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Unseren Glauben zeitgemäß leben und verkünden PDF Drucken E-Mail
23.11.2010, Roger Lenaers SJ

Roger Lenaers
Roger Lenaers
In diesem Titel ist das wichtige Wort: zeitgemäß. Denn unseren Glauben sollen wir sowieso leben, sonst haben wir keinen, und ihn verkündigen ebenfalls, aber nicht wie der Pfarrer auf der Kanzel. Wir sollen unseren Glauben leben, aber ihn zeitgemäß leben. Und darüber soll es heute gehen. Zeitgemäß bedeutet: in der heutigen Kultur, also in der Moderne. Diese ist die Kultur die seit der Aufklärung, also seit dem 18. Jahrhundert im Westen mehr und mehr die christliche Weltanschauung verdrängt. Die christliche Weltanschauung ist auf den Glauben an einen Gott-in-der-Höhe aufgebaut, einen Theos, das griechische Wort für Gott, der sich von dort mit dem Kosmos und ganz besonders mit der Menschheit  beschäftigt, Wahrheiten offenbarend, Gesetze gebend, richtend und belohnend oder bestrafend je nachdem man seine Gesetze befolgt oder nicht befolgt, ab und zu hier eingreifend, wenn man ihn lange genug darum bittet

 

Für die Moderne gibt es diesen Theos nicht. Die  modernen Wissenschaften haben nämlich ans Licht gebracht dass der Kosmos seinen eigenen Gesetzen folgt, autonom ist, nicht von außen dirigiert wird, nicht von einer anderen Welt abhängig ist, die souverän entscheiden sollte was hier zu geschehen hat. Die primitive Menschheit hatte damals bedrohliche und für sie völlig unerklärliche Naturphänomene durch die Aktivität unsichtbarer Mächte in der Höhe, Götter, theoi, zu erklären versucht. Und die Gewissheit dass es solche unberechenbare und stets einigermaßen zu fürchtenden Theoi gab, hat die Religionen hervorgebracht, kollektive Formen der Verehrung dieser Mächte, von dazu anerkannten Kultusfachleuten organisiert. Die Angst hat die Götter erzeugt, ihr kennt dieses Wort aus der deutschen Aufklärung. Der  Polytheismus, der Glaube an viele Götter, ist dann im Laufe der Zeit von dem einzigen Theos der abrahamitischen Religionen, also vom Monotheismus, abgelöst worden. Und jetzt wird dieser Monotheismus im Westen zusehends vom Atheismus abgelöst. Denn sich von diesem Theos verabschieden, wie die Moderne tut, bedeutet Atheismus, Religionslosigkeit. Zwar stellt dieser im Westen beheimatete Atheismus nur eine kleine Insel dar in einem Weltmeer von Religionen. Und zwar genießt er selbst im Westen noch lang keine ungeteilte Zustimmung;  in den Vereinigten Staaten z.B. soll man am liebsten kein bekennender Atheist sein, wenn man sich zur Wahl stellt als Senator oder Gouverneur  oder Präsident. Umfragen lehren dass  95 % bereit sind eine Frau zu wählen, 93 % einen Katholiken, 90 % einen Schwarzen, aber kaum 50 % einen Atheisten. Dennoch ist die Moderne wesentlich eine atheistische Kultur.

Wenn wir daher unseren christlichen Glauben in der Moderne einheimisch machen wollen inkulturieren wollen, wie man das nennt, muss dieser Glaube atheistisch religionslos werden. Aber ein religionsloses, atheistisches Christentum, kann das sein? Ja, das gibt es. Und es soll sogar so sein. Der erste, denke ich, der das intuitiv gesehen hat und von seiner Intuition mitgerissen, es gleichsam tastend, suchend, noch nicht ausgewogen, nicht gereift, ausgesprochen hat, ist Dietrich Bonhoeffer. Ihr kennt ihn, den evangelischen Theologen aus der Hitlerzeit, der kurz vor dem Kriegsende von den Nazis in Flossenburg aufgehängt worden ist. Einige Monate vorher, in April und in Juli 1944,  hatte er aus dem Nazigefängnis Spandau an seinen Freund und späteren Biographen Eberhard Bethge seine Intuition in zwei langen, theologisch geladenen Briefen ausgesprochen. Ich lese einiges daraus vor: "Wir sollen in der Welt leben etsi deus non daretur, als gäbe es Gott nicht. Gott selber lässt uns wissen, dass wir leben sollen als Menschen, die mit dem Leben fertig werden ohne Gott. Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott vor dessen Angesicht wir fortwährend stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. (…)   Wenn Religion nur ein Gewand des Christentums ist (und dieses Gewand sah in den unterschiedlichen Perioden der Geschichte sehr unterschiedlich aus) was ist dann ein Christentum ohne Religion? Wie reden wir über Gott ohne Religion? Wie reden wir „weltlich“ über Gott, wie sind wir Christen auf religionslose, weltliche Weise? Was bedeuten Kultus und Gebet in einem a-religiösen Kontext?“

Er antwortet selber nicht auf diese Fragen. Ich will heute versuchen ihn zu interpretieren, und ihn wahrscheinlich nicht ganz richtig interpretieren, weil  inzwischen mehr als 60 Jahre vorbeigegangen sind und das gläubige moderne Denken sich weiter entwickelt und das seine einbezogen hat. Dass ich ihn nicht ganz richtig interpretiere, sondern seine Intuition weiter führe, leite ich aus einem anderen Wort von ihm ab: „Die Entwicklung zur Mündigkeit der Welt, [mit Mündigkeit meint er Autonomie], die abrechnet mit einer unrichtigen Gottesvorstellung, macht den Blick frei für den Gott der Bibel, der durch seine Machtlosigkeit in der Welt Macht und Raum bekommt.“ Ich würde vielmehr sagen: macht den Blick frei für das Gottesbild der gläubigen Moderne, nicht der Bibel, denn auch das Gottesbild der Bibel ist wegen seinem massiven Anthropomorphismus oft das Bild eines Gottes-in-der-Höhe. Aber Bonhoeffer hat aus der Bibel, trotz allem dort erscheinenden Anthropomorphismus und den gelegentlich inhumanen Zügen Jahwes, die Stimme des modernen und ewigen Gottes gehört, dessen Wesen ausströmende, sorgende, erbarmende, selbstlose Liebe ist.

Bonhoeffer ist sich also bewusst geworden dass es zwei Gottesbilder gibt. Das eine ist das traditionelle, gängige Gottesbild, das des Christentums, der Kirchen. Aber in der Nazizeit hat sich gezeigt, wie Bonhoeffer sich klar bewusst geworden ist, dass dieses Gottesbild sich problemlos einfügen lässt in ein System das keine Bedenken hat gegen Eroberungskriege, nationalen Stolz, Menschenverachtung, Machthunger, Mord, Gewalt, Unterdrückung, Verfolgung. Offensichtlich sahen die Kirchen keinen deutlichen Widerspruch zwischen ihrem Gottesbild und diesen Formen der Unmenschlichkeit. Auf jeden Fall haben sie sich nicht ausdrücklich davon losgesagt, nicht kollektiv dagegen protestiert, haben vielmehr aus so genannter Vaterlandsliebe, dem System Hand- und Spanndienste geleistet. Ein solches Gottesbild ist falsch, ist verwerflich, sieht Bonhoeffer, ist eine Beleidigung des wahren Gottes,, dessen Bild er intuitiv doch sehen musste, sonst konnte er das falsche nicht als falsch erkennen und es mit so großer Entschiedenheit verwerfen.

Aber was Bonhoeffer erst durch seine Erfahrungen mit dem Nazismus in einem hellen Licht gesehen hat, war schon längst vorher da, war schon seit Jahrhunderten da. Nur hatten die Christen es offensichtlich nie gemerkt. Die Unmenschlichkeit des Nazismus war nur die Fortsetzung von Jahrhunderten von Unmenschlichkeit, die die europäische Geschichte blutrot färben. Nur zwei Beispiele aus einer endlosen Liste: die Abscheulichkeiten des Dreißigjährigen Krieges, der ein Religionskrieg unter Christen war; lesen sie den Abenteuerlichen Simplizissimus; oder der 1. Weltkrieg, mit seinem unvorstellbaren Blutvergießen, seinem maßlosen Leid, Zerstörung und Elend, angezündet und geführt vom sehr katholischen Kaiser Österreichs, vom sehr evangelischen Kaiser Deutschlands, vom sehr orthodoxen Zar Russlands und dem sehr gläubigen Haupt der anglikanischen Kirche, dem König von Großbritannien. All dieses Ungeheuerliche, und noch so entsetzlich viel mehr, Sklavenhandel, Folter als normale Justizpraxis, grausame Hinrichtungen als Volksvergnügen, Pogrome, Hexenjagd, Kriege von Stadt gegen Stadt, von Herzog gegen Herzog, es ging alles problemlos zusammen mit einem Gottesglauben, der sich als ein himmlischer Baldachin über das alles ausbreitete und annehmbar machte, es sogar oft heiligte. Solange die christliche Gesellschaft kein anderes Bild Gottes kannte als das der vormodernen Tradition, blieb sie unzugänglich und unheilbar Blind dafür. Denn es gab nur diesen Gott-in-der-Höhe, man hatte keinen anderen, und man brauchte ihn dringend, man konnte sich in diesem Jammertal ohne einem solchen Gott nicht retten, und es war wichtig ihn als Freund zu haben, schon jetzt und noch mehr beim Übersiedeln ins Jenseits, und man fürchtete sich vor ihm, er würde es nicht hinnehmen dass man ihm den Rücken zukehrte, geschweige dass man ihn verwarf.

Erst als die Aufklärung diesen Gott-in-der-Höhe von seinem Thron gestoßen hatte, wurde Raum frei für ein anderes und besseres Gottesbild. Wie sieht dann dieses moderne und zwar zugleich christliche Gottesbild aus? Es muss atheistisch sein und daher eine Absage enthalten an alles, was mit dem Gott-in-der-Höhe zu tun hat. Und das ist kein leichtes Unternehmen, denn das Glaubensbekenntnis und die Bibel und die Liturgie und die ganze Moral und die ganze Kirchengeschichte sind voll von Gott-in-der-Höhe. Dennoch gibt es ein solches modernes Gottesbild. Ein Zitat von Einstein zeigt, dass sogar die atheistische Moderne eine Ahnung davon hat. Er schreibt: „Spüren dass hinter allem Erfahrbaren etwas sich verbirgt, das unser Intellekt nicht zu fassen vermag, etwas dessen Schönheit und Erhabenheit nur indirekt und wie ein schwacher Abglanz zu uns kommen, ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich ein tief religiöser Atheist.“ Es geht um dieses „etwas“. Es soll nur noch in einer christlichen Perspektive erscheinen.

Die Verwerfung des gängigen Gottesbildes, das zu soviel Selbstgerechtigkeit und Gnadenlosigkeit geführt hat, lässt vermuten welches Gottesbild Bonhoeffer nur ganz vage schaute und das er auch in der vormodernen Bibel auftauchen sah. Er formulierte es selber noch nicht, er konnte es wahrscheinlich noch nicht, er wusste nur deutlich wie es nicht war. Ich vermute dass er in der Bibel vor allem die Sorge Gottes für den Menschen, das Erbarmen Gottes gefunden hat, das auch schon im Alten Testament sporadisch aufleuchtet und noch viel heller im Neuen Testament im Auftritt und in den Worten Jesu. Das  Gottesbild das Bonhoeffer sah, war das Bild eines Gottes der für die Menschen da ist, der zu Menschlichkeit aufruft. Im Wesentlichen ist es ein modernes Gottesbild, aber von Bonhoeffer noch nicht systematisch durchgedacht. Ihm war vorläufig vor allem wichtig das Gottesbild von allem Unmenschlichen und dadurch Unwahrhaften zu reinigen. Darum die Betonung der Negationen, die stetige Wiederkehr des „ohne“. Es ist eine Art von negativer Theologie, vom Sagen wie Gott nicht ist. Wie kann man aber seine Intuition in einer positiven Synthese einbauen? Ich versuche es. Meine Ausführungen würde er vielleicht nicht ohne weiteres unterschreiben, ich denke weil er einfach noch nicht die Zeit gehabt hat seine Intuition selber weiter durchzudenken.

Wir sollen davon ausgehen, dass wir zu einem alles umfassenden Geheimnis gehören, das auch noch den Kosmos übersteigt und diesen Kosmos hervorbringt. Dieses Wissen ist Sache der Intuition, nicht mehr der Ratio. Und diese Intuition wohnt jedem Menschen inne, nur machen es zahllose Umstände den meisten unmöglich sich dieser Intuition bewusst zu werden. Sie wird nl. überlagert durch das, was Jesus im Gleichnis des ausgestreuten Samens in Matthäus 13, 22 die Alltagssorgen nennt. Sie ist in jedem da, aber sehr, sehr hintergründig.  Aber sie kann vordergründig gemacht werden. Dazu sollen wir Schöpfung anders verstehen als in der vormodernen Vorstellung, also nicht mehr als das Produkt eines außerkosmischen Schöpfers. Wir sollen denken an das was jedes Kunstwerk im Wesen ist: der Selbstausdruck des Künstlers in der Materie. So kann man auch den Kosmos, und darin unser Ich, unser kleines Selbst, als den Selbstausdruck des großen göttlichen Selbst betrachten. Aber Bewusstsein ist zugleich stets Selbstbewusstsein. Dann erscheint bei jedem Bewusstseinsakt auf dem fernen Hintergrund, nicht nur das Bewusstsein unseres Ichs, sonder noch viel mehr verschleiert, das Bewusstsein jenes unendlichen und alles umfassenden Selbst. Darum sagte ich dass jene Intuition jedem Menschen innewohnt.

Diese Intuition war selbstverständlich schon in der vormodernen Kultur bei manchem bewusst da. Die Mystiker sind Zeugen dafür. Straff organisierte Religionen wie Christentum und Islam mögen darum die Mystiker nicht sehr: das Gottesbild der Mystiker ist ganz und gar nicht mehr das klare und leicht zu fassende Bild Gottes-in-der-Höhe. Darum hatte auch die jüdische Führung kein Verständnis für Jesus und seine tiefe Gotteserfahrung. Er hat Gott gelästert, lautete die Anklage. Weil sein Gottesbild, das er an erster Stelle durch seinen Auftritt, durch seine Sorge für Menschen verkündete, ihn dazu brachte, sich nicht an überlieferte Vorschriften zu halten. Denn er aß mit so genannten Sündern und bekundete so seine Verbundenheit mit ihnen, oder er heilte auch am Sabbat und er unterließ die rituelle Händewaschung vor dem Essen. Er tat das nicht um zu provozieren, er tat es, weil dass Feuer in ihm, die Urliebe Gott ihn zum Wohl seiner Mitmenschen dazu drängte.

So zeigt sich schon einigermaßen wie wir den Glauben, der ein Glaube an diesen Jesus beinhaltet, zeitgemäß leben sollen. Wir sollen uns nur von der vernünftigen Menschenliebe führen lassen. Von der Menschenliebe, nicht von Treue zu Traditionen und Vorschriften, aber auch nicht von Aggressivität gegen verdorrte Überlieferung und als schuldig gedeutete Blindheit, für die stets bis auf weiteres die Unschuldvermutung gilt. Gerade wegen des Widerstands vonseiten vieler Kirchenführer und konservativer Kreise gegen längst überfällige Erneuerungen sind moderne Gläubige, auch ich, geneigt hart mit ihnen ins Gericht zu gehen. Aber wir sollen immer für etwas sein, nicht gegen etwas. Die Liebe ist wie ein Bächlein in den Bergen: wo es auf ein Hindernis stößt, sucht es sich einen anderen Weg, und wenn es nicht weiter kommt, bildet es langsam einen See, dessen Wasser allmählich so hoch steigt, dass sein Druck sich schließlich einen Durchgang öffnet. Wir, ich, sollen Geduld üben lernen und freundlich bleiben auch zu denen die sich quer legen auf das was uns als lebensnotwendig für die Kirche erscheint und es vielleicht auch ist. Ihr kennt vielleicht das so genannte Gelassenheitsgebet der Anonymen Alkoholiker: Herr, gib mir die Gelassenheit hinzunehmen was ich nicht ändern kann gib mir den Mut zu ändern was ich ändern kann, und gib mir die Weisheit um zwischen den zwei unterscheiden zu können.

Zurück zur Frage was den Glauben zeitgemäß leben konkret beinhaltet. Worin unterscheidet es sich von der Praxis des vormodernen Glaubens? In viel mehr Dingen als man vermutet. Ich kann nur auf ein paar zeigen. Es unterscheidet sich an erster Stelle durch eine andere Weise sich zu Gott zu verhalten. Statt zu tun was Gott uns aufträgt, sollen wir Gott tun lassen, nach einem Wort von Simone Weil, der französischen jüdischen Mystika. Sie sagt: In menschlichen Dingen haben wir immer die Wahl zwischen etwas tun oder es nicht tun; Gott gegenüber haben wir nur die Wahl zwischen (auf Französisch) „se laisser faire ou ne passe laisser faire“, wörtlich: sich tun lassen oder sich nicht tun lassen, also zwischen sich dem Drängen der Urliebe in uns hingeben oder sich ihr nicht hingeben. Erst wenn ich mich ihr hingebe und dadurch auf sie höre, handle ich völlig in Übereinstimmung mit meinem tiefsten Wesen, mit meinem wahren Selbst. So handeln ist die wahre Autonomie. Was ich dagegen ohne auf diesen Impuls zu hören anpacke, kann nützlich sein und Erfolg versprechen, aber es bleibt das Produkt meines menschlichen, oft allzu menschlichen Ichs, und solches autonome Tun trägt nicht zu meinem wahren Wachstum und Menschwerdung bei. Augustinus würde es nennen: magni passus extra viam, große Schritte auf dem falschen Weg. Die Grundhaltung des modernen Christen ist daher Hingabe, man kann auch sagen: Gehorsam. Wenn vom erwachsenen Mann Jesus gesagt wird, dass er gehorsam war sogar bis zum Tod, dann war das kein Gehorsam gegen Menschen, es war ein Gehorsam gegen die Stimme in seiner Tiefe.

Aber dieser Gehorsam oder diese Hingabe setzen Beten voraus. Und hier kommt ein zweiter Unterschied mit dem vormodernen Glauben. Dieses Beten hat nichts mehr zu tun mit dem Bitten, aus dem es etymologisch entstanden sein muss. Die Grundform des modernen Gebetes dagegen ist Bejahung des göttlichen Wirkens in uns, formuliert oder wortlos, es ist Hingabe, uns vom Gott-in-der-Tiefe vereinnahmen zu lassen, so dass wir werden, was er in Fülle ist: liebend. Das frühere Bittgebet, um Heilung, um Rettung aus der Not, um Regen oder um was auch, hat natürlich ausgedient. Denn es richtet sich an einen Gott droben, der zu unserem Vorteil hier unten etwas wirken soll. Nicht einmal in der Bedrängnis sollte man als moderner Christ zu einem solchen Bittgebet greifen, so spontan das auch in uns aufkommen mag. Denn das würde aus dem liebenden Urwunder wieder einen anthropomorphen Zauberer machen, den wir mit unserem Drängen dazu bewegen möchten, zu unserem Nutzen in den natürlichen Lauf der Dinge einzugreifen. Wir sollen uns vielmehr der Wirklichkeit hingeben, auch wenn sie schrecklich wird, wissend dass die Urliebe, die zugleich doch die Urwirklichkeit ist, uns auch in dieser Gestalt erscheint und dass es nichts Besseres gibt als sich ihr anzuvertrauen, was uns auch immer passiert.

Aber wir lassen uns leider nicht willig vereinnahmen, wir behaupten immer wieder unser kleines Ich (da stoßen wir auf das Böse in uns) und dadurch bleiben wir unserem tiefsten Grund entfremdet. Aber dieser nimmt das nicht gelassen hin, sondern will sich in uns durchsetzen, hört nicht auf uns zu sich zu ziehen, und weckt so in uns das drängende Verlangen ihm zu begegnen, mit ihm eins zu werden. Dieses Verlangen setzt sich dann in Flehen und Bitten um, in ein Flehen und Bitten, das nicht tastbare Dinge bekommen will, sondern nur jene Einswerdung, nur das Ende der Entfremdung zwischen uns und unserem wahren Gut.

Aber auch um Vergebung bitten verliert jeden Sinn. Denn dann erscheint wieder der gekränkte Meister auf dem Plan, dessen Groll man entkommen möchte. Aber Gott, die ausströmende Liebe schlechthin, ist nie gekränkt und trägt nie etwas nach, das tun nur Menschen. Sehr sinnvoll dagegen bleiben das Loben und das Danken, und die Anbetung, aber nicht als Unterwürfigkeit, sondern als unendliche Bewunderung, als maßloses Staunen. Gerade das fehlt leider meistens, wenn wir sagen: wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an. Mehr als frommes Gerede ist das leider meistens nicht.
Das schönste Bild des Betenden im neuen Geist scheint mir das Bild des Fisches im Ozean zu sein. Der Ozean umgibt den Fisch maßlos, trägt ihn, birgt ihn, durchdringt ihn, ernährt ihn, gibt ihm Atem, gibt ihm Leben, ist ihm unendlich nahe. Und ohne den Ozean gibt es den Fisch einfach nicht. Beten ist sich dieser Nähe bewusst werden und sich ihr hingeben.

Als drittes ändert sich mit dem Abschied vom Gott-im-Himmel unsere Haltung der Bibel gegenüber. Sie ist nicht länger mehr „Wort des lebendigen Gottes“ wie der Lektor nach der Lesung rufen soll. Ein solcher Ruf verrät den reinsten Anthropomorphismus. Gott kann nicht reden. Denn Reden setzt Stimmbänder und Kehlkopf und Mund und Zunge voraus. Und Worte gehören stets zu einer bestimmten Sprache, und auch diese ist etwas  rein Menschliches, einer bestimmten menschlichen Gruppe eigen. Diese göttlichen Worte sollten dann noch aus der anderen Welt, zu der unsrigen kommen. Aber es nun einmal gibt keine andere Art Welt. Man kann zwar in modern-gläubiger Sprache sagen, dass das namenlose geistige Urwunder-Gott  sich im Werdegang der kosmischen Evolution ausdrückt, offenbart, sich „ausspricht“, mit Anführungszeichen und daher nur im völlig übertragenen Sinn. Im Ausdruck Wort Gottes wird dieses Sprechen aber deutlich, nicht im übertragenen Sinn aufgefasst.

Wenn die Bibel dann nicht mehr als Wort Gottes gelten kann, ist sie Menschenwort und ist sie nicht länger unantastbar, unfehlbar. Hat sie dann für uns keinen Mehrwert mehr? Doch. Die Urliebe Gott ist ja dynamisch, will sich stets deutlicher ausdrücken, im Kosmos und im Menschen. Bestimmte Menschen  sind empfindlicher für dieses innere Drängen, spüren diese Inspiration in ihrer Tiefe dadurch deutlich. Denkt z.B. an die Propheten, die machtlos wüten konnten, weil Jahwe, die Urliebe, die nicht erträgt, dass die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, als ein Feuer in ihnen brannte. Aber ihre Worte, und das gilt für alle Worte der Bibelautoren, waren Menschenworte und daher zeit- und kulturgebunden, und dadurch vorläufig, anfechtbar, ab und zu sogar fehlerhaft und irreführend. Dennoch enthalten sie in ihrem Kern die Selbstmitteilung Gottes. Nur ist es für Menschen der Moderne, die eine radikal andere Kultur ist als die biblische, vormoderne, oft schwierig, oft sogar unmöglich, diesen Kern noch zu erkennen, weil er in für uns unzugänglich gewordenen Vorstellungen und Formulierungen eingepackt ist. Man liest dann lauter Menschenworte. Aber oft ist es bei anderen Bibelstellen doch so, dass die göttliche Inspiration, diese Selbstmitteilung der Urliebe Gott, durch die Bibelworte hindurchleuchtet.

Für uns Christen wird das öfter im Neuen Testament als im Alten der Fall sein. Man merkt das daran, dass solche Worte (denkt an die Emmausjünger) ermutigen, erleuchten, das Herz erwärmen, Erfüllung nachlassen. Dann kann man sagen, dass diese Bibelworte „Worte Gottes“ sind, Selbstmitteilung des Urwunders. Aber man soll sich hüten die Bibel ohne weiteres als Sammlung von Worten Gottes darzustellen, wie es die Moslime mit dem Koran tun, sonst vergöttert man auch Fehler und Irrtümer und moralisch Verwerfliches. Und früher oder später rächt sich das. Von der Bibel kann und soll man wohl sagen, und das  macht sie für uns als Ganzes wichtig, dass sie die Sammlung der Schriften ist in denen wir unsere eigenen Glaubensvorstellungen finden. Und dann wird das Neue Testament natürlich viel wichtiger als das Alte, das die jüdische Bibel ist.

Als viertes ändert sich unsere Haltung der Kirchenführung gegenüber. Sie denkt sie habe die Pflicht und das Recht hat im Namen Gottes zu sprechen, zu belehren, zu befehlen, zu verbieten. Diese Meinung hängt daran, dass Jesus, sitzend zur Rechten des Vaters, dem Papst (mittels Petrus) Vollmacht und Lehrautorität verliehen haben soll, die von diesem zu den niedrigeren Stufen der Hierarchie herabfließt. Ohne Gott-in-der-Höhe bleibt davon natürlich nichts mehr aufrecht. Weder der Papst noch die Bischöfe können sich Wortführer Gottes nennen. Auch ihre Worte sind nur Menschenworte, ohne aus sich bindende Kraft zu haben. Ihr Magisterium ist eine Illusion. Was sie sagen, kann weise und nützlich sein, und wir sollen dann aus menschlicher und kirchlicher Verbundenheit mit ihnen das eventuell Wertvolle daraus herausnehmen und bewahren. Nicht weil es von einem Bischof oder Papst kommt, sondern weil es wertvoll ist, ein kleiner Funke der Selbstmitteilung Gottes.

Mit dem neuen Gottesbild  ändert sich weiter auch die Moral. Denn dann verschwinden mit dem in der Höhe thronenden Gesetzgeber auch seine Gebote und Verbote, die er auf dem Sinai dem Moses mitgeteilt haben sollte. An die Stelle der früheren Gesetzesmoral tritt eine Liebesmoral. Denn die sich in uns ausdrückende Urliebe drängt uns zum weiteren Wachstum in der Liebe. Das ethische Basisprinzip lautet dann: eine Tat ist ethisch gut und dient daher der Vermenschlichung, je mehr sie aus selbstloser Liebe geboren wird, und nicht länger, weil sie treu ein Gesetz oder Vorschrift befolgt. Da aber auch der gesetzgebende Gott-in-der-Höhe eine Gestalt der schöpferischen Urliebe ist, zwar eine vorläufige und noch unzulängliche, werden auch seine Gebote meistens dem Wachstum der Liebe dienen. Meistens, nicht immer. Ihre Unzulänglichkeit zeigt sich besonders deutlich auf dem Gebiet der Sexualmoral.

Diese war eine Sammlung aus Verboten, stammend von einer Kirchenführung, die im Namen des gesetzgebenden Gottes in der Höhe zu reden meinte. Ohne sich dafür auf die Schrift berufen zu können, ging sie vom Prinzip aus, dass man sich vor der sexuellen Lust hüten solle, weil sie nur unter ganz bestimmten Bedingungen ethisch geduldet werden kann. Das Alte Testament widerspricht diesem sonnenklar und in der Verkündigung Jesu hört man über die allermeisten der von der Kirchenführung mit Todsünde belegten Verbote kein Wort. In der modernen gläubigen Moral soll man darum ausgehen vom oben genannten Basisprinzip, dass alles was aus selbstloser Liebe, also nicht aus Begierde oder Bedürfnis geboren wird, ethisch gut ist. Man kann selber daraus die Folgerungen ziehen für voreheliches Zusammenleben, für homophile Beziehungen, für Geburtenkontrolle, für Kondomgebrauch, für Wiederverheiratung nach einer in die Brüche gegangenen Ehe. Aber umgekehrt auch für Ehebruch, Seitensprung, Liebe für eine Nacht, Prostitution, Pädophilie; die widersprechen ebenso sehr der Liebesmoral, wie sie der vormodernen Kirchenmoral widersprechen.

Die moderne Moral greift deutlich weiter und tiefer als die vormoderne. Sie führt z.B. zu einer anderen Haltung dem Besitz gegenüber, indem sie auch Eigentumsunrecht kennt. Oder sie ruft zu einer ökumenische Gesinnung auf, die notfalls über die von der Kirchenführung gezogenen Grenzen tritt, weil die Unterschiede zwischen den Kirchen meistens aus eigener Deutungen von Schriftworten entstanden sind, die man, inklusive der Deutung, als ewige Worte Gottes betrachtete, und viel wichtiger scheinen als sie sind. Oder sie ruft zum Naturschutz auf, weil die Natur als Gottes Erscheinung uns heilig sein muss, oder zur Sorge den eigenen ökologische Fußabdruck zum Wohl der Menschheit von heute und morgen so klein wie möglich zu halten. Über solche Dinge lehren die 10 Gebote nichts. Das beweist den Mehrwert einer gläubigen Moral, die aus dem neuen Gottesbild folgt. Aber die mir zugemessene Zeit ist fast aufgebraucht. Und ich soll noch kurz  über die zeitgemäße Verkündigung unseres Glaubens etwas sagen.

Wie wir Verkündigung auch auffassen, sie hat immer mit Reden zu tun und Reden mit Hören und Verstehen. Und da fangen die Schwierigkeiten an. Die Sprache der vormodernen Verkündigung können wir selbstverständlich nicht mehr verwenden, weil diese einen  überholten Inhalt vermittelt, den wir nicht mehr unterschreiben. Wir sollen neue Inhalte vermitteln und dafür brauchen wir neue Worte. Begriffe wie Sünde, Sühne, Erlösung, Buße, Heil, Gnade, Reich Gottes, Fegefeuer, Wandlung, Kommunion bedeuten nichts mehr, sind nur noch Worte. Früher bedeuteten sie vielleicht auch nicht soviel, aber man war mit ihnen vertraut und dadurch erweckten sie den Eindruck einer Wirklichkeit zu entsprechen, die wichtig ist, aber über die man sich weiter keine Gedanken machte. Also neue Worte für neue Inhalte. Aber wir sind selber kaum mit den neuen Inhalten vertraut und es wird noch eine Zeit dauern ehe wir über eine neue daran angepasste Ausdrucksweise verfügen.

Eine zweite Schwierigkeit ist die bei sehr vielen herrschende Überzeugung, dass sie keine Verkündigung mehr brauchen. Zum Teil sind das Traditionschristen, die noch etwas vom vormodernen Glauben und seinen Praktiken bewahrt haben, zum Teil auch Neuheiden, die sich vom christlichen Glauben verabschiedet haben, weil er in ihren Empfinden langweilig und wirklichkeitsfremd ist. Ein neuer Kontakt mit der schon längst abgeschriebenen kirchlichen Lehre interessiert diese in der Regel überhaupt nicht. Dazu kommt noch, dass das religiöse Interesse in Österreich schnell schwindet. Und die Missbrauchsfälle der letzen Monate machen die Kirche und ihre Botschaft noch weniger glaubwürdig. Aber wo kein Interesse ist auch kein Bedürfnis, und wo kein Bedürfnis auch keine Empfangbereitschaft.

Aber was bedeutet „verkünden“? Unbewusst denken wir vielleicht an das, was der Pfarrer am Sonntag von der Kanzel redet. Und darin mischen sich unbewusst aus der Bibel stammende und als bindend betrachtete Ausdrücke wie: von den Dächern verkünden, oder das Wort von Paulus: verkünde den Menschen die Botschaft Gottes, ob es ihnen passt oder nicht. Aber verkündigen bedeutet einfach melden, mitteilen, bekannt machen. Denkt an Mariä Verkündigung: da wurde nicht vom Engel der Glaube gepredigt, sondern einem Mädchen etwas sehr Wichtiges und sehr Erfreuliches gemeldet.

Überdies bekommt man in 1 Kor 12 den Eindruck, dass der Auftrag der Verkündigung von den Dächern und ob man die Botschaft hören will oder nicht, nur für bestimmte Gemeindemitglieder gilt. Schon im Evangelium gilt diese Aufgabe nur für die, welche sich berufen fühlten mit Jesus umherzuziehen und das Kommen des Reiches Gottes zu verkünden, für die 12 also. Und bei Paulus und in der Apostelgeschichte gilt er spezifisch für die von der Gemeinde ausgesandten Prediger, die apostoloi. Und diese Form der Verkündigung, sagt Paulus, ist ein charisma, eine Gnadengabe, und nicht jeder hat sie. Andere Gemeindemitglieder haben andere charismata. Aber die anderen, die vielen die dieses Charisma nicht hatten, sollten die also nicht verkündigen? Freilich sollten sie verkündigen, aber auf eine ganz andere Weise. Und das haben sie auch getan. Und zwar eine sehr erfolgreiche Weise. In 250 Jahren haben sie wie ein Sauerteig das immense Römische Reich durchsäuert. Nicht durch öffentliche Werbung, also nicht durch Verkündigung in Sinne der Apostel. Man kann die Lage jener Christen nämlich gut vergleichen mit der Lage der Christen im heutigen China. Missionieren, nämlich öffentliche Verkündigung, ist den chinesischen Christen verboten. Sie dürfen nicht direkt versuchen jemanden für ihren Glauben zu gewinnen. Nur die Fragen, die an sie herangetragen werden, dürfen sie beantworten. Und natürlich dürfen sie ihre eigenen Kinder in den Glauben einführen. Darin besteht ihre Verkündigung. Und diese ist erfolgreich. Denn trotz Behinderungen vonseiten des chinesischen Staates wächst die Kirche durch ihren Einsatz unaufhörlich. Sie leben nämlich so, dass sich andere wundern, sie bewundern, und Fragen an sie richten. Sie verkünden mit  anderen Worten durch ihr Leben. Das erinnert an ein Wort aus einem Brief von Charles de Foucauld, ein Wort das für jeden Christen gilt: “Du bist berufen das Evangelium von den Dächern zu verkünden, nicht durch dein Wort, sondern durch dein Leben.“ Wir sollen so leben, dass andere fragen. Dann können wir antworten. Das entspricht genau dem Wort aus dem 1 Petrusbrief 3,15: „Seid immer bereit Rede und Antwort zu geben, wenn jemand fragt warum ihr so von Hoffnung erfüllt seid“. Und es entspricht auch einem Wort das Gautama Buddha zugeschrieben wird: Nur wenn jemand nach dem Weg fragt, nützt es ihm den Weg zu zeigen. Der Weg ist ein normaler Ausdruck für die buddhistische Lehre. Und das bringt uns zum Titel des Vortrags zurück, in dem ich ein kleines Wörtchen hinzufügen möchte: Unseren Glauben zeitgemäß leben und ihn so verkünden.

Mein Schlusswort. Ich habe hier für einen christlichen Atheismus plädiert, für eine religionslose Kirche, im Geist der gläubigen Intuition von Bonhoeffer. Dieser christliche Atheismus ist eine Frucht derselben Urliebe die im Anfang die Religionen hervorgerufen hat, sie allmählich gereinigt und vertieft hat und sie vom Polytheismus zum Monotheismus geführt. Sie treibt uns nun zum Abschied weg von diesem auch nur vorläufigen Gottesbild und nützt dazu die im Schoß des Monotheismus geborene Moderne. Das vormoderne Gottesbild  konnte nur etwas Vorläufiges sein, denn es ging problemlos zusammen mit einem schrecklichen Mangel an Menschlichkeit. Ein gläubiger Atheismus, eine religionslose Kirche, soll diesen Mangel aufheben. Denn Atheismus ist an sich nur der befreiende Abschied von einer alles beherrschenden, nirgendwo wahrnehmbaren, anthropomorph gedachten außerkosmischen Macht, und keineswegs Abschied von der Transzendenz. Das Wort von Einstein zeigte das deutlich. Und Mystiker wie Eckehart reden im selben Sinn. Ihr kennt das Wort von Karl Rahner, dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sein wird.  Es sagt im Grunde dasselbe: wir sollen uns nicht bestimmen lassen von auswärts, von Traditionen, von Gesetzen, von Menschen mit Mitras oder Tiaren, sondern nur von der Begegnung mit der in uns wirksamen Urliebe. Das ist auch der tiefere Sinn des Wortes der Jünger Jesu zum Hohen Rat in der Apostelgeschichte (5,29): man soll mehr hören auf Gott als auf die Menschen. Dieses hören auf die Urliebe Gott, diese Begegnung mit ihm, ist das einzig Wichtige.

Darum ist es im Grunde unwichtig ob man fromm einen Gott-in-der-Höhe bekennt und verehrt oder ein bekennender Atheist ist. Was Paulus im Galaterbrief (5,6) von der Beschneidung sagt, die doch das Merkmal des jüdischen Gottesglaubens war, gilt auch hier. „Es zählt nicht, schreibt er, ob jemand beschnitten oder unbeschnitten ist, es zählt nur der Glaube der sich in tätiger Liebe bewährt.“ So auch zählt nicht ob man gottgläubig ist oder religionslos. Es zählt nur ob man von der uns innewohnenden Urliebe Gott sich bewegen lässt. Darum kann und soll der Christ mit allen zusammenarbeiten die von der Menschenliebe in ihrer Tiefe getrieben sind, sich für die Heilung einer heilungsbedürftigen Menschheit einsetzen. Religionen und Konfessionen trennen, die tätige Liebe vereint. Und nur sie wird den eschatologischen Traum von Paulus wahr machen, dass die Urliebe Gott einmal alles in allem sein wird.

 



Roger Lenaers SJ ist belgischer Jesuit. Er wirkt in seiner "Pension" als Pfarrer in Vorderhornbach/Tirol.

 

Diesen Vortrag hat er vor dem Lainzer Kreis am 14. November 2010 im Kardinal König-Haus gehalten.