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Wolfgang Langer: "Aufbruch wagen, bevor die Institution implodiert" PDF Drucken E-Mail
10.02.2011, Hans Peter Hurka

Image Die Katholische Kirche drifte immer weiter an den Rand des Abgrunds. Das sagt Wolfgang Langer, emeritierter Professor für Religionspädagogik an der Universität Wien. Er unterzeichnete, wie mehr als 200 Theologieprofessoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auch, das Memorandum "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch". In dem vergangene Woche veröffentlichten Memorandum wird ein intensiver Reformkurs in der katholischen Kirche gefordert. Brigitte Krautgartner, Religion.ORF.at, hat mit Wolfgang Langer gesprochen.

kathpress berichtet am 8. Februar 2011: Zuhlehner: "Die Zeit des Resolutionismus ist vorbei" und der Linzer Dogmatiker Franz Gruber: "Mit durchtauchen oder gar "Grabesruhe" wäre auch nichts gewonnen".

 

Herr Professor Langer, was sind die zentralen Inhalte, Anregungen und Forderungen des Theologischen Memorandums?

Das Memorandum beschäftigt sich mit Problemen innerhalb der Katholischen Kirche. Ein zentraler Punkt ist die Miteinbeziehung der Gläubigen in Entscheidungsfragen der Kirche. Es geht um wiederverheiratete Geschiedene und deren Ausschluss von den Sakramenten. Ebenso um Mitbestimmung der Gläubigen bei den Personalgestaltungen, auch bei der Wahl und Ernennung von Bischöfen und Pfarrern. Für besonders wichtig halte ich auch die Diskussion um eine Rechtsstruktur innerhalb der Kirche, denn die Kirche missversteht die hierarchische Struktur als monarchische Struktur. Der Papst hat in allen Dingen das letzte Wort und man kann ihn in keiner Weise klagen, das wäre in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlich.

Des Weiteren geht es um die Struktur in den Gemeinden. Immer mehr Gemeinden werden auf Grund des Priestermangels in so genannte Seelsorgereinheiten verwandelt, in denen Erfahrungen wie Nähe oder ein Gefühl des Füreinander da seins mehr oder weniger verloren gehen.

 
Welche Probleme könnten aus ihrer Sicht in Zukunft aus diesen Entwicklungen resultieren?

Die Folgen kann man durch den massiven Austritt von Gläubigen aus der Katholischen Kirche beobachten. Außerdem sind Amtsträger immer öfter überfordert. Das betrifft die Bischöfe genauso wie die Pfarrer. Das Memorandum spricht hier vom "verheizen" der Priester.

 
Wie erklären sie sich den Umstand, dass immer weniger Menschen den Kontakt zur Kirche suchen?

Ein Grund für das Fernbleiben der Gläubigen ist sicherlich, dass die Menschen in der Kirche nicht das finden, was sie in der Gesellschaft für selbstverständlich halten, nämlich eine gestufte Mitverantwortung. Hier geht es auch um Gewissensfreiheit. Die Kirche erkennt die Freiheit des Menschen, eine der großen Errungenschaften der modernen Gesellschaft, nicht an, weil sie immer wieder die Menschen mit Regeln und starren Normen bevormundet und so keinen Dialog zulässt.

 
Welchen Ausschlag haben die jüngst an die Öffentlichkeit geratenen Missbrauchsfälle innerhalb der Katholischen Kirche?

Die Kirche muss endlich anerkennen, dass es auch in ihren eigenen Reihen Sünde gibt. Im Memorandum werden die Missbrauchsfälle angeführt und es wird beklagt, dass von Seiten der Kirche eine rigorose Moral ohne Barmherzigkeit praktiziert wird, die letztlich dem Evangelium Jesu Christi widerspricht. Die vorher von mir angesprochenen Dinge sind ja nicht wirklich neu, aber es ist jetzt wahrscheinlich die letzte Möglichkeit, noch einmal einen wirklichen Aufbruch zu wagen, bevor die Institution implodiert.

 
Viele Punkte des Memorandums sind in der Form schon oft formuliert worden. Haben sie denn im Moment das Gefühl, dass die Forderungen diesmal auf einen fruchtbareren Boden fallen, als die vielen Male zuvor?

Ich befürchte auch dieses Mal, dass mit keiner Reaktion zu rechnen ist. Ich habe noch in Erinnerung, was mit der Kölner Erklärung in den Achtziger-Jahren („Wider die Entmündigung – für eine offene Kaholizität“, Anm.d.Red.) geschehen ist: nämlich nichts. Man gesteht den Theologen zwar eine Art Spielwiese zu, sie dürfen ihre Kritik äußern, aber man lässt sich davon überhaupt nicht beeindrucken.

 
Trotzdem ist die Situation heute ja eine andere. Nachdem die Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche publik geworden waren, war man ja doch bemüht, zumindest eine Imagepolitur vorzunehmen. Könnte die jetzige Ausgangslage ein Umdenken eher begünstigen?

Natürlich kann man immer hoffen. Und hoffen will ich gerne, nur wenn ich danach gefragt werde, wie stark diese Hoffnung ist, dann muss ich doch ein bisschen müde abwinken. Wir beobachten seit der Ernennung von Papst Benedikt XVI. einen deutlichen Restaurationskurs innerhalb der Katholischen Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil gilt immer mehr als ein Unfall in der Kirchengeschichte. Man versucht zwar, dem Konzil äußerlich treu zu bleiben, oder zumindest den Anschein zu erwecken, dass man ihm treu ist, aber die Interpretationen der Konzilstexte gehen in eine ganz klare Richtung, nämlich in die Zeit vor dem Konzil.

 
Die Forderungen des Memorandums lassen den Schluss zu, dass die Kirche eigentlich an den Gläubigen und an ihren Bedürfnissen vorbeiarbeitet, beziehungsweise den Bedürfnissen sogar entgegensteuert. Stimmt das?

Davon bin ich überzeugt. Aber wenn dieser Stil sich nicht ändert, dann wird die gesamte Katholische Kirche immer weiter an den Rand des Abgrunds driften. Ich verstehe das Memorandum der Theologen so, wie wir es in Österreich auch von vielen Initiativen wie "Wir sind Kirche" oder der „Laieninitiative“ kennen, dass es einige Gläubige für ihre Pflicht halten, sich zu äußern und die Dinge beim Namen zu nennen, um wenigstens selber ein gutes Gewissen zu haben. Aber welchen Erfolg das innerhalb der Kirchenleitung haben wird, gilt es zunächst mal abzuwarten. Wie gesagt, meine Hoffnung ist da, aber sie ist klein. Auch in Deutschland wurde von Teilen der Bischofskonferenz großspurig von einem Dialog gesprochen, der dringend zwischen Amtsträgern und Gläubigen geführt werden müsse, aber geschehen ist bis jetzt überhaupt nichts. Das sind nur beschwichtigende Formeln, die in Sonntagsreden angesprochen werden, denen aber im Grunde keine Taten folgen.

 
Ist nicht gerade diese Vorgehensweise sehr destruktiv für die Botschaft des Evangeliums, wenn die Menschen die Kirche nicht mehr akzeptieren? Immerhin sieht sich die Katholische Kirche als Verwalterin des Evangeliums.

Die Verfasser des Memorandums sagen, dass die Freiheitsbotschaft des Evangeliums, genauer die Freiheitsbotschaft Jesu, der Maßstab für eine glaubwürdige Kirche ist. Das wird im Memorandum ganz stark betont. Aber wenn die Kirche an diesem Punkt ihrer eigentlichen Aufgabe untreu wird, dann ist sie zu nichts mehr zu gebrauchen.
 

Brigitte Krautgartner, Till Uschmann, religion.ORF.at

http://religion.orf.at/projekt03/news/1102/ne110208_langer_fr.htm

 



kathpress berichtet am 8. Februar 2011:

 

Zulehner: "Zeit des Resolutionismus ist vorbei"

Wiener Pastoraltheologe: Kirchenreformpapiere wie das jüngste Theologen-Memorandum "bringen nichts" - Linzer Dogmatiker Gruber sieht Unterzeichnung als Ausdruck von Sorge über drohende "Erosion" der Kirche

Wien, 08.02.2011 (KAP) Sind Kirchenreformen durch Forderungskataloge und Resolutionen erreichbar? In dieser Frage scheiden sich vor dem Hintergrund des in der Vorwoche veröffentlichten Memorandums "Kirche 2011 - ein notwendiger Aufbruch" deutschsprachiger Theologieprofessoren und -professorinnen auch in Österreich die Geister. "Die Zeit des Resolutionismus ist vorbei", Reformpapiere wie das Memorandum "bringen nichts", sagte der Wiener Pastoraltheologe em.Prof. Paul Michael Zulehner am Dienstag gegenüber "Kathpress". Der Linzer Dogmatiker Franz Gruber dagegen sieht als einer der Unterzeichner den von Deutschland ausgegangenen Text als Ausdruck von Sorge über eine drohende "Erosion" der Kirche.

Derzeit haben 208 Theologielehrende aus Deutschland, der Schweiz und Österreich das Memorandum unterschrieben. Darunter sind aus Österreich Heinrich Schmidinger (Rektor der Universität Salzburg), Martin Jäggle (Dekan der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät), Johann Pock (Wiener Ordinarius für Pastoraltheologie), der Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann und der Innsbrucker Sozialethiker Wolfgang Palaver.

Im Memorandum aufgelisteten Forderungen nach einer Neudefinition kirchlicher Ämter, Mitbestimmung der Gläubigen und Respekt vor der Gewissensfreiheit in Bezug auf Lebensformen könne er - Zulehner - vieles abgewinnen. Doch die Methode halte er nicht für zielführend, sagte er. Tatsächliche Veränderungen in der Kirche seien nur durch Koalitionen von Bischöfen und durch das lehramtliche Nachvollziehen von in der seelsorglichen Praxis bereits vollzogenen Reformen möglich.

Zulehner verwies hier auf die Integration von wiederverheirateten Geschiedenen in das sakramentale Leben. Die Bischöfe seien gut beraten, Reformanliegen und -schritte an der Basis nicht unbegleitet und unkontrolliert sich selbst zu überlassen. Ansonsten drohe die Kirchenleitung vom konkreten Leben der Pfarrgemeinden immer mehr "abgespalten" zu werden, verwies der Wiener Theologe auf entsprechende Erkenntnisse seiner "Pfarrer-Studie" aus dem Vorjahr.

Prof. Zulehner äußerte im "Kathpress"-Interview die Einschätzung, dass im Vatikan Reformresolutionen "als Zeichen der Krise und nicht als deren Lösung" betrachtet würden. Europa werde in Rom als vom Relativismus angekränkelte Weltregion gesehen, in der die "liberale" Kirche zum Absterben verurteilt sei.

"Nicht als Brüskierung gemeint"

Der Linzer Dogmatiker Gruber hat laut eigenen Worten das Memorandum deswegen unterzeichnet, weil er es für falsch halte, angesichts der aktuellen Kirchenkrise "durchtauchen" zu wollen. Die Krise müsse vielmehr als Anstoß genutzt werden, immer wieder vorgebrachte Reformanliegen in Angriff zu nehmen, meinte Gruber am Dienstag gegenüber "Kathpress". Sein Kollege Zulehner könne durchaus damit Recht haben, dass das Memorandum "kirchenpolitisch unwirksam" bleibt; mit "Verstummen" oder gar der im Memorandum angesprochenen "Grabesruhe" wäre jedoch auch nichts gewonnen.

Angesichts der hohen Austrittszahlen müsse die Kirche rasch handeln, so der Linzer Theologe. Der Priestermangel bringe viele Gemeinden unter Druck, bei Ausbleiben von Änderungen bei den Zulassungsbedingungen zum kirchlichen Amt drohten weitere Einbrüche bei derzeit noch intakten Strukturen am Ort.

Dem Gegenargument, Reformen seien nur im Einklang mit der Weltkirche möglich, hält Gruber entgegen, dass manche Formen kirchlichen Lebens durchaus regional unterschiedlich lösbar wären, ohne die "katholische Identität" zu untergraben. Die Kirche des 21. Jahrhunderts werde pluraler sein müssen; diese Vielfalt gut zu "managen" stelle freilich hohe Ansprüche an die Kirchenleitung.

Aus der Unterzeichnung des Memorandums befürchtet Gruber keine beruflichen Nachteile. Dies würde kein gutes Licht auf die Meinungsfreiheit und auf den Umgang "mit der ehrlichen Sorge um die Kirche" werfen. Das Memorandum sei in keinem "negativen Ton" gehalten und sicher nicht als "Brüskierung" gemeint, greife es doch Anliegen breiter Kirchenkreise und auch mancher Bischöfe auf. "Ich hoffe, dass unser Appell gehört wird", schloss Gruber.