Johannes XXIII. und das Konzil

05.04.2012, Wolfgang Seibl SJ

 

Der Jesuit und Journalist Dr. Wolfgang Seibl SJ hielt am 12. Oktober 2008 in Hannover nachstehenden Vortrag.

 

Johannes XXIII. hatte das Konzil einberufen, weil er überzeugt war, dass die Kirche einer grundlegenden Reform bedurfte, um in unserer Welt das Evangelium überzeugend und glaubwürdig verkündigen zu können.

 

So hieß es z.B. im Text der offiziellen Einberufung des Konzils vom 25. Dezember 1961, ich zitiere: „Seit Beginn unseres Pontifikats hielten wir es für eine schwere Pflicht, die Kirche für die Lösungen der gegenwärtigen Probleme geeigneter zu machen, eine Erneuerung der Gesamtkirche in die Wege zu leiten."

In der Sicht Johannes XXIII. stand die Welt am Beginn einer neuen Epoche, vor gewaltigen Entwicklungen, die Gefahren und Chancen bergen, aber insgesamt zu Hoffnung berechtigen. Zu dieser grundlegend veränderten Welt, so sah es Johannes, musste die Kirche ihr Verhältnis neu bestimmen. Sie konnte nicht einfach in der Abwehrhaltung verharren wie vorher. Sie musste mit der Moderne in einen Dialog kommen, musste auch selbst versuchen, einen Beitrag zur Lösung der Probleme der Welt zu leisten. Musste der Menschheit in ihrer Suche nach Frieden, Gerechtigkeit und Einheit dienen und gleichzeitig neue Wege zu einer glaubwürdigen Verkündigung des Evangeliums finden. Deswegen, so Johannes, bedurfte sie einer grundlegenden Erneuerung.

 

1.    Das Schlüsselwort des Papstes hieß: Aggiornamento.
 

Ein Wort, das in einem einzigen Begriff auf Deutsch nicht zu übersetzen ist. Jedenfalls bedeutet es keineswegs Anpassung, wie es gelegentlich fälschlicherweise übersetzt wird, sondern das Bemühen, die Kirche so auf die Höhe des Tages zu bringen -giorno, der Tag-, dass sie die Botschaft des Evangeliums den Menschen unserer Zeit verkündigen kann und diese Botschaft die Menschen auch erreicht. Johannes sah die Kirche nicht primär als eine festgefügte, dem Wandel der Zeiten enthobene Institution, sondern als eine lebendige Gemeinschaft, die immer neu auf die Erfordernisse der Gegenwart, auf die Zeichen der Zeit, wie er es nannte, zu achten hat. Kein Museum sei die Kirche, so betonte er immer wieder, sondern ein lebendiger Garten. Was Johannes vor Augen schwebte, war also eine Erneuerung der Kirche in der Besinnung auf das Evangelium und im Blick auf die Fragen unserer Zeit und der Beginn eines Dialogs mit der modernen Welt. Johannes war ferner überzeugt, dass die Wege dieser Reform nur in gemeinsamer Überlegung, nur in offener Auseinandersetzung gefunden werden können; nur dann, wenn möglichst viele ihren Beitrag leisten, ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen. Probleme durch Weisungen und Dekrete von oben zu lösen, davon hielt er nichts. Deswegen berief er das Konzil ein.

 

Von zentraler Bedeutung war dann die schon zitierte Ansprache zur Konzilseröffnung. Es wurde hier klar, dass dem Papst ein Konzil völlig neuer Art vorschwebte. Das Zweite Vatikanum sollte nicht einfach die geltende Lehre bekräftigen und auf keinen Fall irgendwelche Irrtümer verurteilen, sondern „mutig und furchtlos in einem großen“, wie er formulierte, „Sprung nach vorn im Licht der modernen Forschungen und in der Sprache des heutigen Denkens“, so Johannes, „eine Antwort auf die veränderte Situation der Gegenwart suchen“.

 

Das war neu! Noch niemals in der Geschichte der Kirche hatte ein Konzil das Ziel, die zeitgenössische Welt und ihre Probleme in den Blick zu nehmen und das Verhältnis der Kirche zu dieser Welt grundlegend zu überprüfen. Und so wurde das Zweite Vatikanische Konzil ein Reformkonzil. Und zwar nicht Reform als Wiederherstellung eines früheren Zustands, sondern im Sinn einer Selbsterneuerung der Kirche im Geist des Evangeliums und andererseits im Blick auf die Welt von heute. Selbstverständlich stand an erster Stelle das Evangelium, und das verbindet das Zweite Vatikanum mit allen seinen Vorgängern, denn alle Konzilien wollten das Evangelium wieder zum Leuchten bringen und wollten Missstände aus dem Weg räumen. Im Unterschied zu allen früheren Konzilien nahm jedoch das Zweite Vatikanische Konzil eben auch die menschliche Erfahrung in den Blick, also die Entwicklungen der Gesellschaft, die Fragen, Hoffnungen und Probleme der Menschen der Gegenwart. Und im Blick darauf fragte es, was in der Kirche geändert werden muss, damit sie das Evangelium in unserer Zeit glaubwürdig bezeugen und verkündigen kann. Dabei sollte, das ist der zweite Aspekt, diese Reform kein einmaliger Akt sein, dessen Ergebnisse wiederum für alle Zukunft festgeschrieben werden sollten, so dass nach der Durchführung der Konzilsbeschlüsse wieder eine Epoche begänne, in der sich nichts mehr ändert. Das Konzil wollte viel mehr eine grundlegende Erneuerungsbereitschaft wecken, die die Herausforderungen der sich ständig ändernden Welt zur Kenntnis nimmt und sich ihnen stellt.

 

So heißt es in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute: die Kirche soll sich unter der Führung des Hl. Geistes unaufhörlich erneuern. Und sie hat die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.

 

2.    Zweites Stichwort: Dialog!

 

Dialog gehört schon zum Wesen des Konzils selbst, denn das Konzil fand ja seine Ergebnisse nur auf Grundlage des Dialogs, nämlich der offenen Auseinandersetzungen aller Beteiligten. Und so wurde der Dialog d a s Grundprinzip des Konzils und damit auch des Kirchenbildes, das das Konzil zur Geltung bringen wollte an zahllosen Stellen der Konzilsbeschlüsse wird betont, dass der Dialog, also die offene Auseinandersetzung der normale Weg der Wahrheits- und Entscheidungsfindung in der Kirche selbst sein soll.

 

Und vor allem in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute macht das Konzil deutlich, was in dieser Eindeutigkeit vorher noch nie gesagt wurde, dass die Kirche – als eine Kirche, die auf dem Weg ist – nicht auf jede Frage schon von vorneherein eine fertige Antwort hat, sondern dass die Kirche selbst danach suchen muss, und dass dieses Suchen nach der richtigen Antwort nur dann gelingen kann, wenn möglichst viele ihren Beitrag leisten, ihr Wissen und ihre Erfahrung einbringen. Und so verlangt das Konzil einen aufrichtigen Dialog, ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen. Das sind Formulierungen des Konzils. Zwischen allen: ob Amtsträger oder nicht Amtsträger, ob Kleriker oder Laien. Gemeinsame und dialogische Wahrheitssuche also. Problemlösungen nicht durch Weisungen und Dekrete von oben, sondern durch gemeinsame Beratung. Durch offene Auseinandersetzung.

 

Die Forderung nach Dialog kommt vor allem schon auf diesem Hintergrunde zustande, dass es immer schon in der Kirche und nach den Erfahrungen des Konzils auch heute in der Kirche Meinungsverschiedenheiten gibt. Erstmals in der Kirchengeschichte hat das Konzil offiziell eine Meinungsvielfalt in der Kirche nicht nur als möglich-, sondern auch als legitim bezeichnet. Im Unterschied zu der vorher herrschenden Meinung, dass die Kirche, zumindest die Amtsträger der Kirche, immer einheitlich und mit einer Meinung auftreten müssten, hat das Konzil gesehen, dass die Probleme, nach deren Lösungen gesucht sind, so komplex sind, so dass normalerweise die Beteiligten, so heißt es in der Pastoralkonstitution, bei gleicher Gewissenhaftigkeit auch zum Teil zu verschiedenen Urteilen kommen. Und in solchen Fällen, sagt das Konzil ausdrücklich, in solchen Fällen der Meinungsverschiedenheit hat niemand das Recht, - ich zitiere: „die Autorität der Kirche ausschließlich für sich und seine eigene Meinung in Anspruch zu nehmen.“ Man soll vielmehr in einem offenen Dialog sich gegenseitig zur Klärung der Frage zu helfen versuchen. Und das besagt auch, dass jeder Versuch, Meinungsverschiedenheiten vor dem Versuch einer dialogischen Klärung durch ein autoritatives Wort von oben zu beenden, nicht im Sinn des Konzils ist.

 

Die Grundhaltung eines echten Dialogs, nämlich das Ernstnehmen anderer Positionen, und die Offenheit ihnen gegenüber, ist heute natürlich in der Kirche in einer ganz anderen Intensität gefordert als in früheren Zeiten. Die Vielfalt der Meinungen, des Glaubensverständnisses, der Lebens- und Frömmigkeitsformen, - das alles verlangt Geduld, Toleranz, Offenheit und natürlich vor allem, dass sich keine Gruppe absolut setzt und allen anderen das wahre Christsein abspricht.

 

In der Bewältigung dieser Verschiedenheit und im Umgang mit den damit notwendig verbundenen Konflikten können übrigens die Christen den Menschen unserer Zeit vorbildlich zeigen, wie Konflikte fair, offen und im Geist christlicher Nächstenliebe ausgetragen werden.

Eine kleine Zwischenbemerkung: bei den deutschen Bischöfen herrscht immer die Meinung, sie müssten einheitlich auftreten, weil sonst ihre Autorität Schaden leide. Und wenn ich so etwas von einem Bischof hörte, sagte ich ihm immer: die Bischöfe würden erst dann wieder an Autorität gewinnen, wenn sie die ohne Zweifel bei ihnen vorhandenen Meinungsverschiedenheiten in der Offenheit, fair und verständnisvoll austragen könnten. Und dann könnten sie auch unserer Gesellschaft ein Beispiel geben, wie man so etwas macht.

 

Wieder zurück zum Konzil. Das Grundprinzip des Dialogs gilt für das Konzil auch im Verhältnis zur heutigen Gesellschaft. Das Konzil wollte nicht gleichsam von oben herab, so von der hohen Warte eines der Zeit entrückten Lehramtes Prinzipien verkünden und vielleicht auch alle Zuwiderhandelnden tadeln. Es bemühte sich viel mehr in einer grundlegenden Solidarität die Sachverhalte und die Probleme der Gegenwart zur Kenntnis zu nehmen und eben in einem offenen Dialog einen Beitrag zur Bewältigung dieser Probleme zu leisten. Dialog bedeutet aber immer Geben u n d Nehmen. Daher betont das Konzil, was vorher auch noch nie geschehen ist, dass die Kirche - ich zitiere - „von der Welt, sei es von einzelnen Menschen, sei es von der menschlichen Gesellschaft durch deren Möglichkeiten und Bemühungen viele und mannigfaltige Hilfe zur Wegbereitung für das Evangelium erfahren kann; dass sie der Geschichte und Entwicklung der Menschheit vieles verdankt und dass sie durch die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens eine wirkliche Bereicherung erfährt“. Daraus ergibt sich auch, dass das Konzil die Moderne nicht nur durchweg negativ als Verfallsprozess beurteilt, wie es so lange der Fall war, sondern dass es in der Moderne viel Positives findet, das die Kirche nicht verwerfen darf. Und deswegen heißt die Diagnose eben-, das Prinzip nicht mehr Widerstand und Abgrenzung, sondern Öffnung und Dialog. Die Kirche des Konzils will nicht als Machtfaktor und nicht in der Pose des allwissenden Lehrers auftreten, sondern als Gesprächspartner, der gemeinsam mit allen anderen um die großen Probleme der jeweiligen Gegenwart ringt. Nicht befehlend, belehrend, oder fordernd, sondern argumentierend und sich um Verständigung bemühend. Als Aussage des höchsten kirchlichen Lehramtes war das völlig neu.

 

Die wichtigste Entscheidung des Konzils im Dialog mit der Moderne ist die Erklärung über die Religionsfreiheit. Die traditionelle kirchliche Lehre, so stand sie auch noch in den für das Konzil von der römischen Kurie vorbereiteten Entwürfen-, die traditionelle kirchliche Lehre hat die Anerkennung eines Rechts auf Religionsfreiheit immer prinzipiell abgelehnt. Dem Irrtum, so hieß es, komme kein Recht gegenüber der Wahrheit zu. Und da allein die katholische Kirche die wahre Kirche sei, und sie allein die Wahrheit verkünde, dürfe der Staat im idealen Fall nur diese Kirche anerkennen. Andere Religionen und Konfessionen könnten geduldet werden, wenn es nicht anders geht, dürften aber niemals dieselben Rechte erhalten wie die katholische Kirche. Diese Lehre hat das Konzil grundlegend revidiert. Die Freiheit in Sachen der Religion ist nach dem Konzil in der Menschenwürde selbst begründet, also ein vorstaatliches Recht, das der Staat anerkennen muss, ein Recht, das unabhängig von der objektiven Wahrheit oder Nicht-Wahrheit der religiösen Überzeugungen des einzelnen und unabhängig von seinem subjektiven Bemühen besteht. Und deswegen muss der Staat auch in den Fällen, wo er sich vielleicht noch als katholischer Staat versteht, ich zitiere: „Das Recht auf Freiheit in religiösen Dingen für a l l e Bürger und religiösen Gemeinschaften anerkennen und wahren.“

 

Dialog ist dann ferner das Grundprinzip des Konzils zur Ökumene. Und zum Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen. Zur Ökumene nur einige Stichworte. Das Gemeinsame ist stärker als das Trennende. Einigung durch Stärkung des Gemeinsamen. Die anderen Kirchen sind Vermittler des Heils für ihre Mitglieder. Ökumenischer Dialog immer auf der Ebene der Gleichberechtigung. Und wenn es nottut, sollen die Katholiken möglichst immer die ersten Schritte auf die anderen hin tun und mit dem Konzil hat sich die Kirche nun auch offiziell als Gesamtkirche in die ökumenische Bewegung eingegliedert. Ökumene darf seither nicht mehr eine Art Hobby einzelner Gruppen sein, sondern verpflichtendes Engagement der Gesamtkirche. Und das Konzil hat auch von der These Abschied genommen, eine Einheit der Christen sei nur durch einen bedingungslosen - als Rückkehr verstandenen - Anschluss an die römisch-katholische Kirche möglich. Wobei allerdings konkrete Modelle vom Konzil nicht genannt wurden.

 

Die Erklärung über die nicht-christlichen Religionen bringt eine grundsätzliche Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum - und überhaupt zu den nicht-christlichen Religionen. Im Blick auf das Judentum bringt das Konzil in Erinnerung, dass der Glaube, die Erwählung und Berufung in Israel ihren Anfang haben, dass die Gnadengaben Gottes an das jüdische Volk und seine Berufung durch Gott unwiderruflich sind.

 

Über die nicht-christlichen Religionen hieß es in der offiziellen Lehre der Kirche stets, dort - in den anderen Religionen, bei den sogenannten Heiden - findet sich überhaupt nichts Wahres und Gutes. Jetzt betont das Zweite Vatikanum, dass es dort sehr wohl Gutes und Heiliges gibt, und dass die Kirche die konkreten Formen und Lehren dieser Religionen mit aufrichtigem Ernst betrachtet. Das Zweite Vatikanum kann hier den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, erstmalig in der Geschichte des kirchlichen Lehramts der letzten Jahrhunderte die nicht-christlichen Religionen positiv gewürdigt und die Haltung der Kirche auf eine neue Grundlage gestellt zu haben, nämlich von der Konfrontation zum Dialog.

 

3.    Drittens Volk Gottes!

 

Volk Gottes ist das Stichwort für das vom Konzil entwickelte Kirchenbild. Das Konzil sieht die Kirche nicht mehr primär als einen von oben nach unten gegliederten Herrschaftsverband, sondern als Volk Gottes, als eine Gemeinschaft, in der alle zunächst einmal in ihrer Würde als Christen gleich sind. Und die Ämter, nur als ein Dienst innerhalb dieser Gleichheit zu verstehen sind. Das heißt mit anderen Worten, das Konzil wollte das Bild der Kirche als einer Zweiklassengesellschaft und den darin herrschenden Klerikalismus überwinden. Für das Konzil gibt es keine Christen minderen Rechts. Was natürlich eine erhebliche Aufwertung der Stellung der Laien bedeutet und auch die Grundlage der vom Konzil empfohlenen Mitsprache, Gremien, ist. Und das Konzil betont auch, dass das –im kirchlichen Jargon sogenannte – Laienapostolat nicht auf einem Auftrag der Hierarchie beruht, so dass die Laien eine Art verlängerter Arm der Hierarchie wären, sondern dass alle Christen auf Grund der Taufe, also auf Grund ihres Christseins und des damit gegebenen gemeinsamen Priestertums an der Sendung der Kirche Anteil haben.

 

Mit dem Bild des Volkes Gottes ist auch der Versuch verbunden gewesen, das seit dem ersten Vatikanischen Konzil von 1870 einseitig zu Gunsten des Papstes verschobene Verhältnis von Papst und Bischöfen wieder in ein besseres Gleichgewicht zu bringen. Einen wichtigen Ansatz bringt hier die Aussage, dass Papst und Bischöfe ein Kollegium bilden und gemeinsam die Kirche zu regieren haben. Und von den Bischöfen wird erklärt, sie seien keine Stellvertreter oder Beamte des Papstes, sondern besäßen eine Autorität eigenen Rechts. Das Ziel war eine Stärkung der Ortskirchen und ein Abbau des römischen Zentralismus.

 

4.    Die Liturgiereform, um diese noch zu erwähnen, gründet ebenfalls in dem Verständnis der Kirche als Volk Gottes, denn die Grundlage der Liturgiereform des Konzils ist der Gottesdienst als gemeinschaftliche Feier aller. Der Gottesdienst ist in der Sicht des Konzils nicht mehr wie Jahrhunderte vorher, eine Feier des Priesters allein, der das Volk nur beiwohnt oder die es hört. Sondern der Gottesdienst ist vielmehr eine Feier der ganzen Gemeinschaft, die nicht mehr Objekt, sondern Subjekt ist und daher zur aktiven Teilnahme aufgerufen ist. Und gleichzeitig, das ist ja allgemein bekannt, ordnete das Konzil eine Reform der liturgischen Riten an, für die es übrigens auch klare Richtlinien formulierte.
Soweit zu den drei Stichworten, die ich für das Konzil als wichtig ansehe.

 

Kurz zur Resonanz des Konzils.

 

Das gesamte Ereignis des Konzils mit den offenen Diskussionen, der Besinnung auf das Wesentliche, der Bereitschaft, Traditionen, Formen und Verhaltensweisen zu überprüfen und auch zu ändern, die Öffnung zu den anderen Christen und zu den nicht-christlichen Religionen und überhaupt zur modernen Welt, der grundsätzliche Wille zum Gespräch mit allen, das hat der Kirche damals in der Weltöffentlichkeit eine Resonanz und ein Ansehen verschafft, wie man sich heute es sich kaum mehr vorstellen kann. Weil es eben so etwas seitdem nicht mehr gab. Dass eine Institution, die man allgemein als verkrustet und völlig reformunfähig ansah, auf einmal begann, ihre Lehren, Formen und Verhaltensweisen zu überprüfen und auch zu ändern, und zwar vor der gesamten Weltöffentlichkeit, das wurde in dieser Weltöffentlichkeit zuerst mit fast ungläubigem Erstaunen-, dann aber mit wachsender Bewunderung wahrgenommen. Und innerkirchlich ist die Aufbruchstimmung, die damals herrschte, - das Gefühl der Befreiung, des Aufatmens - heute kaum mehr nachzuvollziehen. Und zwar nicht nur, weil inzwischen die meisten Christen schon gar nicht mehr die Enge, die vor dem Konzil herrschte, erlebt haben, sondern natürlich auch, weil vieles, was damals als neu und befreiend erfahren wurde, heute längst selbstverständlich geworden ist.

 

Die ungeheuer positive Resonanz, die das Konzil in der Gesamtkirche fand, ist übrigens auch das deutlichste Zeichen dafür, dass unsere Bischöfe damals die Zeichen der Zeit erkannten und den Erwartungen und Hoffnungen gerecht wurden. Dass die Bischöfe die Probleme genau so sahen, wie die große Mehrheit der Katholiken, und dass sie mit ihnen dieselben Anliegen verfolgten. Selten gab es in der Geschichte der Kirche ein so großes Einverständnis zwischen den Bischöfen und dem sogenannten Kirchenvolk. Und selten haben die Bischöfe die Fragen und Anliegen der Menschen so gekannt und so ernst genommen, wie in den wenigen Jahren während des Konzils. Man muss dann freilich hinzufügen, dass viele Bischöfe schon gleich bei der Rückkehr in ihre Diözesen wieder ängstlicher geworden waren, nicht mehr den Mut und die Eigenständigkeit zeigten, mit der sie in Rom aufgetreten waren. Vielleicht lässt sich das, wenn man mal etwas ganz primitiv formulieren will, auf den Nenner bringen: in Rom waren die Bischöfe eben „unten“ und mussten sich gegen die Manipulationsversuche der Kurie wehren. Und jetzt waren sie wieder „oben“…

 

Was ich jetzt gesagt habe, heißt natürlich nicht, dass das Konzil auf alle Fragen, die sich der Kirche damals stellten, eine Antwort gefunden habe. Dafür wäre auch das Konzil mit seinen vier Sitzungsperioden überfordert gewesen.

Die wesentlichen Probleme, auf die ich auch noch zu sprechen kommen möchte, die wesentlichen Probleme, die es der Nach-Konzilszeit überlassen hat, kann man in vier Gruppen teilen.

 

Erstens: es gibt Fragen, die im Konzil angesprochen wurden aber dann nicht weiter verfolgt werden konnten, weil Papst Paul VI sie dem Konzil entzog und seinen eigenen Entscheidungen vorbehielt. Das sind der Zölibat der Priester in der westlichen Kirche, und vor allem die Methoden der Empfängnisverhütung. Das Konzil hatte, im Unterschied zu dem vorher Geltenden, ausdrücklich erklärt, dass die Entscheidung über die Zahl der Kinder alleinige Sache der Eltern ist. Die Fragen der Methoden, zu denen das Konzil sich eigentlich gar nicht äußern wollte, weil sich die Kirche als dafür nicht kompetent ansah, mit Recht, -diese Frage wollte Paul VI in der Enzyklika Humanae Vitae von 1968 entscheiden, und diese Enzyklika, die alle sogenannten künstlichen Methoden der Empfängnisverhütung prinzipiell verurteilte, wurde aber in der Praxis der Kirche nicht rezipiert. Ein Zeichen, dass das kirchliche Lehramt zwar Entscheidungen über Fragen des Glaubens und der Moral fällen kann, dass es aber nicht mehr in der Lage ist, diese Entscheidungen durchzusetzen. Und die Frage des Zölibats ist immer noch in der Diskussion.

 

Zweitens, es gibt Fragen, die beim Konzil prinzipiell gesehen wurden und ausführlich behandelt wurde, inzwischen aber eine ganz neue Dimension angenommen haben, so z.B. das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen. Das Konzil hat, wie gesagt, diese Religionen positiv gewürdigt. Aber jetzt stellt sich viel schärfer die Frage, wie sich die Vielfalt der Religionen zur Absolutheit des Christentums verhält. Und ob auch die anderen Religionen als eigenständige Wege zum Heil angesehen werden können. Hier ist die Diskussion noch voll im Gang, ohne dass schon überzeugende Lösungen sichtbar wären, wobei der Weg zu möglichen überzeugenden Lösungen durch sehr restriktive Politik der römischen Kurie sehr verhindert wird.

 

Drittens. Es gab Probleme, die zur Zeit des Konzils noch nicht so virulent waren wie heute und deshalb nicht, fast nicht!, aufgegriffen wurden. Hier ist vor allem die Frage der Stellung der Frau in der Kirche zu nennen. Das Konzil hat zwar in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute massiv jede Form der Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft verworfen. Dass es hier aber auch in der Kirche ernsthafte Fragen gibt, kam den Konzilsteilnehmern, aus welchen Gründen auch immer, damals nicht in den Blick. Und überhaupt nicht auf der Tagesordnung stand auch die heute so virulente Frage nach der Situation der Wiederverheirateten Geschiedenen.

 

Und noch ein vierter Punkt: die Frage der Bischofsernennungen. Die meines Erachtens eine zentrale Frage der Kirchenstruktur-Reform ist, wurde seltsamerweise im Konzil nur von einem einzigen Diskussionsredner angesprochen, der aber keine weitere Resonanz fand. Und wie gesagt, dabei handelt es sich ja doch um ein zentrales Problem der Kirche, denn wenn die Bischöfe den Zentralismus abbauen wollten, was ja ihre Absicht war, dann hätten sie sich auch unbedingt mit dieser Frage befassen müssen. Das ist aber nicht geschehen.

 

Nun kann man jedoch sagen, dass das Konzil auch im Blick auf diese und alle möglichen weiteren Themen eine bedeutende Leistung vollbracht hat. Es hat nämlich für die Suche nach der Lösung dieser Fragen einen Weg gezeigt: nämlich den Dialog, die offene Auseinandersetzung, in der ein Konsens gesucht wird. Das ist etwas prinzipiell Neues gegen die vor dem Konzil allein geltende und praktizierte Lösung durch Weisung und Dekrete von oben, aber hier – das wissen wir alle – liegt noch vieles im Argen, und an dieser Entwicklung ist das Konzil nicht völlig unschuldig, es hatte nämlich auch Defizite. Auch hier möchte ich auf vier Defizite des Konzils hinweisen:

 

Erstens. Der Papst wird vom Konzil weiterhin als absoluter Monarch gesehen. Die Einseitigkeiten des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870 bestehen auch in den Formulierungen der Konzilsdekrete fast unvermindert weiter. Trotz aller schöner Formulierungen sind ohne Widerspruch gegen die Konzilsbeschlüsse die Bischöfe nach wie vor als weisungsgebundene Beamte des Papstes anzusehen. Sie haben das zum Teil auch gar nicht gemerkt. Zum Ausgleich allerdings, was ja häufig geschieht, haben sie mehr Macht in ihren Diözesen bekommen. In den Diözesen sind die Bischöfe nach dem heute geltenden Kirchenrecht eine Art kleiner Papst. Das ist die alte Methode: man macht die Kleineren zu absoluten Herren in ihrem Bereich und bekommt sie dadurch als ergebene Diener nach oben.

 

Zweitens: Große Teile der Konzilsbeschlüsse sind nach wie vor dem patriarchalischen Denken verhaftet. Die Laien - auch die einfachen Priester wie unser einer - gelten weiterhin als Untertanen, als passive Empfänger des Ausspendens und Mitteilens der Amtsträger. Dieses patriarchalische Denken von oben nach unten ist in keiner Weise überwunden. Wenn man sieht, was das Konzil über die Bischöfe sagt, dann wird einem manchmal schwindelig, was da alles an Übertreibungen gesagt wird. Dass die Bischöfe ihre Schafe weiden sollen usw.

 

Drittens. Für das Verhältnis des Papstes zu den Bischöfen, der Bischöfe zu den Priestern und zum Volk ihrer Diözese hat das Konzil trotz allen guten Willens keine rechtlichen institutionellen Regelungen getroffen. Pflichten, vor allem Gehorsamspflichten, haben nach dem Konzil nur die jeweiligen Untergebenen. Für die obere Ebene, Bischöfe oder Papst, gibt es bloß moralische Ermahnungen und Appelle. Es heißt. Z. B., die Bischöfe sollen gern den Rat der Laien benutzen. Oder, was die Laien ihnen vorlegen, sollen sie aufmerksam in Christus in Erwägung ziehen. Wenn das Konzil gehofft haben sollte, solche Ermahnungen und das dahinter stehende Idealbild eines familiären Umgangs zwischen sogenannten Hirten und sogenannter Herde, reichen aus, dann ist das einfach eine weltfremde Romantik. Denn solange nicht verbindlich festgelegt ist, wann und wie - z.B. wann und wie ein Bischof sich beraten lassen muss, ob es eine Begründungspflicht gibt, wenn sie sich anders entscheiden usw. usw., so lange hängt es allein von der Qualität der Persönlichkeit des Bischofs ab, ob er sein Amt kollegial, dialogisch versteht, oder es wie ein Despot ausübt. Auch für den zweiten Fall gibt es leider eine ganze Reihe praktischer Beispiele. Und Grund für dieses meines Erachtens erhebliche Defizit des Konzils ist einmal ein naives Vertrauen der Konzilsmitglieder, die römische Kurie würde diese Regelungen im Sinn des Konzils erlassen und dann, vielleicht sogar in erster Linie die bedauernswerte und verhängnisvolle Tatsache, dass bei viele Bischöfen der Sinn für die Unerlässlichkeit rechtlicher Regelungen offensichtlich fehlt.

 

Und noch ein viertes Defizit. In den Konzilstexten stehen häufig gegenseitige Aussagen unverbunden nebeneinander. Der Grund: die Neuansätze mussten sich gegen den Widerstand einer einflussreichen Minorität durchsetzen. Und weil die Konzilsteilnehmer wie auch der Papst eine möglichst einmütige Zustimmung zu allen Texten erwarteten und erreichen wollten, sind -neben dem Neuen, das die Mehrheit wollte-, eine ganze Reihe von Formulierungen im Konzil stehen geblieben, die eigentlich die Position der Minderheit wiedergeben und im Gegensatz zu dem von der Mehrheit Gewollten stehen. Und das ist natürlich die Ursache, dass auch heute viele, die das Konzil wieder rückgängig machen wollen, sich auf diese in den Nebensätzen noch bestehen gebliebenen Formulierungen stützen und sagen, das Konzil wird von sogenannten Progressiven falsch verstanden, d a s ist sein eigentlicher Wille und damit das Ganze verfälscht.

 

Nun noch zur Situation heute: ich beschränke mich hier zunächst auf das Vorgehen und die Politik der zentralen Kirchenleitung. Also des Papstes und der römischen Kurie. In den einzelnen Regionen und vor allem ganz unten an der Basis, ist natürlich vieles ganz anders. Im Prinzip gilt spätestens nach den ersten nach-konziliaren Jahren, im Grund hat Rom so weitergemacht wie bisher. Und das ist ein wesentlicher Grund für das Unbehagen, das so viele in der Kirche heute empfinden. Verbal wird ja immer die Treue zum Konzil betont. In der Sache aber wurden fast alle Beschlüsse und Dokumente - mit der Ausnahme der Religionsfreiheit, das muss man deutlich sagen, aber alle anderen - wurden von der römischen Kurie, wie der Dogmatiker Wolfgang Beinert formuliert, ausgebremst. Häufig einfach durch entgegengesetzte Anordnungen ersetzt.

 

Beim Abschluss des Konzils hatte Papst Paul VI. für die Durchführung der Konzilsbeschlüsse Kommissionen errichtet, deren Mitglieder Konzilsbischöfe und Konzilstheologen waren, und die unabhängig von der römischen Kurie die Ausführungsbestimmungen der Konzilsbeschlüsse überarbeiten sollten. Das gelang aber nur für die Liturgiereform und nur für einige Jahre. Alle anderen Kommissionen wurden von Anfang an von der Kurie vereinnahmt, so dass die meisten kein einziges mal zusammengetreten sind. Für das, was daraus geworden ist, hier nur einige wenige Beispiele.

 

Insgesamt, darauf habe ich schon hingewiesen, kann man sagen, dass bei der zentralen Kirchenleitung die Kräfte die Überhand haben, - und dass übrigens bei denen auch nur solche Kräfte aus der Gesamtkirche Gehör finden, die der Meinung sind, die Ansätze des Konzils zu einem neuen Kirchenbild, des Dialogs und der Offenheit, müssten zurückgedrängt werden zugunsten ein Restauration des alten Kirchenverständnisses -, in dem die Probleme nicht mehr durch offene Diskussion sondern nur durch autoritative Weisungen von oben gelöst werden. Und diese autoritativen Weisungen von oben sind dann eben auch danach. Ich könnte nun zahlreiche Beispiele benennen, die diese Diagnose belegen. Etwa die Absage an weitere Reformen durch das neue Kirchenrecht. Die durchgehend negative-, z. Zt. von Rom kommende negative Beurteilung der Moderne. Die Verhärtete Situation der Ökumene. Die Belastung des Verhältnisses zu den Juden durch die Karfreitagsbitten in der neugestatteten alten Liturgie. Die Zurückdrängung der Laien und überhaupt die durchgehende Akzentverschiebung von der in der Taufe gründenden Gleichheit aller zu der hierarchischen Über- und Unterordnung der früheren Zweiklassengesellschaft. Das würde aber alles mein Referat ungebührlich verlängern. Wenn Sie darüber Näheres hören wollen, bin ich bereit, in der Diskussion das zu ergänzen.

 

Jetzt möchte ich nur noch an zwei symptomatischen Thesen näher zeigen, was der römische Kurs aus dem Konzil gemacht hat. Z e n t r a l i s m u s gegen die Eigenständigkeit der Ortskirchen, erstens, und zweitens die L i t u r g i e r e f o r m.

 

Von einer Eigenständigkeit der Ortskirchen kann man heute weniger denn je sprechen. Die Bischöfe sind de facto nur Befehlsempfänger des Papstes und der Kurie. Die Aussage des Konzils, dass die Bischöfe Stellvertreter und Gesandte Christi sind, und dass sie nicht als Stellvertreter der Bischöfe von Rom zu verstehen sind, diese Aussagen wurden im neuen Kirchenrecht von 1983 einfach weggelassen. Die Bischöfe sind heute, das kann man sagen, so machtlos wie noch nie. Fallen leider auch als Teilnehmer einer-, als Partner einer offenen Diskussion strittiger Fragen in der Kirche fast aus. Sie stehen so stark unter Loyalitätsdruck, dass sie offensichtlich fast alles und jedes verteidigen müssen, was Rom anordnet. Das ist wohl auch der Grund, warum sich die Bischöfe den Zentralisierungsbestrebungen Roms meist widerstandslos fügen und fast alles gottergeben über sich ergehen lassen. Häufig nutzen sie auch ihre eigenen Vollmachten nicht aus und wagen sie nicht zu gebrauchen. Oder sie fragen in Rom nach. Und damit schieben sie der römischen Kurie selber Kompetenzen zu und sind nicht völlig unbeteiligt daran, dass der römische Zentralismus noch niemals, auch vor dem Konzil nicht, so stark war wie heute. In seinem Bestreben, den Zentralismus in der Kirche abzubauen, erlitt das Konzil wahrscheinlich sein größtes Fiasko. Und wie wenig man übrigens in Rom von der Eigenständigkeit und überhaupt von den Ortskirchen hält, zeigen ja die Bischofsernennungen, bei denen die Ortkirchen keinerlei Einfluss haben. Wobei allerdings das Konzil überhaupt versäumt hat, das Thema Bischofskonferenzen anzusprechen.

 

Noch zur Liturgiereform. Nach der Liturgiekonstitution des Konzils sind die Bischofskonferenzen für die Übersetzungen der liturgischen Bücher zuständig. Im Gegensatz zu diesem Konzilsbeschluss hat Rom schon bald nach dem Konzil alle Übersetzungsrechte an sich gezogen. Und die Zuständigkeit der Bischofskonferenzen in liturgischen Fragen existiert für Rom nicht mehr. Außerdem beharrt Rom auf der Uniformität des Ritus. Die Ausführungen der Nummern 37 bis 40 der Liturgiekonstitution, die eine Anpassung an verschiedene Kulturen ermöglichen, wurden verhindert. Der schärfste Angriff auf die Liturgiereform ist die Wieder-Erlaubnis des alten Ritus im Jahr 2007. Das Konzil hatte ja eine Reform der Liturgie angeordnet und dafür genaue Richtlinien gegeben und diese Reform wurde im Sinn des Konzils unter dem Antrieb und der Leitung Papst Pauls VI. durchgeführt. Wenn jetzt wieder der alte, nicht-reformierte Ritus zugelassen wird, dann ist das meiner Meinung nach eine klare Desavouierung des Konzils. Zumal, ich habe schon darauf hingewiesen, der neue-, der reformierte Ritus das Kirchenbild des Konzils vom Volk Gottes zur Geltung bringt und sichtbar macht. Während beim alten Ritus genau das Gegenteil der Fall ist. Deswegen ist, meines Erachtens, der Erlass von 2007 mit der Erlaubnis der alten Liturgie auch eine Absage an die Kirchenkonstitution des Konzils. Überhaupt scheint heute in manchen sehr konservativen Kreisen, besonders seit dem Pontifikatswechsel in Rom, eine Klima- Veränderung im Verständnis der Liturgiereform und überhaupt der Liturgie festzustellen. Eine ganze Reihe positiver Errungenschaften der Liturgiereform, Volkssprache, Stellung des Priesters zum Volk hin, Handkommunion und vieles andere mehr, das wird heute in Rom und auch anderswo als eine Verflachung des Katholischen dargestellt. Und in vielen Kreisen, die man in Rom gerne hört, geraten die Befürworter der liturgischen Erneuerung unter Generalverdacht. Überhaupt fällt auf, dass der Vatikan der Gruppe um den früheren Erzbischof Lefebvre inzwischen schon soweit entgegenkommt, dass bei dem letzten Einigungsversuch noch nicht einmal, wie vor 20 Jahren, noch die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils verlangt wird. Das und vieles andere, das zu erwähnen jetzt zu weit führen würde, macht deutlich, dass der Papst persönlich bereit zu sein scheint, die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils mehr denn je zur Disposition zu stellen.

 

Meines Erachtens kann man nicht mehr daran zweifeln, dass bei der zentralen Leitung der Kirche die Meinung herrscht, die Ansätze des Konzils zu dem neuen Kirchenbild dürften nicht weitergeführt-, sondern müssen zurückgedrängt werden zugunsten einer Restauration des Zustands vor dem Konzil, des alten Kirchenverständnisses, in dem eben wieder die Probleme durch autoritative Weisungen von oben gelöst werden. Und mit dieser Haltung wurde bis jetzt natürlich auch eine Erklärung der Probleme verhindert, die beim Konzil offen geblieben sind oder damals noch nicht so deutlich gesehen wurden.

 

Das ist ein relativ düsteres Bild der heutigen Situation der Kirche. Aber man muss den Realitäten ins Auge schauen. Und es hat einen Sinn, sich Illusionen zu machen. Freilich darf eine solche Situationsanalyse nicht das letzte Wort sein. Das Konzil besteht ja nicht allein aus dem Papst, der römischen Kurie oder den Bischöfen. Nichts hindert daran, dass die Kirche dort, wo die Kirche wirklich lebt, nämlich an der Basis, in den Gemeinden, sich nach den Vorgaben des Zweiten Vatikanums zu richten und das Leben nach seinen Zukunftsweisenden Impulsen zu gestalten. Niemand ist verpflichtet, die Entscheidungen der Kirchenspitze gegen seine Überzeugung für richtig oder gar für das letzte Wort zu halten. Niemandem kann man das Recht absprechen, im Rahmen seiner Möglichkeiten alles zu tun, damit solche Entscheidungen revidiert werden. Im Übrigen kamen in der ganzen Geschichte der Kirche alle neuen Ideen, alle zukunftsweisenden Initiativen, alle Reformansätze immer von unten. Das Amt hatte eher damit zu tun zu bremsen und zu kontrollieren, so weit das möglich war. Die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils war wohl das erste mal in der Kirchengeschichte, dass die Initiative für Neues ganz von oben, vom Papst selbst kam. Aber die päpstliche Initiative bestand zunächst einmal einzig und allein darin, das Konzil einzuberufen und an diesem Entschluss gegen alle Widerstände festzuhalten. Das Konzil konnte aber nur deswegen in einem solchen Ausmaß gelingen, weil alle Wege bereits von unten, von der Basis her gebahnt waren. Ich nenne nur aus den Jahrzehnten vor dem Konzil die theologischen Aufbrüche aus der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts, die Bemühungen um die Erneuerung der Liturgie in der liturgischen Bewegung, die Bibelbewegung, die ökumenische Bewegung, die Jugendbewegung und vieles andere mehr. Diese Entwicklungen spielten sich vor allem in Frankreich, Belgien, Holland und im deutschen Sprachraum ab. Hier war gleichsam das Experimentierfeld, in dem das Neue konzipiert und erprobt wurde. Und das geschah allerdings bei Gott nicht mit Unterstützung sondern weithin gegen den Widerstand vor allem der römischen Autoritäten. Die große Leistung des Zweiten Vatikanischen Konzils bestand darin, dass es das, was in diesem umfassenden Prozess von der Basis erarbeitet wurde, aufgenommen- und mit seiner Autorität sanktioniert hat. Wer diese Entwicklungen kannte, für den brachte eigentlich das Konzil nichts wesentlich Neues. Das wesentlich Neue, das eigentlich Neue bestand darin, dass das alles nun offizielle Lehre und Praxis der Kirche war. Und dass dem, was bereits lebendig war und sich bewährt hatte, der Weg in die Breite der Kirche geöffnet wurde.

 

Es wäre also die schlimmste Reaktion auf den gegenwärtigen Kurs der Kirchenspitze in Resignation zu verfallen. Das würde nur den Gegnern der konziliaren Erneuerung in die Hände spielen. Hoffnung und Tatkraft ist vielmehr angesagt. Nicht die Hände in den Schoß legen. Nicht bloß klagen und jammern, so viel Anlass es auch dafür gibt. Es gilt vielmehr, alles zu tun, damit die Initiativen des Konzils nicht versanden, sondern das Leben der Kirche prägen. Um das Ganze in der Formulierung des Untertitels meines Referates zusammenzufassen: Der Weg zu einer Weiterentwicklung und Erneuerung der Kirche im Sinn des Zweiten Vatikanischen Konzils führt zurzeit leider nicht über Rom. Dort ist er weithin blockiert. Offen aber ist er für ein entschlossenes Handeln an der Basis. Dort lebt die Kirche, und dort wird die Zukunft gestaltet.

 

Ich danke ihnen!

 

Zum Referenten:

 

Dr. Wolfgang Seibel SJ ist am 3. Mai 1928 in Hauenstein in der Pfalz geboren. Er ist Jesuit und deutscher Publizist. Seibel ist der Gründer des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses e.V. (ifp) in München.

 

Der Jesuit und Publizist war von 1962-1965 Berichterstatter des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom und danach Chefredakteur der in München erscheinenden Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Anschließend leitete er die im Auftrag der katholischen Deutschen Bischofskonferenz gegründete katholische Journalistenschule in München von der Gründung 1968 bis 1991.

Nach ihm ist der Pater-Wolfgang-Seibel-Preis benannt, der vom Förderverein des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses e.V. (Fifp) gestiftete Nachwuchspreis für junge Journalisten.

 

 

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