Eisenstädter Erklärung der Plattform “Wir sind Kirche” vom Herbst 2000

16.02.2001

 

Eine Einladung zum Gespräch über die weitere Arbeit an der Kirchenreform

 

    I n h a l t :
    Vorwort: RAST AUF DEM WEG                        

I    VERSUCH EINER AUSSERSTREITSTELLUNG          

II    UNSER KIRCHENBILD                            

    Exkurs: Ein Bild, das sich wandelt
    Identität und Wandel
    Die Zeichen der Zeit
    Kirche - ein Bild im Wandel (Resümee)

Elemente eines heutigen Kirchenbildes:                  

1    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an den Gemeinden
2    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich am Handeln
3    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an der Gesprächsbereitschaft
4    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an versöhnter Verschiedenheit
5    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an ihrer Lebensfreude

III    VORSCHLÄGE ZUR KIRCHENREFORM               

1    Eine Kirchenverfassung
2    Ein ökumenisches Petrusamt
3    Wiederbelebung der Patriarchate
4    Eine neue synodale Praxis
5    Frauen - Priester - Sexualmoral
6    Die dreifache Ökumene
7    Einberufung eines Konzils

    Nachwort: AUSBLICK AUF DIE ZUKUNFT               

    Versöhnung mit der Moderne
    Anpassung und Widerstand
    Gegen die Angst in der Kirche
    

                                     

                Eisenstädter Erklärung der Plattform “Wir sind Kirche” vom Herbst 2000

                   - eine Einladung zum Gespräch über die weitere Arbeit an der Kirchenreform

 

Vorwort: RAST AUF DEM WEG
 

Fünf Jahre nach dem “Kirchenvolks-Begehren” von 1995 haben wir - die damals gegründete Plattform “Wir sind Kirche” - eine Wegstrecke zurückgelegt, die zum Verweilen einlädt: Rast auf einem langen Weg zu einer inneren und äußeren Reform unserer Kirche. Im Rückblick auf die vergangenen Jahre sehen wir sowohl Erfolge und Fortschritte, als auch Misserfolge und Resignation. Dass die Reform einer alten und ehrwürdigen Glaubensgemeinschaft nicht zügig und rasch erfolgen wird, war im Voraus klar. Doch der lange Atem erfordert es, immer wieder innezuhalten, die Ziele neu zu bedenken, Methoden abzuwägen und Kräfte zu sammeln. Dieser Text will nicht so sehr Programme proklamieren, sondern versteht sich als Anregung zur Kreativität und Weiterarbeit, als ein Atemholen auf dem weiteren Weg zur Kirchenreform.

 

In drei Schritten soll diese notwendige Selbstbesinnung erfolgen:

 

I    Wir halten es für nützlich, in einer “Außerstreitstellung” alle jene Dinge zu benennen, die uns in Einmütigkeit mit der gesamten Kirche und mit der Kirchenleitung verbinden. Damit soll verhindert werden, dass über Scheinkonflikte und bloß unterstellte Positionen gestritten wird. Die Voraussetzung für eine redliche Konfliktkultur besteht darin, dass man sich im Verbindenden einig weiß, um das Trennende fair und offen zu benennen. Das Viele, das uns verbindet, wird uns ermöglichen, das Wenige, das uns trennt, zu bewältigen.

 

II    Wir wollen in aller Freimut unser Kirchenbild beschreiben und es jenem gegenüberstellen, das wir im Alltag unserer Kirche erleben. Dabei ist auch der Unterschied zwischen den in Dokumenten festgeschriebenen und den tatsächlich realisierten Strukturen, Bräuchen und Gewohnheiten zu beachten. Was vielen Mitgliedern unserer Kirche zu schaffen macht, sind nicht sosehr ihre gelehrten, sondern in weit höherem Maß die gelebten Grundsätze. Deshalb wollen wir nicht sosehr über Gesetze, Dogmen und Dokumente, als über Einstellungen und Gesinnungen nachdenken.

 

III    Wir wollen die wichtigsten Vorschläge anführen, die wir mit unseren Reformbemühungen verbinden. Dabei soll es uns nicht so sehr auf Details ankommen, als auf eine grundsätzliche Neuordnung einer Kirche, die heute - anders als noch im 19. Jahrhundert, dem wir weitgehend die gegenwärtige Kirchenordnung verdanken - globalen Ansprüchen gerecht werden muss. Es scheint uns wichtiger, dass man sich in der richtigen Richtung auf den Weg macht, als dass man das Ziel bereits aufs Genaueste beschreiben kann. So soll ein sparsamer aber markanter Wegweiser in unsere gemeinsame Zukunft gesetzt werden.

 

Wir sind überzeugt, dass ein offenes und faires Gespräch über die Zukunft unserer Kirche notwendig und möglich ist - als Grundlage für eine christliche Form der Konfliktlösung im Geist der Botschaft Jesu.

 

I    VERSUCH EINER AUSSERSTREITSTELLUNG
 

Wir stehen in der Tradition der Glaubensbekenntnisse unserer Kirche - beginnend mit den Glaubensformeln der Bibel und der frühchristlichen Konzilien bis zum Credo von Papst Paul VI. - weitergeführt in der Glaubenslehre, den Sakramenten, dem Dienst und der Vollmacht kirchlicher Ämter.

Wir wissen um die Bedeutung des dreifachen Amtes, seiner Herleitung von Jesus selbst und den Aposteln, bejahen die kirchliche Grundstruktur von der Gemeinde über die Diözese bis zur Weltkirche und die entsprechenden Aufgaben der Amtsträger.

Wir bekennen uns zum Petrusamt als dem einigenden Band unserer Kirche, zu den wohlerprobten Wegen, auf Synoden in Einheit mit dem Bischof und auf Konzilien gemeinsam mit dem Papst die Weichen in die Zukunft der Kirche zu stellen.

Wir sehen in der Heiligen Schrift die immer wieder zu erneuernde Rückbindung an die Botschaft Jesu und an die frühe Kirche - aber auch darüber hinaus in der hebräischen Bibel die Verbindung mit der jüdischen Religion und dem jüdischen Volk als unseren “älteren Geschwistern” und Vorfahren im Glauben.

Wir erkennen aus der Geschichte der Kirche und in ihrer Gegenwart, dass es innerhalb eines verbindlichen Grundkonsenses eine großzügige Vielfalt in der Spiritualität, in der Liturgie, in der Seelsorge, in den Lebensformen der Amtsträger und sogar im Kirchenrecht gegeben hat und gibt.

Uns ist bewusst, dass verschiedene Menschen unter derselben Formel Verschiedenes verstehen können, und dass auch die Irrwege und Fehler der Kirche unsere gemeinsame Identität als katholische Christinnen und Christen prägen.

 

II    UNSER KIRCHENBILD
 

Exkurs: Ein Bild, das sich wandelt
 

Unser Kirchenbild - um bei der Metapher des Bildes zu bleiben - erweist sich als Werk einer langen und nicht immer geradlinigen Geschichte. Es versteht sich nicht als von einer einzigen Hand gemaltes, klar umrissenes und ewig gültiges Tafelbild, sondern als über viele Jahrhunderte hin gewachsenes Werk ungezählter genannter und ungenannter Schöpfer, nach Erweiterungen und Einengungen, nach Übermalungen und Reduktionen - nicht endgültig ein- für allemal geschaffen, sondern weiterhin im Wachstum begriffen. Kurz gesagt: Kirche ist nicht, sondern wird. Wir haben das Bild einer Kirche im Werden.

Die Grundierung - weiterhin in bildhafter Rede gesagt - legte Jesus Christus, die Umrisse erkennen wir aus der Bibel, die Figuren gewinnen Gestalt aus dem Leben der ersten Christengemeinden, erste Details finden sich in der Praxis der ersten Jahrhunderte und der Lehre der Kirchenväter, großflächige Formen entstanden in den Jahrhunderten seit Konstantin, in der Übernahme weltlicher Herrschaftsformen für den geistlichen Bereich, übermalt und abgeschabt wurden Teile des Bildwerkes in den großen Auseinandersetzungen, Ketzerverfolgungen und Kirchenspaltungen der Geschichte, dunkle Flecken finden sich seit den Kreuzzügen, den Judenverfolgungen und Hexenprozessen, die Bildfläche wurde erweitert und Teile wurden abgetrennt, Restaurierungsversuche haben ihre Spuren hinterlassen, entfernte Farbschichten und neu hinzu gekommene haben die Gestalt dieses Bildes immerwährend verwandelt.

Es gibt kein für immer gleichbleibendes Kirchenbild. Es gibt nur Momentaufnahmen. An diesem Bild malten Gläubige und Ungläubige, Heilige und Sünder, Wohltäter und Verbrecher, Gelehrte und Analphabeten, Päpste und Laien. Und nicht immer ist das entstanden, was beabsichtigt war. Manch großer Wurf wurde übermalt, etliche Details wurden wieder abgetragen, Vergessenes kam zum Vorschein. Kirche als Bild war einer steten Verwandlung unterworfen. Was diesem sich ständig verändernden Bild die dennoch stets gleiche Identität gibt, ist der Entwurf, die gleichbleibende Idee, das unveränderliche Ziel.

Wenn eine Gruppe von reformwilligen Christinnen und Christen von ihrem Kirchenbild spricht, dann meint sie eigentlich ihren Beitrag zur Weiterführung - und in letzter Perspektive: Vollendung - dieses Bildwerkes. Es geht um den einen oder anderen Pinselstrich, um Erweiterungen oder Reduktionen, um Beiträge zur Lebendigkeit des Bildes. Denn nur was sich wandelt, lebt auch wirklich. Was sich nicht mehr ändert, ist tot. Alles wirkliche Leben ist Verwandlung. (Die alte Lehre von der “ecclesia semper reformanda” - von der immerwährenden Kirchenreform - wusste das schon längst.)

 

Identität und Wandel
 

Um das Problem einer dynamischen, sich wandelnden und sich ständig reformierenden Gemeinschaft zu erkennen, muss die Dialektik von Identität und Wandel bedacht sein: Die Kirche als Kirche Jesu muss einerseits sich selbst, dem Auftrag Jesu und seiner Sendung treu bleiben, sonst hört sie auf, die Kirche Jesu zu sein. Andrerseits muss sie in jeder neuen Zeit neu und anders werden, um die jeweils anderen und in ihrer Zeit verwurzelten Menschen erreichen zu können. Die Frage ist: Immer gleich bleiben und stetig anders werden - geht das überhaupt? Ist das nicht eine andauernde Zerreißprobe der Kirche? Kann man wirklich beides zugleich: sich selbst treu bleiben und sich anpassen?

Tatsächlich ist damit die Grundspannung benannt, die unser Leben prägt - sowohl das Leben des Individuums als auch das der Gemeinschaften, von der Familie bis zum Staat, und natürlich auch in den Glaubensgemeinschaften: Die Spannung zwischen Identität und Wandel kann zerreißen oder am Leben erhalten. Sie kann auch dazu führen, dass man statt die Spannung auszuhalten, einen der beiden Pole ausschaltet: Entweder wird jede Neuerung vermieden und letztlich Erstarrung bewirkt - oder man läuft jeder Mode nach und verliert sich selbst im Strudel des Zeitgeistigen. Die tödlichen Extreme heißen also letztlich:  Versteinerung und modische Beliebigkeit.

Im kirchlichen Bereich ist beides zu erkennen: der starre Fundamentalismus, der keine Änderung duldet - und die zeitgeistige Hektik der Neuerer um jeden Preis. Als klerikale Karikatur kann man sie besichtigen: den lateinischen Zelebranten vorkonziliarer Liturgie - und den modischen Sakralentertainer liturgischer Events. Verständlicherweise sind sie die Angstgegner des jeweiligen Gegenpols. Sie symbolisieren in verdichteter Weise genau jene bipolare Spannung, die auszuhalten ist, wenn die Kirche lebendig bleiben will. Beide Reduktionen ergeben eine tödliche Alternative: die Versteinerung der Kirche zum musealen Pflegeverein für unzeitgemäße Kulte - aber auch der hektische Todestanz eines innovationssüchtigen Kirchenpopulismus.

Was man gerne vereinfachend als Dilemma zwischen konservativ und progressiv benennt, ist jedoch tatsächlich nicht Alternative, sondern Dialektik, nicht “entweder - oder” sondern “sowohl - als auch”. Knapp gesagt: Als Christin oder Christ ist man sowohl konservativ, als auch progressiv. Man wahrt seine Identität, indem man sich Jesus, der Bibel und der Überlieferung verpflichtet fühlt. Man pflegt aber zugleich den notwendigen Wandel, indem man die sich wandelnden Züge der Welt und der Gesellschaft und die jeweils anderen Menschen, um die es doch letztlich geht, wahr und ernst nimmt. Auf diese Weise muss die “alte” Kirche in jeder Zeit “heutig” sein. Sie muss jeden Tag heutig sein, weil nur heute heute ist. Der große Papst Johannes XXIII. hat den heutigen Tag (giorno) zum Motto einer lebendigen Kirche gemacht: “aggiornamento”.

 

Die Zeichen der Zeit
 

Zu allen Zeiten war es schwer, den flüchtigen Zeitgeist von den Zeichen der Zeit zu unterscheiden. Nicht alles was “in” ist, muss auch gut sein. Nicht alles Modische ist schön. Nicht alles, dem die Menschen nachlaufen, ist von Bestand. So gesehen ist die “Unterscheidung der Geister” eine schwierige, jedoch für die Kirche lebenswichtige Aufgabe. Sie muss sich immer wieder fragen, woran sie nicht vorbei kommt, was sie als gültig akzeptieren muss, was also zum Impuls der Erneuerung werden muss, wenn sie nicht erstarren will. Zugleich muss sie sich fragen, wo sie Widerstand leisten soll, wo ihr Protest notwendig ist, wo sie im Kontrast zur Welt ein Zeugnis für das Bleibende und Wahre ablegen muss.

Letztlich ist es so: Die Kirche kann nur glaubwürdig Widerstand leisten, wenn sie “heutig” ist. Sie kann ihren Widerspruch zur Welt nicht wirksam anmelden, wenn sie “draußen” bleibt. Erst wenn sich eine Glaubensgemeinschaft auf die Gegenwart und die heutige Welt einlässt - mit all den Risiken, die damit verbunden sind - kann sie Einfluss ausüben. Als “Gewissen der Gesellschaft” kann die Kirche nur wirksam sein, wenn sie in der Gesellschaft lebt und agiert. Sie ist auch - soziologisch gesehen - ein Teil der Gesellschaft. Wenn sie sich absondert, kontrastiert sie nicht mehr. (In ihren guten Zeiten waren und sind die Orden ein Beispiel für ein im Kontrast zur Welt gelebtes Zeugnis für die Wahrheit.)

Kirche und Welt leben in einem Prozess wechselseitiger Beeinflussung. Dieser Prozess kann durchaus auch krisenhaft sein. Wenn er gelingt, lernt sowohl die Gesellschaft von der Kirche - als auch umgekehrt. Wobei die Kirche mit Ratschlägen und Weisungen oft sehr schnell bei der Hand ist. In der anderen Richtung ist es schwieriger. Es ist nicht auszuschließen, dass manchmal auch die Gesellschaft zum Gewissen der Kirche werden kann - und soll. Das Nachdenken darüber, ob nicht auch eine Glaubensgemeinschaft von den Spielregeln der Welt und vom Konsens der säkularen Gesellschaft etwas lernen könnte, ist durchaus angebracht.

Als Beispiele für heutige gesellschaftliche Übereinstimmung könnte man die völlige Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Mann und Frau nennen, die Mitbestimmung bei Dingen, die einen selbst betreffen oder die Entscheidungsfindung durch Mehrheiten. Solche in der heutigen Welt weithin anerkannten Prinzipien drängen sich auch für den kirchlichen Bereich auf. Und es müsste schwerwiegende theologische und wohl auch biblisch fundierte Begründungen geben, wenn sie im innerkirchlichen Raum nicht gelten sollten. Wenn also die Strukturen der Kirche an solch markanten Punkten den anerkannten und wohlbegründeten gesellschaftlichen Spielregeln widersprechen, ist Argumentation gefragt. Autoritäre Entscheidungen, Diskussions- oder gar Denkverbote werden aus guten Gründen nicht mehr akzeptiert.

Zu den heute allgemein anerkannten Regeln gehört es vor allem, dass jeder Verantwortungsträger gehalten ist, seine Entscheidungen und Maßnahmen zu begründen. Inhaltlich und argumentativ zu begründen - muss hinzugefügt werden. Denn  nur die Berufung auf ein Amt, eine Autorität oder die bisheriger Geltung reicht nicht mehr. “Verantwortung” wird heute zunehmend wörtlich verstanden: Wer Verantwortung trägt, schuldet dem Fragenden eine Antwort. Eine wohlbegründete, sachliche und argumentierende Antwort. Wer diese Antwort verweigert oder auf eine Ebene ausweicht, die nicht hinterfragt werden kann - eine Amtsautorität, eine ewige Tradition, den Willen Gottes - wird kaum mehr Zustimmung ernten.

 

Kirche - ein Bild im Wandel
 

Das Resümee dieses Exkurses ist in wenigen Sätzen zu sagen:

Es gibt kein stets gleichbleibendes Bild von der Kirche. Wenn Kirche lebendig ist, dann ist ihr Bild in einem ständigen Wandel begriffen. Kirchenreformen waren und sind ein Zeichen dieser Lebendigkeit.

Die Kirche lebt in einer Wechselbeziehung zur Welt und zur Gesellschaft - deren Teil sie ja ist. Diese Wechselbeziehung ist gut und notwendig, bisweilen auch konfliktreich. Solche Konflikte können für beide Seiten von Vorbild sein.

Ähnlich wie sich die Kirche wünscht, mit ihren Grundsätzen in der Gesellschaft und auf die Gesellschaft zu wirken, muss sie auch die gesellschaftlich anerkannten Werte und Regeln überdenken und nötigenfalls übernehmen.

Die “Unterscheidung der Geister” - die Unterscheidung zwischen dem oberflächlichem Zeitgeist und den zeitbedingten Erkenntnissen und Fortschritten - ist ein notwendiger Prozess der immerwährenden Kirchenreform.

Dieser Denk- und Gesprächsprozess ist eine Sache aller Betroffenen - aller Christinnen und Christen. Wenn “Dialog” das meint, dann gibt es ohne ihn keine lebendige Kirche. Kirche ohne diesen Dialog wäre eine erstarrte, eine tote Kirche.

 

Elemente eines heutigen Kirchenbildes

Die sprachliche Bescheidenheit ist wichtig: Wie es zu allen Zeiten nur “Momentaufnahmen” eines sich wandelnden Kirchenbildes geben konnte, so kann auch eine Reformgruppe innerhalb der Kirche ihren Beitrag nur in Fragmenten, in Anregungen und Impulsen leisten. Manchmal wird sie sich auf Jesus, die Bibel oder Traditionen berufen, manchmal auf gesellschaftliche Entwicklungen und manchmal auf eigene Überlegungen - immer aber auch auf die Kraft sachlicher inhaltlicher Argumentation.

 

1    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an den Gemeinden.

 

Nicht die Strukturen, nicht die Funktionen und Funktionäre, nicht das Kirchenrecht, die Büros und die Finanzverwaltung machen das Leben der Kirche aus, sondern die lebendigen Gemeinden. Die Kirche könnte den Ausfall der Hierarchie, der Ämter und des Apparats leichter verschmerzen, als den Ausfall der einfachen Gläubigen und ihrer Gemeinschaften. Unter diesem Blickwinkel erweist sich die gegenwärtige Kirchenkrise als eine Hierarchenkrise, als eine Krise der Institution und ihrer Amtsträger. Die lebendige Seelsorge in den vielen lebendigen Gemeinden ist davon nicht direkt, wohl aber indirekt betroffen.

In den letzten Jahrzehnten hat die katholische Kirche in Österreich den dramatischen Wandel von einer kleruszentrierten Versorgungskirche zu einer aktiven Gemeindekirche erlebt. Während die Zahl der Kirchenmitglieder und sonntäglichen Messbesucher auffallend zurückging, stieg die Zahl der aktiven und engagierten Gemeindemitglieder in einem weit höheren Maß. In einem Beispiel gesagt: Noch vor wenigen Jahrzehnten versorgten vielleicht drei Priester (Pfarrer und 2 Kapläne) eine Gemeinde mit 5.000 Gläubigen bei 50 % Kirchenbesuch mit etwa 7 ehrenamtlichen Mitarbeitern - heute versorgen dort 4.000 Gläubige bei 20% Kirchenbesuch sich mit 70 Mitarbeitern und einer Pastoralassistentin weitgehend selbst, weil der einzige Priester auch noch andere Bereiche mitbetreut.

Neue kirchliche Berufe in Religionsunterricht und Pfarrpastoral für “nichtgeweihte” Frauen und Männer sind entstanden. Wenn man den Religionsunterricht als “Seelsorge” bewertet, dann sind bereits heute die Priester in der hauptamtlichen Seelsorge eine Minderheit. Die kleiner gewordenen Gemeinden sind aktiver geworden und haben die Seelsorge zu einer Sache der ganzen Gemeinde gemacht. Sogenannte “verwaiste Pfarren” beginnen manchmal richtig aufzuleben und zeigen auf diese Weise die Lebendigkeit einer sich wandelnden Kirche. (Man möchte der biblischen Metapher des letzten Konzils vom “wandernden Gottesvolk” eine zweite vom “sich wandelnden Gottesvolk” an die Seite stellen.) Diese Entwicklung zeigt: Die Lebenskraft der Kirche erweist sich an der Lebendigkeit der Gemeinden.

Für die österreichische Kirchenkrise der letzten 10 Jahre stehen so gut wie ausschließlich die Namen kirchlicher Amtsträger. Die Krise wurde auf der hierarchischen Ebene - durch Bischofsernennungen - ausgelöst, sie hatte ihren Höhepunkt auf Kardinalsebene - durch den Vorwurf sexuellen Missbrauches eines Schülers - und wird auf bischöflicher Ebene - durch die weitgehende Lähmung der Bischofskonferenz - fortgesetzt. Man hört trotz allem erfreut, dass die Seelsorge unter dieser hierarchischen Dauerkrise keineswegs zum Erliegen gekommen ist. Die Reformbestrebungen kommen ausschließlich nicht von der hierarchischen Ebene, sondern aus den Gemeinden und von einfachen Gläubigen.

Es ist nicht zu übersehen, dass der kirchliche Imageverlust auch die Gemeinden bedrückt und den Religionsunterricht beeinträchtigt. Doch es ist andrerseits nicht zu übersehen, dass die Hierarchie vom weitgehend unbeschädigten Image der Pfarrseelsorge profitiert. Es mag sein, dass das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit noch immer von höheren Würden- und Amtsträgern geprägt wird, doch die lebendige Wirklichkeit der Kirche ereignet sich an der Basis. Dass noch immer beinahe eine Million Katholikinnen und Katholiken an Sonn- und Feiertagen den Gottesdienst besuchen, ist eine bemerkenswerte Abstimmung mit den Füßen.

 

2    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich am Handeln.
 

In Zeiten der hierarchischen Kirchenkrise erfreut sich die “Caritas” höchsten Vertrauens bei den österreichischen Bürgerinnen und Bürgern - also nicht nur bei den Gläubigen. Es mag schon sein, dass viele Menschen nicht so genau wissen, dass die Caritas die offizielle karitative Hilfsorganisation der katholischen Kirche ist. Sie kennen vielleicht den institutionellen Zusammenhang nicht. (Und vielleicht ist das auch ganz gut so.) Doch sie sehen in der tatkräftigen Nächstenliebe - ob sie es durchschauen oder nicht - das wesentlich Christliche. Das hohe Prestige, das die Caritas in unserem Land besitzt, ist eine Art von Probe aufs Exempel: Das Wichtigste am Christentum ist die tätige Liebe.

In einer polemischen Exegese dieses Sachverhalts könnte man sagen: Die Menschen hören kaum mehr hin, wenn die Christen reden - aber sie schauen hin, wenn sie handeln. Und tatsächlich ist das tätige Engagement der Christinnen und Christen in Österreich ein weit glaubwürdigeres Zeugnis als manche Spruchtätigkeit der Offiziellen. Pfarrliche Gruppen, Ordensgemeinschaften, Einrichtungen der Diözesen und der Caritas leisten - im wörtlichen Sinn - unbezahlbare Dienste an Alten, Kranken, Kindern, Behinderten, Obdachlosen, Flüchtlingen und Außenseitern jeglicher Art. Mit Recht sind seit langem die Direktoren und Präsidenten der Caritas die anerkannten Anwälte der Schwachen im politischen Diskurs um die Sozialgesetzgebung.

In Meinungsumfragen erreichen leitende Vertreter der Caritas und pensionierte Bischöfe erstaunlich hohe Akzeptanzwerte. Das alle Grenzen der Weltanschauungen und politischen Gruppen überschreitende Ansehen des 95-jährigen Alterzbischofs und Kardinals Franz König zeigt wie ein Blitzlicht, was sich die Menschen - Gläubige, Anders- und Ungläubige - von einer Glaubensgemeinschaft erwarten: die Übereinstimmung von Denken und Handeln, von Gesagtem und Gelebtem. Das Vertrauen der Vertreter einer Schrift- und Buchreligion in das Gesagte und Geschriebene fördert den Irrtum, es komme auf unsere Worte an. Das Gegenteil ist richtig: Erst die Glaubwürdigkeit des Handelns macht auch unsere Rede glaubwürdig.

Die gegenwärtige Medienwelt verzerrt unsere Wahrnehmung allzu leicht ins bloß Hingeredete. Die Dominanz der Entertainer, der Redegewandten und Schlagfertigen kann im täglichen Mediengetümmel dazu führen, dass man das Gesagte überschätzt. Doch in der Überfülle des Dahingesagten kann das sparsame, das authentische und das redliche Wort an Gewicht gewinnen. Die Amtsträger der Kirche sind schlecht beraten, sich in das verbale Gemenge der allgemeinen Geschwätzigkeit auch noch mit häufigen kirchlichen Wortspenden zu werfen. Ihr Text wird dort jenes Gewicht besitzen, das Schwätzer eben beanspruchen können, wenn der Tag lang und das Wort billig ist.

Man kann dem allgemeinen Sprachkrebs nur mit schlichter und redlicher Rede begegnen - allenfalls mit dem Schweigen. Doch was alles Gerede an Glaubwürdigkeit übertrifft, ist das Tun. Man sollte dem letztlich zustimmen können, was allgemein gilt: weniger auf die Worte zu hören als auf die Taten zu blicken. Und die Taten der Christinnen und Christen sollten vor allem Taten der Zuwendung sein, der Hilfsbereitschaft, der Liebe. Die sogenannte Wahrheit und die - in ihrem Plural erst recht verdächtigen - Wahrheiten werden übertroffen durch die tatkräftige Nächstenliebe. Anders gesagt: Liebe ist die Wahrheit, die man tut.

 

3    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an der Gesprächsbereitschaft.
 

Es ist nicht zu übersehen, dass die früheren Eindeutigkeiten zerbrochen sind: als wäre die Kirche im vollen und alleinigen Besitz der einzigen Wahrheit und sie selbst daher alleinseligmachend, als wäre diese Wahrheit in Dogmen festzuschreiben und könne so für alle Zeiten unverkürzt bewahrt werden, sodass jeder, der an einem Dogma zweifelt, nicht mehr rechtgläubig ist. Zugespitzt und wie in einer Karikatur: Am besten, man glaubt - in Bausch und Bogen - alles, was die Kirche lehrt, und denkt möglichst wenig darüber nach. Denken schadet dem Glauben.

Heute - und vor allem seit dem letzten Konzil - sprechen auch die kirchlichen Dokumente differenzierter, weil Wahrheit und Irrtum doch weniger deutlich getrennt sind, als wir es gerne hätten. Es gibt nicht nur einen einzig völlig richtigen Weg zu Gott - und darüber hinaus lauter Irrwege. Auch in anderen Religionen gibt es Menschen, die mit besten Kräften und redlichem Herzen nach Gott suchen. Und sowenig es in der eigenen Religion nur irrtumsfreie Wahrheit gibt, sowenig gibt es in anderen Religionen nur wahrheitsfreien Irrtum. Letztlich ist die Wahrheit doch nur in Fragmenten zu finden, mehr zu erahnen als zu erkennen, da doch die letzte Wahrheit und die volle Erkenntnis bei Gott liegt.

Das seither einsetzende Gespräch mit anderen Religionen hat bei vielen Menschen zu der Einsicht geführt, dass die Gläubigen letztlich in allen hochstehenden Religionen auf der Suche sind. Und dass es keinen “Besitz” der Wahrheit gibt. Schon gar nicht den Besitz der “vollen Wahrheit”. So gesehen besteht die “Rechtgläubigkeit” nicht in einem “Besitz der unverkürzten Wahrheit” für alle Zeiten, sondern im lebenslangen Suchen nach der Wahrheit. “Toleranz” bekommt demnach eine neue Bedeutung über die bloße Duldung hinaus: die Suche nach der Wahrheit im Anderen.

Die gegenwärtige Welt und in Ansätzen auch die gegenwärtige Kirche beginnt in neuer Weise dem Anderen, dem Fremden und dem Neuen zu begegnen: nicht mehr in bloßer Abgrenzung und Abwehr, sondern in neuer Offenheit. Während der Andersdenkende früher zuerst als Gegner - wenn nicht als Feind - gesehen wurde, wird er zunehmend als der erkannt, der man selbst auch sein könnte. Wer dem Anderen mit einer gewissen Neugier begegnen kann, dem öffnet sich mehr an der Welt, als dem sich bloß defensiv Abgrenzenden.

Man sollte das nicht mit einer Beliebigkeit verwechseln, in der letztlich alles gleich gültig - und damit zuletzt gleichgültig - wäre. Die Begegnung der verschiedenen Religionen in offener Toleranz bedeutet nicht, dass man der eigenen Religion ihren Wert nähme, sondern bloß, dass man ihr nicht den einzigen Wert zuspricht. Der Wahrheitssucher, der seiner eigenen Religion vertraut, kann dennoch hoffen, auch in anderen Religionen fündig zu werden. Und wenn es Wahrheit ohnehin nur in Fragmenten gibt, dann bleibt man ja ein Leben lang auf der Suche nach ihr - auch und gerade, wenn man glaubt. Vielleicht besteht sogar der Glaube darin, die Suche nicht aufzugeben.

Diese aktive Toleranz ist nur einem Menschen möglich, der sich fest in seinem Glauben begründet weiß. Denn nur, wer sich seines Glaubens gewiss ist, kann sich ohne Angst auf andere Überzeugungen einlassen. Wer seinen Glauben als gefährdet empfindet, wird sich hüten müssen, Alternativen kennen zu lernen. Deshalb ist Intoleranz oft auch Zeichen einer inneren Schwäche. Sie bekämpft im Anderen das, was einem selbst gefährlich werden könnte. Deshalb haben seit jeher die großen und innerlich gefestigten Persönlichkeiten mit Interesse und Wohlwollen über die Grenzen der Weltanschauungen, Religionen und Kulturen hinausblicken können.

Seit dem letzten Konzil hat die katholische Kirche die ersten Schritte über die eigenen Grenzen hinaus getan: zuerst zu den anderen christlichen Kirchen und Konfessionen, dann zu den verwandten monotheistischen Religionen, aber auch zu den entfernteren Weltreligionen und sogar zu den agnostischen und atheistischen Weltanschauungen. (Warum fällt nur die Gesprächsbereitschaft mit den Andersdenkenden in den eigenen Reihen so schwer?) Es ist verständlich, dass traditionalistische und fundamentalistische Gruppen solche Grenzüberschreitungen mit Glaubensabfall verwechseln. Doch wird sich die Stärke und Lebendigkeit unserer Kirche auch darin erweisen, dass sie gesprächsbereit ist und bleibt. Im innerkirchlichen Bereich wird sie es wohl erst richtig werden müssen. Sie kann nicht auf die Dauer große Brücken schlagen und kleine abbrechen.

 

4    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an versöhnter Verschiedenheit.
 

Unsere Kirche unterscheidet sich von anderen Kirchen durch die Selbstbezeichnung “katholisch”. Wenn wir dieses Wort im Glaubensbekenntnis aussprechen, bleibt offen, ob wir es im altgriechischen Sinn meinen, mit dem es in den frühchristlichen Glaubensbekenntnissen gemeint war, oder in jenem modernen Sinn, den es heute in der Umgangssprache besitzt. Die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes im Sinn von “allgemein, allumfassend” wollte betonen, dass die befreiende Botschaft Jesu sich an alle Menschen richtet.

Aus diesem einladenden und für alle Menschen offenen Begriff wurde im Lauf der Kirchengeschichte und durch die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und Abweichlern aus den eigenen Reihen - den so genannten “Irrlehrern” - ein ausschließender und abgrenzender Begriff: Katholisch sein bedeutet heute eben die Unterscheidung zu anderen (evangelischen, orthodoxen, anglikanischen ...) Kirchen. Dieser Bedeutungswandel unsrer Selbstbezeichnung ist überaus aufschlussreich. Aus einem offenen und einladenden Wort wurde ein geschlossenes und ausladendes. Lediglich die Zusammensetzung mildert den missverständlichen Begriff: Man ist eine katholische Christin oder ein katholischer Christ - also in erster Linie christlich, und erst in zweiter Linie katholisch.

Viele katholische Christinnen und Christen spüren dieses Dilemma und haben deshalb eine gewisse Scheu, das Wort “katholisch” im Glaubensbekenntnis auszusprechen. Sie nennen sich zwar katholisch, wollen sich jedoch nicht von den anderen Christen getrennt wissen. (Die genaue Übersetzung des Begriffs im Credo mit “allgemein” oder “allumfassend” würde diese berechtigten Bedenken sogleich beheben.) Wer heute seine Schwierigkeiten mit diesem Wort hat, lässt erkennen, dass die ursprüngliche Bedeutung durchaus noch lebendig ist. Und deshalb sollte sie nicht bloß verbal, sondern vor allem im Leben der Kirche zum Ausdruck kommen.

Wahrhaft “katholisch” im ursprünglichen Sinn wird unsere Kirche dann sein, wenn sie sich mit den Verschiedenheiten unter Christen versöhnt, soweit es nur geht. Die von Jesus gewollte Einheit der Kirche wird gerade im Katholizismus besonders häufig mit Einheitlichkeit verwechselt. Doch ist wahre Einheit durchaus mit Vielfalt zu vereinbaren. Starre Einheitlichkeit ist jedoch eher ein Merkmal der Einfalt. In der Geschichte unserer Kirche gab es beides: autoritäres Bemühen um Einheitlichkeit, vor allem in den letzten 200 Jahren - aber auch ein vielfältiges Erscheinungsbild einer dennoch im Wesentlichen einigen Kirche.

In einzelnen Fragen der Kirchenreform wird gerne mit der Einheit der Gesamtkirche argumentiert, obwohl man damit eine gar nicht notwendige Einheitlichkeit meint. Die Zölibatsdebatte ist ein gutes Beispiel dafür: Immer wieder hört man auf Vorschläge zur Freigabe der Priesterehe, das müsse gesamtkirchlich geregelt werden. Doch tatsächlich gibt es innerhalb der katholischen Kirche viele ganz legal verheiratete und amtierende Priester - vor allem in den unierten Ostkirchen, aber auch bei konvertierten Geistlichen evangelischer oder anglikanischer Herkunft. Es ist also - wenn man der Wahrheit Raum gäbe - gesamtkirchlich möglich, dass Priester sowohl verheiratet als auch ehelos leben können. (In manchen Ländern - etwa Ungarn - sogar problemlos nebeneinander.)

Wahre Katholizität im ursprünglichen Sinn könnte also bedeuten, dass der Papst als Symbol der Einheit einer keineswegs einheitlichen Kirche vorsteht. Dann müsste allerdings der römische Zentralismus, der sich in den letzten 200 Jahren akkumuliert hat, zugunsten einer geschwisterlichen, pluriformen und deshalb einladenden Kirche aufgegeben werden. Denn die Einheitlichkeit einer zentral durchreglementierten Gemeinschaft mag organisatorisch eindrucksvoll sein - doch dem Wesen der Einheit entspricht mehr die Einmütigkeit der Christen verschiedener Traditionen, Spiritualitäten, Mentalitäten und Kulturen, die sich im Glauben an Jesus eins wissen. So gesehen wird sich die Lebendigkeit unserer Kirche daran erweisen, dass sie - wieder - “katholisch” wird.

 

5    Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an ihrer Lebensfreude.
 

Die Kirche und ihre Amtsträger werden von der Öffentlichkeit häufig wahrgenommen, wenn sie vor etwas warnen, wenn Befürchtungen zu äußern sind und wenn etwas verurteilt werden muss. Die Kirche als reglementierende, verbietende und sanktionierende Institution prägt ihre Außenansicht. Der betagte Witz, dass alles, woran man Spaß habe, Sünde sei oder dick mache, bringt es auf den Punkt: die Kirche als Spaßverderber. Und in der gegenwärtig überschwappenden Spaßkultur ist man fast versucht, das für richtig zu finden, würde man nicht hinter der Gier nach Amüsement die Sehnsucht nach Lebensfreude erkennen. In allgemein grassierender Unterhaltungssucht und konsumistischer Lebensgier ist die Rolle des Christen jedoch nicht die des Spaßverderbers, sondern des Verkünders der Lebensfreude.

Eigentlich müsste doch ein der oberflächlichen Belustigungen unserer Zeitgeistevents überdrüssiger Zeitgenosse bei den Christinnen und Christen “die wahren Freuden” finden können. Was er jedoch dort findet oder zu finden befürchten muss, ist moralinsaure Verwarnung und weltfremde Belehrung. Man erwartet sich in der Kirche keinen Hort der Lebensfreude - eher den Ort der Gebote und Verbote, und das besonders in jenen Bereichen, die man mit Lebensfreude geradezu identifiziert: im Bereich der Liebe, der Partnerschaft, der Erotik und der sinnlichen Lust. Deshalb sollte sich die Kirche in ihrer Außenansicht als “professioneller Spaßverderber” einer Gewissenserforschung über ihren Umgang mit Lebensfreude, mit Lebenslust und mit Lebensbejahung unterziehen.

Die Kirche als “Kraft, die stets verneint”, kann natürlich nicht ihre Prinzipien leichtfertig ändern, um ein besseres Image als Jasagerin zu bekommen. Aber sie sollte sich darauf besinnen, dass sie ein grundsätzliches Ja zum Leben, ein Ja zur Liebe und ein Ja zur Schöpfung zu sagen hätte. Die abgenützte Redewendung “Frohbotschaft statt Drohbotschaft” bestätigt doch nur die grundlegende Vergiftung der Lebensfreude durch eine Kirche, die ihre bejahende Kraft weithin verloren hat. Wenn die Menschen nicht mehr als erste Botschaft der Kirche erkennen, dass Gott sein Ja zum Menschen sagt, dann haben sie ihrerseits gewichtige Gründe, ihr Ja zur Kirche gut zu überlegen.

Dass Johannes XXIII. zur populärsten Papstgestalt des vergangenen Jahrhunderts geworden ist und wohl noch lange bleiben wird, hängt damit zusammen, dass er gerade das authentisch verkündet - nein, besser: gelebt - hat: Gott sagt Ja zu uns - und das nimmt uns die Angst und schenkt uns Lebensfreude. Wenn die Menschen auf diese Weise erleben, dass die Kirche das Ja Gottes zu uns “verkörpert”, dann werden sie auch Einwände und Belehrungen annehmen können. Denn auch der notwendige Hinweis auf den Sinn von Verzicht und Leid hebt diese grundsätzliche Bejahung des Menschen durch Gott nicht auf. Erst die übertreibende Leidenstheologie der Vergangenheit konnte Gott in die Rolle des Neinsagers drängen, der den Menschen mit Leid erzieht, ihn züchtigt und mit Verboten überhäuft.

Ein wesentlicher Beitrag zu einer inneren Reform unserer Kirche müsste deshalb darin bestehen, der Vergiftung der Lebensfreude entgegenzuwirken. Da es eine innere Vergiftung ist, genügt keine äußerliche Imagekosmetik. Vielmehr wird man nicht an der Frage nach den Bedingungen des Glücks vorbeikommen, welche Rolle das Christsein in einem geglückten Leben spielt. Oder um es konkreter zu sagen: Hilft mir die Botschaft des Glaubens, glücklich zu werden, Lebensfreude zu erfahren und Lebenssinn zu finden? Oder überspitzt: Macht Religion den Menschen glücklich? Oder genauer: Hilft das Christsein, auf sinnerfüllte und lebensfrohe Weise Mensch zu sein?

Die übergroße Fülle an Moralvorschriften hat weder die Gläubigen moralischer, noch ihre Beobachter besonders wohlgesinnt werden lassen. Die zwar schon jahrzehntelang beklagte und dennoch anhaltende Überfülle an sexuellen Verboten und Geboten hat der Kirche den Ruf eingetragen, auf dieses Thema in geradezu neurotischer Weise lustfeindlich - und überdies frauenfeindlich - fixiert zu sein. Für viele redlich bemühte Christinnen und Christen hat diese Tatsache im Zusammenhang mit dem Zölibat, dem Verbot der Frauenordination und den strengen Regeln zur Empfängnisverhütung einen derart gewichtigen Misstrauensvorschuss eingetragen, dass sie auch die notwendigen und vernünftigen Weisungen zu diesem Themenkreis nicht mehr hören wollen.

Und wenn Gläubige in ihrer sexuellen Orientierung, im Misslingen ihrer Ehe oder in der Wahl einer nicht ehelichen Form des Zusammenlebens vom Regelkanon kirchlicher Moral abweichen, dann erleben sie die Institution kaum mehr als menschenfreundlich oder gar tröstlich - und in keiner Weise solidarisch. Doch gerade solche Situationen könnten der Ernstfall für eine Kirche der Menschen und für die Menschen sein. Denn wenn die Menschen die Kirche, die Gemeinden und ihre Amtsträger in erster Linie als Repräsentanten einer menschenfreundlichen, einer ermutigenden, einer lebensfrohen Botschaft erleben, wird es ihnen leichter fallen, an einen menschenfreundlichen und ermutigenden Gott zu glauben, der ein Freund des Lebens ist.

 

III    VORSCHLÄGE ZUR KIRCHENREFORM

 

Die Forderungen des Kirchenvolks-Begehrens von 1995 werden in unserem Land von breiten Mehrheiten akzeptiert und sind inzwischen weltweit in Diskussion:
1.    Aufbau einer geschwisterlichen Kirche
2.    Volle Gleichberechtigung der Frauen
3.    Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform
4.    Positive Bewertung der Sexualität
5.    Frohbotschaft statt Drohbotschaft

Wir wollen sie deshalb hier nicht bloß wiederholen, sondern einige konkrete Vorschläge zur Durchführung einer allgemeinen Kirchenreform machen:

 

1    Eine Kirchenverfassung

 

In den meisten Gemeinschaften, vor allem in den großen Zusammenschlüssen der Staaten und überstaatlichen Organisationen, gibt es Konstitutionen, Statuten und andere Grundsatzdokumente, die in wenigen Sätzen Prinzipien, Grundrechte und -pflichten festschreiben. Unsere Kirche besitzt zwar ein umfangreiches, vom Papst erlassenes Kirchenrecht, jedoch keine Konstitution, die auch für Bischöfe und Papst verbindlich Christenwürde, Christenrechte, Christenpflichten und eine umfassende Gewaltentrennung ausspricht. Und das in wenigen allgemeinverständlichen Sätzen. Eine solche - auch die wichtigsten Linien der Kirchenordnung festlegende - Magna Charta des katholischen Christseins ist zu wünschen.

 

2    Ein ökumenisches Petrusamt

 

Der gegenwärtige Papst selbst hat die Christenheit aufgefordert, über die Zukunft des Papstamtes nachzudenken, sodass auch die Christinnen und Christen anderer Kirchen in einer Gemeinschaft mit diesem Papst Raum fänden. Das wäre möglich, wenn der Papst die Leitungsgewalt mit Teilkirchen teilt und sich selbst auf die Förderung der Einheit und die Darstellung der Einmütigkeit beschränkt. Eine erste evangelische Antwort auf diese Einladung enthält bereits eine mögliche Wegweisung: Nicht unter dem Papst - aber mit dem Papst. Ein solches erneuertes Petrusamt gäbe dem Inhaber auch die Möglichkeit, bei Konflikten zu versöhnen, statt zu polarisieren.

 

3    Wiederbelebung der Patriarchate
 

Eine von vielen Teilkirchen gewünschte Dezentralisierung der Kirchenleitung könnte nach einem frühchristlichen Vorbild realisiert werden: Wie in den alten Patriarchaten sollte - in einer auf die Weltkirche angewandten Form - die Repräsentanz der Gesamtkirche auf mehrere Amtsträger aufgeteilt werden. So würden - sozusagen als Stellvertreter und Sprecher des Papstes - in den verschiedenen Kontinenten oder Subkontinenten Patriarchen (unter einer frauenfreundlichen Bezeichnung) das Amt der Einheit wahrnehmen, regionalen Synoden vorsitzen, Konflikte schlichten und die Verbindung mit dem Papst und der Weltkirche erleichtern. Die Ausweitung der Kirche im letzten Jahrhundert und die Globalisierung der Welt in den letzten Jahren begründen eine solche Dezentralisierung und Delegierung päpstlicher Kompetenz nach unten.

 

4    Eine neue synodale Praxis
 

Die nach dem letzten Konzil wiederbelebte Praxis der Diözesan- und Regionalsynoden hat vorübergehend Wichtiges geleistet, die regelmäßig stattfindenden Bischofssynoden für die gesamte Weltkirche ebenfalls. Beide Einrichtungen wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte zunehmend entmündigt und vor allem von römischen Zentralstellen in ihrer Kreativität und Entscheidungsfreiheit eingeengt. Voraussetzung für eine wünschenswerte Wiederbelebung wäre wohl, dass man ihre Kompetenz aufwertet. So könnte etwa das päpstliche Vetorecht statt einer aufhebenden Wirkung eine aufschiebende bekommen. Ähnliches gilt für die Kompetenz der Bischofskonferenzen. Damit würde in Konfliktfällen das Gespräch weitergeführt, statt abgebrochen.

 

5    Frauen - Priester - Sexualmoral
 

Die weltweit umstrittenen Fragen der Frauenordination, der Priesterehe, der Sexualmoral und der Fortpflanzungsethik sind nicht voneinander unabhängige Einzelfragen, sondern Teile eines bisher unbefriedigend gelösten Gesamtkomplexes: das christliche Menschenbild in seiner Geschlechterdimension. Deshalb soll eine Weltkirchenversammlung - von Frauen und Männern gleichmäßig besetzt - der Gesamtkirche Vorschläge für die Zukunft einer Kirche machen, in der es keine Diskriminierungen nach Geschlecht oder Familienstand mehr gibt.

 

6    Die dreifache Ökumene
 

Die Schranken zwischen den Gläubigen verschiedener christlicher Konfessionen sind niedriger geworden, vielfach bereits gefallen. Der zweite Schritt in Richtung auf die monotheistischen Religionen mit gleicher Geschichte von Abraham und Mose her wurde bereits begonnen: Die gemeinsamen Wurzeln von Judentum und Christentum werden erforscht, historische Schuld der Christenheit wird bekannt. Auch der Islam steht zu uns in nächster religiöser Verwandtschaft. Der dritte Kreis der Ökumene bestünde im Versuch, den Kontakt zu den entfernteren Religionen aufzunehmen, beziehungsweise zu intensivieren. Die Einrichtung eines regelmäßigen ökumenischen Konvents - auf allen drei Ebenen - könnte zu einer überreligiösen Ökumene der Menschen guten Willens führen (ähnlich dem Projekt “Weltethos” von Hans Küng).

 

7    Einberufung eines Konzils
 

Um diese und weitere wichtige Fragen zu klären, wäre im nächsten Pontifikat die Einberufung eines Allgemeinen Ökumenischen Konzils zu wünschen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat gezeigt, wie eine Glaubensgemeinschaft gemeinsame Probleme gemeinsam lösen kann. Die Fragen der Zukunft werden jedoch nicht im Blick zurück geklärt werden können. Deshalb ist die Berufung auf die Texte des letzten Konzils in vielen Fragen der Zukunft vergeblich. Die Spannungen und Gegensätze zwischen dem I. und dem II. Vatikanischen Konzil bestehen weiterhin und sollten auf einer nächsten Kirchenversammlung geklärt werden.

 

Nachwort: AUSBLICK AUF DIE ZUKUNFT
 

Fünf Jahre nach dem Aufbruch des Kirchenvolks-Begehrens, im Nachdenken über das bisher Erreichte und das zukünftig Angestrebte, wollen wir diese Erklärung mit drei Wünschen für die Zukunft unserer Kirche schließen:

 

Versöhnung mit der Moderne
 

Unsere Kirche, die sich im 19. Jahrhundert im schroffen Widerspruch zu vielen wissenschaftlichen (Evolution, Medizin) und sozialen (bürgerliche Freiheiten, Demokratie) Errungenschaften befand, machte im 20. Jahrhundert einige mutige Schritte in Richtung auf die Gegner von damals. Erstes Verständnis (soziale Frage) kam auf, manche Irrtümer (Galilei) wurden berichtigt, Schuld (Antijudaismus) wurde einbekannt. Rückfälle (Antimodernismus) gab es dennoch.

Im neuen Jahrhundert wünschen wir unsrer Kirche die zwar schon vorbereitete, doch noch lange nicht errungene Versöhnung mit der Moderne. Gute und wertvolle Selbstverständlichkeiten unseres Jahrhunderts sollen auch in der Kirche verstanden und angenommen werden: demokratische Verfahren und Mitbestimmung, Gewaltentrennung, die Freiheit des Gewissens, Menschenwürde und Frauenrechte, freie Wahl der Lebensform und sexuelle Selbstbestimmung, behutsamer Umgang mit der Schöpfung...

 

Anpassung und Widerstand
 

In der schwierigen Entscheidung, worin sich die Kirche anpassen und worin sie Widerstand leisten muss, brauchen wir in unserer Kirche Augenmaß und Zivilcourage, den Mut zum Widerspruch, die Fairness im Konflikt und die Bereitschaft, Fehler einzugestehen, Schuld zu benennen und Versöhnung anzubieten. Das alles sind Dinge, die im kirchlichen Raum bisher eher selten gelungen sind. Es sind - leider - noch nicht kirchliche, aber es sind bürgerliche Tugenden.

Es ist zu wünschen, dass die Kirche lernt, ohne billige Anpassung und Anbiederung “heutig” zu werden, sich also anzupassen, ohne ihre Identität aufzugeben. So wird sie die nur scheinbaren Widersprüche von progressiv und konservativ in sich vereinigen können - nicht unähnlich vielleicht jenem so liebenswert altmodischen Papst, der die wichtigste Kirchenreform des 20. Jahrhunderts auf den Weg brachte: Johannes XXIII.

 

Gegen die Angst in der Kirche
 

Zuletzt wünschen wir unserer Kirche - also auch uns selbst - sich von allen Zukunftsängsten zu befreien: von der Angst vor den Kirchenaustritten, vor dem schwindenden Messbesuch, den rückläufigen Kirchenbeiträgen, vor den unbeweglichen Traditionalisten, vor den ungeduldigen Kirchenvolks-Begehrern,  vor den Atheisten und Agnostikern, vor den römischen Kurialen und dem Papst, vor den kritischen Journalisten und den Fernsehkameras, vor Gott, dem Tod und dem Teufel...

Wir selbst versprechen, uns selbst nicht mehr fürchten zu wollen: vor dem Widerspruch, aber auch nicht vor allzu schneller Zustimmung, vor Bischofssekretären und deren Vorgesetzten, vor Kirchenzeitungsredakteuren und Pressesprechern, vor Computerabsturz, Druckfehlern und Büroklammernknappheit. Wir werden uns also mit Gottvertrauen und Hoffnung auf eine gute Zukunft unserer Kirche wappnen. Und mit dem einzigen Bibelzitat dieses Textes: Fürchtet euch nicht!

 

Plattform “Wir sind Kirche”                               Eisenstadt, am 2. September 2000

 

 

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