Für ein Ende des „Konkubinates“ der Kirche mit dem Imperium

30.01.2014, Herbert Berger

 

Das Rundschreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus hat weltweit ein starkes positives Echo gefunden. Es geht in seiner Kritik an den strukturellen Ursachen der Armut über alles hinaus, was bisherige päpstliche Dokumente zu sozialen Fragen ansprachen, denn es lässt keinen Zweifel an den grundlegenden Ursachen der Armut und der sozialen Ungleichheit: „Wir können nicht auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen ... Ein Wachstum in Gleichheit ... verlangt eine integrale Promotion der Armen, die über den bloßen Assistentialismus hinausgeht.“ (204)

 

„Solange die Probleme der Armen nicht gelöst werden, solange die absolute Autonomie des Marktes und der Finanzspekulationen nicht überwunden wird und damit die strukturellen Ursachen der Ungleichheit, werden die Probleme der Welt, ja letztlich überhaupt keine Problem gelöst werden. Die Ungleichheit ist die Wurzel aller sozialen Probleme.“ (202) Oscar Fortín, Professor für Philosophie und Theologie an der Universität Ottawa mit mehrjähriger Erfahrung in Lateinamerika, der für die Regierung in Quebec in internationalen Organisationen mitarbeitet, schrieb am 6. Jänner 2014 anlässlich der neuen Kardinalsernennungen einen Brief an Papst Franziskus, in dem er ein Ende des „Konkubinates“ der Kirche mit dem Imperium fordert. Er schreibt: „Sehr geliebter Papst Franziskus. Der zentrale Punkt meiner Sorge, die mich zu diesem Brief veranlasste, ist, dass ich nicht will, dass Ihre Vorschläge ohne konkrete Konsequenzen bleiben und dass die Radikalität des Evangeliums, die die Basis der wahren Märtyrer und Heiligen ist, nicht auf der Höhe unserer Zeit ist.“

 

Fortín weiter: „Wäre es möglich, dass unter Ihrer Führung die große Allianz der Kirche mit der Macht des Imperiums aufgelöst wird? Aber wie kann sich die Kirche in eine radikale Kraft der Transformation verwandeln ..., wenn ihre wichtigsten hierarchischen Vertreter weiterhin Teil dieser kriminellen Strukturen sind?“ Er weist darauf hin, dass kirchliche Vertreter oft führend in der Verurteilung jener politischen Kräfte waren und sind, die ihre Völker von den Strukturen der Armut und der Korruption befreien wollen. „Sie klammern sich an diese Strukturen, als ob sie von Gott selbst kämen.“

„Ist das nicht der Fall bei einigen von Ihren engsten Mitarbeitern? Ich denke zum Beispiel an den Kardinal Oscar Andrés Rodriguez Maradiaga, der Sprecher Ihrer Achtergruppe? Hat er nicht 2009 Anteil am Militärputsch gehabt, der den legitim gewählten Präsidenten Honduras, Manuel Zelaya, mit Gewalt vom Amt vertrieb? Ich glaube nicht, dass er seither seine Meinung geändert hat, seine Haltung bei den letzten Wahlen hat mitgeholfen die Kraft der sozialistischen Seite zu schwächen und damit den Wahlschwindel im Dienste der Oligarchen und des Imperiums zu decken. Dasselbe denke ich von Eurem Staatssekretär Pietro Parolin, der die venezolanischen Bischöfe in ihrem Kampf gegen Chavez und gegen eine Regierung des Sozialismus des 21. Jahrhunderts unterstützte...(Die Bischöfe) agierten im Dienste des Imperiums und der Oligarchen..., obwohl der Sozialismus des 21. Jahrhunderts mit dem Geist des Evangeliums viel eher kompatibel ist als mit dem Neoliberalismus und Kapitalismus.“                       

Fortín schlägt vor so wie am Beginn des 20. Jahrhunderts die Priester einen Antimodernisteneid zu schwören hatten, dass diese heute einen Anitkapitalistenschwur leisten sollten, denn „die Leiter der Kirche müssten sich völlig eindeutig gegen das System, dass die Armut hervorruft, verpflichten...Derzeit ist die neoliberale und kapitalistische Ideologie in der Hierarchie vorherrschend. Kardinal Marc Oullet, entscheidend für die Bischofsernennungen, ist ein guter Repräsentant dieser Ideologie, was eben nicht für einen Wechsel spricht.“

Fortín meint, um den Ideen des Papstes zum Durchbruch zu verhelfen, brauche es neue Gesichter, prophetische Menschen. Denn ansonst „verbleibt die erwartete Bekehrung in den Händen derer, die der Bekehrung bedürfen.“ Er ist überzeugt, dass der Kampf zugunsten der Armen nicht möglich ist ohne die Überwindung des Systems: „Wir können nicht denken, dass das Reich Gottes auf Erden kommt, solange wir das Reich Mammons auf dieser Welt aufrecht erhalten...Es gibt keinen Platz um zugleich zwei Herren zu dienen, Gott und Mammon.“

 

Abschließend anerkennt Fortín die Schwierigkeiten sich von Freunden zu distanzieren, mit denen die Kirche solange sympathisiert hat, was auch der Papst selbst in seinem Schreiben anzusprechen scheint, wenn er sagt, sollte sich jemand durch seine Worte angegriffen fühlen, dann verweise er auf seine Intentionen, jenseits von persönlichen Interessen oder politischen Ideologien, auf sein Interesse für die durch eine egoistische Mentalität versklavten Menschen.

Soweit also der herausfordernde Brief von Prof. Fortín an den Papst. Zugleich denke ich, dass die Bekehrung der Kirche nicht allein bei der Hierarchie ansetzen kann. Dazu auch ein Gedanke aus dem Schreiben Evangelii Gaudium, wo es heißt: „Jede Gemeinschaft der Kirche, die meint ruhig wie bisher weitermachen zu können, ohne sich kreativ und in effizienter Zusammenarbeit dafür einzusetzen, dass die Armen in Würde leben, läuft der Gefahr der Auflösung, auch wenn sie über soziale Themen redet oder die Regierung kritisiert. Nur zu leicht kann sie in Verweltlichung Geist enden, verborgen hinter religiösen Praktiken, unfruchtbaren Sitzungen oder leeren Reden.“ (207)

 

Das geht also auch jede Pfarre, jede kirchliche Organisation und jede Basisgemeinde an. Und da stellt sich die Frage, worüber heute in diesen Gemeinschaften vor allem diskutiert wird. Stehen da nicht die innerkirchlichen Fragen wie Zölibat, Frauenpriestertum, Kommunion für Geschiedene und Sexualmoral zu sehr im Vordergrund? Welchen Auftrag meinen denn die christlichen Gemeinschaften in der Welt von heute zu haben? Die genannten Fragen gehen doch alle an den wirklichen Problemen der Gegenwart vorbei und interessieren nur eine Minderheit. Die große Mehrheit der Menschen, global gesehen und lokal, ist von einer zunehmenden Benachteiligung oder gar Verelendung betroffen, die schreiende soziale Ungleichheit ist die große aktuelle Frage. Die erschreckend hohe Zahl der Arbeitslosen, die Würdelosigkeit der Menschen, die Heimat und Familie aufgeben müssen, um in einem fremden Land Arbeit zu suchen, die bei dieser Suche im Mittelmeer Ertrunkenen und die Meldung, dass 85 Superreiche soviel besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit, also 3,5 Milliarden (Oxfam): Das alles müsste im Vordergrund der Sorge jeder christlichem Gemeinde stehen, zusammen mit der Frage nach der Zukunft der Erde, nach den klimatischen, ökologischen Perspektiven, nach der Sicherheit der Ernährung für alle?

Wenn sich eine christliche Gemeinschaft ernsthaft diesen Fragen stellt, dann müsste sie ganz konkrete und aktuelle Themen aufgreifen und Handlungsperspektiven entwickeln. So z.B. reflektieren, was es bedeutet, dass die Konzerne der EU und USA jetzt ein sogenanntes Freihandelsabkommen durchdrücken wollen, das alle Staaten erpressbar macht Sozial- und Umweltstandards zugunsten der Kapitalinteressen aufzugeben. Oder dass die EU zwar für eine Reduktion der Treibhausgase eintritt, sich aber scheut, den einzelnen Ländern Verpflichtungen vorzuschreiben. Wir dürfen nicht erwaten, dass solche Probleme von oben her gelöst werden, es bedarf eines immens starken Drucks von unten. Wieso können Christen glauben, dass sei primär eine Aufgabe der anderen, wieso wollen sie nicht mit allen Menschen und Gruppen guten Willens solche Themen in den Vordergrund stellen und gemeinsam vorgehen?

 

Was heißt das denn, Salz der Erde, Licht der Welt, zu sein? Das Weltsozialforum hat den Satz „Eine andere Welt ist möglich“ geprägt, ein Satz des Glaubens und der Hoffnung. Die Christen sollten ihre Energie und ihren Idealismus nicht mit sekundären innerkirchlichen Konflikten vergeuden, sondern vor allem an der „weltlichen“ Zukunft arbeiten. Wenn die Christen den Schwerpunkt ihres Engagements bei den kircheninternen Problemen belassen, werden sie mitschuldig am Weiterbestand des Imperium (Fortín), den strukturellen Ursachen des sozialen Unrechtes und Elendes.

 

 

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