Tradition Jesu versus christliche Religion

23.10.2013, Leonardo Boff

 

Um das Christentum richtig zu verstehen, müssen einige Dinge auseinandergehalten werden, wie es auch die Mehrheit der Gelehrten zu tun pflegt. So ist es wichtig, zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens zu unterscheiden. Unter dem historischen Jesus versteht man den den Prediger und Propheten aus Nazareth, der tatsächlich zur Zeit des Kaisers Augustus und unter Herodes gelebt hat. Der Christus des Glaubens ist Predigtinhalt der Jünger, die in ihm den Sohn Gottes und den Erlöser sehen.

 

Eine weitere wichtige Unterscheidung muss zwischen dem Reich Gottes und der Kirche vorgenommen werden. Das Reich Gottes ist die ursprüngliche Botschaft Jesu. Sie bedeutet eine umfassende Revolution, die die Beziehungen zwischen den Menschen und Gott (als Söhne und Töchter), mit den Mitmenschen (als Brüder und Schwestern), der Gesellschaft (der Arme im Mittelpunkt) und dem Universum (die Erschaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde) neu definiert. Weil Jesus abgelehnt wurde und folglich das Reich Gottes nicht realisiert wurde, kam es zur Bildung der Kirche. Bei ihr handelt es sich um eine historische Konstruktion mit dem Ziel, die Sache Jesu in den unterschiedlichen Kulturen und Zeitepochen voranzutreiben. Ihre vorherrschende Ausprägung hat sie in der abendländischen Kultur, doch findet sie sich auch in der orientalischen Kultur, bei den Kopten u. a.

 

Ebenfalls ist es wichtig, die Tradition Jesu von der christlichen Religion zu unterscheiden. Die Tradition Jesu hat ihren Ursprung noch vor der Niederschrift der Evangelien, selbst wenn sie in diesen enthalten ist. Die Evangelien wurden 30 bis 60 Jahre nach Jesu Hinrichtung verfasst. In der Zwischenzeit waren bereits Gemeinden und Kirchen entstanden mit ihren Spannungen, internen Konflikten und Organisationsformen. Die Evangelien spiegeln dies wider und sind Teil dieser Situation. Sie sind keine Geschichtsbücher, sondern Bücher, die der Auferbauung dienen sowie der Verbreitung des Leben und der Botschaft Jesu als Welterlöser.

 

Was ist bei all dieser Verwirrung nun unter Tradition Jesu zu verstehen? Sie ist der harte Kern, wie das Innere einer Nussschale, der die ursprüngliche Absicht und Lebenspraxis Jesu (ipsissima intention et acta Jesu) repräsentiert, noch bevor eine Interpretation vorgenommen wurde. Sie lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: An erster Stelle steht der Traum Jesu, das Reich Gottes, als eine wahrhafte Revolution der Geschichte und des Universums, ein konfliktbeladener Entwurf, der sich dem Reich Cäsars entgegenstellte. Danach seine persönliche Gotteserfahrung, die er seinen Jüngern vermittelte: Gott ist Vater (Abba), voll Liebe und Sanftmut. Seine Besonderheit ist seine Barmherzigkeit, seine Liebe zu den Undankbaren und Bösen (Lk 6,35). Dann predigt er die bedingungslose Liebe, die für ihn gleichrangig ist mit der Liebe zu Gott. Ein weitere Punkt besteht darin, die Armen und Kleinen in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sind die Ersten, an die sich die Botschaft vom Reich Gottes richtet und denen es zugute kommt. Nicht wegen ihrer moralischen Bedingungen, sondern weil man ihnen das Leben vorenthält, haben sie eine Vorrangstellung bei Gott. Durch unser Verhalten ihnen gegenüber entscheidet sich, ob wir Erben des Reiches werden oder nicht (Mt 25,46). Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gemeinde. Er wählte die Zwölf aus, um mit ihnen zu leben. Die Zahl Zwölf ist symbolisch: sie steht für die Sammlung der 12 Stämme Israels und die Versöhnung zwischen allen Völkern, die zum Einen Volk Gottes werden. Schließlich geht es um die Machtausübung. Ihr Gebrauch ist nur dann legitim, wenn sie zum Dienst der Gemeinde ausgeübt wird, und wer die Macht inne hat, muss sich selbst immer hintanstellen.

 

Diese Werte und Visionen bilden die Tradition Jesu. Wie man sehen kann, handelt es sich dabei nicht um eine Institution, eine Doktrin oder eine Disziplin. Jesus wollte lehren, wie man lebt; er wollte keine neue Religion gründen, keine Institution mit frommen Gläubigen. Die Tradition Jesu ist ein guter Traum, ein spiritueller Weg, der verschiedene Formen annehmen und auch Anhänger außerhalb des religiösen und kirchlichen Raums finden kann.

 

Im Lauf der Geschichte wurde aus der Tradition Jesu die christlichen Religion: eine religiöse Organisation in Form diverser Kirchen, insbesondere der römisch-katholischen Kirche. Kennzeichnend für sie ist, dass es sich bei ihnen um Institutionen mit Doktrinen, Disziplinen, ethischen Beschlüssen, rituellen Zelebrationsformen und einem juristischen Kanon handelt. Die römisch-katholische Kirche wurde speziell um die Kategorie der Heiligen Vollmacht (sacra potestas) strukturiert, die sich in den Händen einer kleinen Elite konzentriert, der Hierarchie mit dem Papst an der Spitze und unter Ausschluss von Laien und Frauen. Sie verfügt über die Entscheidungsgewalt und über das Monopol des Wortes. Dies ist hierarchisch und führt zu großen Ungleichheiten. Zu Unrecht erhebt sie den Anspruch, identisch mit der Tradition Jesu zu sein.

 

Diese Art geschichtlicher Transformation verdunkelt einen Großteil der Originalität und der Ausstrahlung Jesu. Daher befinden sich alle Kirchen in einer Krise, denn sie bereiten nicht die „Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll“ (Lk 2,11), wie es noch in ihren Anfängen der Fall war.

 

Jesus selbst sah diese Entwicklung voraus und warnte, dass es zu nichts nütze sei, die Gesetze zu achten und das „Wichtigste im Gesetz außer acht zu lassen: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen“ (Mt 23.23).

 

Kehren wir zur Gegenwart zurück: Wie kommt es, dass so viele fasziniert sind von der Person und den Worten Papst Franziskus’? Das liegt daran, dass er direkt an der Tradition Jesu anknüpft. Er bekräftigt, dass „die Liebe vor dem Dogma kommt und der Dienst an den Armen vor den Doktrinen steht“ (Civiltà Cattolica). Ohne diesen Einsatz verliert das Christentum „die Frische und den Duft des Evangeliums“. Es verwandelt sich dann in eine religiöse Ideologie und wird zu einer doktrinären Besessenheit.

 

Es gibt keinen besseren Weg, um die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, die die römisch-katholische Kirche verloren hat, als zur Tradition Jesu zurückzukehren. In seiner Weisheit beschreitet Papst Franziskus diesen Weg bereits.

 

Siehe: L.Boff, Mein Glaube: Christsein in einem neuen Zeitalter, Herder,Freiburg 2013.

Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack
 

 

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