Franziskus beendet „kaiserliches sakralisiertes Papsttum“

30.09.2013, Peter Musyl

 

„Vatikanist“ Marco Politi bei Festveranstaltung zum 20jährigen Bestehen des „FORUMS XXIII“ in St Pölten: Papst Franziskus geht es um viel mehr als nur um einen neuen Stil  - Österreichische Initiativen tragen dazu bei, den Boden für eine „Wende“ in der katholischen Kirche zu bereiten.
 

St. Pölten, 29. 9. 2013 Mit der Wahl und dem Amtsantritt von Papst Franziskus hat sich die Atmosphäre in der katholischen Kirche ganz klar zum Positiven gewandelt. Entscheidend wird jedoch sein, ob es nur bei einem Wandel der Atmosphäre und im „Stil“ päpstlicher Amtsausübung bleibt oder ob es in diesem Pontifikat zu einer echten „Wende“ in der katholischen Kirche kommt, auf die viele Katholiken in aller Welt hoffen. Die Chancen für eine solche „Wende“ sind durchaus gegeben, doch Faktum ist, dass Papst Franziskus mit seinen Vorstellungen da und dort auch auf Widerstand stößt. So analysierte einer der renommiertesten Vatikan-Kenner der italienischen Medien, Marco Politl, langjähriger „Vatikanist“ der Tageszeitung „La Repubblica“, Samstag in einem Vortrag in St. Pölten bei einer Festveranstaltung zum 2öjihrigen Bestehen des St. Pöltner „FORUMS XXIII“. Dabei zeigte Politi auf, dass Papst Franziskus, dessen Sicht von der Rolle des Papsttums sich ganz klar von den Vorstellungen seiner Vorgänger unterscheidet, bewusst auf ein Ende des „kaiserlichen sakralisierten Papsttums“ abzielt. Er verstehe sich nicht als absolutistisch regierender „Monarch“, sondern als ein in das gesamte Bischofskollegium eingebundener, wenn auch „privilegierter“ Bischof von Rom,.

 

Schönborns Haltung in Rom mit Aufmerksamkeit registriert

 

Der „Umbruch“ in der katholischen Kirche, der sich abzuzeichnen beginne, sei keineswegs „aus dem Nichts“ gekommen, konstatierte Politi. Schon in den Jahren vor der Wahl von Papst Franziskus habe sich in der Weltkirche immer stärker der Wunsch nach eine „Wende“ bemerkbar gemacht. Wichtige Impulse in dieser Richtung seien aus dem deutschen Sprachraum und inbesondere auch aus Österreich gekommen. U.a. verwies Pollti in diesem Zusammenhang auf das von einer halben Million Menschen unterzeichnete österreichische „Kirchenvolks-Begehrens“ sowie auf die österreichische „Pfarrer-Initiative“, die „Laien-Initiative“ und andere Reformvorstöße, die im Vatikan durchaus Eindruck hinterlassen hätten. Politi verwendete das Bild von „Steinchen die an die Fenster Roms geworfen wurden“. Auch bestimmte Handlungen von Kardinal Schönborn wie die Zustimmnng zur Tätigkeit eines bekennenden Homosexuellen als Pfarrgemeinderat habe man in Rom aufmerksam registriert .

 

Überhaupt hätten sich die Indizien gemehrt, dass auch im Weltepiskopat der Wunsch nach einer „Wende“ an Boden gewinnt, bemerkte Politi. Das habe sich bereits bei der Bischofssynode im Jahr 2012 und schließlich ganz stark bei den Generalkongregationen der Kardinäle vor dem Konklave nach dem Rücktritt von Benedikt XVL gezeigt .

 

Umsetzung der „Kollegialität“ wird entscheidend sein

 

Nach Überzeugung Politis geht es Papst Franziskus um „viel mehr“ als bloß einen neuen Stil der Amtsausübung und um einen Wandel der innerkirchlichen Atmosphäre. Mit dem Ende des „kaiserlichen Papsttums“ solle auch das Ende der „kaiserlichen Kirche“ eingeläutet werden . Er wolle die Anstöße des 2. Vatikanischen Konzils, von denen Papst Benedikt immer mehr abgerückt sei, im Leben der Kirche umsetzen und dabei namentlich dem vom Konzil bekräftigten Prinzip der „Kollegialität“ von Papst und Bischöfen in der Führung der Kirche zum Durchbruch verhelfen. Ob er damit Erfolg haben werde wird nach Ansicht Politis das entscheidende Kriterium dieses Pontifikats werden.

 

Römische Kurie soll „dienende Rolle“ spielen

 

Eine „dienende Rolle“ hat Franziskus der römischen Kurie zugedacht. Statt sich als Machtapparat zu gerieren, der oft unabhängig vom Papst agiert, sollen die verschiedenen Kurienorgane „Werkzeuge“ sein, die sich als „Helfer“ nicht nur des Papstes, sondern auch der
Bischöfe verstehen. Dabei seien nach Überzeugung von Papst Franziskus gewisse Agenden wie die Behandlung der vielen eingehenden Anzeigen wegen angeblicher Verstöße gegen Lehre oder Disziplin der Kirche bei den Ortsbischöfen besser aufgehoben als bei der römischen Kurie.

 

Große Bedeutung künftiger Bischofsernennungen

 

Von großer Bedeutung wird – wie Politi meint – in Zukunft den Bischofsernennungen zukommen. Während in den vergangenen Jahrzehnten „Loyulität“ Rom gegenüber das Hauptkriterium bei vielen Bischofsernennungen bildete und andere Kriterien oft vernachlässigt wurden, scheine Franziskus auf eine bessere Kandidatenauswahl und eine stärkere Mitwirkung der Ortskirchen bei Bischofsbestellungen Wert zu legen. Wenn sich der Papst damit durchsetze, dann werde eine neue Bischofsgeneration heranwachsen, die mit zum Träger der angestrebten „Wende“ in der katholischen Kirche werden sollte.

 

Papst Franziskus ist nach Einschätzung Politis entschlossen, die bei den Generalkongregationen der Kardinäle vor der Papstwahl formulierten Anliegen konkret umzusetzen: die Reform der römischen Kurie, Transparenz und Sauberkeit bei der Vatikanbank, Abstellen von Korruption im Vatikan, Maßnahmen gegen Skandale wie „Vatileaks“ und vor allem „kollegiale“ Zusammenarbeit mit den Bischöfen. Damit begnüge er sich aber nicht. Vielmehr gehe es ihm ganz besonders darum, dass die Kirche den Menschen „die Botschaft eines barmherzigen Gottes“ vermittle. Sein Wunsch sei es, dass die Kirche auf der Seite der Armen und Benachteiligten stehe, dass sie nicht moralisiere und Zensuren verteile, dass sie die Rolle des persönlichen Gewissens respektiere, sich aus der Tagespolitik heraushalte und auch auf Andersdenkende, auf die christlichen Schwesterkirchen, auf andere Religionen sowie auf Nichtglaubende zugehe und nicht zuletzt den Dialog mit den Wissenschaften suche. Alles das waren auch Anliegen des 2, Vatikanischen Konzils.

 

Auch „heiße Eisen“ auf der Agenda des Papstes

 

Politi traut Papst Franziskus zu, auch sogenannte „heiße Eisen“ der Kirche offensiv anzugehen und im Dialog mit den Bischöfen Lösungen zu finden. Unter diesen „heißen Eisen“, die auf seiner Agenda stehen und wohl auch bei den im Oktober stattfinden Beratungen der achtköpfigen Kardinalskommission mit dem Papst zur Sprache kommen dürften, könnte für Franziskus eine neue pastorale Haltung der Kirche in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen vorrangig sein. Ohne die Lehre der Kirche zu verändern, habe er auch in der Haltung Homosexuellen gegenüber neue Akzente gesetzt. Was die Möglichkeit des Priesteramts für Frauen betrifft, so verweise Franziskus auf die negative Entscheidung Papst Johannes Pauls II., trete aber dafür ein, dass Frauen in der Kirche Funktionen übertragen werden, „wo Autorität ausgeübt wird und Entscheidungen getroffen werden“.

 

Franziskus will Lösungen im Konsens erreichen

 

Bei all seinen kirchenpolitischen Vorhaben sei Franziskus darum zu tun, die angestrebten Lösungen im Konsens zu erreichen. Er habe bei seinen bisher getroffenen Personalentscheidungen darauf Bedacht genommen, Personen unterschiedlicher kirchenpolitischer Richtungen einzubinden, u. a. bei der erwähnten achtköpfigen Kardinalskommission. Auch dass Franziskas bei seinen Personalentscheidungen Persönlichkeiten aus den Reihen des „Opus Dei“ oder der „Legionäre Christi“, die zum prononciert konservativen Segment der Kirche zählen, berücksichtigte, sei unter diesem Gesichtspunkt zu sehen, meinte Politi. Franziskus wolle diese Gruppierungen bei seinen Reformvorhaben einbinden, um sieh auf einen breiten Konsens stützen zu können. Ob ihm das gelinge, werde die Zukunft zeigen.

 

20 Jahre FORUM XXIII. „Widerstand aus Liebe zur Kirche“
 

Bei der Festveranstaltung zum 20jährigen Bestehen des FORUMS XXIII ging dessen Präsidentin, Dr. Sophia Seidler-Silbermayr, auf die Geschichte dieser von katholischen Laien, Geistlichen und Ordensleuten aus der Diözese St. Pölten ins Leben gerufenen Vereinigung ein, die einen Beitrag zur Erneuerung der katholischen Kirche im Geist Papst Johannes XXIII. und des 2 Vatikanischen Konzils leisten will. Ausgelöst wurde die Gründung dieses unabhängigen Forums durch die Ernennung Kurt Krenns zum Diözesanbischof von St. Pölten und den – wie es Seidler formulierte - „neuen, bedrohlichen Kurs in der Kirche und speziell in unserer Diözese“. Mit Kundgebungen,  Stellungnahmen, zahlreiche Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen sowie mit „Festen der Hoffnung“ trat das Forum dieser Entwicklung entgegen. Dr. Karl Dillinger, Gründungspräsident des Forums und heute sein Ehrenpräsident, bekräftigte damals die Motivation dieses Engagements: „Unsere spirituelle Kraft zu Widerspruch und Widerstand gründet in unserer Loyalität und Liebe zur Kirche. Sie lebt von einer Vision, die uns mit Millionen Christen aller Kontinente verbindet, von der Vision der „ecclesia semper reformanda“, einer sich stets erneuernden, offenen und zukunftsorientierten Kirche.“
 

In den letzten Jahren – so Dr. Seidler – hätten sich „die großen Aufregungen in unserer Diözese etwas gelegt“ und mit dem Nachfolger Krenns, Bischof Klaus Küng. gebe es ein „entspannteres Verhältnis“. Das bedeute nicht, dass das „Forum“ „schmeichelweich“ geworden sei. Vielmehr wolle es sich auch weiterhin für eine „menschliche, offene, geschwisterliche und zukunftsorientierte Kirche“ einsetzen. Mit dem neuen Papst könne das „sicher sehr spannend werden“.

 

Besonderer Applaus wurde bei der Veranstaltung dem trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung anwesenden 89jährigen Dr. Dillinger, Altlandesrat Vinzenz Höfinger (einem weiteren „Urgestein“ des Forums) sowie der früheren Forums-Präsidentin Andrea Fiedler zuteil. Ein festlicher Gottesdienst in der stimmungsvollen modernen Kirche von Stattersdorf – zelebriert von Prälat Johannes Oppolzer, der seit den Anfängen des Forums mit Ihm verbunden ist – sowie eine „Agape“ bildeten den Abschluß der Festveranstaltung zum 20jährigen Bestehen des FORUMS XXIII.

 

 

 

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