Pfarrei-Initiative in der Schweiz

17.09.2012

 

Heute hat sich in der Schweiz eine Pfarrei-Initiative mit nachsthenden Erklärungen der Öffentlichkeit vorgestellt:

Über 90 katholische Seelsorgerinnen und Seelsorger der Schweiz haben sich bis Mitte September 2012 zusammengetan, um öffentlich zu machen, was in ihren Pfarreien „selbstverständlich“ und „bewährte Praxis“ ist: Alle Getauften nehmen an der Eucharistie teil, auch Christinnen und Christen anderer Konfessionen, Geschiedene, die wieder geheiratet haben, und Homosexuelle. Theologisch gebildete Laien übernehmen Verantwortung für die Pfarreien, einschliesslich der Predigt, der Krankensegnung und der Versöhnung. Und der sonntägliche Gottesdienst soll weiterhin in überschaubaren Gemeinden gefeiert werden.

 

Frau und Mann müssen „Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Unter dieser biblischen Maxime (Apg 5,29) nehmen Gemeindeleiterinnen, Pastoralassistenten, Diakone und Priester in Kauf, dass man ihnen Ungehorsam vorwirft, weil sie jene Reformen umsetzen, die dem biblischen Auftrag entsprechen, auch wenn die Kirchenleitung diese konziliaren Erneuerungen verweigert. Denn sie sind nach reiflicher Prüfung des Gewissens überzeugt, dass Jesus von Nazaret solidarisch und ohne Grenzen jedem Mensch das Heil aufzeigt.

 

Inspiriert ist die Pfarrei-Initiative von der österreichischen Pfarrer-Initiative. Diese internationale Bewegung ermutigt sie, die spezifische Situation der Schweiz in den Kontext der seelsorgerlichen Reformanliegen einzubringen. Denn hierzulande steht die Seelsorgepraxis schon seit einiger Zeit an einem anderen Ort, als die offiziellen Richtlinien es vorsehen. Und immer mehr Seelsorgende empfinden es als Gebot der Wahrhaftigkeit, diese Realität zu benennen.

 

Kritisch beurteilt die Pfarrei-Initiative die derzeitigen Strukturveränderungen zu grösseren Pastoralräumen und Seelsorgeeinheiten. Es kann nicht sein, dass ein einziger Priester sich um sieben Pfarreien kümmern muss und dadurch völlig überfordert wird. Wer Einwände gegen den Text der Pfarrei-Initiative hat, muss sich darum mit der gelebten Praxis auseinandersetzen, nicht nur mit dem proklamierten Text. Und diese Praxis betrifft nicht Einzelfälle, sondern die Regel. Das will die Pfarrei-Initiative bewusst machen. Darum weiss sich auch jede Seelsorgerin und jeder Seelsorger solidarisch getragen. Was selbstverständlich eine gewissenhafte und selbstkritische Reflexion jeder Seelsorgerin und jedes Seelsorgers einschliesst.

 

Angefügt seien einige Aussagen von Initianten im Originalton:

 

„Ich begegne oft Kolleginnen und Kollegen im kirchlichen Dienst, die das Gefühl haben, dass sie etwas Verbotenes tun, wenn sie z. B. die Kommunion an Geschiedene-Wiederverheiratete austeilen. Wenn wir öffentlich festschreiben, dass dies in den Pfarreien unsere alltägliche Praxis ist, dann ist das ein Zeichen gegen die Angst. Wenn wir alle aufgrund des Evangeliums und unseres Gewissens so handeln, dann stärkt es, dies laut zu sagen und zu wissen, dass wir solidarisch füreinander einstehen.“ (Monika Schmid, Gemeindeleiterin, Effretikon ZH)

 

„Wir müssen mit immer grösseren pastoralen Räumen umgehen. Doch wir dürfen den Gläubigen ihre sonntägliche Feier nicht wegnehmen, vor allem nicht das Feiern mit den Leuten, mit denen sie im Alltag unterwegs sind. Überpfarreiliche Strukturen sind daher immer subsidiär, d.h. sie müssen die Pfarreien unterstützen.“ (Hans-Peter Vonarburg, Diakon, Emmenbrücke LU)

 

„Das allgemeine Priestertum ist ein grosser Schatz, den es weiter zu entwickeln gilt. Wenn Rom und die Bischöfe manchmal mit ihren Äusserungen Grenzen setzen, dann können auch wir klar und deutlich sagen, worin wir die Chancen in der heutigen Zeit sehen.“ (Georg Schmucki, Pfarrer, Niederuzwil SG)

 

„Der Versuch, die eigene Praxis zu beschreiben, war kein einfacher Prozess. Die gelebte Realität der Seelsorge wurde mit viel Engagement entwickelt. So müssen wir sie auch deutlich benennen. Mir ist Nähe in der Pastoral wichtig, und wenn diese in immer grösseren Räumen immer seltener wird, dann müssen wir aufschreien. Denn Menschen, die sich nicht mehr kennen und keine Zeit füreinander nehmen, lassen sich immer seltener berühren. Und Jesu Geheimnis war es doch, dass er Menschen berührt hat.“ (Markus Heil, Diakon, Sursee LU)

                                                                                                                               17. September 2012
 

Hier die Erklärung der Pfarrei-Initiative im Wortlaut:
 

Die gegenwärtige kirchliche Situation ist geprägt von Verhaltensweisen, die oft Regeln sprengen. Wir Seelsorgende wollen deutlich aussprechen, was heute bewährte Praxis ist, damit erkannt werden kann, wo Ausnahmen und Ungehorsam zur Regel geworden sind. Unser Ziel ist es, klar zu benennen, was wir tun, um unser eigenes Handeln selbstkritisch zu reflektieren, „im Lichte des Evangeliums zu deuten“ und so die solidarische Überzeugung unter den Seelsorgenden zu stärken.

 

Wir wollen mit unserer Praxis weiterfahren und darum beten, dass die Erneuerung der Kirche weitergeht. Für ein Gelingen wird Gebet und glaubwürdiges Handeln unumgänglich sein: Denn unser Leben als Kirche ist dem Beispiel Jesu von Nazaret, des gekreuzigten und auferstandenen Herrn, verpflichtet, der ohne Einschränkung solidarisch mit den Menschen gelebt hat, um ihnen Heil zu wirken und jedem Menschen seine Perspektive von Rettung aufzuzeigen. Deswegen ist er auch gestorben und für uns auferstanden. In einem Lebensentwurf der Orientierung an Jesus Christus gilt daher das Wort der Apostel: Frau und Mann müssen „Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

 

In unserem Bemühen, zu benennen, was uns selbstverständlich ist und zum Ungehorsam führt, wissen wir uns in Gemeinschaft mit der Österreichischen Pfarrerinitiative und ähnlichen Aufbrüchen in der weltumspannenden, eben katholischen Kirche.

 

Was uns selbstverständlich ist

 

  1. Wir glauben, dass Gott selbst in der Kirche und in den Sakramenten heilend wirkt. Wir müssen nicht über „würdig“ und „unwürdig“ entscheiden. Wir teilen selbstverständlich mit allen Getauften, die sich vom Auferstandenen zum Mahl eingeladen fühlen und daher zur Kommunion kommen, das „Brot des Lebens“ (Joh 6,48).
  2. Wir teilen selbstverständlich mit den Schwestern und Brüdern anderer christlicher Kirchen das Mahl, das Jesus uns aufgetragen hat, feiern dieses mit ihnen und nehmen auch an der Mahlfeier in ihren Traditionen teil.
  3. Wir bitten selbstverständlich mit wiederverheirateten Paaren um einen Segen für ihre Beziehung und thematisieren umsichtig die Frage von Schuld, Versöhnung und Neuanfang. Wir teilen mit ihnen das Brot des Lebens.
  4. Wir betrachten die Menschen mit ihren verschiedenen sexuellen Orientierungen selbstverständlich als unsere Schwestern und Brüder und setzen uns dafür ein, dass sie mit allen Rechten und Pflichten zu unserer Kirche gehören. www.pfarrei-initiative.ch
  5. In der Eucharistie- und in der Wortgottesfeier wird das Wort Gottes in der Predigt (Homilie) selbstverständlich von theologisch ausgebildeten, getauften und gefirmten Frauen und Männern ausgelegt.
  6. Kranken Menschen sprechen wir selbstverständlich Ermutigung zu und feiern mit ihnen und ihren Angehörigen, wenn sie dies wünschen, eine stärkende Salbung.
  7. Auf verschiedenen Wegen bieten wir Menschen selbstverständlich Schritte in ein versöhntes Leben an. Wir sind überzeugt davon, dass das Wesentliche von Vergebung im Versöhnungsgespräch, in der persönlichen Umkehr und in der Bereitschaft zur Versöhnung geschieht.
  8. Die verantwortlichen Seelsorgenden und Diakone tragen im gegenseitigen Einverständnis mit dem Priester fürbittende Teile des Eucharistischen Hochgebets vor und bringen so selbstverständlich die Vernetzung der Dienste in ihrer gemeinsamen Verantwortung für die Kirche zum Ausdruck.
  9. Weil in der Regel das solidarische Christus-Zeugnis unmittelbare Begegnung braucht, setzen wir uns selbstverständlich dafür ein, dass unsere Pfarreien überschaubar bleiben. Ein Pastoralraum, ein Seelsorgeraum bzw. eine Seelsorgeeinheit arbeiten daher subsidiär.
  10. Jede Pfarrei feiert selbstverständlich jeden Sonntag den „Tag des Herrn“ mit den Menschen und den Seelsorgenden vor Ort. Jede Pfarrei hat weiterhin eine eigene Bezugsperson im Sinne einer Gemeindeleitung.

 

Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass befähigte Frauen und Männer ohne Rücksicht auf den Lebensstand zu verantwortlichen Diensten in der Kirche geweiht werden.

 

17. September 2012

 

Unterzeichnet von über 90 katholischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern in der Schweiz. (Näheres hier)

Weitere Unterschriften mit Angabe von Weihe oder kirchlicher Beauftragung an info@pfarrei-initiative.ch

 

Kontaktpersonen:
 

Markus Heil, Sursee, 041-9268069, 079-2078987, markus.heil@pfarrei-sursee.ch
Monika Schmid, Effretikon, 052-3551111, 079-641 26 78, m.schmid@pfarrei-effretikon.ch
Georg Schmucki, Niederuzwil, 071-9559977, georg.schmucki@kath-uzwil.ch
Hans-Peter Vonarburg, Emmenbrücke, 041-2802323, 079-5170462 hanspeter.vonarburg@kath-emmen.ch

Laufende Infos

 

 

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