Gelebte Freiheit – Befreiung aus dem Zwang der Rechtfertigung

31.10.2007, Dr. Erwin Koller

 

Referat von Dr. Erwin Koller bei der 22. öffentlichen Bundesversammlung der KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“ Deutschland am 27. Oktober 2007 in Münsterschwarzach am Main

 

Überblick

Erster Teil: Ihr seid zur Freiheit berufen
1. Die Sackgassen der Freiheit
2. Der Ruf zur Freiheit
3. Die Autorität der Freiheit

 

Zweiter Teil: Drei Appelle an Freundinnen und Freunde der Freiheit
1. Erschöpft die Freiheit des Christenmenschen nicht in blosser Kritik!
2. Schöpft die Freiheit des Christenmenschen aus der Tiefe ihrer Quellen!
3. Packt schöpferisch an, was die Zeichen der Zeit eurer Freiheit als Christenmenschen gebieten!

 

  • Religion und Gewalt
  • Religion und Vernunft
  • Religion und Staat
  • Religion und Naturwissenschaften
  • Religion und Sexualität
  • Religion und Frau
  • Löschet den Geist nicht aus!

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Freiheit in der Kirche!

 

Ich danke Ihnen, dass Sie mich eingeladen haben, an der 22. Bundesversammlung der KIRCHENVOLKSBEWEGUNG „WIR SIND KIRCHE“ zu Ihnen zu sprechen. Ich darf hier die Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche vertreten. Und da freut es mich zum ersten, dass so viele Freundinnen und Freunde der Freiheit in der Kirche den Weg nach Münsterschwarzach unter die Füsse genommen haben, und zum zweiten, dass ich Ihnen auch aufmunternde Grüsse des Präsidenten unseres Stiftungsrates überbringen darf, von Professor Hans Küng.

Freilich muss ich gestehen, dass mir die Sache nicht leicht fällt. Zu den fünf Postulaten des Kirchenvolksbegehrens1) ist alles Wichtige gesagt. Da kann ich nichts hinzufügen, und schon gar nicht möchte ich Sie mit falschem Trost trösten. – Was sagt man also, wenn schon alles gesagt ist?

 

ERSTER TEIL: IHR SEID ZUR FREIHEIT BERUFEN

 

1. Die Sackgassen der Freiheit
Wenn ich von Chancen gelebter Freiheit in der katholischen Kirche erzählen soll, sehe ich mich vor einem Wald von Schildern. Welchem Weg ich auch nachsinne, der aus der gegenwärtigen Situation herausführen könnte, überall stosse ich auf die Tafel: Achtung Sackgasse!

Wenn Matthias Drobinski – übrigens Preisträger 2006 der Stiftung für Freiheit in der Kirche – am 20. Oktober 07 in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG schrieb: „Liebe Katholiken in Deutschland, rettet Eure Kirche! Nicht vor dem Spott der Ungläubigen, sondern: vor sich selbst!“, dann pflichte ich ihm bei, nur weiss ich nicht, wie man das anstellen soll. Und wenn er im gleichen Artikel fragt: „Warum steht auf einmal der Rand für die Mitte, die Minderheit für die Mehrheit, die Sackgasse für den Weg?“, dann stimme ich seiner Diagnose nochmals zu und bin erst recht ratlos. In der Tat gilt, was DIE ZEIT am 27. September 07 titelte: „Die Kirche nervt.“ Die „Festwochen der katholischen Reaktionäre“ (DIE ZEIT 25. Oktober 07) – gemeint sind die streitbaren Auslassungen der Bischöfe Müller, Meissner und Mixa – hinterlassen einen Schock. In populistischer Manier glauben sie sich den Luxus leisten zu können, mit der Fixierung auf kirchliche Disziplin und reaktionäre Moral Aufmerksamkeit zu provozieren, ohne sich des Risikos bewusst zu sein, dass sie damit den Diskurs der Öffentlichkeit an Nebensächlichkeiten statt am Kern des Christlichen festmachen. Dass der Zeitgeist ästhetizistischer Intellektueller sie darin noch unterstützt, macht die Sache kaum besser.

 

Ich kenne freilich auch Bischöfe, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und denen ich mich freundschaftlich verbunden weiss. Nur wissen Sie ja, was passiert, wenn so ein Schweizer Bischof nach Rom kommt und sagt: „Wir müssen dringend ein paar Dinge, die überfällig sind, ändern, sonst erlöschen die Lichter der Kirche. Wo sollen wir beginnen, bei den Geschiedenen, bei den Frauen oder beim Zölibat?“ Dann sagen sie ihm dort: „Bleib ruhig. Wir können doch nicht die Weltkirche auf den Kopf stellen wegen ein paar Problemen in der Schweiz.“ Und wenn später ein Bischof aus Österreich kommt und dasselbe sagt, bekommt er den gleichen Vers zu hören: „Bleib doch ruhig. Du bist der einzige, der es so sieht. Denk doch an die Weltkirche!“ Und wenn der dritte Bischof aus Deutschland kommt und der vierte aus Irland und der fünfzigste aus den USA und der sechzigste aus Brasilien und der siebzigste aus Tansania und der hundertste aus Indien, auch jedem von diesen werden die Römer sagen: „Bleib ruhig! Wir müssen doch auf die Weltkirche sehen und nicht nur auf dein Problem.“ – Stellen Sie sich vor, diese hundert Bischöfe würden gemeinsam nach Rom gehen und sagen: „Meine Herren, es wird endlich Zeit! Wi r sind die Weltkirche!“

 

Bis diese hundert Bischöfe beisammen sind, können Sie sich an den Satz von George Bernhard Shaw halten:

„Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an;
der unvernünftige besteht auf dem Versuch, die Welt s i c h anzupassen.
Deshalb hängt aller Fortschritt vom unvernünftigen Menschen ab.“

Damit durchschauen Sie unschwer, warum Sie keine Fortschritte erzielen, und Sie wissen auch, warum die Mächtigen so geneigt an Ihre Vernunft appellieren.

 

Doch so gern ich mich in einer verfahrenen Situation mit dem geistreichen Sarkasmus von George Bernhard Shaw tröste, wenn ich nur die Wahl habe, die Zukunft des Christlichen entweder denen zu überlassen, die an meine Vernunft appellieren und ihre eigene Macht meinen, oder mich selbst zu den Toren zu zählen, dann wähle ich mit Paulus lieber das Zweite: „Wir sind Christi wegen einfältig geworden.“ (1. Kor 4,10)

Gelegentlich erinnere ich mich auch mit Wohlbehagen an das Bonmot, das wir uns von Johannes XXIII. erzählt haben, als ich anfangs der 60er Jahre in Rom studierte. Er hatte Martin Luthers Bekenntnis auf dem Reichstag zu Worms im Ohr: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.“ und eröffnete selber das Konzil mit dem Ausspruch: „Hier sitze ich. Ich kann noch ganz anders. Gott helfe euch! Amen.“ Dieses „Ich kann noch ganz anders“ hat einigen Zündstoff in sich, wie jede Freiheit.

 

2. Der Ruf zur Freiheit
Von den Quellen her kann nicht der geringste Zweifel an der Freiheit des Christenmenschen aufkommen. Wer sich als Christ auf Jesus von Nazareth einlässt, beruft sich zuallererst auf einen freien Menschen: frei in seiner Ausstrahlung, frei in der Begegnung mit den Menschen, ja frei sogar im Umgang mit religiösen Gesetzen und mit Gott selber. Den Namenlosen nannte er Vater. Von den religiösen Vorschriften sagte er: Sie sind für den Menschen da, nicht umgekehrt, und machte es klar, als seine Jünger am Sabbat Ähren abrissen (vgl. Mk 2,23-28). Auf die Menschen, mit denen er zusammenkam, muss ein befreiender Funke übergesprungen sein. Der kleinwüchsige Zollpächter Zachäus steigt auf einen Baum, um ihn zu sehen (vgl. Lk 19,1-10). Eine Frau schleicht sich in seine Freundesrunde und salbt ihm die Füsse (vgl. Lk 7,36-50). Kranke werden in der Begegnung mit ihm heil.

Wir können Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. nur zustimmen, wenn er in seinem Buch JESUS VON NAZARETH die Bergpredigt mit der Überschrift ‚Die Tora des Messias’ versieht und dann gleich erklärt: „Das ‚Gesetz Christi’ ist die Freiheit.“2)

 

Paulus hat diesen Freiheitsimpetus zum Programm seines Lebens und Wirkens gemacht, auch wenn es für ihn kein Sonntagsspaziergang war:

  • „Ich genieße das [heidnische] Opferfleisch mit Dank gegen Gott. Niemand hat das Recht, mich zu tadeln, wenn ich etwas esse, wofür ich Gott danke.“ (1. Kor 10,30)
  • „Ein fremdes Gewissen darf sich nicht zum Richter über meine Freiheit machen.“ (1.Kor 10,29)
  • „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ (2. Kor 3,17)
  • „Weil ich eine so große Hoffnung habe, kann ich frei und offen auftreten.“ (2. Kor 3,12)
  • Im Galaterbrief spricht er von „eingeschleusten Pseudo-Brüdern, die sich Zugang verschafft hatten, um unsere Freiheit auszuspionieren, die wir im Messias Jesus besitzen, damit sie uns versklaven könnten. Denen haben wir keinen Stundenschlag lang Unterwerfung geleistet, damit die Wahrheit des Evangeliums euch gegenüber aufrechterhalten bliebe.“ (Gal 2,4f)
  • „Christus hat uns befreit; er will, dass wir jetzt auch frei bleiben. Steht also fest und lasst euch nicht wieder ins Sklavenjoch einspannen!“ (Gal 5,1)
  • „Ihr aber, Schwestern und Brüder, seid zur Freiheit gerufen, nur sei die Freiheit kein Vorwand dafür, es der herrschenden Weltordnung nachzumachen, sondern durch die Liebe sollt ihr füreinander Sklavendienst leisten.“ (Gal 5,13)

 

Epochal war für die junge Christenheit – und ist bis heute –, wie Paulus aus dieser Freiheit heraus in Antiochia selbst Petrus öffentlich zur Rede stellt:

„Als ich nun sah, dass sie den aufrechten Gang nach der Wahrheit des Evangeliums nicht mehr übten, sagte ich zu Petrus im Beisein aller: ‚Wenn du, der du doch Jude bist, nach heidnischen Normen lebst und nicht jüdisch, wieso zwingst du dann nichtjüdische Menschen jüdisch zu werden?’“ (Gal 2,14)

 

Wer also ‚mit aufrechtem Gang’ das Erbe Jesu, die Hinterlassenschaft des Neuen Testamentes hüten will, der muss dieser Freiheit Sorge tragen. Woher denn sonst ist der Glaube an diesen Jesus geschichtsmächtig geworden? Woraus sonst ist nach tausend Niederlagen tausend und einmal Hoffnung gewachsen? Aus welcher Quelle, wenn nicht aus der Freiheit, hat die Liebe immer wieder geschöpft, um selbst das Leiden an der eigenen Kirche auszuhalten?

 

3. Die Autorität der Freiheit
Doch aller zitierten neutestamentlichen und auch päpstlichen Freiheitspredigt zum Trotz ist in vielen Fragen kirchlicher Lebens- und Gemeinschaftsgestaltung ein Geist der Unfreiheit am Werk, ist knechtische Untertanenmentalität mit Händen zu greifen, stinkt hündisches Tun manchmal zum Himmel – ganz nach dem bekannten Spott von Georg Wilhelm Friedrich Hegel:

„Gründet sich die Religion im Menschen nur auf ein Gefühl … seiner Abhängigkeit …, so wäre der Hund der beste Christ... Der Geist aber hat viel mehr in der Religion seine Befreiung und das Gefühl seiner göttlichen Freiheit; nur der freie Geist hat Religion.“

 

Angesichts der Wolke von Zeugen für die Freiheit des Christenmenschen fragt man sich, warum diese Freiheit so wenig gelebt wird, warum Mut und Zivilcourage spärlich verbreitete christliche Tugenden sind, und warum die Angst meist überwiegt. Ist die Angst einfach ‚der Preis der Freiheit’, wie Sören Kierkegaard meint? Hanno Helbling, ehemaliger Feuilleton-Chef der Neuen Zürcher Zeitung und – als Protestant – lange Jahre Konzils-, Kirchen- und Vatikanbeobachter, hat im Nachruf auf Johannes Paul II. einen anderen Grund der Unfreiheit ausgemacht:

„In seinen Lehräusserungen hat er [Johannes Paul II.] der Wahrheit einzig die Form der autoritativen Antwort gegeben und die Autorität der Freiheit, die auch aus Fragen spricht, nicht zu Wort kommen lassen.“

 

Gewiss ist das Freiheitserbe des Neuen Testaments durch das Freiheitspathos der Aufklärung zusätzlich aufgeladen worden, was angesichts der Unfreiheit in der Kirche nur verständlich war. Doch statt sich darüber zu freuen, rümpfen viele Kirchenmänner die Nase und werden nicht müde, auf die Gefahren der Freiheit – die zweifellos vorhanden sind – hinzuweisen und mit Drohbotschaften zu hausieren. Statt Menschen in Krisen mit Verständnis und Versöhnungsbereitschaft zu begegnen und sie zu ermutigen, wenn sie einen neuen Anfang setzen, begegnen sie ihnen zu oft mit unbarmherziger Kälte und mit der Strenge ihrer Gesetze.

 

Wo jedoch die Kirche die Autorität der Freiheit durch ein Joch der Abhängigkeit ersetzt, findet zunehmend eine Abstimmung mit den Füssen statt. Dass dieselben Menschen sich häufig anderswo in neue Abhängigkeiten begeben, wollen wir nicht verschweigen. Auch das gehört zur Dialektik der Freiheit.

Sie allerdings, liebe Freundinnen und Freunde der Freiheit in der Kirche, sind hier, weil Sie sich entschlossen haben, zu bleiben, vielen vernünftigen Gründen zum Trotz, vielleicht sogar ein bisschen heroisch, was mich manchmal nachdenklich stimmt. Peter Bichsel hat gesagt: „Ich möchte nicht in einem Land leben, das Helden braucht.“ Ich möchte auch nicht in einer Kirche leben, deren Strukturen vom Kirchenvolk nur mit Heldenmut zu ertragen sind und bei Kirchenfürsten nicht selten eine Verkrümmung des Rückgrats bewirken. Wenn christlicher Glaube denn schon Heilige fordert, dann im Sinn der Seligpreisungen der Bergpredigt und nicht wegen der Unbelehrbarkeit von Amtsinhabern.

 

ZWEITER TEIL: DREI APPELLE AN FREUNDINNEN UND FREUNDE DER FREIHEIT

 

Lassen Sie mich darum – in einem zweiten Teil – zu drei Punkten reden, zu drei Dringlichkeiten, die ich Ihnen als Aufforderungen mit auf den Weg geben möchte:

 

1. Erschöpft die Freiheit des Christenmenschen nicht in blosser Kritik!
2. Schöpft die Freiheit des Christenmenschen aus der Tiefe ihrer Quellen!
3. Packt schöpferisch an, was die Zeichen der Zeit eurer Freiheit als Christenmenschen gebieten!

 

1. Erschöpft die Freiheit des Christenmenschen nicht in blosser Kritik!
Ihre Kritik ist notwendig, das hat der erste Teil schon klar gemacht. Die Zölibatspflicht für Priester höhlt in der Seelsorge faktisch die Katholizität unseres Glaubens aus. Dass Frauen Gleichberechtigte im Glauben sind und also auch in den Ämtern sein müssen – wenn es diese denn schon geben soll 3) –, kann im 21. Jahrhundert niemand im Ernst bestreiten. Die Gleichberechtigung ist überfällig. Und dass Sexualität zur Condition humaine gehört und also auch zur Condition chrétienne, die in ihren Träumen gesegnet, in ihrer Kraft anerkannt und selbst in ihrem Versagen vergeben werden soll, auch das kann im Namen Jesu niemand bestreiten. Das alles ist nicht neu. Denken Sie nur an das Liebeslied, das schon unsere Vorfahren im Glauben in ihre hebräische Bibel aufgenommen haben, das Hohe Lied, das mit den Worten beginnt: „Wenn er mich doch küsste mit den Küssen seines Mundes! Denn besser als Wein ist deine Liebe.“

 

Sie dürfen also von einer befreienden Botschaft künden. Freuen Sie sich! Rufen Sie diese Botschaft hinaus in die Gegenwart und hinein in die Kirche. Ohne die vitalen Kräfte des Menschseins wird die Kirche keine Zukunft haben. Die Mehrzahl der Katholikinnen und Katholiken hat das verstanden. Und wenn die Bischöfe euch nicht verstehen oder nicht verstehen dürfen und das Gespräch verweigern, dann sind sie traurige Gesellen und tragische Versager vor ihrer Christenpflicht.

 

Wenn die Moderne das Freiheitspostulat ins Zentrum rückt, dann ist das keine ‚Diktatur des Relativismus’ oder sonst ein Ismus, als den Benedikt XVI. fast alles, was auf die Weltbühne der Moderne tritt, abtut. Die Anerkennung der Frau hat sich als epochale Errungenschaft in die Befreiungsgeschichte eingeschrieben. Wenn etwas dadurch relativ geworden ist, dann ist es jede pure Männerherrschaft. Zu rechtfertigen braucht sich nicht, wer an diese Errungenschaften erinnert, sondern wer sie verweigert.

Nun wird freilich heiser, wer immer nur ruft und ohne Echo bleibt. Und bitter, wer umsonst gegen Mauern der Ablehnung anrennt. Nicht selten entsteht daraus eine Verhärtung, welche die Härte des Widerparts geradezu spiegelt. Man kann die undurchschaubaren Gesetze der Spiegelung, die Fratzen der Nachäffung immer wieder beobachten. Und manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Mächtigen genau darauf abzielen, wenn sie alle Probleme der Welt glauben aussitzen zu können – und ein entsprechendes Sitzfleisch bekommen. Es gibt eine Kritik, die so lähmend, so uninspiriert und auch so langweilig wirkt wie die Kritisierten.

 

Lasst darum die Postulate der Kirchenvolksbewegung niemals zu bloss abwehrender, defensiver Kritik verkommen. Denn dann geht ihr unter im Meer der Kritik, die der Zeitgeist für alles und gegen jedes bereithält. Und auf diese Weise nehmt ihr euren Postulaten die nachhaltige Kraft.

Damit komme ich zu meinem zweiten Appell:

 

2. Schöpft die Freiheit des Christenmenschen aus der Tiefe ihrer Quellen!

In Zeiten lang anhaltender Winterstarre – ein spezifisch kirchliches Klimaproblem – ruft die Pfingstsequenz einen andern Geist herbei:

Flecte quod est rigidum,
Fove quod est frigidum,
Rege quod es devium.

Beuge, was verhärtet ist,
wärme, was erkaltet ist,
Lenke, was da irre geht.

Das sind bewegende Verse, die eine neue Schöpfung erahnen lassen. Man richtet sie gerne an die Kirchenleitung mit der Aufforderung, sie möge sich dem Pfingstgeist endlich öffnen. Etwa so wie der junge König Salomon den Herrn bittet: „Verleihe deinem Knecht ein hörendes Herz!“ (1 Kön 3,9) Aber die zitierten Verse gelten auch dem pfingstlichen Gottesvolk. Nur so meidet es die Abgründe, in welche die Berufung auf „das Volk“ im 20. Jahrhundert wiederholt gestürzt ist. Nur so erfüllt das Volk Gottes jene Verheissung, die ihm die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils zugesprochen hat. Freilich haben wir davon bisher kaum mehr als Brosamen essen dürfen, schon eher muss man von einem „Volk-Gottes-Betrug“ reden.

 

Die Postulate der Kirchenvolksbewegung werden auf Jahre hinaus ein Ceterum censeo bleiben, das unverzichtbar in unsere geschichtliche Situation hinein gehört. Und aus Josua 6 wissen wir, dass man in zahllosen Umgängen schreien und mit einem sehr langen Atem Trompeten und Widderhörner blasen muss, bis die Mauern Jerichos einstürzen.

Reformbewegungen – das zeigt die Geschichte – haben fast immer ihren Durchbruch erlebt, wenn sie ein Ziel hatten, das viele Menschen bewegte, und Wurzeln, die tief in die Seele des Einzelnen und in die Erinnerungen der Geschichte und ihrer Institutionen hinabreichten. Die Kirchenvolksbewegung nimmt teil an der Reformbewegung, die das Zweite Vatikanische Konzil ausgelöst hat und die seine besten Errungenschaften vorantreibt. Da darf man – ohne unstatthafte historische Vergleiche anzustellen – an andere Reformbewegungen erinnern, etwa an jene des ausgehenden Mittelalters, deren Postulate das Konzil von Konstanz anfangs des 15. Jahrhunderts aufgegriffen hat. Jenes Konzil hat der Kirche – nachdem es zunächst drei Päpste abgesetzt hatte – eine ‚Reform an Haupt und Gliedern’ ins Stammbuch geschrieben: eine ‚Reformatio in capite’ zuerst, die ‚Reformatio in membris’ sollte folgen.

 

Hätte die Kirchenführung und zuallererst die Kurie in Rom damit Ernst gemacht, dann wäre hundert Jahre später die Reformation nicht nötig geworden. Solche Parallelen in der Geschichte sind Grund genug, mit dem Ceterum censeo nicht müde zu werden, auch wenn dieses Ceterum censeo gelegentlich – wie schon bei Cato dem Älteren – als Kriegsruf ertönen mag.

Aber eben, dieser Ruf darf nicht einer eindimensionalen Machtkirche eine ebenso eindimensionale Gegenmacht entgegen setzen wollen. Hans Küng hat im zweiten Band seiner Erinnerungen unter dem Titel UMSTRITTENE WAHRHEIT 4) mit Recht darauf hingewiesen, dass es in der Auseinandersetzung zwischen ihm und Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. nicht um die Frage des richtigen Katholizismus geht, sondern um zwei unterschiedliche Wege des Katholischseins, die sich beide aus der Geschichte heraus begründen lassen. Kirche-Sein umfasst mehr Dimensionen als die leidigen Streitigkeiten der Gegenwart weismachen wollen. Dafür eine Sensibilität wach zu halten, ist auch eine Weise befreiender Kritik.

 

Lassen Sie mich einen weiteren Landsmann zitieren, mit dessen katholischer Interpretation der Rechtfertigungslehre Hans Küng der Ökumene ein weites Tor öffnete: Karl Barth. Er hat das zitierte Pauluswort im 2. Korintherbrief 3,17 an Pfingsten 1957 folgendermassen kommentiert:

„Wo der Geist des Herrn ist, da ist diese Freiheit. Da wäre er also nicht, wo diese Freiheit, diese Macht und Kunst nicht wäre, wo die freie Gemeinde der freien Christen nicht geboren würde, nicht aufstünde, nicht am Werk wäre. Christentum in der Knechtschaft, in der Angst, im Schneckenhaus kann und mag an sich immer noch eine nette Sache sein. Nur mit dem Geist des Herrn wird ein solches unfreies Christentum bestimmt nichts zu tun haben.“ 5)

Auch wenn wir inzwischen wissen, dass so eine nette Sache – um beim Ausdruck Karl Barths zu bleiben – ganz schön medienwirksam sein kann, möchten wir unser Christentum nicht als solches Schneckenhaus verstanden wissen.

 

Unsere reformatorischen Christen sind uns in dieser Hinsicht ein paar Schritte voraus. Schon Luther hat 1520 die berühmte Schrift VON DER FREIHEIT EINES CHRISTENMENSCHEN veröffentlicht. Er hat sie notabene Papst Leo X. gewidmet, dem Medici-Sprössling, der von seinem lasterhaften Onkel Papst Innozenz VIII. schon mit 13 Jahren zum Kardinal kreiert worden war, und der jenen Epoche machenden Thesenanschlag von 1517 gar nicht richtig wahrgenommen hatte. 6) Die Schrift beginnt mit dem Satz:

„Damit wir gründlich erkennen, was ein Christenmensch ist, und wie es um die Freiheit stehe, die ihm Christus erworben und gegeben hat, wovon Sankt Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Sätze aufstellen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

 

Die Freiheit des Christenmenschen steht am Ursprung des Christseins, sie ist ihm geschenkt, und jede Dienstbarkeit – oder wenn Sie lieber wollen: jeder Gehorsam – kommt aus dieser Freiheit heraus, niemals umgekehrt. Die Freiheit steht am Anfang. Luther deutet den inneren Zusammenhang der zwei Sätze dann folgendermassen:

„So fliesst aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, umsonst dem Nächsten zu dienen.“

Viele sind in die Schule dieser Freiheitslehre gegangen und haben sie weiterentwickelt. Etwa Dietrich Bonnhoeffer, der in den Todeskammern der Nazis um WIDERSTAND UND ERGEBUNG gerungen hat – das kleine Büchlein unter dem gleichen Titel war für mich während meines Theologiestudiums wegweisend. Oder Dorothee Sölle, die in MYSTIK UND WIDERSTAND – DU STILLES GESCHREI Politik und Mystik verband:

„Gott zersplittert zu finden in arm und reich, in oben und unten, in krank und gesund, in schwach und mächtig, das ist das Leiden der Mystiker.“ 7)

Blosser Protest reicht nicht. Widerstand muss von tiefen Quellen leben, sonst besteht er den Ernstfall nicht.

 

Ein ähnliches Ethos hat auch Zeugen der Gegenwart gepackt, etwa Aung San Suu Kyi, die Oppositionsführerin und Nobelpreisträgerin Burmas, oder einige Jahrzehnte vor ihr Nelson Mandela von Südafrika. Oder nochmals zwei Generationen früher Mahatma Ghandi in Indien: Kein Widerstand hat eine Chance, wenn er nicht getragen ist von einer grossen Liebe zur Sache. Wenn sich Widerstand darin erschöpft, gegen etwas zu sein, erschöpft er sich, wird blutleer oder endet in Gewalt. Und das gilt spiegelbildlich auch für eine Kirchenführung, die aufkeimende Initiativen für eine andere Kirche zurückstösst und lieblos die Macht des Systems verteidigt. Auch sie wirkt lähmend und verliert ihre Glaubwürdigkeit.

Rainer Maria Rilke hat in seinen TAGEBÜCHERN AUS DER FRÜHZEIT den spirituellen Hintergrund entdeckt, der hinter solchen Bewegungen der Kirchen- und Religionsgeschichte wirksam ist:

 

„Es wechseln immer wieder drei Generationen. Eine findet den Gott, die zweite wölbt den engen Tempel über ihn und fesselt ihn so, und die dritte verarmt und holt Stein um Stein aus dem Gottesbau, um damit notdürftig kärgliche Hütten zu bauen. Und dann kommt eine, die den Gott wieder suchen muss.“ 8)

Es gehört zur Signatur der Gegenwart, dass wir heute alle gleichzeitig am Werk sehen: jene, die den Tempel bauen, jene, die die Steine abtragen und schliesslich jene, die Gott wieder neu suchen.

 

Für die Kirchenvolksbewegung kann das nur heissen, dass sie ihren Widerstand spirituell nähren und stützen muss, dass sie Räume und Zeiten schaffen muss, wo Ereignisse, Strömungen und Themen der Gegenwart geistlich aufgegriffen, gedeutet und bewusst gemacht werden, Anlässe und Zeitpunkte auch, wo die Quellen zum Fliessen gebracht werden, die eine offene Katholizität aus ihrem Ursprung und ihrer Geschichte schöpfen kann. Es genügt, wenn es in der Politik Bewegungen gibt, in denen sich alles um ein Thema dreht: ums Auto, um Atomkraftwerke oder um die bösen Fremden. Die Kirchenvolksbewegung darf nicht auf ähnliche Weise eindimensional sein. Wer sich auf die Geschichte besinnt, kann niemals eindimensional denken und agieren.

Ich komme zu meinem dritten Appell:

 

3. Packt schöpferisch an, was die Zeichen der Zeit eurer Freiheit als Christenmenschen gebieten!

Wer sein Ceterum censeo kennt, wer aus tiefen Quellen einer offenen Katholizität schöpft, der stösst unweigerlich auf Herausforderungen der Gegenwart, die als Zeichen der Zeit erkennbar sind. Und deren gibt es viele. Ich möchte mich auf wenige Themen konzentrieren, die sehr direkt mit Ihren fünf Forderungen zu tun haben.

 

Religion und Gewalt
Nehmen wir das Thema RELIGION UND GEWALT. Es ist brisant präsent. Benedikt XVI. hat in Regensburg darauf hingewiesen, dass die Angehörigen der Universität für den rechten Gebrauch der Vernunft in einer gemeinschaftlichen Verantwortung stehen, und er hat dann zustimmend den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos zitiert:

„Gott hat kein Gefallen am Blut, … und nicht vernunftgemäss, nicht ‚συν λόγω’ zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.“

Ich will über die Begleiterscheinungen hier nicht reden, sie sind Ihnen bekannt. Tröstlich ist immerhin die kleine, aber nicht gering zu schätzende Nebensache, dass in diesem Zusammenhang ein Papst sich genötigt sah, seine eigenen Aussagen zu korrigieren, vor aller Welt, im Internet. So oft hat man das bisher nicht erlebt!

 

Was hat das Thema mit Ihrer Kirchenvolksbewegung zu tun? Zunächst ist Dialogverweigerung selbst eine Form von Gewalt. Aber eine Bewegung gegen illegitime Macht in der Kirche muss auch kämpfen gegen Machtmodelle und Gewaltvorstellungen im Gottesbild und in Gebeten und Ritualen der Kirche. Nehmen Sie also den Ball auf, sprechen Sie mit anderen Kirchen darüber, in welchem Verhältnis der Glaube zur Gewalt steht, wie Religion und Macht sich in der Geschichte zueinander verhielten. Setzen Sie sich mit Angehörigen anderer Religionen über Religion und Gewalt auseinander und fragen Sie, wie es dazu kommt, dass Macht – auch religiöse Macht – in Gewalt umkippt.

Wir müssen in dieser Sache endlich weiter kommen. Darum schonen Sie die eigene Tradition nicht. Ich meine nicht nur die fernen Kreuzzüge und die nicht so fernen Religionskriege und andere Blutspuren, die das Christentum in der Geschichte hinterlassen hat. Ich meine schon unser ganz alltägliches religiöses Reden, ganz besonders die Gebete und Lieder, die wir im Gottesdienst gebrauchen.

 

Ich habe am letzten Karfreitag zusammen mit zwei Freunden versucht, eine Karfreitagsliturgie zu schaffen, die ohne Legitimation oder gar Heroisierung von Gewalt auskommt. Die Schwierigkeit begann schon beim vertrauten „O Haupt voll Blut und Wunden.“ Welche – fast masochistische – Vorstellung von Erlösung haben wir, wenn wir mit dem berühmten Paul Gerhardt von dieser Hinrichtung singen: „Ach Herr, was du erduldet, ist alles meine Last. Ich habe das verschuldet, was du getragen hast.“ Und später: „Ich danke dir von Herzen, für deine Todesschmerzen.“ Oder zum Lied „Beim letzten Abendmahle“: Was ist denn das für ein „blut’ger Kreuzaltar“, auf dem sich Jesus „selbst zum Opfer darbringt“, darbringen muss? Reicht es denn nicht, dass er mit einer inneren Freiheit auftrat und zu einer Freiheit aufrief, die den Herrschenden ungeheuer war und gewalttätige Gegner auf den Plan rief, die ihn mit dem Tod bestraften? Müssen wir auch noch einen rächenden Gott ins Spiel bringen und ein Schuldpathos aufbauen? – Nicht ganz einfach, ich gebe zu, auch theologisch. Doch das ist kein Grund, in Sachen Religion und Gewalt nicht auch vor der eigenen Haustüre zu wischen. Die Feministinnen haben das längst angemahnt. Und den Segen des Papstes haben Sie ja!

 

Sie werden dann freilich zögern, ob Sie Gott weiterhin als „Allmächtigen“ ansprechen wollen. Und Sie werden Theologen in Verlegenheit bringen mit der Frage, was denn mit der Opfertheologie eigentlich gemeint sein könnte angesichts des Prophetenwortes: „Lasst eure nutzlosen Opfer! Ich kann euren Weihrauch nicht mehr riechen!“ (Jes 1,13) Ich muss Sie freilich warnen: Wenn Sie sich das Thema Religion und Gewalt mal vorgenommen haben, werden Sie kaum mehr aus einem Gottesdienst ungeschoren davonkommen.

 

Religion und Vernunft
Das andere Thema, das Benedikt XVI. anspricht, ist das Verhältnis von RELIGION UND VERNUNFT. Auch wenn der Papst die Beziehung bemerkenswert positiv sieht, können wir nicht behaupten, dass wir Katholiken mit der Aufklärung schon gut zu Rande gekommen wären. Andere Religionen auch nicht. Und auch die Aufklärung selbst muss beim Thema Religion nochmals über die Bücher, Jürgen Habermas hat in seinen philosophischen Aufsätzen ZWISCHEN NATURALISMUS UND RELIGION 9) einige Fragen genannt. Natürlich ist auch das eine Herkules-Arbeit – wie das Thema Religion und Gewalt. Aber irgendwann muss ja irgendwer beginnen und das, was schon da ist, konsequent vorantreiben.

Die lateinamerikanische Kirche hat in den letzten Jahrzehnten die vorrangige Option für die Armen zu ihrem Credo gemacht. Die Gesamtkirche hat es – bei aller Kritik an der Befreiungstheologie – schliesslich übernommen, wenn auch nicht überall gleich überzeugend. Wie wäre es, wenn die europäischen Kirchen vor dem Hintergrund der europäischen Aufklärung einen konstruktiven und produktiven Umgang mit dem Thema Religion und Vernunft zustande brächten und mit dem Vorrang des Menschen und der Menschenrechte vor jeder Institution und Macht der Gesamtkirche – und hoffentlich darüber hinaus den Religionen – ein spezifisches Geschenk machen würden?

 

Religion und Staat
Auch das Thema RELIGION UND STAAT hat sehr eng mit den Themen ‚Religion und Vernunft’ und ‚Religion und Macht’ zu tun. Hier reiben sich unterschiedliche Ausdrucksformen der Vernunft aneinander. Die Erkenntnis reift, dass die pure republikanische Scheidelinie zwischen Religion und Staat nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Der ehemalige deutsche Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Dilemma formuliert, das diesen Diskurs bewegen muss:

„Der freiheitliche säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann, ohne seine Freiheitlichkeit in Frage zu stellen… Die Ressourcen, die eine freiheitliche Ordnung tragen und von denen wir leben, sind nicht einfach von Natur aus da, und die tragen sich nicht aus sich selbst fort.“

 

Grundsätzlich kann man sich an das Diktum von Kardinal Lehmann halten. Es nützt nichts, „ein Klagelied über die Säkularisierung anzustimmen“, vielmehr müssen sich christliche Überzeugungen im vielstimmigen Chor der Stimmen einer pluralistischen Gesellschaft zu Wort melden und behaupten.

Das stets ambivalente Verhältnis von Religion und Staat hat – auch unter den Bedingungen der Aufklärung – verschiedene Ausprägungen erhalten und Blüten getrieben. Eine davon ist gewiss unser schweizerisches Religionsrecht, das im Zusammenhang mit der Kirchgemeinde Röschenz und seinem aufsässigen Pfarradministrator auch international Beachtung gefunden hat, vor allem wegen des Urteils eines staatlichen Gerichts in dieser Sache. 10)

In Auseinandersetzungen mit dem Vatikan skeptisch geworden, erreichten die Eidgenossen schon vor Jahrhunderten eine eigenwillige Errungenschaft. Sie haben neben der katholischen Kirche, wie sie jeder kennt, mit Bischöfen, Priestern und Pfarreien, in fast jedem Kanton katholische Körperschaften oder Landeskirchen organisiert. Denn das Steuerrecht sollte nur bekommen, wer auch Strukturen vorweist, die eine demokratische Entscheidung und Kontrolle über die Steuergelder gewährleisten. So ist also die nach dem Kirchenrecht verfasste Kirche wie überall hierarchisch, die staatskirchenrechtlich, also gemäss dem Religionsrecht verfasste aber demokratisch. Die hierarchische Kirche ist somit zuständig für den Glauben, die demokratische Kirche für das Geld. Eigentlich eine saubere Trennung. Und doch kommen sich die beiden Dinge gelegentlich in die Quere: Wenn zum Beispiel ein Bischof (nennen wir ihn Koch) überzeugt ist, dass er einem Pfarradministrator (nennen wir ihn Sabo) die Missio canonica entziehen muss, dann muss er sich auch an die Demokratie halten, weil ohne Geld Sabo weder angestellt noch gekündigt werden kann.

 

Oder anders formuliert: Es genügt nicht, dass der Bischof sich ans Kirchenrecht hält, er muss sich auch an Menschenrechte halten, wie sie die Demokratie verbindlich voraussetzt – etwa dass jeder Mensch Anspruch auf rechtliches Gehör hat. Das ist beileibe nichts Ungeheuerliches, ungeheuerlich ist eher, dass das in der Kirche nicht vorgesehen ist. Wo sich doch gerade das Kirchenrecht orientieren müsste an jenem Jesuswort:

„Wenn dein Bruder oder deine Schwester sich gegen dich verfehlt, geh hin und kläre den Konflikt zwischen euch unter vier Augen… Wenn du nicht gehört wirst, nimm eine oder zwei Personen mit, damit über jeden Konflikt aufgrund der Zeugenaussage von zwei oder drei Personen entschieden werden kann…“ (Mt 18,15f)

 

Gewiss gehört der Glaube zum Unverfügbaren. Doch es ist ein illegitimer Kurzschluss, wenn man aus dem ‚von oben’ geschenkten Glauben folgert, synodale oder demokratische Mitbestimmung des Gottesvolkes hätte in der Kirche nichts zu suchen. Der Glaube ist im Übrigen für die Hierarchie genau so unverfügbar wie für das Volk Gottes. Doch dann gibt es – sozusagen unterhalb der geistlichen Ebene – wie in jeder anderen Gemeinschaft viele Dinge abzuwägen, die je nach Beteiligten und Zeitumständen heute anders als gestern und morgen anders als heute entschieden werden können.

Dieser Exkurs in schweizerische Gefilde mag zeigen, dass Demokratie und Hierarchie sich nicht einfach ausschliessen müssen, sondern auch in einem spannungsreichen Verhältnis zueinander stehen können. Wenn wir uns vor Augen halten, dass die genannte Regelung bereits jetzt für die jüdische Kultusgemeinde gilt und bald auch auf islamische Gemeinschaften angewendet werden könnte, dann sehen Sie, dass ein kreatives staatliches Religionsrecht auch einigen Zündstoff aus religionspolitischen Konflikten herausnehmen kann. Oder anders formuliert: Mit einem solchen Religionsrecht könnten nicht nur der katholischen Kirchenführung sanfte Nachhilfestunden im Umgang mit der Demokratie verabreicht werden, sondern auch muslimischen Imamen.

 

Ein anderes wichtiges Thema im Verhältnis von Religion und Staat ist die neu gestellte Frage nach dem Sozialstaat. Der Sozialstaat hat starke Wurzeln in der christlichen Caritas. Wenn nun dieser Sozialstaat im Zeichen der Globalisierung vor neuen Herausforderungen steht, was hat eine christliche Reflexion anzufragen und beizutragen? Die blosse Verteidigung des Status quo ist kaum neutestamentlich zu begründen.

Abschliessend nur kurz drei weitere Spannungsfelder:

 

Religion und Naturwissenschaften
Eine weitere Variante des Verhältnisses von Religion und Vernunft ist das Verhältnis von RELIGION UND NATURWISSENSCHAFTEN. Hans Küng hat mit seinem Buch DER ANFANG ALLER DINGE. NATURWISSENSCHAFT UND RELIGION 11) auch auf diesem Feld einen wichtigen Beitrag geleistet. Zur Aufarbeitung tradierter Hypotheken ist noch einiges zu leisten. Und wesentlich brennender als der vieldiskutierte Kreationismus sind die Herausforderungen, welche durch die Erkenntnisse und Hypothesen der Hirnforschung auf die christliche Theologie zukommen.

 

Religion und Frau
Nicht weniger herausfordernd ist das Thema RELIGION UND FRAU, Argumente dazu habe ich schon verschiedentlich genannt. Warum um Himmels willen haben alle Religionen so abgrundtiefe Probleme damit? Welche Geschichten und Erfahrungen stecken dahinter? Welche Projektionen und Armseligkeiten des männlichen – und vielleicht auch des weiblichen – Geschlechts führen da Regie?

 

Religion und Sexualität
Ein brisantes und ebenfalls bereits erwähntes Thema, das Ihre fünf Postulate unmittelbar berührt, ist das Verhältnis von RELIGION UND SEXUALITÄT. Es könnte sein, das der scheinbare Umweg über den Dialog mit anderen Religionen und ihren Erfahrungen eher zum Ziel führt, als wenn Sie nur an verrammelte Türen der eigenen Kirche klopfen. Das Thema wird Sie Ende März 2008 an Ihrer nächsten Bundesversammlung in Bielefeld beschäftigen.

Liebe Freundinnen und Freunde der Freiheit! Das sind nur ein paar Skizzen, die zeigen, dass Ihnen der Stoff nicht ausgehen wird. Ich hoffe, dass Sie dabei nicht schwindlig werden. All diese Probleme haben eng mit der Freiheit zu tun und mehr oder weniger direkt mit Ihren fünf Postulaten. Packen Sie also zu. Ich kann Sie versichern, dass kluge Kirchenführer das bald gerne zur Kenntnis nehmen werden, weil sie selbst diese Herausforderungen der Gegenwart und der nächsten Zukunft kaum zu schultern vermögen.

 

LÖSCHET DEN GEIST NICHT AUS!

 

Ich möchte mit einem Wort schliessen, mit dem auch Paulus seinen ersten Brief an die Christen in Thessaloniki schloss: „Löschet den Geist nicht aus!“ (1. Thess 5,19) Oder wie Luther übersetzte: „Den Geist dämpft nicht.“

 

Löschet den Geist nicht aus:
– den Geist der Freiheit!
– den Geist des Freimuts!
– den Geist des Dialogs!
– den Geist kritischer Einmischung!

 

Löschet den Geist nicht aus:
– den Geist des Dienstes füreinander!
– den Geist der Verantwortung!
– den Geist des Respekts vor der Wahrheit!

 

Löschet den Geist nicht aus:
– den Geist eines offenen Herzens!
– den Geist des Eros!
– den Geist der Gewaltlosigkeit!
– den Geist der Achtung vor jedem Geschöpf.

 

Löschet den Geist nicht aus:
– den Geist der Liebe für eine menschlichere Kirche!

 

Löschet den Geist nicht aus:
– den Geist der Hoffnung!

 

Münsterschwarzach, 27. Oktober 2007

 

Dr. Erwin Koller, Theologe, Journalist und Vizepräsident der Schweizer Herbert Haag-Stiftung
Stauberbergstrasse 45
CH-8610 Uster
erwin.koller@setarkos.com

 

1) Die fünf Punkte wurden erstmals 1995 im österreichischen KirchenVolksBegehren formuliert und dann von der internationalen Bewegung „Wir sind Kirche“ übernommen. Sie lauten folgendermassen:
1. Aufbau einer geschwisterlichen Kirche;
2. Volle Gleichberechtigung der Frauen;
3. Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform;
4. Positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen;
5. Frohbotschaft statt Drohbotschaft.

Eine Erläuterung dazu siehe unter http://www.wir-sind-kirche.at/ueber-uns/ziele

2) Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: JESUS VON NAZARETH. Freiburg/Br. 2007, S. 131.

3) Eine radikale Kritik daran findet sich im Buch von Herbert-Haag, dem Gründer unserer Stiftung für Freiheit in der Kirche: WORAUF ES ANKOMMT. WOLLTE JESUS EINE ZWEI-STÄNDEKIRCHE? Freiburg/Br. 1997.

4) München 2007.

5) Karl Barth: PREDIGTEN 1954-1967. Zürich 1979, S. 263.

6) Vgl. Hans Küng: KLEINE GESCHICHTE DER KATHOLISCHEN KIRCHE. Berlin 42005, S. 164
7) München 1999, S. 14.

8) Frankfurt 1973, Seite 30.

9) Frankfurt 2005.

10) Das Kantonsgericht Baselland hat sein Urteil am 5. September 2007 in Liestal gefällt.

 

 

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