Priester sein heute - Wie fühlt sich das an?

25.06.2008, Erich Guntli

 

Ein Beitrag von Erich Guntli, er ist Priester und Dekan im Bistum St. Gallen, Schweiz. Abgedruckt in der Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart", CIG 26/2008, vom 29. Juni 2008.

 

 "Wie fühlt sich das an?" Bis vor kurzem kannte ich diese Formulierung nicht. Es ist keine Frage der Theorie, es ist eine Frage nach dem eigenen Befinden - subjektiv, ohne Anspruch auf Gültigkeit für alle. Fußnoten braucht es keine. Zwanzig Jahre bin ich Priester. Ich bin es immer noch. Ich gedenke es auch zu bleiben. Trotz allem. Wie fühlt sich das an?

 

Am Anfang stand der innere Ruf. Traditionell römisch-katholisch sozialisiert, ging mein Weg durchs Theologiestudium hindurch. Schon vor zwanzig Jahren waren Fragen um das Thema „Priester sein" aktuell, das mulmige Gefühl ein ständiger Begleiter. Die kirchlichen Unterhaltungsthemen - Hierarchie, Macht, Männerherrschaft, Frauenunterdrückung, Zölibat - sorgten für hitzige Diskussionen. Der Gewissheit, der eigenen Berufung treu zu sein, stand die Ungewissheit gegenüber, ob es die richtige Berufung ist.

 

Das Theologiestudium klärte einiges. Neben vielen Fragen gab es auch gute Gründe, sich für die Weihe zu entscheiden. Zugegeben - viele dieser Gründe wurden hochstilisiert in jener Zeit der Kirchenträume: Priester sein mit dem Volk und für das Volk, die Gemeinde befähigen, ein eigenes spirituelles Leben zu entwickeln, das Charisma leben und weniger herrschen, sondern dienen, von Christus her authentisch leben und nicht den eigenen Persönlichkeitswert vom Amt her definieren.

 

Paläste verdecken den Stall

 

Manches blieb aber ungeklärt, gerade auch die Entscheidung für den Zölibat. Es wurde zwar darüber geredet. Christus nachfolgen, frei und ungebunden sein, das war das Ziel. Keine Rücksicht nehmen zu müssen auf eine Familie und dadurch verfügbarer zu sein für die Kirche, war ein bestechendes Argument. Die psychosexuelle Dynamik in den Lebensphasen wurde ausgeklammert, sei es in den Gesprächen, sei es in der persönlichen Reflexion. Dass das sexuelle Bedürfnis durch die Enthaltsamkeit abnehme, sollte sich später als Illusion entpuppen. Die Zukunft wurde betrachtet im Licht des Ideals, welches das Dunkel ausblendet.

 

Ausgeblendet wurden auch die soziologischen Fakten. Doch wer vom Ideal beseelt ist, Diener an der Gemeinschaft sein zu wollen, darf nicht übersehen, dass er in eine Führungsposition hineinrutscht. Wer vorne steht, ist automatisch nicht mehr auf derselben Ebene wie die hinten. Wer dafür plädiert, die Gemeinde müsse eigenverantwortlich denken und handeln und selber Subjekt werden, darf sich nicht der Illusion hingeben, er könne sich herausnehmen. Wer in eine Führungsposition gelangt, wird zum Objekt, auf das geschaut wird.

 

Aus dem Seminar raus und hinein in die Pfarreiarbeit, damit begann die Konfrontation mit der real existierenden Kirche, mit einer Kirche, die ein Imageproblem hat. Zwischen dem Ideal, das sie vertritt - Vermittlerin des Evangeliums vom Reich Gottes zu sein -, und dem Erscheinungsbild der kirchlichen Vertreter klafft eine Lücke, auf allen Ebenen. Der arme Wanderprediger aus Galiläa wird vom obersten Würdenträger im Vatikan vertreten, umgeben von Würdenträgern in einem Umfeld, das mehr an die Paläste jener erinnert, die Jesus verurteilten, als an den Stall, in dem er geboren worden sein soll. Gewiss, mancher Dom und manche Kirche sind beachtenswerte Kulturgüter, es wird jedoch von den Gläubigen einiges an spiritueller und gedanklicher Akrobatik gefordert, das verkündete Evangelium und dessen Verkünder sowie ihre Lebenswelt in Übereinstimmung zu bringen.

Ähnliches gilt für die Diözesanebene. Wer den Wagenpark bei einer Versammlung des kirchlichen Personals betrachtet, wird eher an ein Managerseminar erinnert. Die Verbürgerlichung des kirchlichen Personals ist weit fortgeschritten. Über den Gehorsam und die Keuschheit wird diskutiert. Die Armut wird ausgeklammert. Dies ginge wohl zu nahe.

 

Die Kirche wird nicht mehr als von Gott gegeben wahrgenommen. Zunehmend wird ein religionsgeschichtlicher, kulturhistorischer und theologischer Exkurs notwendig, um nachzuweisen, dass die real existierende Kirche noch etwas mit dem hier-archos, mit dem heiligen Ursprung zu tun hat. Es fühlt sich nicht gut an, sich selbst und die Kirche immer mehr rechtfertigen zu müssen, statt von der frohen und befreienden Botschaft Jesu zu erzählen.

Das hat Folgen für die Berufungen. Sie nehmen ab, bewegen sich auf den Nullpunkt zu. Dies gilt für alle kirchlichen Dienste, insbesondere für den des Priesters. Liebe, Einheit und Gemeinschaft wird von jungen Menschen eher an andern Orten erfahren, als in der Kirche.

 

Der Blick in die Runde einer Priesterversammlung lässt unweigerlich die Frage aufkommen: Wer überlebt die nächsten zehn Jahre? Fantasien über größere Zeiträume müssen verdrängt werden, um nicht depressiv zu werden. Das Durchschnittsalter der Priester in Mitteleuropa liegt in etwa an der Grenze des bürgerlichen Pensionsalters. Nachwuchs ist kaum in Sicht.

 

Sonderlich gut fühlt es sich nicht an, einer aussterbenden Gattung anzugehören, als Relikt vergangener Zeiten zu gelten. Ebensowenig fühlt es sich gut an, nicht mit gutem Gewissen kürzer treten zu können, wenn die Kräfte nachlassen. Zwischen Fossil und Reliquie - keine sonderlich stimmige Perspektive. Da sind Sympathiekundgebungen ebensowenig hilfreich wie der immer wiederkehrende Hinweis, wie unendlich wichtig, wertvoll und schön der priesterliche Dienst sei.

 

Priester sein mit dem Volk und für das Volk, volksnah - dies erscheint als Illusion. Ob nun Seelsorgeverbände, Pfarreiverbände, Seelsorgeeinheiten oder pastorale Räume - die Fantasie bei der Namensgebung für pastorale Gebilde blüht. Sie werden kreiert, um die priesterlichen Dienste noch möglichst vielen zugänglich zu machen. Servicekirche für jene, die es brauchen. Für den Priester bedeutet dies institutionalisierte Beziehungslosigkeit.

Es fühlt sich alles andere als gut an, sich ins Auto setzen zu müssen, um in die nächste Kirche zu fahren. Besser wäre es, vor der Kirche noch Zeit für einen Schwatz zu haben. Nahe beim Volk zu sein, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst mit den Menschen zu teilen, verunmöglicht der Arbeitsablauf. Die Spendung der Sakramente, Zeichen der heilsamen Nähe Gottes, verkommt zum Ritual.

 

Weiheamt und Laienstand

 

Der Mangel an Priestern führte zur Bildung neuer pastoraler Dienste. Frauen und Männer mit theologischer Ausbildung nehmen als Laien, meist verheiratet, Aufgaben wahr, die ursprünglich an den Dienst des Priesters gebunden waren: Seelsorgegespräche, Katechese, Hilfeleistungen. Ekklesiologisch wird immer noch gerungen um die Zuordnung dieser verschiedenen Dienste zueinander. Durch Taufe und Firmung ist jeder dazu berufen, dem Auftrag Jesu zu folgen, Zeugnis abzulegen vom Reich Gottes. Der Priester sei in besonderer Weise hineingenommen in den Dienst, zusammen mit dem Bischof in persona Christi zu handeln und zu wirken.

 

Auch das fühlt sich eigenartig an, ein Sonderfall zu sein, ein nicht einmal unumstrittener. Die reformatorischen Kirchen haben sich vom besonderen Weihepriestertum verabschiedet. Umso heftiger wird es in der katholischen Kirche verteidigt. Dies geschieht vorwiegend in Abgrenzungen: Die Laien dürften nicht klerikalisiert, die Priester nicht laiisiert werden. Regeln sollen Ordnung schaffen, die den Ordo (Weihestand) schützen. Tatsächlich müssen Laientheologen und Priester zusammenarbeiten. Ein wirkliches „Zusammen" ist und bleibt aber ein Ideal. Dieses Ideal gilt es aber anzustreben, es muss immer wieder darum gerungen werden.

 

Die Charismen zum priesterlichen Dienst und zum Dienst als Laientheologen sind unterschiedlich. Unterschiedlich sind auch die Vorstellungen darüber, was Kirche ist oder sein sollte. Wem der „Status quo" der kirchlichen Strukturen selbstverständlich ist und wer sich nicht in der Illusion wiegt, es könnte sich in absehbarer Zeit daran etwas ändern, dem fällt es leichter, seinen Platz einzunehmen. Der Laie füllt seinen ihm zugestandenen Raum aus bis an die Grenzen des Möglichen. Der Priester delegiert Aufgaben, soweit es ihm sinnvoll und möglich erscheint.

 

Laien wie Priester können jedoch ganz unterschiedliche Vorstellungen von Kirche haben. Steht ein Laie dem Weihesakrament skeptisch gegenüber, kann es zu Spannungen führen, insbesondere dann, wenn der Priester ganz aus dem lehramtlich definierten Konzept des priesterlichen Dienstes heraus lebt. Dieses Konzept wird vor allem sichtbar an der Rollenaufteilung in der Liturgie. Tages-, Gaben- und Schlussgebete sind priesterliche Gebete, ebenso das Hochgebet. Wird diese Grundordnung unterlaufen, kann sich das Gefühl einstellen, es werde dem Priester auch noch das Wenige weggenommen. Der Laie wird zur Bedrohung für die priesterliche Rolle.

 

Tut sich umgekehrt ein Priester schwer damit, dass es Laien im kirchlichen Dienst gibt, oder erscheint ihm dies gar der wahren kirchlichen Struktur widersprechend, dann werden geringfügige Angelegenheiten zum Vorwurf gemacht, Kompetenzen zu überschreiten.

 

Wenn man zum Magier wird

 

Die Zusammenarbeit ist also keineswegs frei von Animositäten. Die Empfindlichkeiten liegen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Sie können privater wie auch theologischer Natur sein. Bei Theologen und Theologinnen reichen Spiritualität und Theologie tief in die Persönlichkeit hinein. Sie begründen einen großen Teil der Identität. Das macht empfindsam und empfindlich.

 

Priester wissen oft darum, wie zu Beginn des Studiums eines männlichen Mitarbeiters der Wunsch stand, Priester zu werden. Der Wechsel des Lebensentwurfs führte dann zur Heirat und zum Beruf des Laientheologen. Dies kann ganz unterschiedliche Gefühle auslösen. Aus der Sicht des Priesters ist der Kollege ein „verhinderter Priester", eine lebendige Erinnerung daran, selber nicht den Mut gehabt zu haben, den eigenen Lebensentwurf aufzugeben, ein Mitarbeiter, der von Eifersucht auf den priesterlichen Dienst heimgesucht wird, ein Mitarbeiter, der jene familiäre Geborgenheit erfahren darf, die dem Priester selbst fehlt. Entsprechend sind die Reaktionsmuster. Von Eifersucht bis Ablehnung oder starkem Anlehnungsbedürfnis ist alles möglich. Das Gegenüber hat etwas, was man selber nicht hat.

 

Handelt es sich um eine Mitarbeiterin, dann wird die Gefühlslage nochmals komplexer. Für den Priester ist die Mitarbeiterin eine Frau, die zum Altar schielt und unglücklich ist, selbst nicht Priesterin zu sein, eine erotische Herausforderung, zumal der Priester während der Ausbildung sich in einer reinen Männerwelt aufgehalten hatte, eine Bedrohung der männlichen Dominanz schlechthin, ein Symbol dafür, dass der feministische Geschlechterkampf bis in die Kirchenmauern eingedrungen ist. Auch da sind alle möglichen Spielarten der Gefühlslagen offen, die zu sonderbarsten Verhaltensmustern führen.

 

Wenn man als reaktionär gilt

 

Der Priester wird immer mehr als priesterlicher Mitarbeiter in einem größeren Team eingesetzt. Zum Einzelgänger erzogen, muss er sich mit einem Male in ein Gruppengebilde einfügen. Eine Herausforderung, die nicht so einfach zu bewältigen ist. Vom Ordo her gesehen ist der Priester beauftragt, die Sakramente zu spenden. Obwohl für weitere pastorale Aufgaben ausgebildet, wird seine Tätigkeit in größeren ­pastoralen Gebilden auf die Sakramentenspendung reduziert. Es fühlt sich nicht gut an, auf einen kleinen Bereich eines weiten Aufgabenfelds reduziert zu werden. Wird er bei der Liturgie, insbesondere in der Eucharistiefeier, zum Konsekrator zurückgebunden, damit der Ordnung Genüge getan wird, dann fühlt sich dies sehr schlecht an. Der Priester wird zum Magier, der befugt ist, die rituellen Formeln zu sprechen.

 

„Versprichst du mir und meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam", fragt der Bischof bei der Priesterweihe. Der Priester ist Mitarbeiter des Bischofs und somit eingebunden in die hierarchischen Strukturen der Kirche. Aus der Binnensicht lässt sich diese Struktur theologisch begründen. Außerhalb der Kirche gilt die Demokratie als die adäquate Form der Gestaltung gesellschaftlichen Lebens. Außenstehenden ist es kaum einsichtig zu machen, weshalb die Demokratie nicht auch in der Kirche gültig sein kann.

 

Diese Frage spitzt sich bei den Zulassungsbedingungen zum Dienst des Priesters zu. Nach demokratischem Verständnis besteht zwischen Mann und Frau Gleichberechtigung. Gemäß römisch-katholischer Richtlinie kann nur ein ehelos lebender Mann zum Priester geweiht werden. Von außen betrachtet, ist dies ein Verstoß gegen die Gleichberechtigung. Die theologische Begründung, ausschließlich Männer zu weihen, wird von vielen nicht mehr akzeptiert, zumal andere Kirchen - oder nach offizieller Sprachregelung: kirchliche Gemeinschaften - ebenso theologisch die Zulassung der Frau zum Priesterdienst begründen.

 

Eingebunden in das hierarchische Gefüge der römisch-katholischen Kirche, auserwählt als Mann für den priesterlichen Dienst, mehr oder weniger verwurzelt in einer theologischen und liturgischen Tradition, verkörpert der Priester in der Außenansicht den Typus des Reaktionärs. Der Priester gilt als Ausführungsorgan eines überholten Apparates.

 

Wenn man unter Verdacht steht

 

Ähnliches gilt für die Binnensicht. Im Zuge der kritischen Philosophie entwickelte sich eine kritische Theologie. Es ist eine Theologie des Verdachts. Ideal ist, was noch nicht ist. Aus dieser Sichtweise stehen gerade Priester auf der falschen Seite. Sie stehen auf der Seite der bestehenden Strukturen und nicht auf der Seite der Kirche, die Jesus gewollt haben soll. Es fühlt sich nicht gerade gut an, unter dem Verdacht zu stehen, Verteidiger herrschender Strukturen zu sein und als Hindernis für die Weiterentwicklung der Kirche zu gelten.

 

Priester sein im lateinischen Ritus der römisch-katholischen Kirche heißt auch: im Zölibat leben. Die theologische Begründung dafür steht auf schwachen Beinen. Der autoritative Entscheid des Lehramts für die Beibehaltung des Zölibats nährt sich aus der spirituellen Tradition vergangener Jahrhunderte. Diese ist durchaus bedenkenswert. Sie kann nicht vorschnell über Bord geworfen werden. Heute zölibatär ­leben heißt eine Gratwanderung vollziehen zwischen religiös verbrämtem Singledasein, spirituell überhöhtem Egoismus und ehrlichem Bemühen, dem Lebensentwurf zu entsprechen. Hauptargument für die zölibatäre Lebensform ist die Aussage, der Priester lege durch seine Ehelosigkeit Zeugnis ab für ein erfülltes Leben, das durch die Beziehung zu Christus und seiner Kirche geschenkt werde.

 

Genau dieses Argument trägt nicht mehr. Eine Lebensgemeinschaft mit einem Menschen durch eine radikal andere Lebensform zugunsten einer Institution zu ersetzen, ist schwer zu verstehen, noch schwerer, die Institution in Entsprechung zu Christus zu setzen. Entweder kommt der Verdacht auf, hinter der Lebensform des Zölibats etwas verstecken zu wollen, oder es wird ein psychischer Defekt vermutet. Es fühlt sich nicht sonderlich gut an, in der Lebensform von allen Seiten infrage gestellt zu werden.

 

Wenn man in Widersprüchen lebt

 

Nicht selten verlassen Priester ihren priesterlichen Dienst. Sie sind nicht einfach Opfer der Verführung durch eine Frau oder einen Mann, schwache Menschen, die ihrer Berufung nicht treu sein konnten, Menschen, die Spiritualität und Gebet zu wenig gepflegt haben, und was ihnen sonst noch vorgeworfen wird. Den Lebensentwurf überprüfen und sich neu orientieren, das ist mühsame Seelenarbeit. Beim Priester hängen Beruf und Berufung zutiefst zusammen. Die Berufung macht einen großen Anteil der Identität aus. Die Identität wird durch den Beruf genährt. Der Schritt aus dem priesterlichen Dienst heraus heißt auch zu einer neuen Identität finden. Kein leichtes Unterfangen. Die ernsthafte Auseinandersetzung jener, die den priesterlichen Dienst aufgeben, ist eine bedenkenswerte Anfrage an jene, die bleiben.

 

Lange Zeit verdrängt, wurden sexuelle Übergriffe von Priestern in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit geholt. Bis auf die höchste Stufe der Hierarchie musste die Problematik eingestanden werden. Dass ausgerechnet Vertreter jener Kirche, welche stets eine rigide Sexualmoral vertritt, durch sexuelle Übergriffe auf Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder für Schlagzeilen sorgen, fühlt sich alles andere als gut an. Der Glaubwürdigkeit wird der Boden entzogen. Verurteilungen sind nicht angebracht. Hinter solchen Übergriffen verbergen sich seelische und körperliche Dramen. Trotzdem fühlt es sich nicht gut an, unter dem Verdacht zu stehen, ein sexuelles Monster zu sein, vor dem gewarnt werden muss.

 

Je weniger die Zeichenhaftigkeit der zölibatären Lebensform verstanden wird, umso mehr konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf das Sexualverhalten des ehelos lebenden Priesters. Die alten Fragen des Beichtspiegels - Allein? Mit andern? Dem selben / dem andern Geschlecht? - diese Fragen kehren in säkularisierter Form der Neugier wieder. Durch die Enttabuisierung wurde die Sexualität aus dem Intimbereich herausgeholt. Das muss nicht unbedingt nur beklagt werden. Es zwingt, genauer auf die Gestaltung des Sexuallebens zu schauen.

 

Ein Leben im Trotzdem

 

Dieses Hinschauen zeigt, dass sich die Sexualität nicht einfach über das sechste Gebot regulieren lässt. Sexualität ist eine dynamische Größe im Leben und transformiert sich immerzu. Gewiss wurde bei der Weihe das Versprechen abgegeben, ehelos und damit enthaltsam zu leben. Dieses Versprechen wird im Lauf der Jahre durch die psychosexuelle Entwicklung immer mehr infrage gestellt. Es fühlt sich alles andere als gut an, durch die Ausübung des Priesteramtes öffentlich zu bekunden, so zu leben, wie versprochen wurde. Dann jedoch muss im Beichtstuhl oder auf der Couch des Therapeuten mühsam eingestanden werden, dieses Versprechen nicht einhalten zu können. Öffentliches und privates Leben sind geteilt durch einen Bruch, der gefüllt ist mit Schuldgefühlen.

 

Priester sein heute - wie fühlt es sich an? Nicht sonderlich gut. Vorbei die Zeiten, als man den Priester noch Hochwürden nannte. Vorbei die Zeiten, wo die Kirche als Haus voll Glorie betrachtet wurde. Leben als Priester ist ein Leben mit inneren und äußeren Widersprüchen, Ungereimtheiten, Absonderungen, Ausgrenzungen und in der Konfrontation mit allen möglichen Abgründen der eigenen Seele. Priester sein - es ist ein Leben im Trotzdem. Die bestens dokumentierten Absicherungen und Zusicherungen kirchenrechtlicher und dogmatischer Art und die Konfrontation mit dem gelebten Leben als Priester münden ein in die Aussage, die Jesus machte, als er gefragt wurde, wo er wohne. „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann" (Mt 8,20).

 

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