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Zunächst möchte ich mich für diese Gedanken - ich kenne bis jetzt nur den zwölfseitigen Vortrag, den man von dieser Website herunterladen kann - bedanken. Es ist für mich eine große Erleichterung, das zu lesen, was ich in den letzten zwanzig Jahren gedacht und gefühlt habe. Nicht immer habe ich Verständnis gefunden, wenn ich ähnliche Gedanken geäußert habe.
Die Annahme einer radikalen Säkularisierung und die gleichzeitige "Verinnerlichung" des Gottesbegriffes werfen (teilweise alte) Fragen auf, die ich im erwähnten Vortrag nicht finden konnte:
1) Wie kann man noch die normale Liturgie in einer katholischen Kirche mitfeiern? An mehreren Stellen kommt das Opferdenken durch (z.B. "Der Herr nehme das Opfer an zum Lob und Ruhm seines Namens..."). Brauchen wir nicht eine ziemlich große Liturgiereform?!
2) Wenn die Bibel nicht heteronom von "oben" in diese Welt gekommen ist und daher als "externes" Wort Gottes geglaubt werden muss, wird man sich fragen müssen, wie nähert man sich nun diesen Texten? Wenn z.B. die 10 Gebote nicht direkt von Gott kommen, welche Legitimität haben sie dann noch? Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die meisten Regeln und Gebote, die in der Bibel vorkommen, auch sozialwissenschaftlich begründbar sind. Ein Beispiel: "Du sollst nicht stehlen!" Gäbe es diese Regel nicht, müsste man sie sofort erfinden, um ein halbwegs geordnetes Leben in sozialen Gemeinschaften sicher zu stellen. In dieser Betrachtungsweise verändert sich eigentlich nur die Motivation, mit der ich diese Regeln annehme: nicht mehr "um Gottes Willen", sondern um der Menschen willen. Was ja in Lenaers Betrachtungsweise letzlich ohnehin das Gleiche ist.
3) Auf Grund unserer mehr als 2000jährigen Tradition sind oder waren viele unserer Gewohnheiten mit religiösen Vorschriften verknüpft. z.B. ein Abendgebet verrichten, vor dem Essen ein Gebet sprechen usw.). Manche dieser Gewohnheiten wurden bereits von vielen Menschen beiseite gelegt, weil sie keine biblische oder fundamentaltheologische Begründung haben. Völlig zu Recht begegnen wir solchen - teils ähnlichen, teils gleichen - Vorschriften wieder in säkularisierter Form z.B. in Anleitungen für Übergewichtige, sie sollen sich vor dem Essen kurz besinnen, was sie jetzt gerade vorhaben und also bewusst essen. Was ich hier als dritte Aufgabe andeuten möchte, ist, den säkularen Gehalt der religiösen Traditionen zu sichern, bevor man die Traditionen einfach abschafft oder aufgibt.
4) Manche religiös formulierten Texte sollten dringend in eine säkularisierte Sprache übersetzt werden. Ich denke hier exemplarisch an die "Regeln zur Unterscheidung der Geister" von Inigo von Loyola. Als Psychologe wage ich zu sagen, dass diese mehrere hundert Jahre alten Regeln besser, weil differenzierter und subtiler sind als das, was in heutigen Lehrbüchern als Regeln zur Entscheidungsfindung angeboten wird. Die Probleme für viele "Vollsäkularisierte" - so bezeichne ich die Autonomen, die zwar die Wissenschaft, nicht aber eine Spritualität für sich gerettet haben - bestehen darin, dass sie mit religiösen Ausrücken versehene Texte von vorneherein ablehnen, weil sie sie entweder nicht verstehen können oder wollen.
5) Was machen wir mit Dingen, die die säkulare Wissenschaft nicht kennt und das aller Wahrscheinlichkeit nach auch für viele weitere Jahre? Beispiel: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die Wissenschaft weiß es (noch?) nicht. (Die Nahtoderfahrungen sind eben keine echten Todeserfahrungen, sonst wären die Personen ja nicht wieder ins Leben zurück gekommen.) Meine derzeitige Antwort: bei Dingen, die man wissenschaftlich nicht kennt, darf man glauben, was man will, solange bis sie wissenschaftlich vielleicht doch noch geklärt werden. Das ist irgendwie die Umkehrung der in den letzten Jahrhunderten gepfegten heteronomen Grundhaltung: ich glaube alles, wie es mir überliefert wurde, solange mir die Wissenschaft nicht etwas anderes beweist. Dann weiß ich es und brauche es nicht mehr zu glauben.
So viel für den Anfang, Michael Striebel
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