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Vor welchen Herausforderungen steht die Kirche heute? PDF Drucken E-Mail
05.09.2007, Dr.Veronika Prüller-Jagenteufel

Einleitung
Gesellschaftliche Herausforderungen für die Kirche zu skizzieren, wurde mir als Aufgabe
gestellt. Einiges dazu ist in den Unterlagen zum Projekt „Bauplatz Kirche Österreich“ ja
schon aufgeführt, vieles dazu ist bekannt, kann in vielen Beiträgen schon nachgelesen werden.
Was kann ich also noch tun?

Zunächst: Ich bin keine Soziologin und kann daher weder mit neusten Zahlen und Fakten gesellschaftlicher Entwicklung aufwarten, noch mit einer neuen, originellen Theorie, die das Stattfindende überraschend neu deuten würde. Ich bin Pastoraltheologin und Kirchenmitglied sowie Teil dieser Gesellschaft. Wenn ich über gesellschaftliche Herausforderungen für die Kirche nachdenke, denke ich in doppelter Weise über mich nach: über das, was auch mich als Teil dieser Gesellschaft prägt, und über das, was mich dabei als Teil dieser Kirche herausfordert.

Ich möchte im Folgenden versuchen, diese Tatsache insofern ernstzunehmen, dass ich nicht so sehr einmal mehr wohlfeile Ratschläge an die Kirchenleitung verteilen möchte und auch nicht bei dem allgemeinen „Wir Kirche“ stehen bleiben möchte (da kann ich mich dann allzu praktisch verstecken und immer meinen, die anderen sollten sich angesprochen fühlen ...). Ich will also keinen streng objektiven Wissenschaftsvortrag halten, sondern lieber versuchen, konkret an mich und mein Kirchesein inmitten dieser Gesellschaft zu denken – und lade Sie, liebe ZuhörerInnen ein, sich ebenso ganz persönlich in die Szenerie zu begeben: Herausforderungen für die Kirche sind zunächst vor allem als solche relevant, die ganz konkret mich selbst in Anspruch nehmen.

Und wie gesagt, ich schaue auf mich, Kirche und Gesellschaft als Theologin. Das bedeutet, dass ich nicht nur am Feststellen von Faktenlagen interessiert bin, sondern bereits mein Schauen von meinem theologischen Interesse gelenkt ist: Ich frage nach dem, was an Botschaft von Gott her in der Wirklichkeit auf mich zukommt und welche Zumutung Gottes darin für mich liegen könnte. Die Welt als Gottes Schöpfung und Geschichte als durchdrungen von Gottes Geist verstehe ich dabei immer auch als Teil der Offenbarung, als Kommunikationsgeschehen Gottes mit uns. In der Welt zu sein, an der Geschichte teilzuhaben ist immer auch Antwort an Gott, ist immer auch ein Handeln auf Gott hin sowie aus der Beziehung zu Gott heraus, ein Handeln aus Gottes Kraft und durch Gottes Gnade. Meine Aufgabe als Theologin sehe ich darin, das ausdrücklich zu halten, mir selbst bewusst zu machen und, so hoffe, ich für meine ZuhörerInnen merkbar.

Zeichen der Zeit
Eine explizit theologische Betrachtungsweise der gesellschaftlichen Entwicklungen zu wählen, bedeutet, der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils folgend, nach den Zeichen der Zeit zu forschen.

Nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten, gehört nach einer der oft zitierten Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (GS 4) zu den Pflichten der Kirche, denen sie nachkommen muss, damit sie ihren Auftrag erfüllen kann. Unter diesen Zeichen der Zeit werden dabei oft ganz allgemein die Charakteristika verstanden, die die Gegenwart prägen, also das, was die Menschen umtreibt, was die gesellschaftlichen Entwicklungen kennzeichnet etc. Manchmal werden dabei auch Lebens und Todeszeichen unterschieden. Diese Charakteristika zu kennen ist für die Kirche unerlässlich, denn es geht ihr immer um die konkreten Menschen in einer konkreten Situation. „Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen.“ (GS 4)

Dabei geht es beim Erforschen und Deuten der Zeichen der Zeit nicht bloß darum, den Rahmen für das kirchliche Handeln kennen zu lernen und abzustecken, um in Verkündigung und Pastoral gezielter agieren zu können. Im Erfassen unserer Welt mit ihren Erwartungen und Bestrebungen soll die Kirche vielmehr verstehen, was Gottes Anruf an eine konkrete Zeit ist. Wie Gottes Wort hier und heute konkret werden, „Fleisch werden“ kann, das ist im Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft zu entdecken.

Die Rede von den Zeichen der Zeit geht eben über eine neutrale Betrachtung des Vorfindlichen weit hinaus. Diese spezifisch theologische Redeweise wurde vom seligen Papst Johannes XXIII. geprägt und vom großen französischen Dominikaner-Theologen Marie-Dominique Chenu theologisch durchdacht. Ihr Anliegen war und ist es, nicht nur allgemein nach prägenden gesellschaftlichen Entwicklungen zu fragen, sondern nach den in ihnen liegenden Möglichkeiten zur Humanisierung der Gesellschaft, zur Förderung des Menschseins und der Menschlichkeit.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist immer zugleich Ausdruck davon, dass Welt und Menschen erlösungsbedürftig sind, als auch davon, dass sie Gottes gute Schöpfung, Ort der Gegenwart und des Segens Gottes sind. Nach den Zeichen der Zeit zu forschen, bedeutet so verstanden: durch alle Ambivalenzen hindurch nach den Orten und Entwicklungen zu suchen, in denen Menschen mehr zu Menschen im Sinne von „Ebenbild Gottes“ werden. Zeichen der Zeit in diesem speziellen Sinn sind dann nicht mehr alle möglichen Vorkommnisse einer Gegenwart, sondern jene, die im Licht des Evangeliums als Hinweise auf solche „Menschwerdung“ gedeutet werden können. Chenu sprach von den in den gesellschaftlichen Entwicklungen liegenden „inkarnatorischen“ Möglichkeiten, die von der Kirche bzw. den ChristInnen aufzugreifen und im Mitwirken mit Gottes Geist zu ergreifen wären.

Nach solchen Zeichen der Zeit soll also die Kirche forschen, um zu entdecken, wie sie in einer bestimmten Gegenwart und Gesellschaft zur Mitarbeiterin Gottes werden kann. Zwischen diesen „inkarnatorischen“ Möglichkeiten, den Aufbrüchen von mehr Menschlichkeit einerseits und dem Unheil und der Ungerechtigkeit der Gegenwart andererseits besteht dabei gewiss eine permanente Spannung. Diese fordert die Kirche dazu heraus, im Deuten der Zeichen der Zeit zu erkennen, wie sie als engagierte Zeitgenossin gesellschaftliche Entwicklungen solidarisch und zugleich kritisch begleiten und fördern kann.

Also zusammenfassend noch einmal: Es geht beim Suchen nach Zeichen der Zeit in den
gesellschaftlichen Entwicklungen nicht primär um pastoralstrategische Überlegungen, sondern um das aktive Mitbauen am Reich Gottes. Nicht der Selbsterhalt von Kirche steht dabei im Zentrum, sondern der Auftrag von ChristInnen, von Kirche in der Welt von heute.

Mir ist die bewusst theologisch gewendete Rede von den Zeichen der Zeit auch deshalb wichtig, weil sie dazu anhält, mit wohlwollendem Interesse, gleichsam mit der positiven Unterstellung zu schauen, dass sich die Gesellschaft – zumindest in Teilen und Teilentwicklungen – auch zum Guten, eben auf Menschwerdung hin bewegt. Auch wenn uns heute vielleicht der Optimismus der frühen 60er-Jahre, in denen diese Theologe der Zeichen der Zeit entworfen wurde, nicht mehr so zugänglich erscheinen mag, halte ich diese Gemahnung an eine freundlich-wohlwollende, positiv-unterstellende Sicht für wichtig. Sie bewahrt vor einem Kulturpessimismus, der uns nur das Negative sehen lässt und der allzu leicht zu vergessen droht, dass jede Zeit Gottes Zeit ist, dass in jeder Zeit auch Gott am Wirken ist. Wann immer wir auf Welt und Menschen schauen, schauen wir auf die Welt und auf die Menschen, die Gott liebt! Wenn wir also nach Charakteriska unserer Zeit und erst recht wenn wir nach den Zeichen der Zeit fragen, steht es uns in der Nachfolge Christi gut an, in diesen liebevollen Blick Gottes einzuschwenken.

Charakteristika
Was sind nun Merkmale unserer Zeit, was Zeichen der Zeit? Was fordert mich heraus als Teil dieser Gesellschaft und Teil dieser Kirche, als eine, die sich grundlegend zu Nachfolge und Zeuginnenschaft Christi in dieser Zeit herausgefordert weiß?

Ich möchte zunächst ganz kurz vier allgemeine Tendenzen beschreiben und ein paar Felder benennen, deren allgemeine Bekanntheit ich zwar voraussetze, die als Rahmen aber wohl abzustecken sind. Danach werde ich etwas ausführlicher auf drei Bewegungen eingehen, die ich – immer noch – als wichtige Zeichen der Zeit erkennen zu dürfen meine.

Vier gesellschaftliche Grundtendenzen lassen sich, nach vielfachem Konsens, festmachen:
• Individualisierung,
• Pluralisierung,
• Enttraditionalisierung und
• Globalisierung.
Alle vier Phänomene beinhalten Gefahren, aber auch Chancen.

Individualisierung, also die Betonung der Einzelnen und das Beharren darauf, das eigene Leben ganz selbst zu bestimmen, kann zwar auch Vereinzelung und weniger Gemeinsinn mit sich bringen – sie bedeutet aber ebenso, dass Menschen nur das tun, was sie wirklich wollen und meinen, und birgt die Chance auf lebensvolle, ich-starke Menschen. Dieses Streben nach Selbstbestimmung kann zu Egoismus führen, aber auch eine gute Basis für Verantwortung sein.

Die Pluralisierung, also die Vervielfältigung von Lebensmöglichkeiten, das Nebeneinander von verschiedenen Meinungen, Anschauungen, Stilen etc. bringt nicht nur Unübersichtlichkeit, sie kann auch ein Gespür für Vielfalt und Verschiedenheit fördern und für die nötige Achtung, die unsere Differenzen brauchen.

Auch die Tatsache, dass Menschen sich heute nicht mehr so stark von Traditionen bestimmen lassen, ist mehrdeutig: Sie steht in der Gefahr, dass mit dem Verlust eines lebendigen Bezugs zu lange Gewachsenem nicht nur Überholtes, sondern auch Wertvolles verloren geht. Sie hat aber auch die Chance der „Unterbrechung“, die Chance, alten Trott und Zwang zu verlassen, denn nur das trägt dauerhaft, was vor dem Forum der eigenen Überzeugungen standhält.

Sogar die Globalisierung hat schließlich nicht nur ihre neoliberal-wirtschaftliche Seite, die die Probleme von Armut und Ausgrenzung in unserer Welt derzeit zu verschäfen scheint. Das neue Bewusstsein für die weltweite Verbundenheit und die neuen Möglichkeiten globalen Handelns können auch weltweite Solidarität fördern.

Diese vier großen Themen bilden den Rahmen für eine ganze Reihe weiterer gesellschaftlicher Phänomene, die das Leben der Menschen heute beeinflussen und von denen ich sechs wenigstens noch schlagwortartig nennen will:

• Wir leben in einer Zeit großer Mobilität: Gemeint ist damit die Erfahrung, dass immer
mehr Menschen zwischen Arbeitplatz, Wohnort und Freizeitorten hin und her pendeln und dass sie sich die Plätze für ihre verschiedenen Aktivitäten aussuchen und nicht unbedingt im näheren Umfeld bleiben. Diese äußere Beweglichkeit spiegelt sich auch in innerer Mobilität:
Menschen sind heute schneller dabei, neue Sichtweisen auszuprobieren und seltener bereit, sich verbindlich und dauerhaft auf etwas festzulegen.

• Die Erwerbsbiographien verändern sich: Diejenigen, die bis zur Pensionierung ein und denselben Beruf ausüben, werden zur Ausnahme, Phasen der Arbeitslosigkeit zu einer Erfahrung, die immer mehr Menschen in ihrem Berufsleben machen. Zudem wird verstärkt Mobilitätsbereitschaft von den ArbeitnehmerInnen gefordert. Der Druck steigt.

• Ebenso sind die Familienbiographien nachhaltig in Bewegung geraten: Patchwork-
Familien bzw. Familien in zweiter oder dritter Ehe nehmen an Zahl zu; dafür steigt die Zahl der Einkindfamilien.

• Unsere westlichen Gesellschaften sind alternde Gesellschaften: Das stellt nicht nur den
Generationenvertrag auf die Probe, sondern wird auch kulturelle Veränderungen nach sich ziehen – nicht zuletzt durch die Migration, die verstärkt Menschen aus dem
bevölkerungsreichen Ländern des Süden in den Norden bringen wird.

• Im Bereich der Medien bestimmen Handys und Internet immer mehr die
Kommunikationsformen und das allgegenwärtige Fernsehen verändert unsere Art, auf die Welt zu schauen.

• Es wächst eine neue Armut: Immer deutlicher wird, dass viele der beschriebenen
Entwicklungen auch neue Ausgrenzung bewirken und eine beträchtliche Anzahl von
Menschen auch in unseren reichen Gesellschaften arm und daher an den Rand gedrängt sind.

Die klassischen Zeichen der Zeit
Viele von diesen allgemeinen Charakteristika haben schon weite Teile des 20. Jahrhunderts geprägt. Als Zeichen der Zeit im theologischen Sinn wurden jedoch vor ca. 40 Jahren drei andere Entwicklungen bzw. Aufbrüche bezeichnet, auf die ich mit Ihnen nun schauen möchte, weil ich sie immer noch für relevant und ihre theologische Qualifizierung als Zeichen der Zeit immer noch für richtig halte.

In seiner Enzyklika Pacem in terris hebt der selige Johannes XXIII. drei in der Weltgesellschaft beobachtbare Vorgänge bzw. Bewegungen hervor, die als Zeichen der Zeit gedeutet wurden: den Aufbruch der Arbeiterschaft, den Aufbruch der ehemals kolonisierten Völker und den Aufbruch der Frauen. – Aufbruch meint dabei jeweils ein erwachendes Selbstbewusstsein als Menschen mit Rechten und Pflichten, als solche, die damit sowohl einfordern, das eigene Leben in die Hand nehmen als auch sich an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen zu können und mit ihrem Beitrag anerkannt zu werden. Die Qualifizierung als Zeichen der Zeit macht deutlich, dass man hier das Wirken des Heiligen Geistes erkennen zu können meinte, dass sich hier also inkarnatorische Möglichkeiten böten und die Kirche herausgefordert sei, die Realisierung dieser Möglichkeiten mitzubetreiben, mitzugestalten, mitzuprägen, diese Chance der weiteren Menschwerdung von uns Menschen aufzugreifen und im Lichte des Evangeliums auszugestalten.

Ich meine, dass auch wir heute noch – mutatis mutandis – von diesen drei Zeichen der Zeit wesentlich herausgefordert sind. Wie stellen sich diese Herausforderungen heute aus meiner Sicht nun dar?

Aufbruch der Arbeiterschaft
Hier ist wohl die größte Korrektur der Redeweise von vor 40 Jahren nötig, denn nach
allgemeiner Ansicht kann heute von der Arbeiterschaft im Sinne einer sozialen Klasse nicht mehr geredet werden. Dennoch gibt es auch heute, so meine ich, eine wenn auch viel flexiblere Bevölkerungsschicht, deren Aufbruch und also deren Anspruch, als vollwertige Menschen angesehen zu werden, auch Kirche herausfordert: Ich denke dabei an die schon ganz kurz benannten Menschen, die weltweit, aber gerade auch in unseren reichen Gesellschaften in materieller Armut leben.

Die soziale Frage ist heute nicht mehr eine Frage der ausgebeuteten Arbeiter, sondern die Frage der Beseitigung der Armut. Und dabei geht es um ganz konkrete Menschen, die – in gewisser Weise ähnlich wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Arbeiter – nicht bloß als zu betreuende Arme anzusehen sind, sondern die immer deutlicher den Anspruch stellen, an den nötigen Veränderungen der Gesellschaft in Richtung auf mehr Gerechtigkeit bzw. im Sinne eines guten Lebens für alle selbst verantwortlich beteiligt zu werden. Es geht also darum die Eigenkompetenz der Betroffenen zu nutzen, ihre Weisheit zu achten, ihren „Reichtum“, den ihr Leben immer auch hat, zu sehen.

Zeichen der Zeit, inkarnatorische Möglichkeiten erkenne ich in diesem Zusammenhang
überall da, wo Arme und Nicht-Arme, die sich gegen Armut engagieren, von Paternalismus Abschied nehmen und gemeinsam an Veränderungen arbeiten: Ein andere, gerechtere Welt, eine Welt ohne Armut und in Gegenseitigkeit ist möglich und sie nimmt an vielen Orten bereits Gestalt an – in unzähligen größeren und kleineren Projekten, in denen Arme nicht nur bedauernswert Benachteiligte sind, sondern Menschen, die miteinander – oft unter schwierigen Bedingungen – ihr Leben verantwortlich gestalten. Kirche ist selbstverständlich aufgefordert, an den Bemühungen dieser Menschen Anteil zu nehmen und sie tut es an vielen Orten!

Als Christin fühle mich herausgefordert durch den Aufbruch der Armen, durch ihre wachsende Selbstorganisation sowie durch alle, die sich in richtungsweisenden Projekten engagieren, die sich wirklich zu den Betroffenen begeben, bereit sind von ihnen zu lernen, mit ihnen zu leben und Welt und Gesellschaft von den Ärmsten und Schwächsten her neu zu gestalten. Ich kann und will nicht mehr Kirche sein, Teil der Nachfolgegemeinschaft Jesu Christi, ohne in irgendeiner Form an diesem Großprojekt einer gerechten Gesellschaft des guten Lebens für alle beteiligt zu sein: durch aufmerksames Interesse für und das Wahrnehmen von Menschen, die weniger haben als ich, durch ideelle und finanzielle Unterstützung guter Projekte, und möglichst auch durch konkretes eigenes soziales Engagement – der Möglichkeiten dazu sind viele: Da gibt es z.B. die Therapeutin, die einen Teil ihrer Zeit Bedürftigen gratis zur Verfügung stellt; da gibt es die Pfarrgemeinde mit Notunterkunft für Asylanten; da gibt es KirchenvertreterInnen, die sich in der Öffentlichkeit für sozialpolitische Anliegen stark machen …. In der Option für die Armen, im Mitgehen mit ihren Lebens- und Veränderungswünschen liegt die für mich grundlegendste und wichtigste gesellschaftliche Herausforderung für Kirche, für mein Kirche- und Christinsein.


Aufbruch der ehemals kolonisierten Völker
Auch von diesem Zeichen der Zeit ist heute wohl anders zu reden als vor 40 Jahren, aber auch dieses halte ich für ein immer noch gültiges Zeichen der Zeit und also für eine erstrangige Herausforderung. Ich denke dabei an alle die Gruppen von Menschen, die entlang von wesentlichen Identitätsmerkmalen – wie Hautfarbe und ethnische Zugehörigkeit, aber auch z.B. sexuelle Orientierung oder eine spezifische kulturelle Prägung – von der dominanten Kultur unterschieden werden, die immer noch westlich, weiß, heterosexuell und eben der Mainstream ist (und auch lässig, fit, erfolgreich, leistungsstark ...). Wie in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Menschen in den Kolonien stellen heute erst recht weltweit sowie innerhalb unserer westlichen Gesellschaften alle diese Gruppen immer deutlicher den Anspruch, in ihrer Eigenheit ernstgenommen zu werden. Sie stellen den Allgemeinheits-Anspruchs westlicher Kultur- und Denkformen in Frage. Sie verwehren sich der Dominanzkultur, die selbst wiederum ja auf vielfältige Weise von den „anderen“ in ihrer Mitte und an ihrem Rand abhängig ist – Dominanz gibt es ja nur, wenn jemand da ist, über den dominiert werden kann.

Auch in der scheinbar immer pluralistischer werdenden Gesellschaft müssen viele dieser Gruppen nach wie vor um Anerkennung ringen, ist echte Gleichberechtigung und wirkliche Beteiligung an gesellschaftlicher Macht, eine Anerkennung also, die über eine mehr oder weniger freundliche Duldung hinausgeht, in vielen Fällen noch lange nicht erreicht. So ist etwa in den USA noch nicht ausgemacht, ob ein Schwarzer als Präsident wirklich vorstellbar ist, und bei uns in Österreich müssen die PolitikerInnen und Medienleute mit Migrationshintergrund nach wie vor mit der Lupe gesucht werden. Und auch in der Kirche ist noch nicht klar, ob etwa indische oder lateinamerikanische Theologien und Philosophien wirklich ebenso ernstzunehmen sind wie die klassisch hellenistisch bzw. von den Aufklärung geprägten Denkformen …

Als Christin weiß ich mich herausgefordert, damit immer noch mehr ernst zu machen, dass alle Kulturen ernstzunehmen sind, dass keine per se den Vorrang hat, dass ich als Angehörige der weltweit dominierenden Kultur nicht „besser“ bin als andere. Ich kann und will nicht mehr Kirche bzw. Christin sein ohne Offenheit für andere, ohne Förderung der anderen in ihrem Anderssein und ohne Verzicht auf jede Form von Kolonisierung. Kirche- und Christsein gedeihen nur durch Begegnung; es braucht Ehrfurcht voreinander, gleiche Augenhöhe, Gegenseitigkeit; und es braucht immer wieder die Selbstreflexion meiner internalisierten Wertmaßstäbe, in denen allzu oft die alltägliche Abwertung der „anderen“ tief eingeschrieben sind und auch noch dann subtil nachwirken, wenn mein Bewusstsein längst viel weiter zu sein scheint (Dazu ein Beispiel: Neulich hat mich auf einem Bahnhof, auf dem ich auf das Klo zusteuerte, eine Dame für die Klofrau gehalten. Ich war über meine schroffe Antwort auf ihre Frage, ob ich einen Schlüssel für das Behinderten-WC hätte, selbst erstaunt – und merkte daran, wie ich auf diese Verwechslung spontan empört reagierte. – Warum eigentlich? Was ist ehrenrührig an der Existenz als Klofrau? Und wieder einmal war ich also einer meiner eigenen internalisierten Abwertungen auf der Spur …)

Und selbstverständlich fordern diese Aufbrüche der verschiedenen Gruppen und Kulturen auch dazu heraus, mich in einen ehrlichen und engagierten Diskurs zu begeben über die gemeinsamen Standards des Zusammenlebens in der Gesellschaft, über Menschenrechte und - pflichten etc. – und in der Theologie über die Bedeutung von Kultur für das Christentum, über das Zueinander verschiedener theologisch-philosophischer Denkwege. Einander wahrzunehmen und miteinander in den Dialog zu treten ist dabei der unhintergehbare Beginn von Anerkennung und gemeinsamem Lernen bzw. des Ergreifens der inkarnatorischen Möglichkeiten in der wachsenden kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaften.

Aufbruch der Frauen
Dieser Aufbruch ist immer noch im Gange und er ist immer noch ein herausforderndes
Zeichen der Zeit. Die Veränderung der Geschlechterrollen ist auch heute eine der großen sozialen Herausforderungen der Gegenwart.

Natürlich hat sich hier schon vieles verändert, und liegt viel positive Entwicklung – und auch so mancher Irrweg – bereits hinter uns. Aber es bleibt noch viel zu tun und die Wirkungen, die der Aufbruch der Frauen auslöst, bleiben herausfordernd.

Eine bestimmte Richtung neueren feministischen Denkens hat den Erfolg des Aufbruchs der Frauen in folgender Aussage auf den Punkt gebracht: Das Patriarchat ist zuende: Die Frauen glauben nicht mehr daran. – Damit ist nicht gemeint, dass alle Diskriminierung aufgehört hätte oder alle Gewalt gegen Frauen oder alle Abwertung von Frauen und Verhaltensweisen, die mit Frausein in Zusammenhang gebracht werden. Es ist nicht das Paradies angebrochen weder für Frauen noch für Männer. Aber das Patriarchat, die althergebrachte Ordnung der Höherbewertung des Männlichen und der Vorrangstellung der Männer ist an ein Ende gekommen, denn obwohl sie vielerorts noch kräftig nachwirkt, hat sie ihre allgemein akzeptierte Plausibilität endgültig verloren.

Die große Herausforderung scheint heute zu sein, dass eine neue Ordnung sich noch nicht etabliert hat. Alles, was mit Geschlecht und Geschlechterrollen zu tun hat, ist nachhaltig in Bewegung geraten. Das wirkt sich aus auf Partnerschaften, Ehen, Familien, auf Kinder- und Altenbetreuung; auf die Wirtschaft, den Arbeitsbegriff und auf Arbeitsformen, und auf die symbolische Ordnung. Hier ist massiv auch die Religion betroffen: Die überkommene Fassung der Gottesbilder in fast ausschließlich männlich konnotierten Sprachbildern ist dabei ebenso in Frage gestellt wie die in vielen religiösen Formen tradierten Vorstellungen von Frau- und Mannsein.

Die postpatriarchale Gesellschaft und die postpatriarchale Kirche sind erst noch zu gestalten. In eine gute Richtung weisen das deutlich gestiegene Selbstbewusstsein vieler Frauen; ihre zunehmende Sichtbarkeit in öffentlichkeitswirksamen Positionen, ihr beharrliches Angehen gegen die gläsernen Decken, aber auch die oft mit der stärkeren Beteiligung von Frauen einhergehenden Veränderungen von Denkformen und Wertorientierungen in den verschiedenen Bereichen. So hat z.B. die vermehrte Teilnahme von Frauen am ethischen Diskurs das Nachdenken über Ethik verändert: Ansätze der Care-Ethik, also eine Ethik der Verantwortung und der Sorge füreinander, oder ein vernetztes Denken, also ein Denken, das von einer relationalen Autonomie bzw. von Menschsein als Freiheit in Bezogensein ausgeht, haben dadurch neue Konjunktur und wichtige Weiterentwicklungen erfahren. Auch das verstärkte gesellschaftliche Interesse für Psychologie und für Spiritualität ist weitgehend von Frauen getragen. Das Patriarchat ist also auch als Denkform und symbolische Ordnung, in der ja u.a. einseitige Selbstdurchsetzung oder etwa ein fast durchgängig dualistisch trennendes Denken prägend waren, offenbar immer deutlicher am Ende.

Als Christin weiß ich mich nach wie vor aufgefordert, mit dieser Bewegung in vielem
mitzugehen, das Anliegen der gesellschaftlichen Beteiligung von Frauen mitzutragen, Frauen in allen Bereichen zu fördern und einen verstärkten Einfluss von Frauen auch in den eigenen Reihen der Kirche ausdrücklich willkommen zu heißen. In meiem Kirchesein komme ich nicht mehr aus ohne kritische Reflexion der patriarchalen Formen, ohne Überprüfung aller Vorgänge, Entscheidungen und Regelungen auf ihre Auswirkungen auf Frauen und Männer und auf das Zusammenleben der Geschlechter. (Ein aktueller Ausdruck dafür ist gendermainstreaming, das ja da und dort auch schon in österreichischen Diözesen aufgegriffen wurde.)

Ich kann und will nicht mehr Kirche und Christin sein ohne Bewusstsein für Frauenfragen und Frauenförderung, aber vor allem nicht mehr ohne den Reichtum feministischer Theologie und Spiritualität, ohne die kreativen und belebenden Versuche der Neufassung unseres Glaubens z.B. in Frauenliturgien, ohne die aus der Perspektive der Geschlechtergerechtigkeit erarbeiteten Bibelübersetzungen und Bibelauslegungen, ohne das Bewusstsein der langen Glaubenstradition von fragenden Frauen. Von den vielen schon ergriffenen Möglichkeiten der Menschwerdung, die sich im Aufbruch der Frauen auftaten und auftun, habe ich selbst schon viel profitiert und gelernt. Da läge auch für die Kirche insgesamt noch viel mehr drinnen.

Wie Kirche sein angesichts der Herausforderungen?
Wie geht das nun, angesichts dieser Zeichen der Zeit, die mich/uns in die Pflicht nehmen, angesichts der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen und angesichts meines/unseres missionarischen Auftrags, Kirche zu sein und zu gestalten? Ich will zum Abschluss noch drei Eigenschaftspaare nennen, die ich mir für mich, aber auch für uns – jede/n und die Kirche als ganze – wünsche, um den Herausforderungen in guter Weise begegnen zu können:
leidenschaftlich und treu, erfahren und anders, bescheiden und selbstbewusst meine ich, könnten wir heute als Kirche leben. (Der Vorgriff auf Abt Burkhards Thema der Visionen sei mir verziehen.)

leidenschaftlich und treu
In der alltäglichen Praxis scheint es mir viel Routine zu geben – was auch sein Gutes hat, aber auch vieles beinhaltet, was brav erfüllt wird, ohne mehr genau zu wissen, wozu es gut ist, nur mehr weil es halt immer schon so war. Ich möchte Christin und Kirche sein mit viel mehr Leidenschaft, wünsche mir für mich und für viele andere, dass wir es lieber leidenschaftlich angehen, was wir und wie wir als Kirche leben. Ich möchte mehr vom dem tun, wo es mich dazu hinzieht, wozu es mich drängt – möchte mehr aus konkreter Berufung handeln, also dem gehorchend, was heute und hier konkreter Ruf Gottes an mich ist – erkennbar u.a. daran, dass die Aufgabe eben auch Lust und Leidenschaft in mir weckt.

Ich wünsche mir von mir und anderen mehr leidenschaftliches Engagement: mehr Mut, mich ganz zu investieren, mich anzustrengen und meine Kraft einsetzen; nicht mit Vorbehalt oder quasi angezogener Handbremse – um jederzeit leicht wieder aussteigen zu können – sondern mit ganzem Herzen.

Könnten wir nicht Leidenschaft als Strukturprinzip auch in unseren Gemeinden und kirchlichen Gruppen mehr zum Tragen kommen lassen? Uns mehr von dem führen lassen, was uns lockt und was wir von Herzen gern tun? Würde das nicht viel mehr Freude in die Sache bringen? Und dürften wir nicht darauf vertrauen, dass Gott die Charismen und auch die Lust zum leidenschaftlichen Sich-Investieren so in uns weckt, dass alles wirklich Wichtige auch tatsächlich getan wird?

Und ich will auch leidenschaftlich streiten um die richtige Richtung des kirchlichen Weges – leidenschaftlich, nicht gehässig; nicht nur mit offenem Visier, sondern auch mit offenem Herzen. Wenn wir einander mehr von dem zeigen würden, wofür tief drinnen unser Herz schlägt, würden wir uns vielleicht leichter tun, zu verstehen, warum wir uns für verschiedene Richtungen einsetzen.

Und dem allem zugrundeliegend: Heute Christin zu sein und Kirche zu leben, das gelingt mir wohl dann am besten, wenn ich Gott leidenschaftlicher zu lieben lerne.

Und: Zur Leidenschaft gehört die Treue.

Ich möchte treu sein dem, was ich als meinen Auftrag und meine Berufung erkannt habe; treu dem Ruf Gottes, der mich innerlich ergreift; treu dem Auftrag Jesu: sein Reich in Wort und Tat zu verkünden, dieses Reich mit ihm aufzubauen und mich bereit zu halten für seine Wiederkunft: im Tun der Gerechtigkeit, in der Sorge für die anderen – wie es der Vision von Weltgericht in Mt 25 entspricht: Hungernde nähren, Dürstende tränken, Gefangene befreien, Kranke besuchen – und überrascht eines Tages feststellen, dass ich in ihnen allen dem Herrn begegnet bin. Dieser Herausforderung treu mich stellen – auch allen Widerständen zu Trotz, auch dann, wenn der Beifall eher den Machern gilt, die über Leichen gehen. Franz Jägerstätter ist ein Beispiel dieser Treue.

Treue ist nötig, wo es um tiefliegende Grundsätze geht: z.B. in der Frage der Euthanasie; oder angesichts des Zugriff auf Menschen mittels Gentechnik oder Pränataldiagnostik – ich wünsche mir, dass wir da als Kirche weiterhin treu sind und noch verstärkt alternative Räume bieten und Hilfen für alle, die sich anders entscheiden: die z.B. ein behindertes Kind austragen oder einen Strebenden begleiten…

Ich weiß mich herausgefordert, treu zu sein einem Gott, der sich nicht zur Überhöhung meiner eigenen Ich-Sucht eignet, sondern mich in meinen tiefsten Sehnsüchten nach gelingendem erfülltem Leben erkennt und mich dort trifft.

Treue brauchen wir auch im Aufrechterhalten von gemeindlicher Präsenz angesichts
ausdünnender Personaldecke und schrumpfender Mitgliederzahlen: Um für viele Menschen zugängliche Gottesdienste und Ansprechpersonen in den Gemeinden zu behalten, um das Kirchenjahr zu feiern, um an vielen Orten Eucharistie feiern zu können, wird es neben der Leidenschaft auch viel schlichte Treue brauchen. (Und in Klammern gesagt: Mag sein, die Treue zur eucharistischen Präsenz an möglichst vielen Orten würde sich auch als Entscheidungsgrundlage für das Überdenken der Zulassungsbedingungen zum Amt eignen.)

Und zum leidenschaftlichen Streit miteinander wünsche ich mir dringend, dass wir einander in der Kirche auch treu sind: die verschiedenen Teile, Gruppen, Richtungen in der Kirche – in einer Art innerkatholischen Ökumene ebenso wie die verschiedenen christlichen Konfessionen. Ich wünsche mir, dass wir einander als ChristInnen, als Kirchenmitglieder die Treue halten! Dass wir also einander im Christsein und Kirchesein unterstützen, auch wenn der/die andere manches anders sieht und lebt. Wir brauchen keine Vernaderung und Bespitzelung, keinen gegenseitigen Argwohn, sondern wohlwollendes Interesse  aneinander, sehr viel Respekt voreinander und unseren jeweiligen Glaubenswegen und gegenseitige Unterstützung dabei, sie froh und mutig zu gehen. Wir brauchen diese Treue zueinander, denn unsere gemeinsamen Aufgaben wiegen schwerer als vieles von dem, was wir uns gegenseitig zu oft vorwerfen.

erfahren und anders
Die Kirche ist alt, sie ist nicht dem Zeitgeist geschuldet, sondern langer Tradition. Die Kirche wird alt wie die Gesellschaft und sie wird es noch mehr, da Jüngere in der Kirche proportional noch stärker ausfallen. Ältere Menschen werden das Gesicht von Kirche noch mehr prägen. Eine erfahrene Kirche wird es also sein, eine, die schon viel gelebt und erlebt hat. Sie darf auf ihre Erfahrungen stolz sein und sie nutzen. Und zudem kann die Kirche auf die vielen Erfahrungen zurückgreifen, die in Bibel und Tradition – Schrift und Geschichte geworden – vorliegen. Diese Erfahrenheit der Kirche und vieler in der Kirche ist ein wunderbarer Schatz.
Z.B. gibt es heute schon viele in der Kirche, die in Sachen Veränderung des kirchlichen
Lebens sehr erfahren sind: die Generation, die den Aufbruch nach dem Konzil getragen hat, kann aus dieser Erfahrung viel Wissen beisteuern über das, was beachtet werden muss, wenn heute wieder tiefgreifende Veränderungen in der Kirche, z.B. in den Seelsorgestrukturen, anstehen.

Kirche ist erfahren und: Kirche ist anders, weil Gott immer wieder anders ist: Gottes Geist ist nicht festzulegen. Die immer wieder neue Fremdheit Gottes will ich nicht unterschlagen, ihren Reichtum nicht aus dem Blick verlieren.

Auch in der Gesellschaft ist die Kirche, etwa mit einigen ihrer Überzeugungen und Werte, mit ihrer Perspektive über das Diesseits hinaus und vor allem auch mit ihren überkommenen liturgischen Formen, seltsam anders, wirkt oft als ein Fremdkörper. Darin liegt Gefahr – z.B. die, nicht mehr verstehbar zu sein für die Zeitgenossen – und darin liegt Chance – z.B. die, dass Exotisches gerade auch in Sachen Spiritualität reizvoll ist für viele, dass das Fremde neugierig machen kann, dass das Ungewohnte Wahrheiten zugänglich machen kann, die in der Alltäglichkeit sonst nicht erkannt würden.

Weil Gott immer wieder anders ist, hört die Herausforderung, uns immer wieder neu einzulassen, nie auf. In unserem Glaubensleben und in der Kirche ist daher ständig mit Veränderungen zu rechnen. Ich möchte mir daher die Tugend der Veränderungsbereitschaft neu zulegen und wünsche sie mir auch für die Kirche insgesamt, denn das Altern darf uns nicht zur Ausrede für Erstarrung werden. Schließlich sind ja auch die Alten heute viel mobiler als zuvor und beweglich zu bleiben, ist ubiquitärer Rat.

Immer wieder anders wird Kirche und Glaube auch durch neue Menschen: Es gibt
Neugetaufte, neu Interessierte, junge Leute; neue Gruppen und neue Initiativen; neue Moden auch, warum nicht. Dieses nie versiegende Neue ist manchmal gewiss auch mühsam, anfordernd, anstrengend, aber es macht eben auch neugierig – und es braucht Neugier, es braucht die Bereitschaft, das Bekannte und den gesicherten Boden immer wieder zu verlassen und mich auf andere und anderes zu zu bewegen: in dem begründeten Vertrauen, dass wir gerade in den anderen und in dem Fremden dem immer anderen Gott begegnen können. Wenn wir Erfahrensein und Anderssein bewusster und freudiger ergreifen könnten in der Kirche, wären wir vielleicht auch besser fähig, unseren innerkirchlichen Pluralismus als Reichtum wertzuschätzen, anstatt ihn weghaben zu wollen. Wir könnten dann vielleicht leichter die Herausforderung dieses Pluralismus aufgreifen, nämlich die: aktiv miteinander ständig in Kommunikation zu sein: Wir müssen aneinander interessiert sein: an den Erfahrungen der anderen und an ihrem Anderssein, voll Neugier und Wohlwollen, immer wieder neu miteinander im Gespräch sein!

bescheiden und selbstbewusst
Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen und der großen Herausforderungen werde ich bescheiden und ich denke, wir haben auch als Kirche allen Grund bescheiden zu sein. Im Zuge der demographischen Entwicklung ist weiter mit einem zahlenmäßigen Mitgliederrückgang in der Kirche zu rechnen und daher auch mit weniger Geld. Im Zuge der weiteren gesellschaftlichen Pluralisierung ist weiterhin mir abnehmender politischer Macht der Kirche, mit weniger kirchlicher Medienmacht, weniger gesellschaftlichem Einfluss zu rechnen. Wir leben defacto in der Diaspora: In Wien etwa gibt es bei knapp 2 Millionen EinwohnerInnen ca. 40.000 SonntagsmessenbesucherInnen.

Und ich rechne auch damit, dass wir wenige tolle Typen in der Kirche haben werden: Die gesellschaftlich führenden Kreise, die Trendsetter-Gruppen, sind an Kirche kaum interessiert; junge dynamische Aufsteiger streben in seltenen Fällen nach kirchlichen Berufen. Wahrscheinlich werden in NGOs im Durchschnitt die interessanteren, bunteren, cleveren, fähigeren Leute zu finden sein als in Gemeinden oder Kirchenleitungsebenen.

Es wird also verstärkt viel Gelegenheit geben, sich als Kirchenmitglied in Bescheidenheit zu üben; sich mit „Armut“ in einem übertragenen Sinn anzufreunden und noch besser zu lernen, als Kirchenmensch nicht zu pompös aufzutreten. Und es wird noch mehr Abschied erforderlich sein von allen Haltungen, die meinten, wir könnten die Gesellschaft bestimmen und alle hätten sich nach uns zu richten … In aller Bescheidenheit bleibt uns nur der Dialog, und selbst den können wir nicht dekretieren.

Und es bleibt uns ein tief begründetes Selbstbewusstsein, das nicht aus Bestemm oder
Selbstüberhebung entspringt, sondern aus dem Bewusstsein, von Gott her Berufene zu sein, uns nicht selbst entworfen zu haben, sondern von Gott herkünftig in dieser Welt für Gott einzustehen: Diese klare Identität, dieses Wissen, wer wir sind und wozu wir beauftragt sind, mag fähig machen, von Gottes Zuspruch und Anspruch offen reden – ohne Pomp, eher leise und eindringlich als laut und schreierisch, aber nicht versteckt, nicht verschämt, sondern offen und hörbar. Aber von Gott zu reden, wohlgemerkt, durch Worte wie durch Taten, von Gottes Segen und Gottes Heil – und nicht von unseren Sorgen um den kirchlichen Selbsterhalt!

Ich möchte als Kirchenfrau deutlich aus dieser durch Berufung geschenkten Identität leben und daher in voller Gelassenheit und eben auch Bescheidenheit handeln, Zeichen setzen, verfügbar sein, mich in Dienst stellen lassen – die, zu denen ich mich gesendet weiß, müssen mir meine Identität nicht geben, so kann ist ganz für sie da sein.

Zu diesem Selbstbewussten aus geschenkter Identität gehört für mich auch, dass wir uns nicht davor fürchten müssen, weniger zu werden, aber ebenso, dass wir uns nicht als kleine Herde abschließen, sondern Salz und Sauerteig sind in der Welt. In aller Bescheidenheit dürfen wir daher also dennoch die Volkskirche bleiben, die im Volk da ist und für das Volk da ist; die sich nicht in innere Zirkel zurückzieht, sondern sich zugänglich macht, mit möglichst weit gespannter Außenhaut vielen und ganz unterschiedlichen Menschen Andock-Möglichkeiten, Anknüpfungspunkte bietet: Für die ganz normalen Menschen, für die vielen erreichbar zu bleiben, erscheint mir zentral wichtig – gerade in einer immer pluraler werdenden Gesellschaft. Der innerkirchliche Pluralismus, so anfordernd er auch immer wieder sein mag, bietet dazu herrliche Chancen: diese wunderbare Vielfalt an Gemeinde- und Glaubensformen, Gruppen und Initiativen – in aller Bescheidenheit können wir da auch stolz drauf sein, dass Kirche ein in sich so vielfältiges und interessantes Gebilde ist.

In den gesellschaftlichen Trends, in den Zeichen der Zeit, in allem, was mich und uns
herausfordert im Kirche- und Christsein erkenne ich von Gott her ein Doppeltes: zugleich Zumutung und Gnade – und alle Zumutung Gottes und alle Gnade Gottes gipfelt in der Einladung, mit Lust und Freude an diesen dreifaltigen Gott zu glauben, der/die mich, uns, diese Welt und alle Menschen liebt und uns ruft, in diese Liebe einzutreten und uns vertrauensvoll von ihrer Dynamik führen zu lassen – auch in all das, wozu sie herausfordert.

Literaturhinweise
Zur Lehre der Zeichen der Zeit (wie zu anderen relevanten Themen zur Kirche in der Welt von heute) vgl. den spannenden Band, der eine Tagung anlässlich 30 Jahre Pastoralkonstitution dokumentiert:
Visionen des Konzils. 30 Jahre Pastoralkonstitution "Die Kirche in der Welt von heute", hg. v.
Gotthard Fuchs/Andreas Lienkamp, Münster 1997. Darin vgl. besonders: Marianne Heimbach-Steins, "Erschütterung durch das Ereignis" (M.-D. Chenu). Die Entdeckung der Geschichte als Ort des Glaubens und der Theologie, 103-121; und: Hans-Joachim Sander, Die Zeichen der Zeit. Die Entdeckung des Evangeliums in den Konflikten der Gegenwart, 85-102.
Zur These vom „Ende des Patriarchats“ vgl. z.B.: Ina Praetorius, Zum Ende des Patriarchats.
Theologisch-politische Texte im Übergang, Mainz 2000; Michaela Moser/Ina Praetorius (Hg.), Welt gestalten im ausgehenden Patriarchat, Königstein/Taunus 2003.
Dem Thema Leidenschaft wird das Heft 1/2008 der Zeitschrift Diakonia gewidmet sein.

Zur Autorin:
Veronika Prüller-Jagenteufel, Dr. theol., ist Chefredakteurin der pastoraltheologischen Fachzeitschrift „Diakonia – Internationale Zeitschrift für die Praxis der Kirche“ (siehe http://www.diakoniaonline.net). Sie ist zudem in der Erwachsenenbildung, als geistliche Begleiterin und in Beratung sowie durch Publikationen tätig.
Jüngste Buchveröffentlichung: Maria Elisabeth Aigner/ Anna Findl-Ludescher/ Veronika Prüller-Jagenteufel, Grundbegriffe der Pastoraltheologie, (99 Worte Theologie konkret Bd. 3), München:Verlag Don Bosco 2005.