Papst Franziskus und die „Entheidnisierung“ des Papsttums

21.10.2013, Leonardo Boff

 

Leonardo Boff nimmt zur zunehmenden Kritik aus konservativen Kreisen in der Kirche am 16 Oktober 2013 Stellung. "Wir sind Kirche" gibt es hier wieder:

 

Die Innovationen in den Gewohnheiten und Ansprachen von Papst Franziskus hat die konservativen Kreise, die den Anweisungen der beiden vorherigen Päpste strikt Folge leisteten, in eine tiefe Krise gestürzt. Für sie war es vor allem inakzeptabel, dass der Papst einen der Initiatoren der „verdammungswürdigen“ Befreiungstheologie, den Peruaner Gustavo Gutiérrez, in einer Privataudienz empfing. Sie sind verblüfft über die Aufrichtigkeit des Papstes, mit der er die Fehler und Irrtümer der Kirche und seine eigenen zugibt und die Karrieresucht zahlreicher Prälaten anprangert, sowie den höfischen und einschmeichelnden Geist vieler Machthaber, die er als „vatikanozentrisch“ bezeichnet, als „leprös“ ablehnt. Was sie aber wirklich schockiert hat, ist die Umkehrung, die er vornahm, indem er der Liebe, der Barmherzigkeit, der Sanftmut, dem Dialog mit der Moderne und der Toleranz mit den Menschen, selbst mit den Geschiedenen und den Homosexuellen, den Vorrang gibt und Doktrinen und kirchliche Disziplinen hintanstellt.

      Die radikalsten Stimmen kann man schon vernehmen, die, „zum Wohle der Kirche“ (der Ihren natürlich), den Papst meinend, beten: „Herr, illuminiere ihn oder eliminiere ihn“. Die Beseitigung unbequemer Päpste war in der langen Geschichte des Papsttums keine Seltenheit. Zwischen den Jahren 900 und 1000 gab es eine Zeit, die als „Ära der Pornokratie“ bezeichnet wurde, des Papsttums, währenddessen fast alle Päpste vergiftet oder ermordet wurden.

 

    Die häufigsten Kritikpunkte, die in den sozialen Netzwerken dieser von der Geschichte überholten und rückständigen Kreise zirkulieren, beschuldigen den aktuellen Papst, er entheilige die Figur des Papstes, indem er sie verweltliche und banalisiere. Tatsächlich kennen sie nicht die Geschichte und sind einer weltlichen Tradition verhaftet, die wenig mit dem historischen Jesus und dem Lebenswandel der Apostel gemein hat, sondern vielmehr mit der allmählichen Heidnisierung und Verweltlichung der Kirche gemäß dem Stil der heidnischen römischen Kaiser und der Renaissancefürsten.

 

    Die ersten Schritte in diese Richtung wurden in der Zeit Konstantins (274-337) eingeleitet, der das Christentum anerkannte, und mit Theodosius (379-395), als das Christentum die einzige anerkannte Religion im römischen Reich wurde. Mit dem Untergang des römischen Reichs entstanden Bedingungen, unter denen die Bischöfe, vor allem der Bischof von Rom, Leitungs- und Kontrollfunktionen übernahmen. Genau dies geschah unter Papst Leo I. „der Große“ (440-461), der zum Bürgermeister Roms ernannt wurde, um der Invasion der Hunnen zu begegnen. Er war der erste, der den Namen „Papst“ benutzte, was einst den Kaisern vorbehalten war. Noch mehr Macht erhielt Papst Gregor der Große (540-604), ebenfalls Bürgermeister von Rom. Schließlich kulminierte der Machtgewinn mit Gregor VII. (1021-1085), der sich die absolute Macht auf religiösem und weltlichem Gebiet aneignete: vielleicht die größte Revolution im Bereich der Ekklesiologie.

 

    Die aktuellen kaiserlichen, fürstlichen und höfischen Gewohnheiten in der ganzen Hierarchie der Kardinäle und Päpste sind insbesondere auf Papst Silvester (334-335) zurückzuführen. Zu seiner Zeit entstand eine Fälschung, die sogenannte „Konstantinische Schenkung“, mit dem Ziel, die päpstliche Macht zu stärken. Diesem Dokument zufolge hätte Kaiser Konstantin dem Papst die Stadt Rom und den westlichen Teil des Reichs übereignet. Diese „Schenkung“, die durch Kardinal Nikolaus von Kues (1400-1460) als Fälschung aufgedeckt wurde, schloss auch die Verwendung der kaiserlichen Insignien und die purpurne Kleidung ein, den Papsttitel, den goldenen Hirtenstab, die mit Hermelin besetzte und mit Seide gesäumte Monzetta für die Schultern, die Errichtung eines Gerichts und das Leben in einem Palast.

 

    Von dort stammen die aktuellen fürstlichen und höfischen Gewohnheiten der römischen Kurie, der Hierarchie der Kirche und der Kardinäle, insbesondere des Papstes. Sie haben ihre Quelle im Stil der heidnischen römischen Kaiser und den fürstlichen Prunk aus der Renaissance. Daraus leitet sich ein Prozess der Heidnisierung und der Verweltlichung der Kirche als hierarchische Institution ab.

 

    Denjenigen, die zur rituellen Tradition um die Figur des Papstes zurückkehren wollen, ist dieser veraltete und abgeschlossene Prozess nicht einmal bewusst. Sie bestehen auf etwas, das den Maßstäben der Evangelien und dem Lebensstil Jesu nicht standhält.

 

     Was macht Papst Franziskus? Er ist dabei, dem Papsttum und der ganzen Hierarchie wieder zu ihrem  wahrhaften Stil gemäß der Tradition Jesu und der Apostel zu verhelfen. Genau damit kehrt er zu der ursprünglichsten Tradition zurück und entheidnisiert das Papsttum im Geist des Evangeliums, wie es der Hl. Franz von Assisi dank seiner Inspiration so sinnbildlich vorgelebt hat.

 

    Die authentische Tradition befindet sich auf Papst Franziskus’ Seite. Die Traditionalisten sind einfach nur Traditionalisten, nicht aber traditionell. Sie sind dem Palast des Herodes und des Kaisers Augustus näher als dem Stall von Bethlehem und dem Handwerker aus dem Hause Nazareth.

 

     Ihnen gegenüber steht die Lebenspraxis Jesu und seine Worte über Schlichtheit und Einfachheit, Demut und Macht als ein Dienst; nicht so, wie es die heidnischen Fürsten zu tun pflegen und die Großen, die sich andere unterordnen und dominieren wollen. „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende“ (Lk 22,26). Papst Franziskus spricht von dieser ursprünglichen Tradition und der ältesten, nämlich der Tradition Jesu und der Apostel. Aus diesem Grund verunsichert er die Konservativen, denen ihrerseits die Argumente ausgehen.

 

Siehe auch: Leonardo Boff, „Kirche: Charisma und Macht: 25 Jahre Befreiungstheologie“, Gütersloher Verlagshaus, 2009

 

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack

 

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