Julianas Litanei
Reinhilde Feichter

Auf herzzerreißend komische Art erschafft sich Juliana ihre eigene Welt inmitten der rigiden katholischen Strukturen im Südtirol der 1970-er Jahre. Sie versucht, dem gefürchteten Weltbild zu entkommen. Bewegend. Tragikomisch. Preisgekrönt.

 

Ein kleines Mädchen hält in seiner Naivität einem versteinerten Weltbild den Spiegel vor. Ein anfangs unspektakuläres Geschehen in einem entlegenen Bergtal, wo Suchard Schokolade, Hausierer, die Schneiderin, der heilige Antonius, ausgeschämte deutsche Touristen, eine Ansichtskarte vom Meer und Patres zu Highlights werden, die Abwechslung in die Abgeschiedenheit bringen. Die vierjährige Juliana findet alles spannend und genießt dieses Leben, seine Geräusche, Farben, Klänge. Sie formt die Monotonie der Litaneien mit ihrer kindlichen Fantasie, indem sie immer neue Varianten für das sprachlich abgenutzte „Pipfruns“ erfindet. So macht sie sich die täglichen Kirchenbesuche kurzweiliger. Wer sich an ihrer Seite durch dieses ereignislose Leben durchliest, begegnet im zweiten Kapitel dem Herrn Pfarrer.Das Geschehen spitzt sich zu: Für das Mädchen entstehen unüberwindbare Grenzen. Es lernt die Hölle kennen, lässliche Sünden, Hauptsünden, Todsünden, Gebote, deren wichtigstes das sechste zu sein scheint. „…Ich erhielt ein Bildchen, auf dem die Hölle abgebildet war… Diesem Maler war ich dankbar, dass er die Menschen nackt gezeichnet hat, weil ich sah, dass es in der Hölle wenigstens eine Freude gab: Man durfte unkeusch sein. Wenn es schon unbedingt sein musste, dass ich einmal dorthin gelangen sollte, so wollte ich Unkeusches anschauen, soviel ich mochte. Der Herr Pfarrer war bestimmt nie unkeusch. Er befahl uns, nicht im Pyjama oder halbnackt im Haus umher zulaufen, wie die ausgeschämten deutschen Gäste. Wenn mich zwischendurch der Gedanke an die Hölle heimsuchte, so stellte ich mir zur Beruhigung meinen geliebten Herrn Pfarrer vor, wie er in einem lila-hellblau gestreiften Pyjama am Klo saß. Ob er überhaupt aufs Klo musste? Vielleicht hatte er dieses Bedürfnis gar nicht, genauso wenig wie Gott…“ Mit unkeuscher Haut an ihrem Körper und gleichzeitig ausgeliefert an Farben und Töne, versucht Juliana auf eine eigenwillige, manchmal witzig anmutende Art und Weise dieser Weltangst zu entfliehen. „...Der Mann steckt sein Glied in die Scheide der Frau. Das darf doch nicht wahr sein! Das war ja unkeusch! Ich verstand jetzt, warum der Herr Pfarrer dieses Wissen nicht duldete. Er steckte in der Zwickmühle. Da hatte ihm der liebe Gott eins ausgewischt. Die Tränen kamen ihr und sie tanzte vor Freude im Dachboden umher, unter der bretterhart gefrorenen Wäsche. Sie aß an jenem Tag ihr Schokoladen-Ei auf, das sie von Ostern weg auf unbestimmte Zeit aufgespart hatte..." Der Traum vom Kunst-Studium der Vierzehnjährigen wird schließlich „unter Rauschgift begraben“, das für sie immer noch körnig braun, so wie Rattengift aussieht. Dennoch gelingt es ihr, den Ängsten und der Bewegungslosigkeit zu entkommen und zu ihren Klängen und gleichzeitig zu ihrem Fühlen zurück zu finden. „…Jetzt war endgültig genug mit der Schuld. Sie wollte bloß leben. Stealing, stealing, stealing..." In Julianas Litanei geht es immer wieder um „das berühmteste Gebot", mit dem ausgerechnet diejenigen die größten Schwierigkeiten hatten, die es am lautesten verkündeten. Die psychologisch einfühlsame Biographie ist stellvertretend für die vieler Menschen, die damals in katholisch geprägten Alpentälern aufgewachsen sind. Sie ist die gleichermaßen aufwühlende wie heilsame Geschichte eines sich freistrampelnden Selbst.

 

Das Buch ist nur als ebook bei Online Buchshops ( http://www.neobooks.com/werk/36257-julianas-litanei.html oder http://www.tyrolia.at/list?quick=julianas+litanei&sendsearch.x=0&sendsea... ) als Download erhältlich, Preis 4,99.-€, 2014 Neobooks Self-publishing
ISBN 978-3-8476-1415-9

 

 

 

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