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Vatikan erklärt “Jahr des Angriffes” PDF Drucken E-Mail
11.06.2012, John C. Sivalon

John C. Sivalon MM
John C. Sivalon MM
Der Autor, John C. Sivalon, M.M., ist Soziologe und Theologieprofessor an der Universität Scranton, Pennsylvania und war von 2001 bis 2008 Generaloberer des Mary-Knoll-Missionsorden in den USA (MM). Seine treffende Analyse zeigt den Zusammenhang auf, zwischen der jüngsten Maßnahme des Vatikans gegen die Leitungskonferenz der US-amerikanischen Frauenorden (LCWR) und seiner „Verschanzung“ im Hinblick auf das  II. Vatikanische Konzil.

Unter dem Vorwand „Jahr des Glaubens“ hat der Vatikan einen Generalangriff gegen jede Theologie oder Interpretation des II. Vatikanischen Konzils gestartet, die sich auf die von ihm so bezeichnete „Hermeneutik (Interpretation) der Diskontinuiät“ stützt. Dieser Sturmangriff kommt zum Ausdruck im Dokument „Porta Fidei“ von Benedikt XVI. und in der es weiter spezifizierenden „Note für Empfehlungen zur Umsetzungen des Jahr des Glaubens“, die von der Glaubenskongregation ausgearbeitet wurde. Beide Dokumente werden von Kardinal Levada in seinem Statement über die doktrinäre Beurteilung der Leitungskonferenz der US-amerikanischen Frauenorden (LCWR) zitiert. Die Begründung für diese Beurteilung und die übrigen Strafmassnahmen in den jüngsten Monaten (gegen die Caritas Internationalis, Erziehungsinstitute, Pfadfinderinnen Girl Scouts) sind in dem weiteren Kontext dieses speziellen „Jahres des Angriffes“ zu verstehen.

Laut jener „Note“ bestünde der Kern des Problems in einem „richtigen Verständnis des Vatikan II gegenüber „ir-renden Interpretationen“. Benedikt pflegt auf diese Interpretationen insofern Bezug zu nehmen, als dass sie auf einer “Hermeneutik der Diskontinuität” basieren und er nimmt Bezug auf seine eigenen Interpretationen als auf einer „Hermeneutik der Erneuerung“ basierend. In Wirklichkeit wäre eine “Hermeneutik der Mission” im Gegensatz zu Benedikts “Hermeneutik der Verschanzung” eine viel zutreffendere Beschreibung.

Die „Hermeneutik der Mission“ sieht in den Dokumenten von Vatikan II einen Versuch der Kirche, in ihrer Vergan-genheit Kerne von modernen Verstehensweisen und kirchlichen Strukturen wieder zu entdecken, die authenti-scher und sachbezogener dem entsprechen, was das Konzil die moderne Welt genannt hat. Durch diese Herme-neutik sehen die Konzilsväter eine Tradition bestätigt als die Grundlage, auf der der Glaube ständig aufbauen und in wechselnden Kontexten wachsen kann. Sie sieht Gott als in Geschichte und Kultur immer gegenwärtig und bietet für das Verstehen und Interpretieren der Fülle der Offenbarung ständig neue Erkenntnisse.

Die „Hermeneutik der Verschanzung“ andererseits sieht in den Dokumenten von Vatikan II die Wiederbestätigung von versteinerten Lehren in einer Sprache, die von der heutigen Welt verstehbar wäre. Sie versteht die Tradition als eine Mauer, um falsche Verständnisse abzuwehren. Sie tendiert auch dazu, den modernen Kontext der Welt negativ zu sehen und ihm oft Etiketten umzuhängen, wie Säkularismus, Relativismus oder Pluralismus. Nach Benedikts Worten „war es in der Vergangenheit möglich, eine einheitliche kulturelle Struktur zu erkennen, die in ihrem Appell an die Glaubensinhalte und die von ihm inspirierten Werte breite Akzeptanz hatten, so scheint dies heute in breiten Gesellschaftsschichten nicht mehr der Fall zu sein“. Die Hermeneutik der Verschanzung sehnt sich also nach der Vergangenheit, nach einer idealisierten Ära des Christentums.

Von daher sind die Maßnahmen gegen den LCWR und gegen andere loyale Stimmen von treuen Christen, die offen sind für ein Unterscheiden von Gottes Weisheit in modernen Kulturen, zu verstehen als ein einleitender Schock-Überfall, der die stärksten Widerstandsbereiche einschüchtern und weich machen soll, bevor der Generalangriff beginnt. Der Hauptangriff ist geplant für Oktober 2012, mit der Eröffnung der Bischofssynode zum Thema „Neue Evangelisation für die Weitergabe des christlichen Glaubens“. Das erste Arbeitspapier (lineamenta) legt die Angriffsziele der „Neuen Evangelisation“ klar dar.

Das Angriffsziel ist die moderne Kultur schlechthin. Gemäß dem Dokument wird die moderne Welt verkörpert durch eine Kultur des Relativismus, die in christliches Leben und in die kirchlichen Gemeinschaften eingesickert ist. Die Autoren behaupten, seine ernsten „anthropologischen Implikationen würden grundlegende menschliche Erfahrungen in Frage stellen, wie z. B. die Beziehung zwischen Mann und Frau, wie auch den Sinn von Fortpflanzung und sogar selbst des Todes“. Mit diesem Phänomen sei, laut Dokument, eine schreckliche Vermischung von Kulturen verbunden. Das ergebe „Korruptionsformen, Erodierung wesentlicher Lebensbezüge, Unterminierung von Werten, um die wir uns bemühen sowie Schädigung genau jener menschlichen Bindungen, die wir für unsere Identität und unseren Lebenssinn brauchen“. An anderen Stellen hat Benedikt dies als Pluralismus etikettiert und damit die dämonische Trilogie von Säkularismus, Relativismus und Pluralismus komplettiert, während er von einer wiederhergestellten, romantisierten Kultur Europas des Mittelalters träumt.

Im starken Gegensatz dazu dienen diese Institute der Frauenorden als dramatische Beispiele für eine „Hermeneu-tik der Mission“. Sie haben ihre Ordenstracht, womit sie sich von der Welt distanzierten, ausgezogen und konfrontieren die Herausforderungen der Präsenz Gottes mit der modernen Kultur. Sie mühen sich, authentische und klare Zeichen der Liebe Gottes für die Welt zu sein. Das Gutachten gegen sie ist wegen seiner herablassenden und patriarchalen Arroganz empörend. Aber es ist ebenso klar, dass es sich auf viel mehr bezieht: auf die dramatische Kluft innerhalb der römisch-katholischen Kirche in der Auslegung des II. Vatikanischen Konzils und auf die Wahrnehmung oder Zurückweisung von Gottes Gegenwart in der modernen Kultur.

Was an diesem Angriff so verderblich ist – neben den Auswirkungen auf das Leben der unmittelbar und dramatisch Betroffenen – , das ist die Beschlagnahme von jenen Konzepten, die von den Vertretern einer Hermeneutik der Mission entwickelt und hochgehalten werden, durch die Hermeneutiker der Verschanzung. Sie definieren diese Konzepte um und nützen sie dann um ihren Ansturm zu rechtfertigen und zu stützen. Drei schnelle Beispiele dafür finden sich im Statement von Kardinal Levada über das Gutachten der LCWR und in dem Gutachten selber:
Erstens erhebt Levada den Anspruch, das übergeordnete Ziel der Begutachtung sei es, bei der Umsetzung einer „Ekklesiologie der Communio/Einheit“ zu helfen. Die Theologen, die diese Ekklesiologie entwickelt haben, basierten ihre Reflexionen auf dem Hauptaugenmerk des II. Vatikanums auf Kirche als Volk Gottes, Leib Christi oder pilgerndes Gottesvolk. Alle diese Bilder wurden von Vatikan II dazu verwendet, um das Verständnis zu erweitern, dass die Kirche mehr ist als die Hierarchie. Keines dieser paradigmatischen Bilder stellt sich die Commu-nio/Einheit als durch Zwang oder Gehorsam gegenüber einer Lehre bewirkt vor. Stattdessen wird Einheit verstan-den als aus dem Dialog fließend und aus dem gemeinsamen Urteilsvermögen des Gottesvolkes, das gemeinsam dafür ringt, treue und authentische Zeugen selbstloser Liebe zu sein. Wer versinnbildlicht diese Communio/Einheit besser als jene Institute von Frauenorden, die eine auf Glauben begründete selbstlose Liebe leben?

Zweitens definiert das lehrmäßige Gutachten den sakramentalen Charakter der Kirche fast ausschließlich als patriarchale Hierarchie. Hier eignet sich das Gutachten erneut ein Verständnis an, welches das Kirchenverständnis des Vatikanum II als ein Sakrament umformt. Denn das Vatikanum II seinerseits postuliert die Kirche in ihrer Gesamtheit als Sakrament des Reiches Gottes.

Schließlich haben in der Zeit nach dem Vatikanum II viele Theologen aus verschiedenen Erdteilen das Bild der Kirche als Prophetin entwickelt. Sie haben diese Vision gegründet auf einer vorrangigen Option für die Armen, auf einen Erlösungsglauben als Befreiung und auf eine Notwendigkeit, kritisch zu sein nicht nur gegenüber den Strukturen der Welt, sondern auch der Kirche selbst gegenüber und ihrer Aufgabe, eine unterstützenden Rolle in unter-drückenden oder entmenschlichenden Situationen zu spielen. Jedoch das Gutachten verneint jede Möglichkeit von einer gegen die kirchliche Hierarchie selbst gerichtete oder von dieser unabhängigen Prophetie. Diese widerliche Missachtung der biblischen Propheten und ihrer starken Stellungnahmen in Opposition zur Priesterschaft, Königen und leeren Glaubensritualen wird von denjenigen nicht als Bruch mit der Vergangenheit oder Tradition bemerkt, die aus dieser Hermeneutik der Verschanzung heraus operieren.

Während moderne Katholiken den 50. Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils feiern, sind wir in ein neues Kapitel der Kirchengeschichte eingetreten. Das Konzil, das bestimmt war, die Fenster zu öffnen, wird jetzt uminterpretiert als heruntergelassene Rollläden, um die Kirche zu schützen vor den stürmischen Winden einer Welt, die auf der Suche nach spiritueller Authentizität ist. Was angeblich eine Zeit der Erneuerung sein soll, ist als „Jahr des Glaubens“ in Wahrheit die Bestimmung zu einer Vergötterung von Doktrin, Macht und Hierarchie. Die Schwestern in ihrem Dienst an der Einheit von Kirche und Welt sind diejenigen, die nicht nur ein Gelübde der Ar-mut ablegen, sondern es tatsächlich auch leben ohne jedes Privileg, Statussymbol oder Besitztum. Sie sind ein lebendiger und prophetischer Kontrast zur Unechtheit des Rufes nach einer als „Erneuerung“ verkleideten „Ver-schanzung“.

Quelle: Artikel in: Istand (with the sisters for justice in the Church) am 27.Mai 2012
 

Aus dem Englischen übersetzt von Josef und Mary Pampalk Wien 7. 6. 2012

Autor: P. John Sivalon ist 1947 in Montana geboren, hat als Mitglied des Missionsordens von Mary Knoll in Tansania gearbeitet und geforscht, an der Universität in Toronto ein Doktorat erworben, war sieben Jahre Generaloberer und lehrt derzeit an der Universität Scranton. Seine Mail-Adresse: sivalonj2[at]scranton.edu