Login
 
Wir sind Kirche
Plattform »Wir sind Kirche«  Austria
Verein zur Förderung von Reformen in der römisch-katholischen Kirche
   
Über unsKontaktPersonenImpressumNewsfeed
 
Startseite • Publikationen • Interviews • Ordnung und Gehorsam statt Reformen: Interview mit Hans Halter
Ordnung und Gehorsam statt Reformen: Interview mit Hans Halter PDF Drucken E-Mail
15.01.2009, Interview: Dominik Thali

Image Die römisch katholische Landeskirche Luzern führte mit dem Priester und em. Ethik Profesor der katholischen Fakultät der Universität Luzern am 9. Jänner 2009 nachstehendes Interview. Das Interview führte Dominik Thali und kann unter nachvollzogen werden: http://lu.kath.ch/de/aktuelles/neuigkeiten/welcome.php?action=showinfo&info_id=2936

Er bedaure, wie viel Energie in der Kirche tätige Menschen darin investieren müssten, die geltende Ordnung aufrechtzuerhalten statt «an wirklich wichtigen Reformen» arbeiten zu können, sagt der Luzerner Theologe und Sozialethiker Hans Halter. Den PEP, den Pastoralen Entwicklungsplan, zählt er nicht dazu. Er ist für ihn «eine Notlösung»


Wie lebendig ist katholische Kirche in der deutschen Schweiz?
Hans Halter: Schwierig zu sagen, dies müsste man soziologisch wieder einmal untersuchen. Die wirklich lebendigen Pfarreien sind meist jene, die noch genügend und gutes Personal haben. Andernorts bröckelt es – und die geplanten grösseren Seelsorgestrukturen fördern das Pfarreileben nicht eben. Denn je grösser die Räume, desto weniger können die einzelnen Mitarbeitenden vor Ort präsent sein.

Es gibt eine Spannung zwischen Zuspruch und Widerspruch. Viele engagieren sich nach wie vor – und sind gleichzeitig enttäuscht von der Kirchenleitung. Das bindet viel Energie.
Die katholische Kirche ist hierarchisch strukturiert, das katholische Christ sein von seiner Tradition her ein kirchliches Christ sein. Bei der reformierten Kirche dagegen spielt die Kirche eine viel geringere Rolle als bei der katholischen, die einen universalen, auf die ganze Welt bezogenen Anspruch hat. Deshalb sind Äusserungen und Weisungen der Kirchenleitung in der katholischen Kirche viel bedeutsamer und auch umstrittener.

Die Bischofskonferenz hat zum Beispiel im September festgehalten, die Generalabsolution in der Bussfeier sei nur noch in Notsituationen zulässig und will dazu nächstens verbindliche Richtlinien erlassen.
Ich erinnere auch an die Absicht des Churer Bischofs, dass Laientheologen und Pastoralassistenten nicht predigen dürfen in der Messe. Weisungen der Kirchenleitung zielen seit längerem stark auf universal einheitliche Disziplin ab. Ob sie umgesetzt werden, ist eine andere Frage. Die Pfarreien sind ja dermassen auf die «Laien» angewiesen, dass das Volk nicht einsehen wird, weshalb diese nicht auch in einer Messe predigen dürfen. Das Predigtverbot wird sich in der Deutschschweiz nicht umsetzen lassen.

Und jenes der Generalabsolution?
Ich vermute: Viele Priester werden sie weiterhin oder allenfalls verkappt erteilen, das heisst, nicht mehr in der offiziellen, an bestimmte Rituale gebundenen Form. Oder sie berufen sich eben auf eine Notsituation.

Zum Beispiel?
Die Kirchenleitung selbst dürfte mit Notsituation meinen, dass es an Priestern mangelt, welche die Beichte abnehmen können. Aus Sicht der Pfarrei kann die Not freilich auch darin gesehen werden, dass die meisten Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr beichten gehen wollen. Das ist ein Faktum. Die Seelsorger werden also ein Hintertürchen finden. Wenn aber die Bischöfe die neue Weisung strikt durchziehen wollen, wird es weniger Bussfeiern geben. Doch auch kaum mehr Beichtende.

Missachtet die Kirche gesellschaftliche Entwicklungen?
Ein wesentlicher Punkt. In der katholischen Kirche ist, heute wieder stärker als zur Zeit des Zweiten Vatikanums, gar nicht gefragt, was die Leute wollen. Die Kirche sagt: Wir sind keine Bedürfnisanstalt. Wir haben das Evangelium zu verkünden, die Liturgie zu feiern, die Sakramente zu spenden und karitativ tätig zu sein. Massgebend ist aus Sicht der Kirche die Wahrheit.

Doch wer kann diese für sich in Anspruch nehmen?
Das Lehramt. Was katholisch ist und was nicht, bestimmt die Kirche. Denn der Aufbruch, den das Zweite Vatikanische Konzil vor vierzig Jahren auslöste, hielt nicht lange an. Rom reagierte aus Angst vor zu viel Wildwuchs im Rahmen der Reformen mit Disziplinierungen. Die erwähnten Weisungen sind solche Massnahmen. Der Umgang mit den geschiedenen Wiederverheirateten ist ein anderes ungelöstes katholisches Problem.

Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Sie macht mich traurig. Für die offizielle Kirche steht die universal einheitliche Ordnung im Vordergrund. Neue, vor allem zündende christliche Impulse vermisse ich dagegen. Zudem überlegt sich die Kirche gar nicht, ob die Ordnung, auf die sie pocht, nicht bloss dazu führt, dass sie zumindest in Westeuropa, noch weiter schrumpft.

Die Kirche müsste also die Ordnung ändern. Worin?
Weil die katholische Kirche eine Priesterkirche ist, vor allem in der Frage des Priester-Nachwuchses. Muss es wirklich sein, dass nur Männer und nur Zölibatäre Priester werden können?

Ja, sagt Rom.
Richtig, und weil die Bischöfe an strikten Gehorsam gegenüber Rom gebunden sind, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Pfarreien zu Pastoralräumen zu erweitern, deren Priester kaum mehr Zeit haben, persönliche Kontakte zu pflegen. Verbleibende Priester werden zu fast ausschliesslichen Sakramentenspendern, sie haben vor allem Eucharistiefeiern mit Predigt anzubieten. Alles andere können und dürfen auch Pastoralassistentinnen und Katecheten.

Nun ist die katholische Kirche eine weltweite Kirche und der Personalmangel in manchen anderen Ländern kein Problem – oder noch keines. Plädieren Sie für Ortskirchen mit unterschiedlichen Regelungen?
Es braucht natürlich Gemeinsamkeiten, über die man sich einig ist, vor allem, wenn es um den Glauben geht. Die katholische Kirche versteht die Einheit aber verkürzt, wenn sie diese festlegt auf die Einheit mit dem Papst – was für die Bischöfe im Vordergrund steht – und gleiche Riten und die gleiche kirchliche Ordnung. Es ist doch klar, dass sich in Afrika andere Fragen stellen als in der Schweiz. Es wäre ohne weiteres möglich, dass sich die Bischofskonferenzen regional zusammentäten und, bezogen auf die unterschiedlichen Kulturen ihrer Völker, in der Liturgie und in der Organisation des kirchlichen Lebens je andere Schwerpunkte setzten. Sie müssten zuerst gemeinsam an den Papst gelangen und, sollte das nichts nützen, eventuell gemeinsam in der kirchlichen Öffentlichkeit beschlussfähige Synoden oder gar ein neues Konzil zur Klärung der anstehenden Fragen fordern. Rom kann bischöfliche Einzelkämpfer leicht entmachten, nicht aber ganze Gruppen von Bischöfen oder gar Bischofskonferenzen, sofern diese einigermassen stark und geeint auftreten.

Weshalb geschieht dies nicht?
Weil die Bischöfe dann nach herkömmlichem katholischem Verständnis wider den Papst anträten. Das Gewicht, welches das Konzil den Bischöfen zusprach, wurde der vatikanischen Kurie schon bald zu gross, weil sich einige Bischofskonferenzen eben sehr lebendig und in neue Richtungen entwickelten. Zum Beispiel in den Niederlanden oder in Südamerika im Sog der Befreiungstheologie. Worauf Rom die Bischofskonferenzen wieder zu beschneiden und zu disziplinieren begann, auch durch Ernennung von sehr konservativen Bischöfen.

Sie könnten aber gemeinsam eine andere, abweichende Meinung vertreten und diese in Rom vorbringen.
Nun, jemand, der aus römischer Sicht nicht die richtigen Voraussetzungen mitbringt – uneingeschränktes Ja zur höchstlehramtlichen Verkündigung des Glaubens und der richtigen Moral, Gehorsam gegenüber dem Papst –, wird schon gar nicht Bischof. Und kein Bischof, keine Bischofskonferenz, will sich ins Abseits manövrieren. Weil die Einheit mit dem Papst derart im Vordergrund steht, können die Bischöfe in ihrer Heimat gar nichts anderes weitergeben als das, was der Papst ins Mikrofon spricht. Da kann von Rom kommen, was will – die Schweizer Bischofskonferenz lässt verlautbaren, sie sei hocherfreut. Fragt man dann bei einzelnen Bischöfen nach, tönt es oft anders. Aber das darf ein Bischof in der Öffentlichkeit nicht sagen. Natürlich können die Bischöfe bei ihren regelmässigen Ad-limina-Besuchen in Rom ihre landesspezifischen Anliegen einbringen. Aber darüber hört man wenig, vor allem dann, wenn es um Fragen geht, in denen die Seelsorgepraxis in der Schweiz nicht (ganz) auf der universalkirchlich geforderten Linie liegt, etwa in der Frage der Bussfeiern oder der sogenannten «Laienpredigt».

Oder mangelt es den Bischöfen an Mut?
Manchmal schon. Aber es spricht einfach nichts für gewisse Avancen. Würde zum Beispiel ein Schweizer Bischof einen verheirateten Mann oder gar eine Frau zum Priester weihen, würde er sofort in die universalkirchlichen Schranken gewiesen, vielleicht sogar exkommuniziert. Allein hat ein Bischof keine Chance.

Wirtschaftlich ausgedrückt müsste man sagen, die Kirche handelt am Markt vorbei.
Ich mag den Begriff Markt in Zusammenhang mit der Kirche nicht, weil nicht alles, was der Markt nachfragt, auch zu unterstützen ist. Die Kirche sollte aber stärker auf diejenigen Menschen im Volk hören, die sich als katholische Christen verstehen, SeelsorgerInnen und Laien. Das sind ja nicht Leute, die die Kirche zerstören oder den Glauben abschaffen wollen!

Weshalb haben es Reformen in der Kirche so schwer?
In unserer Kirche herrscht eine grosse Angst, dass Reformen, die mehr sind als Rückkehr zu früheren Zuständen und Ordnungen, den Glauben und die Moral verdünnen und vor allem die Einheit der Kirche gefährden oder gar zerstören. Reformen vergrössern den innerkirchlichen Pluralismus und dieser erscheint als Feind der Einheit. Jede kirchliche Reform löst innerkirchliche Gegenreformbewegungen aus, insbesondere in stark traditionalistischen Kreisen, und das sogar mit faktischen Abspaltungen.

Reformen, ausbleibende wie mehr oder minder willkommene, müssen am Ende die Pfarreiverantwortlichen umsetzen. Wie sollen sie damit umgehen?
Auf Pfarreiebene besteht das gleiche Problem wie auf der Ebene der Bischöfe. Widerstand etwa in dem Sinne, dass Pastoralassistentinnen und -assistenten anfangen, wie Priester Eucharistie zu feiern, würde zu einer Abspaltung gegen oben und Spaltung innerhalb der Pfarreien führen. Das will niemand. Aber es ist bedauerlich, dass dieses Strukturproblem Entwicklungen blockiert.

Die Gemeindeleitungen stehen in der Spannung zwischen Kirchenleitung und Volk. Das kostet manche viel Energie.
Ich bedaure, wie viel Energie viele in der Kirche tätige Menschen duldsam darin investieren müssen, den Betrieb mit der geltenden Ordnung aufrechtzuerhalten. Und diese Energie nicht darauf verwenden können, menschennahe Seelsorge zu betreiben oder an wirklich wichtigen Reformen zu arbeiten.

Das Bistum Basel begegnet den angesprochenen Problemen mit dem PEP, dem pastoralen Entwicklungsplan.
Der PEP ist ein aus der Personalnot geborenes Projekt. Ich sags jetzt mal ein bisschen zynisch: Am Ende muss man dem letzten Priester einen Helikopter zur Verfügung stellen, in dem er, über Mikrofon und Lautsprecher mit dem Volk überall am Boden verbunden, die Messe feiern kann. Die Kommunion austeilen, das lässt sich dann von Tabernakel zu Tabernakel organisieren.
Die Kirche gehört nun mal ins Dorf, und das ist keine blosse Redewendung. Damit wird eine Kirche angesprochen, der man sich zugehörig fühlt, in der man sich kennt und in der Männer und Frauen tätig sind, die miteinander Gottesdienst feiern und sich um die Menschen kümmern und sorgen. Nun hat die Kirche aber ihre frühere soziale Funktion längst verloren. Man traf sich beim Kirchgang! Heute sind Viele nur noch über die grossen Feste oder Familienfeiern mit der Kirche verbunden. Der einzelne Mensch ist vollkommen auf seine Glaubensüberzeugung angewiesen, und diese muss sehr stark sein, dass er am Sonntag sagt: Ich will zur Kirche gehen. Das überfordert offensichtlich die meisten. Und schliesslich lässt sich Gemeinschaft nicht einfach organisieren, weder mit einem «Chilekafi» noch Pastoralräumen.

Was soll denn der Bischof unternehmen, wenn er nicht mehr jeder Pfarrei eine Gemeindeleitung zur Verfügung stellen kann?
Wenn die Kirche ihr Personalproblem nicht über die Weihe verheirateter Männer und Frauen lösen kann, gibt es keinen anderen Weg, als die Strukturen dem Personalbestand anzupassen. So besehen lehne ich den PEP nicht ab, aber er ist effektiv eine Notlösung. Sie wird auf Ebene der Leitung wie des Volkes kaum zufrieden stellend funktionieren. Die Menschen werden nicht in ein anderes Dorf zur Messe gehen wollen; nicht wissen, wer für sie und wofür zuständig ist und sich da und dort gegen die Zuteilung zu ihrem Pastoralraum wehren.
Anderseits wird das Personal verheizt, weil der organisatorische Aufwand steigt. Zuerst die Priester, jetzt auch noch die älteren, und später die Pastoralassistentinnen und -assistenten Diese leiden darunter, dass sie gesamtkirchlich nicht wirklich akzeptiert sind und nicht sein und machen dürfen, was sie können müssten, nämlich für die Menschen ihrer Gemeinde Pfarrer sein. Aufgrund des aktuellen kirchlichen Zustandes werden nicht nur die Priesteramtskandidaten rar, die Zahl der Theologie Studierenden nimmt bedrohlich ab und von diesen wollen je länger je mehr nicht mehr in den kirchlichen Dienst, auch nicht als Laientheologen. Der Kreis schliesst sich…

Die Weihe verheirateter Männer und von Frauen würde das kirchliche Personalproblem angesichts der Entfremdung der Gesellschaft von der Kirche allerdings kaum lösen.
Ja, das wäre kein Allheilmittel. Aber für den Moment wichtig.

Ihre Überlegungen lassen keine optimistische Prognose zu. Hinzu kommt die schwindende religiöse Sozialisierung der Kinder.
Ja, Letzteres ist wirklich Grund zu Pessimismus. Kommt hinzu, dass immer weniger Kinder getauft werden, weil ihre Eltern finden, diese sollten später selber entscheiden. Dabei fehlt in unserer Kirche heute schon das «Mittelalter». Wir müssen uns deshalb darauf einrichten, dass die Kirchensteuer-Einnahmen sinken werden. Jüngere Leute, die kaum mehr Kontakte zur Kirche haben, werden sich fragen: Weshalb soll ich Kirchensteuer bezahlen? Ich habe doch nichts von dieser Kirche. Womit sollen die Kirchgemeinden dann ihr Personal bezahlen? Das wird eine gewaltige Herausforderung für unsere aktuelle Kirchenstruktur werden.

Wann wird es so weit sein?
Noch nicht so bald. Aber die katholische Kirche wird hierzulande in absehbarer Zeit sicher keine Massenkirche mehr sein. Wobei wir uns ohnehin von der Vorstellung verabschieden müssen, mit «Kirche» das zu meinen, was sie einmal war: Die bestimmende gesellschaftliche Grösse. Aber diese Kirche wird weder bedeutungslos werden noch gar untergehen. Dann wird ein neuer christlicher Wein wachsen, der dann allerdings auch nach neuen (kirchlichen) Schläuchen verlangt. So sieht es jedenfalls unser göttlicher Meister (Mk 2,22).



Biographie:

Priester und Ethiker

Hans Halter war von 1990 bis 2004 Professor für Theologische Ethik mit Schwerpunkt Sozialethik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Halter, 69, wuchs in Giswil auf. Nach der Priesterweihe 1965 war er kurze Zeit Seelsorger in Zürich-Oerlikon. Er promovierte 1976 in Bonn, kam 1977 als Professor für Moraltheologie und Sozialethik an die Theologische Hochschule Chur, von wo er 1990 nach Luzern wechselte, wo er heute lebt. Von 1988 bis 2004 war Hans Halter Mitglied und Präsident zahlreicher nationaler Organisationen und Kommissionen des Bundes.