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Dialoginitiative 2012

Der Papst steht mit dem Rücken zur Wand

In seiner feierlichen Predigt zur Chrisammesse am Gründonnerstag hat Papst Benedikt die Unterzeichner des österreichischen Aufrufs zum Ungehorsam öffentlich kritisiert. In scheinbar spirituellen, aber von Misstrauen getragenen Fragen unterstellte er ihnen, statt dem Willen Gottes folgten sie ihren eigenen Ideen, von der Sendung Jesu hätten sie nur wenig begriffen und sie wüssten nicht, dass wahrer Glaube selbstlos geben und wirklich dienen müsse. Dabei sind es Rom und seine Repräsentanten, deren kirchliche Ordnungsvorstellungen weit von der Botschaft Jesu abgerückt sind. Erneut identifiziert der Papst den Gehorsam zum eigenen Amt mit dem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Dabei ist nach Petrus, dem nachzufolgen er behauptet, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen.

In Wirklichkeit steht Papst Benedikt mit dem Rücken zur Wand. Statt christlich zu argumentieren, unterstellt er seinen Kritikern unlautere Motive. Sein Verdacht, die Kritiker folgten persönlichen Ideen, übersieht, dass Rom nur noch auf den mittelalterlichen Privilegien seiner bischöflichen Eliten besteht. Zudem ist seine neuerliche Behauptung, Frauen könnten nicht zu kirchlichen Ämtern ordiniert werden, biblisch und theologisch längst widerlegt. Der aktuell gültige Pflichtzölibat führt zum Zusammenbruch der gesamten offiziellen Seelsorge und zahlloser Gemeinden. Das kann nicht der Wille Gottes sein. Die verhärtete Dialogverweigerung Roms gefährdet zutiefst die Einheit der römisch-katholischen Kirche.

Deshalb ist es an der Zeit, die aktuelle Kirchenleitung an ihre eigenen, von der Schrift und der großen Tradition gegebenen Grenzen zu erinnern. Eine Kirchenleitung,

  • die entgegen altkirchlichen Regeln keinerlei Legitimation durch die Gemeinden oder Diözesen hat, der sie vorsteht,
  • die sich Jahrzehnte lang hartnäckig den Reformschritten widersetzt, die von der Schrift geboten sind und von einem Konzil eingeleitet wurden,
  • die entgegen aller exegetischen und kirchengeschichtlichen Einsicht die Ordination von Frauen immer noch für unerlaubt und ungültig erklärt, Betroffene zudem mit Exkommunikation belegt,
  • die wegen ungerechtfertigter Ordnungsvorstellungen den Zusammenbruch von Seelsorge und Gemeinden auf der ganzen Welt in Kauf nimmt,
  • die an einer anthropologisch unhaltbaren rigorosen Sexual- und Ehemoral festhält, dabei die Betroffenen diskriminiert und faktisch exkommuniziert,
  • die bis zum heutigen Tag die Geltung von Menschenrechten im kirchlichen Bereich und deren Einklagbarkeit oder menschenrechtskonforme Gerichtsverfahren verhindert, und
  • die Verantwortung für Gewaltübergriffe und sexualisierte Gewalt an Kindern auf Einzelpersonen reduziert und gleichzeitig die eigene Verantwortung und die struk-turellen Voraussetzungen verschweigt oder ablehnt sowie die Aufklärung darüber behindert, in dem sie Informationen zurückhält und keine eindeutige Verpflichtung zu unabhängiger staatlicher Aufklärung festlegt,

eine solche Kirchenleitung hat gegenüber Kritik keinen Anspruch mehr auf diskussionslosen Gehorsam. Sie hat den - vom Gewissen eingegebenen und mit Argumenten vorgetragenen - Ungehorsam von reformwilligen und hochengagierten Christinnen und Christen zur Kenntnis und ernst zu nehmen. Die Kirchenleitungen müssen vielmehr ihre Macht- und Verweigerungsstrategien endlich der innerkirchlichen Diskussion stellen und ihr Handeln öffentlich verantworten. Wir erinnern an Mt 18,18, demzufolge die Binde- und Lösegewalt letztlich in den Händen der Gemeinden liegt. Dabei muss klar sein, dass dem Zeugnis der Schrift und den Texten des 2. Vatikanischen Konzils eine ungleich höhere Autorität zukommt als dem Katechismus der katholischen Kirche. Dieser gibt zwar vor, so wie der Kirchenrechtscodex CIC 1983, Frucht des Konzils zu sein, in Wahrheit höhlen es beide aber aus.

Es ist kein Zeichen von Mut, wenn der Papst jetzt den geschützten Raum der Peterskirche dazu benutzt, um in einem feierlichen Rahmen zu kritisieren, was er in einer direkten argumentativen Konfrontation bisher nicht zu sagen wagte. Dabei müsste er zunächst selbst die Fragen beantworten, die er in seiner Predigt anderen stellt. Unterschwellig setzt er die Kritisierten massiven Vorwürfen aus. Deshalb sind Gegenfragen zu stellen:

  • Wie kann der Papst den Reformkräften, im Speziellen den österreichischen Pfarrern unterstellen, sie wollten die Kirche nach ihren eigenen Vorstellungen verändern? Die Gegenfrage lautet: Will nicht er der Kirche seine eigene, biblisch nicht verantwortliche Gestalt aufzwingen? Denn unbestreitbar ist, dass der Zusammenbruch der Seelsorge und vieler Gemeinden nicht im Sinne der christlichen Botschaft sein kann. Ein Papst, der wegen seiner hohen Intelligenz und theologischen Kompetenz gerühmt wird, müsste um diese Zusammenhänge wissen.
  • Wie kann der Papst den reformwilligen Pfarrern mangelnde Demut und subjektive Willkür unterstellen und zugleich eine Unterwerfung unter die Machtinteressen der Amtskirche verlangen? Ohne weitere Begründung wird den Unterzeichnern des Aufrufs ein „selbstloser“, „gebender“ und „dienender“ Glaube abgesprochen. Dabei verschweigt er, wie kompromisslos Rom an einer autoritären Kirchenstruktur und ausgerechnet an den Vorrechten der hierarchischen Machtelite festhält. Mit spirituell klingenden Ausführungen zum Gehorsam Jesu macht er sich eher unglaubwürdig. Papst Benedikt muss endlich selbst die von ihm gestellte Frage beantworten, wie sein Handeln in der „dramatischen Situation der Kirche von heute“ aussehen müsste. Ohne eine befriedigende Antwort untergräbt er seine eigene Autorität, denn die Kirche bewältigt ihre Krise nur, wenn wir dien gegenwärtige Erstarrung und Rückwärtsgewandtheit überwinden.
  • Warum spricht der Papst so ungenau von der wahren Erneuerung nach dem Konzil und von unerwarteten lebendigen Bewegungen? Wir sehen dahinter die Verstärkung des der kirchlichen Gemeinschaft schädlichen Klerikalismus. Für die Kirchenleitung bringen nur das Opus Dei, die Legionäre Christi sowie einige hochkonservative Jugendbewegungen eine Bereicherung, weil sie gefügig gehorsame Priester herbeibringen. Deshalb möchten wir von ihm hören, was er von den Basisgemeinden in aller Welt, von den zahllosen kirchlichen Reformgruppen, von den Initiativen kompetenter Frauen, von den vitalen ökumenischen und interreligiösen Bewegungen oder von den Ordensfrauen in zahllosen Ländern hält, die schon längst die Aufgaben der fehlenden Priester übernommen haben.

Alle Unterstellungen Papst Benedikts verkennen, welch wichtige und hohe Verantwortung die Unterzeichner des „Aufrufs zum Ungehorsam“ stellvertretend für viele andere übernommen haben. Für ihren Mut haben sie Dank und Anerkennung verdient. Es ist zu hoffen, dass die päpstliche Intervention nicht zu unbedachten und verfrühten Maßnahmen führt, die nur zu einem weiteren massiven Glaubwürdigkeitsverlust führen würde. Für die römisch-katholische Kirche hätte das katastrophale Auswirkungen. Deshalb müssen die genannten Fragen in die Gespräche eingehen, die zum „Jahr des Glaubens“ weltweit geführt werden.

"Wir sind Kirche" schlägt deshalb vor, dass die Situation, die Vorschläge der Unterzeichner des Aufrufs und deren theologische Beurteilung intensiv und differenziert analysiert werden. Um diesen Prozess einzuleiten, ist unter Vermittlung des Wiener Erzbischofs, Christoph Kardinal Schönborn, eine von anerkannten Fachleuten und Verantwortlichen besetzte Kommission einzusetzen, die mit den Reformkräften Wege aus der Krise erarbeitet und dem Kirchenvolk vorschlägt. Möge so das "Jahr des Glaubens" zu einem "Jahr des Dialogs" werden.

 

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