellence. Übrigens existiert im Besonderen auf dem Land eine Reihe anderer Rituale bei Krankheit. Ich nenne hier nur die kleine Wasserweihe, den Bittgottesdienst, die Exorzismen, die ‚Befreiung vom bösen Blick‘ und die Wallfahrt.

 

Zudem wird die Krankensalbung bei besonderen Gelegenheiten gefeiert, namentlich beim Beziehen einer Neubauwohnung; manchmal als Problemlösung, zum Beispiel bei Beziehungsproblemen; und weiters noch als Bußübung.

 

Das Formular selbst besteht aus vier Teilen. In der Einführung werden unter anderem Pss 143 und 51 (Septuaginta: 142 und 50) gelesen sowie der Kanon und einige andere Troparienarten gesungen. Darauf folgen die Friedenslitanei, die Ölweihe und wiederum Troparien. Der dritte Teil besteht aus den ‚Zyklen der sieben Priester‘. In jedem Zyklus werden eine Epistel, ein Evangelium, Fürbitten sowie zwei Gebete verlesen und wird die kranke Person gesalbt. Zum Schluss wird ein Vergebungsgebet gesprochen und findet die Entlassung statt. In der Praxis gibt es jedoch nur einen Priester-Vorsteher, wird der Gottesdienst erheblich gekürzt und werden die Anwesenden meistens nur am Ende der Feier gesalbt. Mit dem geweihten Öl salben die Teilnehmenden später Angehörige, Freunde und sich selbst.

 

Der locus proprius dieses mystêrion – das griechische Wort für Sakrament – ist Krankheit. Die Lesungen, Gebete und Gesänge des orthodoxen Formulars schildern, wie Gott sich um den gefallenen und kranken Mensch kümmert und ihn wieder aufrichtet. Gott wird angefleht, den Leib und die Seele des leidenden Menschen zu segnen und zu heilen. Zwischen der Theorie und der tatsächlichen, nicht (oder kaum) im Fall von Krankheit stattfindenden Praxis dieses Sakramentes klafft also eine Kluft. Die meisten griechischen Theologen und Priester verneinen diese Kluft. Sie legen dar, dass Sünde und Krankheit, Vergebung und Genesung, Körper, Seele und Geist untrennbar mit einander vereinigt sind; dass jeder Mensch sündigt und daher krank ist; dass niemand völlig leiblich gesund ist; dass jeder oder jede an einer verborgenen Krankheit leiden dürfte; und dass Prävention besser als Heilung ist.

 

    Des Weiteren gibt es das Sprachproblem. Weil die Feier im Altgriechischen stattfindet, können die meisten Teilnehmenden den Inhalt der Texte schwer verstehen und wird die heil-machende Dimension der Krankensalbung leider oft nur wenig als solche empfunden.  

 

Zusammenfassend lässt sich aus dieser – natürlich unvollständigen – Übersicht dreier großer christlicher Traditionen folgern, dass die Situation, in der die Krankensalbung stattfindet, die Bedeutung, die ihr beigemessen wird, die Art, wie sie gefeiert wird, und die Vorsteherfunktion unterschiedliche Strukturen kennen und dass diese auch heutzutage neuen Entwicklungen unterworfen sind.

 

3. Diskussionspunkte

 

Zum Schluss möchte ich auf einige Aspekte, die Diskussion und mehr Erforschung benötigen,  hinweisen. Ich beschränke mich hier auf drei Punkte: die Situation, die Theologie und den Vorsteher dieses Sakramentes in der Römisch-Katholischen Kirche.

 

Zunächst die Situation. Es ist empfehlenswert zu untersuchen, ob die Salbung allen, die sich körperlich und geistig krank und in einer Krise fühlen, also allen Kranken im breiten Sinne, nicht nur den in ihrer Gesundheit ernsthaft angegriffenen Senioren und in körperlicher Hinsicht Schwer-Kranken gegeben werden kann. Außer dem authentischen ‚Glaubensgebet‘ sprechen Handauflegung und Salbung mit Olivenöl die sinnliche Erfahrung des kranken Menschen sehr an und sind in der Lage, das Ganz-Werden zu fördern. Die Kirche verfügt hier über Schätze, die leider viel zu wenig benutzt werden. In vielen New Age healing workshops sind Salbung, Handauflegung und der Gebrauch unterschiedlicher Duftöle sehr beliebt. Ferner werden in zahllosen Werbungskampagnen allerlei Art Salböle für die Gesundheit, für eine bessere Haut oder um jung, attraktiv und gut geübt zu bleiben, angepriesen. Die Medikamente der Kirche gehören einer anderen Dimension an, aber dieses alte Medikament, ‚im Namen des Herrn‘ benutzt, hat ebenfalls eine sinnliche Dimension und verdient mehr Werbung.

 

Ganz im Allgemeinen tut eine Salbung mit Olivenöl oder mit einem anderen pflanzlichen Öl gut, sie pflegt die Haut und macht den Körper geschmeidig. Wenn dem Öl Duftstoffe zugefügt worden sind, vermag das für die Nase eine herrliche Wirkung zu haben. Das bei der Krankensalbung benutzte Öl soll daher spürbar sein. Oft befindet sich das Öl jedoch in kleinen dichten Behältern, wird kaum sichtbar auf Hände und Stirn angebracht und gleich nach der Salbung mit einer Watte von Stirn und Händen wieder entfernt. Was für ein Unterschied zur frühkirchlichen Praxis. Damals durfte man sich – laut einigen alten Ordines – nach der Taufe acht Tage lang nicht waschen, weil das Öl nicht entfernt werden durfte! Ich möchte nicht unbedingt empfehlen, dass wir uns so lange nicht waschen, aber es ist gut, wirklich – sinnlich – zu spüren, dass wir gesalbt worden sind, und das Öl einige Zeit in die Haut hineinwirken zu lassen.

 

Die sinnliche Erfahrung des kranken oder sterbenden Menschen wird durch die Gebärden der Salbung mit Olivenöl und der Handauflegung sehr angesprochen. Dazu kommt das Gebet, das die Gebärden ins Licht Gottes stellt, die gesalbte Person dem ewigen Schoß des Erbarmens anvertraut. Auf diese Weise ist die Krankensalbung in der Lage, das Ganz-Werden der kranken oder durch Alter sehr geschwächten Person oder des sterbenden Menschen zu fördern. Ganz-Werden ist jedoch sehr unterschiedlich aufzufassen. Es hängt von der konkreten Lage ab. In manchen Fällen ist es angemessen, den Genesungsaspekt zu betonen, in anderen Fällen um einen guten Tod zu beten.

 

Zweitens verdient die Bedeutung des Rituals, besser gesagt: die Theologie dieses Sakramentes, mehr Studium. Es betrifft hier Aspekte, wie die Krankensalbung als Ritual zur Genesung des ganzen Menschen; als Feier der Begegnung zwischen Gott und Mensch und zwischen Menschen unter einander in einer Krisensituation, in der das Gebrochen-Sein und die Kontingenz des Daseins am eigenen Leib empfunden werden; als Feier, in welcher die ‚Menschenfreundlichkeit‘ (Philanthropia) Gottes durch uns vermittelt werden kann; oder als Sakrament, das die kranke Person für das Gottesmysterium aufgeschlossen macht und gleichzeitig Kraft verleiht. Dies symbolisieren übrigens nicht nur die Zeichen der Salbung und der Handauflegung und das authentische ‚Glaubensgebet‘, sondern es müssen hier auch gute Seelsorge und liebevolle Versorgung durch Verwandte, Freunde und Freundinnen sowie durch Pflegepersonal, Ärzte und – last but not least – Angehörige der Glaubensgemeinschaft als unentbehrlich genannt werden. Beten und Liturgie dürfen keine isolierten Akte sein. Gottesdienst und Gebet einerseits und Caritas und Diakonie andererseits gehören zusammen. Ohne Caritas läuft die Liturgie Gefahr, nur ‚dröhnendes Erz‘ (1 Kor. 13,1) zu werden. Kontemplation und Aktion sollten nicht ohne einander geschehen. Feiern mit Kranken und Sterbenden einerseits und Pflege und Sorge für sie andererseits sind untrennbar miteinander verbunden. Wir dürfen nicht nur fromm beten, spirituell ‚dort oben‘ sein, wir sollen auch ‚hier unten‘ sein. Aber wir brauchen gleichzeitig das Gebet, die Liturgie, eine Oase, um uns zu erholen, wir brauchen Wasser für unterwegs. Der Friede Christi wird uns nicht nur im Gebet mitgeteilt, er ist nicht nur ein Teil der Eucharistie beim Friedenswunsch; er steht auch für sozialen Einsatz sowie für Kampf gegen Unrecht und Ausbeutung, zum Beispiel, wenn aus finanziellen Gründen in Pflegeeinrichtungen keine Zeit oder nicht genug Aufmerksamkeit für sterbende Patienten da ist. Die Pax Christi ist umfassend.

 

Auch gute Information über die Bedeutung der Salbung ist erforderlich. Hier ist das Beispiel geistlicher Würdenträger wichtig. Papst Paul VI., während dessen Pontifikat die Reform der Krankensalbung innerhalb der Katholischen Kirche stattfand, wurde erst auf seinem Sterbebett gesalbt und nicht zuvor, als er ernsthaft krank war. Papst Johannes Paul II. wurde nach dem lebensbedrohlichen Attentat im Mai 1981 mit dem heiligen Öl gesalbt (13. Mai 1981). Obwohl er vor allem seit der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre an ernsthaften körperlichen Krankheiten (Parkinson …) litt, wurde er damals nicht gesalbt. Für die Akzeptanz der ‚neuen‘ Bedeutung der Krankensalbung wäre es ein wichtiges Beispiel gewesen, wenn der Papst sich hätte salben lassen, ohne bereits auf dem Sterbelager zu liegen. Erst nach dem schweren Herz-Kreislauf-Zusammenbruch, als die Ärzte bekannt gaben, sie könnten nichts mehr für den sterbenden Papst tun, empfing er am 31. März 2005 wiederum die Krankensalbung sowie die Wegzehrung. Am Abend seines Todes (2. April 2005) erhielt er während der Messe, die an seinem Lager zelebriert wurde, nochmals die heilige Salbung sowie die Kommunion.

 

Die Last der Vergangenheit, nämlich die Krankensalbung als Letzte Ölung und der Priester als Herold des Todes, wird aber noch eine Weile mitgeschleppt werden müssen. Übrigens darf man die Praxis der Letzten Ölung nicht nur negativ deuten, denn sie war und ist noch immer ein bedeutendes Übergangsritual beim Sterben.

 

Die dritte Bemerkung betrifft den minister proprius dieses Sakramentes. Wer sollte der Feier vorstehen? Wer steht der Feier tatsächlich vor? Der Vorsteher bei der Krankensalbung ist vielerorts ein Priester; anderenorts wird die Salbung von anderen ‚gespendet‘. Aufgrund des zunehmenden Priestermangels auf dem Lande ist es nicht immer leicht, dort einen Priester für diese Feier zu finden. Einige Priester klagen darüber, dass sie vor allem im ‚Sakramentenspendungseinsatz‘ tätig sind und kaum noch Zeit für etwas anderes haben. Besonders in vielen großen Krankenhäusern Westeuropas lässt sich folgende Praxis beobachten. Dort bestehen die Seelsorgeteams meistens sowohl aus Katholiken als auch Protestanten, sowohl aus Geweihten als auch Nicht-Geweihten, sowohl aus Männern als auch Frauen. Die dortigen Seelsorger/innen pflegen oft eine enge Zusammenarbeit, auch im liturgischen Bereich; die Stationen sind oft unter den Mitgliedern des Seelsorgeteams aufgeteilt. Vielen Patient/inn/en macht es nichts mehr aus, ob sie von einem katholischen Priester, einem Pastoralassistenten, einer Pastoralassistentin oder einem/einer evangelischen Pfarrer/in seelsorgerlich betreut werden, einschließlich der liturgischen Feiern. Es geht ihnen um die Zuwendung und das Vertrauen, nicht um die Konfession. Darum kommt es regelmäßig vor, dass Pastoralassistenten und -innen Kranke und Sterbende mit Öl salben oder dass in Ländern mit einer konfessionell gemischten Bevölkerung, wie in Deutschland und den Niederlanden, evangelische Pfarrer/innen, die die Krankensalbung aufs Neue entdeckt haben, manchmal römisch-katholische Patienten mit Öl salben. Es gibt dennoch auch große Krankenhäuser mit einer anderen einschlägigen Praxis, wie z.B. das Wiener AKH oder das Grazer LKH. Dort ist prinzipiell ein Priester-Krankenhausseelsorger immer in der Nähe, um wenn der Bedarf da ist, die Krankensalbung zu feiern. Wichtig bleiben jedoch auch hier eine hervorragende klinisch-seelsorgerliche Ausbildung, eine überzeugende liturgische Performance und insbesondere Kooperationsfähigkeit im pastoralen Team.

 

    Die Diskussion über die Vorsteherfrage in der Katholischen Kirche hängt nicht nur mit dem wachsenden Priestermangel in Westeuropa und der heutigen Amtsproblematik zusammen, sondern sie wird auch von der Tatsache genährt, dass es im Lauf der Geschichte unterschiedliche Vorsteherfunktionen gab. Wie gesagt, liegt in der Frühkirche der priesterliche liturgische Moment bei der Segnung des Öls, nicht bei der Salbung selbst. Die Rückkehr zu dieser altchristlichen Praxis würde die Diskussion über den Vorsteher bei der Salbung in ein anderes Licht setzen. Man könnte sich vorstellen, dass die vom Bischof vorgenommene Segnung des Krankenöls während der Chrisam-Messe in der Karwoche ‚aufgewertet‘ wird. (Die Kombination von Ölsegnung und Erneuerung der Bereitschaftserklärung zum priesterlichen Dienst während dieser Messe wird übrigens von einigen Liturgiewissenschaftlern für fragwürdig gehalten: in der Chrisammesse müsste ihrer Meinung nach die Ölsegnung im Mittelpunkt stehen, aber in der Praxis tritt diese oft zu Gunsten des erst im Zuge der postvatikanischen Liturgiereform eingeführten priesterlichen Treueversprechens zurück. Sie kritisieren also, anstelle der Öle seien die Kleriker in den Mittelpunkt gerückt worden.) Damit die Verbindung zwischen der bischöflichen Ölsegnung und der pfarrgemeindlichen Praxis klarer zum Ausdruck kommt, ist es wichtig, dass die gesegneten Öle in der Pfarrkirche vorgestellt werden, zum Beispiel während der Abendmahlsmesse am Gründonnerstag und dass dann auch für die, die im Lauf des Jahres damit gesalbt werden, gebetet wird. Empfehlenswert ist ebenfalls ein geeigneter und gut sichtbarer Ort im Kirchengebäude für die Aufbewahrung der Öle. In der Kathedrale von Dubrovnik zum Beispiel befindet sich dazu im Altarraum eine Nische mit dem Text Ave sanctum oleum (‚Sei gegrüßt, heiliges Öl‘) und einer Darstellung der Auferstehung Christi. Leider wird diese aus dem 17. Jahrhundert stammende Nische heute nicht mehr benutzt. In manchen Pfarrkirchen findet man seit einigen Jahren Neugestaltungen solcher Aufbewahrungsorte in einer Seitenkapelle oder im Altarraum.

 

Es gibt einige dringende Diskussionsfragen, zum Beispiel, ob es wünschenswert ist, dass alle, die im Namen der Kirche in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen für die dortige Seelsorge und Liturgie zuständig sind, die Salbung verrichten können. Man könnte hier das Beispiel des Austeilens der Kommunion durch Laien heranziehen. Eine andere Frage wäre, warum der Diakon taufen darf, aber nicht die Kranken salben. Ein Gegenargument wäre, dass die Krankensalbung mit der Beichte zusammenhängt. Man muss jedoch darauf hinweisen, dass die Ohrenbeichte heutzutage recht selten geworden ist, dass ihre Funktion oft von gemeinschaftlichen Bußfeiern und anderen (oft außerkirchlichen) Ritualen übernommen worden ist – jedenfalls erleben viele Katholiken dies so; auf die sakramenten- und praktisch-theologischen Aspekte der kirchlichen Versöhnungsrituale kann ich hier nicht eingehen –, und dass auch die Taufe ein Sakrament der Sündenvergebung ist. Die meisten westeuropäischen katholischen Liturgiewissenschaftler sind jedenfalls der Ansicht, die ‚Spendevollmacht‘ bei der Krankensalbung solle nicht auf den Priester beschränkt bleiben. Zudem könnte man untersuchen, ob die Teilnehmenden, wie in der Frühkirche, auch einander salben können. Dies ist auch in der Orthodoxen Kirche üblich. Die Sakramente der Orthodoxen Kirche werden von der Katholischen Kirche voll anerkannt, einschließlich der Krankensalbung und ihrer Feiergestalt. Die Westkirche hat im Lauf der Jahrhunderte viele liturgische Elemente von der Ostkirche übernommen. Sie könnte sich auch in dieser Hinsicht ‚orientieren‘. Die römische Glaubenskongregation hat dennoch im Februar 2005 bestimmt, dass nur ein Priester die Salbung spenden darf und dass „an dieser Lehre endgültig festzuhalten sei“ (definitive tenenda). Trotzdem ist festzustellen, dass die diesbezügliche Diskussion weitergeht.

 

Neben theologischen Argumenten spielen in dieser Diskussion auch Identitätsaspekte eine Rolle: Was ist die Identität des Priesters, die von Pastoralassistenten, -innen usw.? „Wie erlebe ich als Priester meine eigene Identität?“ „Wie ist meine eigene Rolle als Pastoralassistent/in?“ Es gibt hier häufig auch Unsicherheiten und gelegentlich Ängstlichkeit, unter anderem in offiziellen kirchlichen Instruktionen. Es sollten offene Gespräche darüber forciert werden.

 

    Übrigens ist eine gute andere Möglichkeit, die zurzeit weniger Diskussion hervorruft, die Segnung mit Weihwasser statt einer Ölsalbung. Wasser erquickt und erfrischt. Das Segnen der Stirn der kranken Person mit Weihwasser und das ‚Gebet des Glaubens‘ können ebenfalls die tröstende Anwesenheit Gottes klarmachen. Auch die wohltuende Handauflegung ist natürlich nicht nur Priestern vorenthalten. Generell ist sie ein Zeichen der Annahme und Zuwendung. Es kann eine wunderbare Erfahrung sein, wenn eine Person, der man vertraut, unseren Kopf in den Händen hält und uns alles Gute und Zuversicht wünscht. Durch diese Gebärde können auch Inspiration, Leben, Kraft und manchmal sogar Macht übertragen werden; in diesem Sinn ist die Handauflegung in der Bibel ein wichtiges sinnliches Zeichen der Heilung, des Segnens und auch von Beauftragung. Heutzutage werden in vielen Ländern – unter anderem in den USA, den Niederlanden, Deutschland und Österreich – Krankenschwestern, Ärzte, Physio- und Psychotherapeuten sowie Hebammen in Therapeutic Touch (TT) ausgebildet, weil auch in diesen Berufsklassen die Einsicht gewachsen ist, dass Patient/inn/en durch heilsame Berührung mit den Händen sich besser fühlen und so deren Genesung forciert wird.

 

Epilog
Die dunkle Nacht, Suchen und Zweifel gehören ebenso zum religiösen Leben wie der helle Tag und die Gewissheit, dass es Gott gibt und dass wir in der Liebe Gottes ‚wunderbar geborgen‘ sind (frei nach Dietrich Bonhoeffer). Die Begegnung zwischen Gott und Mensch in der Liturgie der Krankensalbung trägt auf vielfältige Weise zur Heilung bei und kann ein relevanter Faktor in unserem Ganz- und Gesundwerden sein, wenn wir auch oft nicht wissen – aufgrund der Unzulänglichkeit unserer Gotteserkenntnis – wie dies geschieht.

 

Zum Referenten:

 

Univ.-Prof. Dr. Basilius J. Groen ist Professor am Institut für Liturgiewissenschaft, Christliche Kunst und Hymnologie der Universität Graz.

 

 

Artikelempfehlungen

30.11.2013, Roger Lenaers SJ   Das Kommunionverbot für wiederverheiratete Geschiedene ist offensichtlich ein...
18.05.2011, Anton Kolb   Im Rahmen der Veranstaltung "Kirche wohin?" am 13. Mai 2011 in Graz hielt em. Univ.- Prof. Dr...
15.01.2009, P. Wolfgang Seibel SJ   Das Zweite Vatikanische Konzil und die weitere Entwicklung. Text eines Vortrags von...