Die örtliche Gemeinde als Institution

03.02.2010, Erzbischof Albert Rouet

 

Meine erste Veröffentlichung hat die Geschichte und Entwicklung der örtlichen Gemeinden in der Diözese Poitiers dargestellt. Von ihrer Errichtung und ihrem Leben zu erzählen, reicht aber nicht. Vielerorts behauptet man ja: »Wir machen es doch genauso wie in Poitiers!« Schaut man genauer hin, stößt man freilich auf erhebliche Unterschiede: Wahlen werden weggelassen und der Priester benennt allein die Verantwortlichen, die Aufträge haben keine zeitliche Befristung, nicht alle wichtigen Tätigkeiten sind gewährleistet usw. Wo man so verfährt, handelt man nach eigenem Wunsch und Können. Man sollte dann aber sagen, dass man sich bei den örtlichen Gemeinden in Poitiers Anleihen holt und nicht, dass man das Gleiche tut!

 

Denn hinter den örtlichen Gemeinden steht eine stimmige Konzeption und Logik, kurz: eine Institution. Der Begriff ist gefallen! Er hat keinen guten Ruf: Institution, das klingt nach Kälte, Härte, nach Establishment, wenn nicht sogar nach Lebensfremdheit und Unbeweglichkeit. Alle Sündenfälle Kanaans! Leider ist diese Kritik nur allzu oft begründet; und doch übersieht sie wichtige Aspekte des Lebens, die man nicht vergessen darf. Um es klipp und klar zu sagen: Die örtlichen Gemeinden sind instituiert.1(Anm. d. Übers.) Im Folgenden wird das französische »instituer« mit dem im Deutschen vorwiegend in wissenschaftlicher Fachsprache gebrauchten Wort »instituieren« wiedergegeben, da das gebräuchlichere Wort »instituationalisieren« den Sinn von »in eine feste, auch starre Institution verwandeln« hat und die französische Bedeutung von »gründen« bzw. »errichten« verloren ginge. Der Beweis: Sie haben präzise Regeln bekommen und werden nach einem liturgischen Ritus errichtet.

 

Vom guten Gebrauch einer Institution

Ein Körper braucht ein Knochengerüst, um Halt zu haben und sich zu entwickeln. Der Körper existiert nicht ohne Skelett. Das Knochengerüst allein
ergibt nicht mehr als einen verdorrten Kadaver. Ähnlich ist es mit der Institution:
Sie bildet das Gerüst, mit dessen Hilfe ein Körper sich aufrecht halten und gehen kann. Unsere Zeitgenossen neigen dazu, dem Individuum die Priorität zu geben, ihm maßgebliche Bedeutung zuzusprechen. Das schützt die Einzelperson zwar vor sozialem Druck, macht sie aber auch wehrlos und setzt sie als einzelne den raschen Veränderungsprozessen der Gegenwart aus. Institutionen ziehen heute das Misstrauen auf sich, weil man befürchtet, dass sie dem Einzelnen Lasten aufbürden und seinen Spielraum verkleinern. Menschen sehnen sich nach wie vor nach Beziehungen, aber nach Beziehungen ihrer Wahl; und sie ersehnen und erträumen sich Gemeinschaft. Doch im Konkreten weicht die Begeisterung allzu oft der Enttäuschung. Träume haben den Schlägen des Lebens wenig entgegenzusetzen.

 

Die Institution objektiviert zwischenmenschliche Beziehungen. Sie legt für jeden eine befristete Beauftragung und zusammen mit der übertragenen Verantwortung auch die Bedingungen ihrer Ausübung fest. Darüber hinaus schafft sie einen Rahmen, der mögliche Konflikte eingrenzt bzw. die Mittel zu deren Lösung bietet. In der Regel sind Christen es nicht gewohnt, die unvermeidlich auftretenden Konflikte auszutragen. Der Priester diente als Vermittler. Im Übrigen, so meinte man, würde die Zeit das ihre tun, damit die Dinge sich beruhigen. Der Rahmen vorgegebener Regeln ist aber der normale Ort, um miteinander im Gespräch zu bleiben und für Schwierigkeiten Lösungen zu suchen – ähnlich wie es im frühen Christentum vorgesehen war (vgl. Mt 18,15–18). Daran orientieren wir uns in Poitiers.

 

Außerdem geht es darum, sicherzustellen, dass die Strukturen ihrer pastoralen Zielsetzung gerecht werden. Sie sind nicht um ihrer selbst willen da. Es gibt Strukturen, die eine Evangelisierung behindern, und andere, die sie fördern. Die Struktur hat keinen Wert an sich, erst in ihrer Anpassung an eine konkrete Situation zeigt sich ihre Relevanz. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Verband fragte, wie die Leute ihren Glauben leben, und wollte dabei von den akuten Problemen in ihrem sozialen Umfeld ausgehen. Die Reaktion eines Seelsorger: »Wir haben euer Problem verstanden, kommt zu unserem Relais.«2((Anm. d. Übers.) Vgl. zum Begriff »Relais« Anm. 3 im Beitrag »Auf dem Weg zu einer erneuerten Kirche« von Albert Rouet.) Eine merkwürdige Reaktion! Das »verstandene« Problem soll woanders gelöst werden. Man nimmt es den Betroffenen aus der Hand; genauer gesagt, die Lösung soll nicht mehr dort gesucht werden, wo die Schwierigkeit erlebt wird, sondern weiter »oben«. Sicherlich kann ein Ortswechsel manchmal den Horizont erweitern und den für die Analyse nötigen Abstand schaffen, nur haben die Beteiligten bzw. Betroffenen ihrerseits das Relais weder gewollt noch gewählt. Man enthebt sie der Verpflichtung, ihr Problem selbst zu lösen, und verweist sie an eine andere Stelle. Im konkreten Fall sind die Leute dort gar nicht erst erschienen. Und warum nicht? Weil eine Institution nicht funktioniert, wenn die Betroffenen nicht einverstanden sind und zustimmen. Ein Christ hat dazu einmal sehr treffend gesagt: »Im zwischenmenschlichen Maßstab spürt man, dass man den anderen braucht. Wenn allerdings der Maßstab zu groß ist, kümmert man sich nur noch allein um die eigenen Angelegenheiten.« Beim Organisieren einer Diözese geht es nicht in erster Linie um Verwaltung, vielmehr soll deutlich werden, in welcher Weise die Beziehungen unter den Christen auf das allen Menschen angebotene Heil hinweisen.

 

Mit anderen Worten: Eine Institution lässt sich nicht trennen von ihrer Funktionsweise. Beide Seiten dürfen aber auch nicht vermischt werden, sodass sie sich wechselseitig verstärken. Das geschieht dann, wenn eine Institution um ihres eigenen Selbsterhaltes willen nur eine einzige Funktionsweise zulässt. Eine solche Vermischung kann vermieden werden. Dazu ist einerseits klarzustellen, was zur Institution als solcher gehört und die hier und jetzt beteiligten Personen überdauern soll, andererseits ist zu klären, wie im Einklang mit dem Ziel der Institution für ihre Flexibilität, Entwicklung und Anpassung gesorgt werden kann. Damit stellen sich zwei Aufgaben, die zwar zusammenhängen, die aber getrennt voneinander zu betrachten sind: die Frage nach Wesen und Bestand der Institution und die Frage nach einer kohärenten und lebendigen Funktionsweise. Das Knochengerüst erlaubt den freien Gang, solange man sich nicht durch einen Fehltritt das Bein bricht! Ebenso stehen auch die Strukturen im Dienst der Pastoral. Sie haben für den Übergang von dem flächendeckenden Netz der territorial in Pfarreien gegliederten Diözese zu einem Netzwerk aus Beziehungen zwischen den Menschen zu sorgen. Und eben hier liegt das ehrgeizige Ziel der örtlichen Gemeinden.

 

Zwei Beispiele können dieses Ziel veranschaulichen. Das erste stammt aus einem Dorf mit 400 Einwohnern. Schon vor 30 Jahren war dort die Dorfschule geschlossen worden und die 28 Kinder des Ortes gingen in Nachbardörfern zur Schule. Die Equipe der örtlichen Gemeinde beschloss, die Kinder und ihre Eltern zusammen einzuladen. Zum Treffen erschienen 22 der Kinder, und es bildete sich eine Katechesegruppe. Doch das Überraschendste war: Es war der Bürgermeister, der das Treffen leitete. Dabei zählt er nicht gerade zu den tragenden Säulen des kirchlichen Lebens und hatte auch keineswegs vor, gegen die Prinzipien der Laizität zu verstoßen! Seine Motive sind viel einfacher: Dieser Bürgermeister sah, dass die richtigen Leute eingeladen hatten und dass ihre Initiative Beziehungen und neues Leben im Dorf wecken würde; und darüber war er froh. Man sieht hier schön das Wechselspiel zwischen Institution (Personen, eine Equipe, mit amtlichem Auftrag und legitimiert) und einer kreativen Funktionsweise (Einladungen an Kinder und Eltern). Eine angepasste Institution macht schöpferisch.

 

Ein zweites Beispiel: Dieses macht deutlich, dass eine Institution bewahrt, was es zu bewahren gilt, und deshalb auswählt, da sie ansonsten »nur totes Gehölz vor sich her schiebt«. In einem anderen Dorf waren gerade einmal neun Leute bereit, eine örtliche Gemeinde zu gründen. Und warum? Weil dieser Rahmen ihnen mehr Lebendigkeit und Sicherheit versprach. Anziehend war hier die Institution, weil sie gerade nicht eine überholte und im Sterben liegende Pfarrstruktur bewahrt, sondern eine neue Organisationsweise zur Wahl stellt. Und schon kamen neue Leute hinzu. Ähnliches haben wir auch im städtischen Bereich erlebt, als die Zusammenlegung zweier Pfarreien zunächst dazu führte, dass eine von beiden über die andere bestimmte. Letztere entschloss sich daraufhin, eine örtliche Gemeinde zu bilden, um mit der neu gewonnenen Selbstständigkeit nun zur ersteren wieder Beziehungen auf Augenhöhe aufzunehmen. Die Struktur der neuen Institution teilt nämlich jeder Gemeinde die gleichen Rechte und Verantwortlichkeiten zu.

 

An dieser Stelle bedarf es einer wichtigen Zusatzbemerkung: Der Zusammenhang von Institution und Funktionsweise führt dazu, ständig auch grundsätzliche Fragen zu stellen: Ist diese Regelung überhaupt angemessen? Stimmt, passt diese Initiative eigentlich? Das Wechselspiel von Institution und Funktionsweise macht es auch möglich, in aller Freiheit über Fragen des alltäglichen Lebens zu sprechen. Vor allem bietet es die Chance, die grundlegenden Probleme besser zu erfassen: Von der Kunst, in einer Equipe zusammenzuarbeiten, bis hin zu den Verantwortlichkeiten in den Dienstämtern und ihrer Artikulation – von der Begegnung mit religiöser Gleichgültigkeit bis dahin, Jugendliche ihre Rolle in der Gemeinde finden zu lassen. Das Wechselspiel findet nämlich innerhalb des Rahmens statt, in dem dann auch Entscheidungen fallen und Lösungen gefunden werden. Der Ort der Freiheit ist immer der Ort der Verantwortung – und damit auch des Vertrauens.

 

Instituieren als Akt

Über zwölf Jahre nach den ersten Anfängen der örtlichen Gemeinden fragen die Leute nicht mehr: Ob das wohl lange hält? Vielmehr fragen sie sich: Was macht das mit uns? Was bedeutet das für unsere Art und Weise zu glauben? Die örtlichen Gemeinden haben eine neue Erfahrung und echte Fruchtbarkeit hervorgebracht.

Ab und zu taucht die alte Furcht vor der Demokratie in der Kirche wieder auf! Angestoßen durch die Sorge um die dem Priester noch verbleibende Stellung erhebt sich diese Frage immer wieder oder rumort weiter – offen ausgesprochen, im heftigen Protest oder heimlich geflüstert. Sagen wir es in aller Klarheit, hier geht es um die Macht. Die Fragen betreffen meist nicht unmittelbar den institutionellen Rahmen (der ja auch nicht geheim gehalten wird), sondern bestimmte Personen, die traditionell die Macht inne hatten: Priester natürlich und dann auch die »altbewährten Helferinnen und Helfer«. In einem Fall ist es die Person, die sich um das Kirchengebäude kümmerte (seit 34 Jahren!), im anderen Fall jene Person, die immer wieder die Kinderkatechese übernommen hat (schon 17 Jahre lang), die aber beide nun darüber klagen, dass niemand für die Nachfolge in Sicht ist! Wer würde sich auch für so viele Jahre auf so etwas einlassen? Übrigens ist in diesem Zusammenhang zu beobachten, dass ein Priester umso weniger die Besonderheit von örtlichen Gemeinden begreift, je länger er schon am selben Ort tätig ist. Andererseits ist die Diskussion über die Demokratisierung auch außerhalb unserer Diözese im Gange. Sie begrenzt sich nicht auf die örtlichen Gemeinden.

 

Instituieren ist wie ein Geburtsakt: Er öffnet einen Durchgang und setzt frei. Dazu gehört ein »Geburtshelfer«, nämlich eine Entscheidung. Vergessen wir nicht, dass es günstige Voraussetzungen geben muss: eine Vorbereitung der Menschen und eine organisatorische Ausstattung. Die erste Frage lautet also nicht, ob die Kirche in anderen Ländern anders organisiert ist als durch flächendeckende Aufgliederung des gesamten Gebiets in Pfarreien. Die Antwort ist schon bekannt: Es gab bereits früher und es gibt auch heute andere Arten, Kirche zu organisieren, als die Übernahme

von großen Ländereien, von Lehen und dann Pfründen, die sich schließlich zu einer Pyramidialstruktur entwickelt haben, wie wir sie aus der Zeit der napoleonischen Reform übernommen haben. Die Kirche hat sich letzten Endes jeweils an zivile Organisationsformen angelehnt, auch was ihre Güter betraf oder die Abhängigkeit der Klöster (man denke an die exempten Orden!).

 

Die eigentliche Frage lautet, ob die Diözesankirche genügend Raum lässt, damit eine andere Struktur auftauchen kann und Gläubige, die sich neu zusammen finden, die Möglichkeit erhalten, heute ähnlich wie die ersten Christen Freude daran zu erfahren, Glauben, Hoffnung und Liebe auf lebendige Weise miteinander zu teilen. In diesem Punkt räumt das allgemeine Kirchenrecht dem Diözesanbischof erhebliche Handlungsmöglichkeiten ein.

 

Aber das genügt nicht. Es wäre künstlich, wollte man das auf die französische Provinz übertragen, was am Amazonas oder in Zaire existiert. Es müssen auch Christen gefunden werden, die hinreichend geschult sind um zu begreifen, um was es hier geht, und risikobereite Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Bischof entscheidet nicht allein: Wenn er Impulse gibt, so muss er sich doch die Zustimmung dazu verschaffen und die Mittel kalkulieren, auf die er sich stützen kann. Eine Institution lässt sich nicht auf dem Nichts aufbauen (vgl. Lk 14,28).

Das Pfarrsystem ist weit mehr als eine territoriale Aufteilung. Es bringt ein Identitätsprinzip mit sich (»Ich bin aus dieser Pfarrei!«) und eine Bindung (bei Taufen, Trauungen und Bestattungen). Wenn die rasanten Entwicklungen der Gesellschaft und der beruflichen Mobilität auch dazu beigetragen haben, dass das Zugehörigkeitsgefühl zur Pfarrei nicht mehr so stark ist wie früher, so bleibt diese doch für viele Menschen unserer Zeit nach wie vor ein Bezugspunkt. Das gilt auch noch in der Stadt, wo die Kirche im eigenen Viertel durchaus ihre Rolle spielt. Die Pfarrei hat die Mentalitäten geprägt. Sie hat eine Ideologie erzeugt, die sich auf Tugenden beruft, die so gar nicht mehr vorhanden sind. Ein Jahrzehnt nach Einführung der örtlichen Gemeinden ist »Pfarrei« auch bei Leuten, die sich den Gemeinden ohne Bedauern zugewandt haben und sogar bei Verantwortlichen der Diözese das spontan benutzte Wort!

 

Diese Ideologie lastet schwer auf den Priestern: Sie sind so sehr auf dieses System hin ausgerichtet worden, dass sie es sich unbewusst völlig zu eigen machen. Man kann noch so viele Bücher über die Priester, gleich ob sie im Geist des Trienter oder des II. Vatikanischen Konzils geschrieben sind, lesen: Immer schleicht sich bis in die erhabensten theologischen Überlegungen und auch ins konkrete Leben der Priester (in Frankreich oder wo auch immer) unausgesprochen, unmerklich und doch allgegenwärtig der Gedanke der Pfarrei mit ein! So schön alles klingen mag, ein Thema wird dabei immer sorgfältig umgangen: das Thema der Macht. Der Pfarrer bestimmt alles allein. Er wird zum Verwalter einer kleinen Pacht oder einer Art mittelständischen Betriebs (manche Pariser Pfarreien sind reicher als ganze Diözesen in der Provinz). So entscheidet er in letzter Instanz über die Verwendung des Geldes – was paradoxerweise eine Folge der Laizität ist; mit ihr wurde ja jegliche Außenkontrolle abgeschafft! Eine Pfarrei erträgt es kaum, dass ihre Bücher geprüft werden – und sei es durch die Diözese.

 

Angesichts der beherrschenden Rolle des Pfarrlebens für die Feier der Gottesdienste brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die überlasteten Priester immer weniger Abstand haben, um sich eine andere Art ihres Dienstes vorzustellen. Sie sind gewissenhafte und getreue Verwalter. Auch im immer größeren Rahmen von immer mehr zusammengelegten Pfarreien halten sie die Stellung. Wie soll man auf sie zählen, wo es um Innovation geht? Sie sind viel zu sehr eingespannt, auch durch ihre Gläubigen, die alles von ihnen erwarten, mit hohen Ansprüchen. Sie sehnen sich nach Erneuerung und wissen, dass sie nicht von ihnen her kommen wird. Diese Feststellung ist realistisch – und brüderlich! Sie macht auch begreiflich, weshalb restaurative Kräfte von einer Rückkehr zu den Sicherheit gebenden Verhältnissen von gestern träumen: Derartige Rückwärtserneuerungen umgeben sich mit dem Mantel von Vertrautheit, Bequemlichkeit und Macht. Sie reduzieren das Leben der Kirche auf eine Widerherstellung des historisch Vergangenen für nostalgische Touristen.

 

Instituieren als Akt kann nicht »von der Basis ausgehen«. Er obliegt denen, die mit der Leitung der Kirche am Ort betraut sind: dem Bischof und seinen Räten. Man wird sagen, dass »die Entscheidungen von oben kommen«! Wenn wirklich neue Vorschläge – und nicht nur einzelne Verbesserungen – eine Diözese betreffen, sind die Entscheidungen auch auf Diözesanebene zu treffen. Der Akt, mit dem eine Demokratie instituiert wird, ist ja nicht selbst demokratisch, außer in dem Sinn, dass jeder Bürger in sich ein Entstehungsort der Demokratie ist, den es auszubauen und mit andern zu verbinden gilt. Dieser Vergleich hilft verstehen, weshalb die Gleichheit aufgrund der Taufe das Engagement des Christen als logische Folge begründet. Der Akt des Instituierens kommt also denen zu, die den Auftrag haben, die vom Geist geschenkten Gaben zur Gemeinschaft zusammenzuführen: dem Bischof und seinen Räten. Der Bischof allein ist nicht alles: Er ist wie ein Schlüssel, der es den ohne ihn nicht existierenden Räten ermöglicht, gemeinsam zu handeln, gemeinsam durch Abstimmung zu entscheiden.

 

Instituieren verlangt Kühnheit und birgt immer auch Risiken. Die Kühnheit des Neuen und des Aufbruchs, die Kühnheit des Möglichen und des Vertrauens. Aber auch Risiken, weil man die Gemüter erst noch überzeugen und auch mit Unverständnis und Fehlschlägen rechnen muss. Es bleibt das Risiko unvorhergesehener Fragen und neuer Suchbewegungen, die man anstellen muss. Womit wir schon bei den Überlegungen zur Funktionsweise wären.

 

Eine neue Funktionsweise ins Leben rufen

Die alte, zum Zentrum hinstrebende Institution der Pfarrei präsentierte sich als moralische und juristische Person, als Fiktion einer autonomen Ganzheit. Zumindest vereinfachte das die Spielregeln! Wenn es aber um Beziehungen geht, die Nähe herstellen, welche Funktionsweise soll man dann anzielen, da sie ja weder unbestimmt noch kleinlich sein darf?

An dieser Stelle muss man deutlich daran erinnern, dass in Zeiten von Suche, Übergang und Neuerung jeweils die Stärksten oder Schlauesten vom Fehlen an Regeln profitieren, wohingegen die Regelung ihrerseits die Personen und ihre Freiheit respektiert. Eine Institution funktioniert, wenn sie die Verschiedenheit der Charismen und die von den eingesetzten Personen wahrgenommene Beauftragung anerkennt. Sie funktioniert, wenn objektive und dauerhafte Beziehungen bestehen. Hier liegt die Bedeutung von Wahlen. Sie bieten der Gemeinde die Möglichkeit einer echten gemeinsamen Willensbildung und vermeiden die Willkür bei Ernennungen. Insofern ist bezeichnend, dass gerade die Wahlen Vorbehalte gegenüber den örtlichen Gemeinden wecken und dass man sie auf subtile Weise zu umgehen versucht. Es ist, als habe man Angst vor denen, die dann vielleicht gewählt würden, weil man eben nur mit denen arbeiten kann, die man selbst ausgesucht hat. Doch damit bliebe eine objektive Funktionsweise auf der Strecke.

Wir berühren hier ganz offenbar die Hauptschwierigkeit. Beim Konzipieren von örtlichen Gemeinden wird oft von einer Art starren Wesensschau ausgegangen, die sich an einem bestimmten gefühlsbesetzten Ideal orientiert. Bei dieser Vorgehensweise wird der Versuch unternommen, ein bestehendes System (Pfarrei oder Verein) oder auch Positionen (von Priestern oder altgedienten Leuten) aufrecht zu erhalten und abzusichern. Das geschieht gewiss nicht von ungefähr, denn überkommene Identitäten und Positionen stehen ja infrage. Doch es ist zu beachten: Quelle der örtlichen Gemeinden ist, was die Kirche konstituiert, und sind die Gaben, die der Geist einem jeden und einer jeden schenkt (1 Kor 7,7). Die authentischen Unterschiede, die in der örtlichen Gemeinde als Institution verankert sind, sind zum Nutzen aller da. Daher gibt es neben den Beauftragungen aufgrund einer Wahl solche, die nicht der Wahl unterworfen sind (Glaubensverkündigung, Gebetsleben und Dienst der Nähe). Zu diesen Aufgaben zu rufen liegt in der Verantwortung des Sektors, genauer gesagt des Pastoralrats des Sektors. Er trägt so zur Bildung der Equipe bei, die für das Leben in der örtlichen Gemeinde sorgen soll.

 

Die Einzelheiten dieser Funktionsweise sind von mir bereits ausführlich beschrieben worden.3 ((Anm. d. Übers.) Vgl. den Beitrag »Auf dem Weg zu einer erneuerten Kirche« von Albert Rouet.) Hier soll über ihre Anwendung nachgedacht werden, und zwar besonders da, wo Schwierigkeiten auftauchen. Im Lauf der Jahre sind drei Arten von Schwierigkeiten aufgetreten: Sie berühren erstens das Rufen neuer Personen, zweitens das Vermeiden von Rückschritten und drittens die Qualifizierung der Initiativen. Allem voran können wir klarstellen, dass sich die heikelsten Schwierigkeiten nicht da ergaben, wo sie erwartet worden waren, dass nämlich Laien der Versuchung der Macht oder der Klerikalisierung erliegen würden. Und zwar aus sehr einfachen Gründen: Wenn sich ein Pastoralbeauftragter Macht zu verschaffen sucht läuft er Gefahr, nach drei Jahren nicht wiedergewählt zu werden, auf jeden Fall wird er nach sechs Jahren nicht mehr beauftragt! Die Wähler müssen die Folgen ihrer Wahl unbedingt im Blick haben. Die Gefahr der Klerikalisierung der Laien lauert vor allem in einer klerikalen Struktur wie der auf die Priester hin konzipierten Pfarrei. In einer nicht von vornherein klerikalen Struktur ist es viel schwieriger, andere im Hinblick auf bestimmte Entscheidungen »zu impfen«.

 

Nun zur ersten Schwierigkeit, dem Rufen neuer Personen.

Es war unvermeidlich und eigentlich normal, dass sich die ersten für das Leben der Gemeinde verantwortlichen Equipen aus dem Kreis jener Personen bildeten, die schon im Dienst der Pfarrei mitarbeiteten. Mit großem Einsatz haben sie sich engagiert. Dabei ging ihnen auf, wie sehr sich das, was sie bisher in einem zentralisierten System getan hatten, dadurch wandelte, dass sie in einer neuen Funktionsweise arbeiteten, bei der es auf ihre Beziehungen und Gemeinschaft ankam. Sie entdeckten, dass es nicht darum ging, den Priestern in separierten Handlungsfeldern (hier im Chor, da in der Katechese) zu helfen, sondern dass es zwischen solchen Tätigkeiten Überschneidungen, Austausch und Ergänzungen gab. Teamarbeit wurde nötig und mit schlichten Mitteln aufgenommen: Es wurden regelmäßige Treffen abgehalten; ein Heft musste her, in dem die Beschlüsse notiert werden; es kam zu geselligem Zusammensein; und da, wo es an Methodenwissen fehlte – und das war nicht selten –, zeigte sich, dass der Priester eine echte Erzieherrolle ausüben kann (Paulus hat das selbst so gemacht, vgl. 2 Tim 3,10).

 

Doch nach sechs Jahren müssen andere Personen gerufen werden. Dann beginnt das Jammern und Stöhnen. »Das wird nie klappen! Nach uns gibt es niemanden mehr! Da ist keiner in Sicht!« Unwillkürlich ist dann die Versuchung da – und manchmal wird sie sogar vom Priester befördert – mit einer anderen Gemeinde zusammenzugehen, mit ihr eine »Seelsorgeeinheit« zu bilden – wie früher. Anders gesagt, es entsteht die Versuchung, die Möglichkeit zur Nähe und zum Rufen aufzugeben. Eine solche Situation genauer zu analysieren lohnt sich. Sie zeigt, dass die Christen das Wenigerwerden verinnerlicht haben. Ihre Reaktion angesichts dieses hingenommenen Absterbens zeigt: Sie haben sich daran gewöhnt, unter sich zu bleiben und nur die wenigen Frauen und Männer als Gemeindemitglieder zu betrachten, die sonntags regelmäßig zum Gottesdienst kommen, sie haben sich traurig damit abgefunden, Jugendlichen diese Tätigkeiten gar nicht erst vorschlagen zu können. Außer uns, so meint man, gibt es niemanden. Will sagen, niemanden, der zu unserer Gruppe gehört, auch wenn die Bevölkerung im alten Dorf durch Neubauten zugenommen hat. Als letztes Argument antworten die alten Mitglieder der Equipe stellvertretend für diejenigen, die sie gar nicht erst gefragt haben: »Sie werden alle nicht können! Sie werden Nein sagen! Man kennt sich ja gar nicht!« Woher wissen sie das?

 

Das Rufen hat nicht funktioniert, weil die Nähe zu eng geschneidert wurde. Es ist einfach so, dass sich die »guten alten Christen« oft nicht trauen, auf andere zuzugehen. Dabei werden ihre Ängste durch die Tatsachen widerlegt. Alle örtlichen Gemeinden in Poitiers haben sich erneuert: Daran sieht man, wie wichtig eine Funktionsweise ist, die der Entmutigung, dem Rückzug auf sich selbst, den bequemen Lösungen einen Riegel vorschiebt. Die Erneuerung geschieht mit Leuten, die der Kirche eher von fern verbunden waren, die mit Freude auf den ihnen gemachten Vorschlag antworten oder sich manchmal auch von selbst ins Spiel bringen: »So eine Kirche würde mich interessieren!« Dabei haben sie vielleicht seit Menschengedenken keine Kirche von innen gesehen! Sie kommen mit ihren alten Vorurteilen, nach langer Pause in ihrer kirchlichen Praxis (nicht gleichbedeutend mit ihrem Gebet) und können alles neu entdecken. Es sind junge Erwachsene, deren Trauung zu feiern ist und die noch einmal ins christliche Leben eingeführt werden müssen. Mit anderen Worten: Die Funktionsweise verläuft nicht gradlinig. Sie kommt auf den Anfang zurück und geht spiralförmig weiter, sie wiederholt unermüdlich, dass die Mission damit beginnt, nah bei und mit den Menschen zu leben. Je enger deshalb eine Basisequipe mit neuen Leuten in Kontakt kommt, desto weniger hat sie Mühe, sich zu erneuern. Das setzt aber voraus, dass sie sich beteiligt bei der Hinführung von Brautpaaren zur Trauung oder bei der Vorbereitung von Eltern auf die Taufe, auch wenn die Vorbereitung selbst auf der Ebene des Sektors stattfindet.

 

Die zweite Schwierigkeit – die Versuchung zum Rückschritt – betrifft weniger die Erneuerung der Equipe als deren Funktionieren.

Die Tendenz zum Rückschritt ist typisch für Gemeinden, die einer alten Pfarrei entsprechen, ein häufiger Fall in den Städten. Die Christen bleiben unter sich, aber ihre ansehnlichere Zahl verleitet sie zu der Illusion, sie wären imstande, lang durchzuhalten; sie entwickeln daher weniger Gespür für die Rückläufigkeit. Unter solchen Vorzeichen bringt die Einführung einer örtlichen Gemeinde allenfalls eine Verjüngung des Pfarreilebens. Ansonsten bleibt es bei den alten Gebietsgrenzen, denselben Personen, denselben Veranstaltungen. Weiter so, wie gehabt! Solche Stadtgemeinden tun sich schwer, nicht nur mit der Kontaktaufnahme, sondern schon allein damit, Neubauviertel überhaupt wahrzunehmen. Bisweilen erwecken sie den Eindruck, dass sie sich selbst genügen (sogar finanziell gesehen) und dass sie über ihre Vorrechte mit dem eifersüchtigen Auge eines Pfarrers oder Dechanten des neunzehnten Jahrhunderts wachen! Glauben Sie das nicht? Fordern Sie einmal eine Gemeinde auf, sich zu teilen! Sie wollen lieber als harter Kern im Gegenüber zu Tausenden von Unbekannten verharren, als eine Neugründung anderswo zu wagen. Das vertraute Bild von der Pfarrei ist die Ursache bei den allergischen Reaktionen (nur ja keine Pfarreimitglieder »verlieren«!), zum Beispiel bei der Schaffung fremdsprachiger Gemeinden (von Vietnamesen oder Afrikanern). Keiner darf uns entgehen: Das entspricht der alten tridentinischen Vorstellung von der »eigenen Pfarrei «. Die Vergangenheit beruhigt, weil sie tot ist.

 

Auf der anderen Seite ist jedoch zu konstatieren: Wo immer eine Stadtgemeinde bereit ist, Gruppen in den Stadtvierteln, also Stadtviertelgemeinden zu bilden, trägt dies ganz offensichtlich Früchte. Ganz im Sinn des Evangeliums: Wer sich selbst verliert ist derjenige, der andere gewinnt (vgl. Mk 8,35). Das Leben kommt anderswo her. Auch hier bewirkt die für örtliche Gemeinden vorgesehene Funktionsweise, dass es ihrer Institution schwer gemacht wird, sich in sich selbst zu verschließen. Eine örtliche Gemeinde ist kein Selbstzweck, so wenig wie die Kirche! Will sie ihrer Berufung gerecht werden, kann es ihr also nicht genügen, alles »gut« zu organisieren und ein »ordentliches« Veranstaltungsprogramm aufzustellen. Sie würde sonst ihr Funktionieren mit einer Terminplanung verwechseln. Sie würde die missionarische und erfinderische Logik, die bei den örtlichen Gemeinden maßgeblich ist, vergessen. Dazu folgendes Beispiel aus einer Gemeinde: Die für das Gebetsleben beauftragte Equipe hatte ihren Terminplan schon für das ganze kommende Jahr festgelegt. Sie wusste also Anfang Oktober bereits, wer am Sonntag, dem 17. Mai, im Gottesdienst für die Gebete zuständig sein würde. Sehr schön! Nehmen wir nun einmal an, Sie wären für die Schülerseelsorge des Gymnasiums zuständig. Es ist Donnerstag, 14. Mai, und in einem Anfall von begeisterter Einsatzbereitschaft haben sich Jugendliche bereit erklärt, mit ihrer Musikgruppe am kommenden Sonntag den Gottesdienst zu gestalten. Sofort wird Ihnen der Widerspruch klar: Lehnen Sie den Vorschlag ab, enttäuschen Sie die jungen Leute für lange Zeit; gehen Sie darauf ein, müssen Sie sich auf langwierige Verhandlungen in letzter Minute gefasst machen. Alles hängt von der Reaktion der Gebetsequipe ab. Hält sie an ihrem Terminplan fest, darf sie sich nicht beklagen, dass sie keine Jugendlichen mehr sieht! Worin liegt also der eigentliche Inhalt der Funktionsweise? In der internen Organisation oder in der gastfreundlichen Offenheit?

 

Die dritte Schwierigkeit schließlich: die Qualifizierung der Initiativen.

Die Formulierung kann man in zweierlei Hinsicht verstehen, je nachdem, ob man die unternommenen Initiativen meint oder die Personen, die sie unternehmen. Was die Initiativen als solche betrifft, so gibt es sie in bunter Vielfalt und in allen Bereichen. Man hätte vielleicht Ideen befürchten müssen, die dazu angetan sind, auf gefährliche Abwege zu kommen: Teilnahme an merkwürdigen Pilgerfahrten, Einladung von spirituellen Bettelmönchen, überdosierter Pietismus. All das kam nicht vor. Leute mit Neigung zu überspannten oder integralistischen Sonderwegen kommen in unserer Diözese im Alltagsleben der Gemeinden nicht vor, sie wirken auf eigene Kosten, am Rand des normalen kirchlichen Lebens, und nutzen ihre Unabhängigkeit (vgl. Gal 5,13). Teamarbeit trägt zum gesunden Menschenverstand bei. Allerdings kann man sehen, dass städtische Gemeinden mit ihrem Mehr an Mitteln und Beziehungen eher in der Versuchung sind, ihre eigenen Veranstaltungen jeweils für sich zu starten. So können Schulungsgruppen oder Bibelkreise entstehen weit ab vom Stadtviertel; und das ist dann ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Pastoralrat des Sektors seine Koordinierungsrolle nicht wahrgenommen hat. Er überlässt das Feld der freien Konkurrenz – diese Lieblingssünde christlicher Gruppen! Das für die örtlichen Gemeinden so wesentliche Wechselspiel mit dem Sektor hat nicht geklappt, was Anzeichen für eine Art kulturellen Wohlstand ist.

Eine Zusatzbemerkung zum kirchlichen Leben ist noch nötig. Spontan träumt eine Pfarrei davon, alles zu haben. Schließlich ist sie ja auf der Basis eines bestimmten Potenzials an Mitteln geschaffen worden: Kirche, Pfarrhaus, Gemeinderäume und Einrichtungen. Das führt geradewegs dazu, alles zu haben: Orgel und Chor, Pfarrer und Kaplan, Jugend- und Seniorengruppen, ohne sich zu fragen, ob eine Abstimmung mit den Nachbarn nötig wäre. Der Mythos von der juridischen Autonomie hat die pastorale Unabhängigkeit hervorgebracht. Eine örtliche Gemeinde hingegen beansprucht nicht mehr als den guten Willen der Leute. Sie kann sich bei diesem oder bei jenem versammeln. Sie lebt eine offenkundige Armut. Und das ist gut so! Daher sollte man, angesichts der am Rand der Städte entstehenden Neubauviertel und angesichts der Tatsache, dass die Diözese niemals die Mittel haben wird um dort Gottesdienstorte zu bauen, prüfen, ob örtliche Gemeinden hier nicht eine situationsgerechte Antwort sind. Es wird ausreichen – wenn es überhaupt nötig ist –, den Gemeinden wenigstens im Anfang einen Raum für ihre Treffen zur Verfügung zu stellen. Auch hier haben die Beziehungen und das Leben aus dem Evangelium den Vorrang.

 

Was nun die Personen betrifft, die Initiativen entwickeln, so ist das Vertrauen, das ihnen geschenkt wird, das Wichtigste. Über die Weiterbildung und insbesondere die geistliche Bildung wurde bereits gesprochen.4 ((Anm. d. Übers.) Albert Rouet bezieht sich auf den Beitrag von Éric Boone: »L’enjeu de la formation pour la construction des communautés locales«, in: Un nouveau visage d’Église, 165–192.) Sie verhilft dazu, dass das Engagement in der Kirche die Freude und die Hoffnung in den Engagierten stärkt. Das ist wichtig; oft wollen diejenigen, die für das Leben in der Gemeinde sorgen, »alles selber machen«, oder sie sehen sich konfrontiert mit schwierigen Menschen und Situationen. Die Entwicklung des kirchlichen Lebens selbst ist komplex und oft undurchschaubar! In der eigenen Familie finden Beauftragte nicht immer Verständnis und Unterstützung. Was soll man dann anderes tun als »sich kleine Dinge zuzutrauen «, bescheidene Initiativen zu wagen? Spontan, mit einer Art Gespür für den Glauben, haben das viele begriffen und handeln danach. Und solche Bescheidenheit im Handeln stärkt ihr Leben. Vorausgesetzt, dass die Organisation der Kirche ihren Initiativen Raum gibt und die Funktionsweise sie nicht erstickt. Der Priester sollte mehr koordinieren als genehmigen, mehr fördern als kontrollieren. Es ist so leicht, die Fäden alle selbst in der Hand behalten zu wollen! Doch es ist vergeblich und bremst obendrein die Initiativen der anderen. Der Hirte kann nicht an Stelle seiner Schafe Gras fressen!

 

Meistens lösen die kleinen schöpferischen Ideen nicht sämtliche Schwierigkeiten, aber diese lassen sich so gemeinsam tragen. Genauer gesagt, wenn eine Situation nicht zu ändern ist, kann man immerhin das eigene Verhältnis dazu verändern und so den Weg für eine Entwicklung öffnen.

Instituieren ist ein unverzichtbarer Akt. Dieser Akt bietet einen Freiheitsraum. Die Beauftragten sind nämlich nicht einfach Vertreter, die die Verbindung zu einer relativ weit entfernten Autorität herstellen. Sie handeln frei, weil die Kirche sie in eine Stellung platziert, die anerkennt, dass Christen normalen Gebrauch von den durch die Sakramente der Initiation verliehenen Gaben machen. Vorausgesetzt freilich, dass jeder nicht nach eigenem Belieben handelt, sondern im Blick auf das Gemeinwohl (vgl. 1 Kor 12,7). Das heißt, der Leib hat Vorrang vor den Gliedern. Der Grundstein ist schon gelegt, im Voraus vor den übrigen Steinen des Bauwerks (vgl. 1 Kor 3,11). Die Institution der örtlichen Gemeinde geht von der Vorgängigkeit des Leibes der Kirche aus und damit von der Tatsache, dass alles Tun zu seiner Vollendung in Christus zusammenwirkt. Die Priester haben darin eine doppelt unverzichtbare Funktion: Sie sind zum einen Zeichen für die Vorgängigkeit des Leibes Christi, auf den hin sie ordiniert sind, sie sind zum anderen Bindeglieder zwischen den vielfältigen Aktivitäten, sodass dieser Leib in der Einheit der Gemeinschaft wachsen kann. Jetzt, wo viele nach der Zukunft des Priesteramtes fragen, ist es hilfreich anzumerken, dass sich die Rolle des Priesters als desto unverzichtbarer erweist, je mehr man den Laien Vertrauen schenkt. Man wird nichts für die Weiterentwicklung des priesterlichen Dienstamtes tun ohne eine gleichzeitige Entwicklung der gesamten Kirche; denn innerhalb eines Systems entwickelt sich eine Gruppe nicht losgelöst von den anderen.

 

Auf dieser institutionellen Grundlage bedarf es einer Funktionsweise, die zugleich präzise ist, um jeden zu respektieren, und offen, um Freiheit zu Initiativen zu lassen und Menschen zu ermutigen, sich auf andere hinzubewegen. Präzise Vorgaben sind dazu da, dass ein Raum entstehen kann, in dem Kreativität möglich ist, und dass die Früchte dieser Kreativität dem Leben der gesamten Kirche zugute kommen. Die Vorgaben sind gleichsam die Orientierungspunkte für die Schifffahrt auf hoher See. Das Besondere, das also, was der Geist jedem Einzelnen in seinem Inneren schenkt, wird zum Allgemeinen, weil es die Einzelnen dazu drängt, sich anderen zu schenken. In diesem Sinn begründen die örtlichen Gemeinden eine Erfahrung der Umkehr zu einem gelebten Glauben in der Kirche. Das wechselseitig geschenkte Vertrauen belebt Frauen und Männer. Es hilft ihnen, menschlich zu leben, es verwandelt sie, denn ohne die Großherzigkeit existieren wir nicht wirklich.

 

Albert Rouet ist Erzbischof in der französischen Erzdiözese Poitiers

 

 

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