Paulus: berufen - nicht bekehrt

25.06.2008, Dr. Roland Schwarz

 

Der Papst hat ein „Paulusjahr" ausgerufen. Ein Anlass, sich mit dem Apostel neu zu beschäftigen. Von Dr. Roland Schwarz in der Zeitschrift „DIE FURCHE“,  NR. 25/19 JUNI 2008.
Der Autor ist Bibelwissenschafter und katholischer Pfarrer in Wien, „Am Schöpfwerk“.

 

In vielen christlichen Köpfen steckt noch die Vorstellung, Paulus hätte sich vor Damaskus vom gesetzestreuen Juden zum Christen bekehrt. Damit hätte er sein Jude-Sein als Irrweg erkannt, abgelegt und durch seinen Christusglauben ersetzt. Die Religion der Gesetzesfrömmigkeit und der Werkgerechtigkeit hätte er mit dem Glauben an Gottes Liebe im Hinblick auf den Tod Jesu am Kreuz getauscht.

In den letzten Jahrzehnten wird diese vereinfachende und zum Teil auch völlig falsche Sicht in der Forschung intensiv in Frage gestellt. Im englischsprachigen Raum spricht man von der „New Perspective on Paul".

 

Apostel Paulus „neu"

Um Einseitigkeiten zu vermeiden, muss festgehalten werden, dass es bei Paulus durchaus juden- und gesetzeskritische Aussagen zu lesen gibt: Im ältesten Dokument des Neuen   Testaments, dem Ersten Brief an die Thessaloniker, sind es entgegen den juridischen Tatsachen die Juden, die Jesus getötet haben: Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen (2,15), behauptet der Apostel. Im Galaterbrief ist vom Gefängnis des Gesetzes (3,23) und dem Fluch des Gesetzes (3,13) die Rede, das auch die Leidenschaften der Sünden hervorruft (Rom 7,5). Den Hintergrund dieser Texte bilden jedoch persönliche Anfeindungen durch einzelne jüdische Gruppen und das entschiedene Ringen des Paulus um einen Heilsweg für nichtjüdische Christen ohne die Einhaltung der rituellen Gebote und Verbote der Tora. Bei diesem Weg geht es um die Inkulturation des Christusglaubens in die nichtjüdische Welt.

 

Andere Beobachtungen in paulinischen Texten zeigen deutlich, dass Paulus seine jüdische Identität bis zum Ende seines Lebens niemals aufgegeben hat. Schon die eigene Beschreibung seiner Lebenswende zu Christus hin lässt keinen Zweifel daran aufkommen: Er weiß sich schon im Mutterleib von Gott auserwählt und berufen, um aufgrund einer Offenbarung seinen Sohn den nichtjüdischen Völkern zu verkünden (Gal 1,15). Die Berufung im Mutterleib erinnert an den Propheten Jeremia (1,5) und an den geheimnisvollen Gottesknecht bei Jesaja (49,1), das heißt, Paulus beschreibt seine Berufung wie die eines jüdischen Propheten.

 

Daher spricht man heute lieber von „Berufung" als von einer „Bekehrung" des Apostels. Überholt ist auch die sprichwörtliche Bekehrung „vom Saulus zum Paulus", denn dabei handelt es sich bloß um die hebräische bzw. griechische Namensbezeichnung und nicht um einen Namenswechsel.

Dass Paulus Jude bleiben wollte, zeigen Texte, in denen er voll Stolz darauf hinweist, Hebräer, Israelit und Nachkomme Abrahams zu sein (2 Kor 11,22; Röm 9,3f; 11,1). Er lehnt es auch bei jüdischen Christen ab, ihre Beschneidung zu verleugnen (1 Kor 7,18).

Bemerkenswert ist weiters, dass der Apostel die Freiheit von den Werken des Gesetzes für Nichtjuden mit Hinweisen aus dem Pentateuch belegt. Die Lektüre der entsprechenden Passagen des Galaterbriefes etwa zeigt, dass Paulus den gesetzesfreien Weg bereits in der Tora vorgezeichnet  sieht  (besonders Kapitel 3 und 4). Es ist dies also für ihn eine Möglichkeit innerhalb des Judentums, das zu Unrecht pauschal als Religion gilt, in der es darum ginge, sich die Liebe Gottes durch möglichst viele gute Taten selbst zu verdienen - Gott ist es vielmehr, der den Juden die Weisungen für ein gelingendes Leben geschenkt hat.

 

Leider ist vielen Christen der Zugang zu Paulus durch die meist komplizierten Auseinandersetzungen um seine Rechtfertigungslehre und seine angebliche Frauenfeindlichkeit verstellt.

 

Vom Gekreuzigten ergriffen

Dabei könnten seine Texte helfen, zu tiefer persönlicher Verbundenheit mit Christus zu finden. Das Ergriffensein vom Gekreuzigten prägt das Selbstverständnis des Apostels. Er kann sogar behaupten: Ich bin mit Christus gekreuzigt worden: nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,19f). Oder: Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden (2 Kor 5,17). Angesichts eigener Krankheit schreibt er: Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit (2 Kor 12,8f).

Die Zugehörigkeit zu Christus prägt Menschen tiefer als die Unterschiede in Bezug auf Nationalität, Geschlecht und sozialen Stand. Dementsprechend diktiert Paulus einem Schreiber die Aussage: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer’ in Christus Jesus (Gal 3,28).

 

Auch seine Gedanken zur Frage des ewigen Lebens sind für Menschen heute hilfreich: Der Glaube an eine leibliche Auferstehung wird durch die anschauliche Argumentation mit der Andersartigkeit unterschiedlicher Körper leichter verstehbar. Es ist der eigene Leib, der aufersteht, aber in einer verherrlichten anderen Gestalt als in der des irdischen Leibes (1 Kor 15,35-50). Auch die Vision der Miterlösung der ganzen Schöpfung (und nicht nur der des Menschen) ist heute angesichts der Bedrohung der Erde durch den Menschen eine ganz wichtige Botschaft; ist doch radikal alles Geschaffene für Gott so bedeutsam, dass er auch den Gegebenheiten der Natur Ewigkeit verleiht (vgl. Röm 8,21: die Schöpfung soll von der Sklaverei der Vergänglichkeit befreit werden).

 

Charismatische Gemeinden

Eine weitere zentrale Botschaft ist die charismatische Struktur von christlichen Gemeinden in den paulinischen Briefen: Nicht Amtsträger sind für alles im Gemeindeleben verantwortlich, sondern primär alle - so wie die einzelnen Glieder in einem Leib füreinander Verantwortung tragen; das gilt auch für die Gottesdienste (vgl. 1 Kor 11,17-34). Nicht nur jene, die der Liturgie vorstehen, feiern die Messe, sondern alle anwesenden Gläubigen. DieAusdrucksformen sollten dabei auch auf Außenstehende nicht fremdartig wirken  (1 Kor 14,16).

Es geht nicht darum, die eigenen Begabungen (Charismen) zur Schau zu stellen, sondern darum, dass das eigene Talent den anderen dient und sie aufbaut (1 Kor 14,4f). Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit (1 Kor 12,26) – das ist die Vorstellung von gelebter Solidarität bei Paulus. Die Verbundenheit mit Christus ist demnach keine Privatsache, sondern führt zu einer verbindlichen Gemeinschaft untereinander.

Paulus hat sich ganz und gar nicht so erfolgreich gefühlt, wie wir heute seinen Einsatz angesichts der nachhaltigen Wirkung seines Lebens beurteilen. Doch er war ein Meister darin, gegen die größten und unterschiedlichsten Widerstände zu kämpfen. Dies mag eine abschließende Kostprobe belegen: Wir gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig: wir werden verkannt und doch anerkannt; wir sind wie Sterbende, und seht: wir leben; wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet; uns wird Leid zugefügt, und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles (2 Kor 6,8b-10).

 

PAULUSJAHR 2008/09

Vor 2000 Jahren - um das Jahr 8/9 - wurde Paulus geboren. Aus diesem Anlass hat Papst Benedikt XVI. ein „Paulusjahr" ausgerufen, das am Vorabend des Festes Peter und Paul (29. Juni) in der römischen Basilika St. Paul vor den Mauern eröffnet wird. Die römische Kirche, in der sich auch das Grabmal von Paulus befindet, sowie seine Geburtsstadt Tarsus in der heutigen Türkei werden Wallfahrtsziele bilden (die Erzdiözese Wien plant für Anfang Mai 2009 ihre große Diözesanwallfahrt nach Rom). Die „römischen" Aktivitäten zum Paulusjahr sollen stark ökumenisch ausgerichtet sein.

 

                                          Dr. Otto Friedrich, "DIE FURCHE"

 

INFORMATIONEN:
www.paulusjahr.info (dt. Sprachraum)
http://www.pastoralamt.info/ (Erzdiözese Wien)

 

 

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