Login
 
Wir sind Kirche
Plattform »Wir sind Kirche«  Austria
Verein zur Förderung von Reformen in der römisch-katholischen Kirche
   
Über unsKontaktPersonenImpressumNewsfeed
 
Startseite • Publikationen • Interviews • „Leitlinien setzen letztlich das Vertrauen des Opfers in die Institution voraus“
„Leitlinien setzen letztlich das Vertrauen des Opfers in die Institution voraus“ PDF Drucken E-Mail
06.02.2010, Hans Peter Hurka

P. Klaus Mertes SJ
P. Klaus Mertes SJ
Ein Interview von Regina Einig mit dem Rektor des Berliner Jesuiten-Kollegs, P. Klaus Mertes SJ
Quelle: Tagespost vom 6. Februar 2010
  
Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen: Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes SJ, sieht Schwächen im derzeitigen Regelwerk

Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes SJ. Foto: dpa

Spielt das Image des Kollegs als Eliteschule eine Rolle dafür, dass die Missbrauchsfälle im Canisius-Kolleg erst so spät ans Licht kamen?

Fürchteten Betroffene und Ihre Familien, dass der eigene gute Name Teil einer unappetitlichen Geschichte wird?


Mertes: Das ist schwer zu beantworten. Als ich 1994 an das Kolleg kam, fand ich einen „Mythos Canisius-Kolleg“ vor: „Wir sind etwas besonderes“, „wir sind die letzte freie Schule vor Wladiwostok“, „wir haben den Nazis getrotzt, jetzt trotzen wir dem Zeitgeist“, „wie sind eine große Familie“, et cetera. Der Mythos überzeugte mich von Anfang ebenso wenig wie das uns immer wieder von außen angeklebte Etikett namens „Eliteschule“. Die Wirkung des Mythos konnte man innen drin schnell schnuppern, wenn man von außen hereinkam: Einerseits eine Überidentifikation mit der Schule, andererseits aber auch ein Grund-Misstrauen. Natürlich wird es umso schwerer, einen Mythos zu brechen, je wertvoller er Einzelnen, Familien und auch der Schule für ihr Selbstverständnis ist. Ich habe deswegen immer gegen diesen Mythos gestichelt und gekämpft. Wir sind eine normale, hoffentlich eine gute Schule. Schule ist eine Institution mit begrenztem Auftrag. Man überschätzt die Institution Schule, wenn man seine Identität daran festmacht. „Schule nicht zu ernst nehmen, damit sie gelingen kann“, sagt der Kollegsdirektor von Sankt Blasien, Pater Johannes Siebner SJ gerne. Ich kann dem nur zustimmen.

In den Vereinigten Staaten fiel im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen in Einrichtungen des Jesuitenordens vor Jahren das Stichwort Homosexualität. Wäre das in Berlin aus Ihrer Sicht auch angebracht?

Mertes: Vermutlich denken Sie bei dieser Frage eher an die Täter als an die Opfer. Die Verbindung von sexuellem Missbrauch und Homosexualität ist jedenfalls diskriminierend. Auch die Auffassung – die übrigens auch in Ihrer Zeitung gelegentlich vertreten wird –, man bekäme den sexuellen Missbrauch speziell durch Kleriker dadurch in den Griff, dass man die Homosexuellen erst gar nicht in den Klerus hineinlässt, ist eine Beleidigung vieler homosexueller Mitbrüder im Presbyterium, die treu und selbstverständlich keusch-enthaltsam ihren Dienst tun. Nein, im Falle des Missbrauchs am Canisius-Kolleg waren – nicht nur, aber auch – homosexuelle Jugendliche Opfer. Dies wird deutlich in dem offenen Brief der Jugendlichen von 1981, in dem sie sich unter anderem auch über die „Benachteiligung homosexueller Jugendlichen“ in der GCL beschwerten. Meine Frage lautet: Warum hat niemand im Kolleg 1981 die Frage gehört? Warum hat niemand genauer hingeschaut? Was hindert uns, die Klagen der Opfer zu hören? Was hindert uns, die Klagen der Opfer zu hören, wenn sie homosexuell sind? Das ist die Frage, um die es hier geht. Und das ist die Frage, die sich natürlich auch heute an Kirche und Gesellschaft richtet: Hören wir genauso aufmerksam hin, wenn die Klagen von Homosexuellen kommen, wie wenn sie von Heterosexuellen kommen?

Der Stellungnahme aus dem Vatikan ist zu entnehmen, dass zunächst einmal die Ortskirche selbst, sprich der Orden, nun am Zug ist. Ist die Beauftragung von Frau Dr. Raue als Ansprechpartnerin ein Zeichen dafür, dass sich der Orden derzeit außerstande sieht, in eigener Regie Aufklärungsarbeit zu leisten?

Mertes: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Die Beauftragung von Frau Raue 2007 als Nachfolgerin der im Jahre 2000 eingesetzten Ordensfrau ist ein Zeichen dafür, dass der Orden gerade in den Fällen sexuellen Missbrauchs sich einer externen, unabhängigen Aufklärung öffnet. Das ermutigt die Opfer zu sprechen. Hintergrund ist die Erfahrung, dass die Oberen mit Beschwerden dieser Art in so schwierige Loyalitätskonflikte zwischen Opfer und Beschuldigtem kommen, dass es eben zu den desaströsen Vertuschungsversuchen kommt, wie sie nun seit Jahren weltweit aufgedeckt werden. Die Vertuschung ist ja Teil des Missbrauchs. Um es am Beispiel der Unschuldsvermutung deutlich zu machen: Wenn ein Jugendlicher zu Ihnen kommt und – zitternd, stammelnd, überwältigt von Angst und Scham – über einen Missbrauch durch einen Pater oder Pfarrer berichtet, können Sie ihm als Provinzial oder Bischof nicht antworten: „Erst einmal gilt für den Beschuldigten die Unschuldsvermutung.“ Genau dies ist aber das Signal des gegenwärtigen Verfahrens. Das ist zwar aus der Perspektive des Oberen richtig, bringt aber das Opfer sofort zu Verstummen. Ich habe das oft erlebt. Mit der Beauftragten stellt der Orden dem Opfer zunächst einmal eine Person zur Seite, die dem Opfer glaubt.

Warum haben sich traditionelle Dialogforen (Visitationen, Ordenskapitel) als untauglich erwiesen, um Schweigekartelle im Orden aufzubrechen?

Mertes: Es gehört ja gerade zur Erfahrung des Missbrauchs, dass diese Strukturen nicht nur versagt haben, sondern durch ihr Versagen auch aktiv am Missbrauch beteiligt waren – ohne dass ihre Vertreter es im moralischen Sinne des Wortes „wollten“. Dies einzugestehen fällt der „Täterseite“ am allerschwersten. Es gibt nicht nur das individuelle, monströse moralische Versagen der Missbrauchs-Täter, über dessen Verurteilung man sich leicht und schnell einig werden kann. Es gibt eben auch das Versagen der Institution, in diesem Falle der Schule und des Ordens, die weggeschaut hat. Wie kann man einen Täter einfach verschwinden lassen und ihn dann ein paar Monate später in einer anderen Stadt wieder als Jugendseelsorger tätig werden lassen? Was muss ein Opfer von der Institution (!) denken, wenn es das mitbekommt? Warum protestieren mitwissende Mitbrüder nicht über solche Entscheidungen lautstark und geben nicht Ruh noch Rast, bis sie eine Antwort haben? Warum therapieren Therapeuten Täter, die weiterhin ihre Verbrechen begehen, ohne dafür zu sorgen, dass sie sofort aus dem Verkehr gezogen werden? Was hindert sie daran? Das ist das Versagen der Struktur. Man kann, um es geistlich zu sagen, das Problem eben nicht nur durch Strukturen lösen. Die Strukturen müssen auch mit Leben erfüllt werden, und in der Unterscheidung der Geister muss ein jeder sich ständig vor Gott prüfen, ob er die im Prinzip guten Strukturen nutzt, um den anvertrauten Seelen zu helfen, oder um Verantwortung zu vermeiden, Eigeninteressen zu bedienen, oder sich gar vor den Menschen zu verstecken.

Aus dem Bistum Hildesheim ist zu hören, aufgrund der heute bestehenden Leitlinien wären Fälle wie die aus den neunziger Jahren nun bekannt gewordenen heute undenkbar. Trifft diese Einschätzung auch auf das Canisius-Kolleg zu?

Mertes: Ich bin mir da nicht so sicher. Mir ist in diesen Tagen sehr deutlich geworden, dass die Leitlinien eine Schwäche haben: Sie ermutigen die Opfer nicht zu sprechen, weil das durch die Anzeige eingeleitete Verfahren ja zunächst von der Unschuldsvermutung ausgeht. Ich verstehe die gute Intention hinter diesem Verfahren: Die Sicherung, dass die Anzeige auch aufgenommen und durchgeführt wird. Aber es gibt den Opfern zugleich ein problematischen Signal. Die Opfer brauchen ein Grundvertrauen, mit dem wir ihnen entgegenkommen, nicht umgekehrt. Die Leitlinien setzen letztlich das Vertrauen des Opfers in die Institution voraus, von deren Repräsentanten sie ja gerade auf schlimmste Weise verletzt worden sind. Sexueller Missbrauch ist ja immer auch Vertrauensmissbrauch.

Welche Rolle spielt die Gemeinschaft Christlichen Lebens in dem Missbrauchsskandal?

Mertes: Einer der Täter war jahrelang geistlicher Leiter der GCL. Und es waren gerade die Jugendlichen aus der GCL, die sich 1981 mit einem Brief an die Öffentlichkeit wandten. Wer ihn liest, der spürt sofort: Hier stimmt doch etwas nicht. Aber man hat dann eben darauf verzichtet, genauer hinzuschauen. Übrigens wehrten sich schon damals die Jugendlichen gegen einen autoritären Führungsstil. Im Jahre 2000, zwanzig Jahre später, passierte übrigens Folgendes in unserer GCL: Der geistliche Leiter verlor das Vertrauen der Jugendlichen und wurde deswegen abgewählt. Der Orden respektierte diese Entscheidung. Heute ist die GCL – seit einem Jahr ist sie in die KSJ übergetreten – eine blühende Jugendarbeit mit über 500 Mitgliedern, ein Schmuckstück unserer Schule.