Login
 
Wir sind Kirche
Plattform »Wir sind Kirche«  Austria
Verein zur Förderung von Reformen in der römisch-katholischen Kirche
   
Über unsKontaktPersonenImpressumNewsfeed
 
Startseite • Publikationen • Interviews • »Ich fasse es nicht, was sich der Papst leistet«
»Ich fasse es nicht, was sich der Papst leistet« PDF Drucken E-Mail
22.01.2009, Hans Peter Hurka

Kurz vor dem Auschwitz-Gedenktag wurde ein Holocaust-Leugner wieder in die Kirche aufgenommen. Ein Gespräch mit Uta Ranke-Heinemann

Uta Ranke-Heinemann, Tochter des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, wurde 1970 als erste Frau Professorin für katholische Theologie. 1987 verlor sie das Lehramt und wurde wegen ihrer »beharrlichen Zweifel« an der Jungfrauengeburt exkommuniziert.


Wenige Tage vor dem heutigen Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 64 Jahren hat der deutsche Papst Benedikt XVI. den vor Jahren exkommunizierten britischen Bischof und Holocaustleugner Richard Williamson wieder in die katholische Kirche aufgenommen. Muß man das als politisches Signal verstehen?
Politisch oder nicht, es ist einfach unerträglich und für alle Deutschen eine beschämende Tatsache, daß sich ausgerechnet ein deutscher Papst so etwas erlaubt. Damit bagatellisiert er den Antisemitismus.

Könnte man ihm zugute halten, daß er politisch unsensibel ist?
Der größte Irrtum in meinem Leben ist der Papst. Ich habe vor über 50 Jahren mit Josef Ratzinger studiert, und ich kann es nicht mehr fassen, was er sich heute leistet. Es wird immer schlimmer.

Jüdische Organisationen sind empört über diesen Schritt des Papstes. Das erinnert an die Reaktionen islamischer Würdenträger, die vor einigen Jahren aufgebracht über Benedikts Äußerungen zum Islam waren.

Fehlt ihm diplomatisches Feingefühl oder wie erklärt sich das?
Es fehlt ihm an allem. Seine Regensburger Rede zum Islam war ja so ziemlich das erste, was er als Papst öffentlich von sich gab. Ich bin damals aus allen Wolken gefallen, als er die Moslems derartig vor den Kopf stieß. Jetzt kommen die Juden dran, die andere große Religionsgemeinschaft.
Er ist ein Kreuzritter, der das Universum evangelisieren, katholisieren und papsthörig machen will.

Wer ist als nächstes dran?
Das kann ich nicht sagen, aber zu diesen beiden Religionen hat er sich ja nun schon geäußert. Ich schaue mir jeden Abend das Programm von Radio Vatikan an. Es ist – nebenbei gesagt – unglaublich, daß jemand nach so vielen Jahren in Italien so schlecht italienisch spricht. Natürlich sagt er da nichts Antisemitisches.

Das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum ist nicht zuletzt durch den früheren Papst Pius XII. historisch belastet. Der wußte nach Erkenntnissen von Historikern sehr wohl von der Judenvernichtung durch die Nazis, hat aber nichts dagegen unternommen.
Überhaupt nichts, auch wenn er einigen Juden individuell geholfen hat.

Der Vatikan behauptet, Pius XII. habe versucht, in stiller Diplomatie Einfluß auf die deutschen Faschisten zu nehmen ...
In der Tat, das war sehr still, aber zu still! Welchen Einfluß hat er denn genommen? Der Vater des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war in der Nazizeit Botschafter beim Vatikan. Seiner Aussage nach hat sich Pius XII. zu keiner negativen Äußerung über den Abtransport von Juden hinreißen lassen.

Wußte Pius XII. auch von der Vernichtung von etwa einer halben Million Serben durch kroatische Klerikalfaschisten während des 2. Weltkrieges? Die katholische Kirche jedenfalls schweigt dazu.
Natürlich wußte er das, hat aber auch dazu nichts gesagt.

Warum?
Die Formel hieß immer: Um Schlimmeres zu verhüten. Das war die Standardformel, da konnte ruhig die ganze Welt untergehen. Der Papst hat immer nur Schlimmeres verhütet.

Warum wird das in der katholischen Kirche nicht aufgearbeitet? Kaum ein Katholik weiß davon.
Weil der Papst eben unfehlbar ist und die Gläubigen das Denken aufgegeben haben. Sie sind in der katholischen Vorstellungswelt nicht mehr als Schafe. Frauen sowieso – alle Hirten sind natürlich Männer. Denken ist nicht gefragt, es ist gefährlich.
Ich erkenne in der katholischen Kirche eine latente Unehrlichkeit. Es wird zum Beispiel immer gerne gesagt, der frühere Papst Johannes Paul II habe sich wegen der ungerechten Behandlung von Galileo Galilei vor 500 Jahren entschuldigt. Ich habe die Äußerungen des Papstes durchgelesen – eine richtige Entschuldigung habe ich aber nirgends gefunden.

Dieses Interview mit Uta Ranke-Heinemann ist der Zeitschrift "Junge Welt", vom 27. Jänner 2009 entnommen