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„Wir sind Kirche“ tritt jedem Generalverdacht entgegen, mahnt aber von der Kirchenleitung das offene Gespräch ein. Die Bischöfe können sich nicht länger mit der Verurteilung der zahlreichen und weltweiten „Einzelfälle“ begnügen sondern müssen endlich auch die strukturellen Begünstigungen beseitigen.
ORF - Jounal-Panorama am 3. März 2010, 18:25 Uhr Teil 1 Teil 2 Teil 3 ORF ZIB 2 vom 5. März 2010
Sexualität braucht liebevolle Rahmenbedingungen und einen verantwortlichen Umgang. Genau das fehlt oftmals – leider auch in der Kirche. „Verteufelung“ einzelner oder Generalverdacht helfen nicht. Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt gedeihen dort besonders gut, wo neben einem unverantwortlichen Umgang mit Sexualität strukturelle Gegebenheiten dies begünstigen. Dazu zählen vor allem autoritäre Strukturen, die Tabuisierung sexueller Themen, „Schweigegebote“ und der Pflicht-Zölibat. Diese Ingredienzien ergeben ein explosives Teufelsgemisch, und die Kirchenleitung hält an den versteinerten, aber für manche verführerischen Strukturen fest. Die Kirchenleitung hält an den autoritären Strukturen fest: Entscheidungen werden nach wie vor autoritär getroffen und bedürfen keiner Begründung. Sie sind oft „sacro sankt“ und keiner unabhängigen, objektiven Revision zugänglich. Mitentscheidung Transparenz und zeitgemäße Verfahren, um kirchlichen Entscheidungen zu widersprechen und deren Revision zu verlangen fehlen. Das sind Voraussetzungen in denen auch Angst, Gewalt und Abhängigkeit begünstigt werden. Der Pflicht-Zölibat bietet zusätzlich einen strukturellen Schutzmantel: Die Freistellung der Lebensform für Priester wird nicht das Ende aller Missbrauchsfälle bewirken. Auch jeder Generalverdacht ist zurückzuweisen. Aber für Menschen, die – aus welchen Gründen immer – keine reife Sexualität entwickeln konnten oder ihre Sexualität gewaltsam unterdrücken, etwa weil sie ihre Neigungen verbergen wollen oder weil sie sich einer erwachsenen heterosexuellen Beziehung nicht gewachsen fühlen, bietet der Pflicht-Zölibat wirksamen Unterschlupf. Fragen, warum sie keine heterosexuelle Beziehung leben werden unter einer prüden und rigorosen Sexualmoral nicht gestellt und prallen an der Verpflichtung zum Zölibat ab. Entgegen der Meinung von Sexualwissenschaftern macht die Kirchenleitung Homosexualität und Pädophilie generell für die Übergriffe verantwortlich. Die kategorische Verurteilung, leider auch noch unterstützt von Teilen der Gesellschaft, trägt zur Verschärfung des Problems bei. Zurecht mahnt daher der Berliner Sexualwissenschafter, Klaus Beier, den verantwortlichen Umgang mit hetero- und homosexueller sowie mit pädophilier Neigung ein. Dieser Schritt bedeutet aber, dass die Themen offen, ausreichend und auf aktuellem Niveau der Wissenschaft besprochen werden. Ganz besonders in der (Priester-)Ausbildung. Die Geheimhaltungspolitik des Vatikans mit ihrem bisherigen Verschweigen von zahlreichen Fällen ist eine weitere Essenz in dem verhängnisvollen Gemisch. Die oberste Kirchenleitung wies im Jahr 1962 in dem streng vertraulichen Dokument „Crimine sollicitationis“ alle Bischöfe an, sexuelle Vergehen von Priestern „mit größter Geheimhaltung“ ausschließlich innerkirchlich zu verfolgen, und die Opfer unter der Drohung der Exkommunizierung zum Stillschweigen zu verpflichten. Dass diese Regelungen weiterhin gültig sind, verfügte Kardinal Joseph Ratzinger noch 2001, als die Glaubenskongregation mit dem „Motu proprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“ die kirchenrechtliche Zuständigkeit für sexuelle Vergehen an sich zog. Das nunmehr wiederholt geäußerte Entsetzen von Papst Benedikt XVI. über die Vorfälle vermittelt den Eindruck der Heuchelei. Ist doch davon auszugehen, dass ihm solche Fälle seit Jahrzehnten bekannt sind und er die strukturellen Ursachen bis heute leugnet. Für den Vorstand der Plattform „Wir sind Kirche“: Hans Peter Hurka und Mag. Gotlind Hammerer
Medienreaktionen: ORF Religion am 19. Feber 2010: "Wir sind Kirche": Bischöfe müssen die "strukturellen Begünstigungen" von Missbrauch beseitigen |