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In der vorkonziliaren katholischen Kirche sozialisiert fühlte ich mich lange, sehr lange Zeit in der katholischen Kirche beheimatet. Mit dem Erwachsenwerden spießte es sich aber zunehmend mit der katholischen Sexualethik: Gedankensünden, Augensünden, den ersten Kuss der Frau deiner Kinder, sündhafte Selbstbefriedigung. Gebetsformulierungen wie „gib, dass kein nächtlich Wahnbild uns erschreckt und unser Körper sich nicht befleckt“ brachten sogar das Phänomen der Pollutio nocturna in ein schiefes Licht. Die Frage, wie ein gesunder unverheirateter Mann dieser Ethik gerecht werden kann, war für mich nicht zu beantworten. In der Ehe war dann bezüglich Familienplanung außer der Wahl der Zeit oder totale Enthaltsamkeit wieder alles sündhaft. Und als ich dann erfahren musste, dass auch das freiwillige „Zölibat um des Himmelsreiches willen“ von vielen, sehr vielen Priestern nicht gelebt werden konnte, Kinder zeugten, sich in Bordellen herumtrieben oder in ihren Ersatzhandlungen in die Homosexualität oder Pädophilie abglitten, gelangte ich zur Überzeugung, dass die offizielle katholische Sexualethik mit der natura hominis nicht kompatibel ist, für gesunde unverheiratete Männer nicht lebbar ist. Diese so im Namen Gottes verkündete Sexualethik schlägt sich diametral mit einem alle Menschen ausnahmslos liebenden Gott. Die wohl grauslichsten Berichte, die mir geschildert wurden: Selbstverstümmelung und Selbstmord von Priestern.
Wenn aber einmal das totale Versagen auf einem Gebiet zweifelsfrei auf der Hand liegt, dann fragt man sich: In welchen Fällen liegt das so genannte kirchliche Lehramt noch daneben? Wie ist das mit der Dokumentation der Selbstoffenbarung Gottes? Da sind doch keine Tonbänder mitgelaufen. Wie kann man ein Gespräch nach einem Jahrhundert in direkter Rede wiedergeben? Wer stellt fest, was göttlich inspiriertes Schreiben ist und was nicht? Da wird per Konzilsbeschluss von einem Gremium gesalbter alter Männer ein zweifellos großer Prophet zur zweiten göttlichen Person erklärt und gleich eine dritte dazu postuliert. Wie war das wirklich mit der Zeugung Jesu? Die biblischen Berichterstatter kannten weder Mikroskop, noch wussten sie um Chromosomensätze, von DNA keine wie immer geartete Ahnung. Sie konnten das göttliche Geschehen nur in der ihnen zur Verfügung stehenden Sprache berichten. Muss man das ganze nun Buchstabe für Buchstabe glauben? Sind auch andere Interpretationen zulässig? Hunderte von Fragen und keine plausiblen Antworten, lauter Dogmen und ebenso viele Geheimnisse. Was ist das für eine Selbstoffenbarung, wenn ohnehin alles Geheimnis bleibt?
Ein Ausblick auf die anderen christlichen Kirchen und hunderten von christlichen Sekten innerhalb und außerhalb dieser Kirchen: Kein Deut besser.
Nachdem aber die Frage, ob etwas und wenn was hinter der sicht- und messbaren Welt steht, für mich schon immer ungemein spannend war und noch immer ist, machte ich mich auf den Weg ein bisschen hineinzuschnuppern, welche Antworten im Laufe der Menschheitsgeschichte auf die Gottesfrage formuliert wurden.
Ich las ein Buch von Dalai Lama (nicht über ihn, sondern von ihm, eine sehr gute deutsche Übersetzung), 3 Bücher über das Judentum. Derzeit beiße ich mich durch ein Buch über den Islam. Das nächste wird voraussichtlich eins über den Hinduismus sein. Auch die altägyptischen und indianischen Glaubensvorstellungen habe ich etwas angeschnuppert und lausche auch mit Begeisterung den Erzählungen meines Sohnes auf was er in seinem Anthropologiestudium schon alles gestoßen ist.
Religionsphilosophisch gesehen: Die Welt ein riesiges ideologisches Kuddelmuddel
Der Artikel von Roger Lenaer hat auch mein Interesse am Christentum wieder geweckt: Eine ganz neue Sicht, unheimlich spannend, umso abstoßender für mich die Apologetik, verbunden mit einem vereinnahmenden missionarischen Anspruch vom Stil der „Normalen Christen“.
Ich bin wahrlich kein Atheist, weil ein solcher auch nur ein Dogmatiker ist, der ganz genau weiß, was es nicht gibt. Wenn ich mich aber auf eines der tradierten Gottesbilder in diesem globalen Pantheon festlegen müsste, müsste ich mich als Agnostiker bezeichnen. Wenn es aber erlaubt ist, hinter der sicht- und messbaren Welt noch etwas zu erahnen, ohne etwas über das Sein dieses Etwas verbindliche Aussagen machen zu müssen, dann schaue ich mir gerne die Gottesbilder in diesem globalen Pantheon an, Lenaers Gottesbild ist dann ein für mich zwar ein sehr interessantes, aber auch nur eins von vielen, zu meinem Glaubensbekenntnis erhebe ich es bis auf weiteres noch nicht.
Im Übrigen bin ich ein unverbesserlicher Pragmatiker: Wenn ich mich nach dem physischen Tod selber und Gott, wie immer er sein mag, noch wahrnehmen kann, dann hoffe ich auf Barmherzigkeit, denn so rund war mein Leben trotz allem Bemühen auch wieder nicht und ich werde es erwarten können. Wenn nicht, kann ich es auch nicht ändern. Dieser Pragmatismus ermöglicht es mir, mich am letzten Rest, der mir jetzt noch bleibt, zu erfreuen, noch etwas im Sinne einer Schadensbegrenzung für die nach mir zu bewegen. Missionare, die aus mir einen Heiligen schnitzen wollen, lasse ich aber keine mehr an mich heran. Ihre Schnitzmesser sind mir zu oft ins „Fleisch“ geraten. Wenn an mir geschnitzt werden soll, dann rede ich mit.
Beitrag geändert von: Franz Schallhas, am: 16.01.2009 16:41
Beitrag geändert von: Franz Schallhas, am: 16.01.2009 16:43
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