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Re: Die Welt als Pantheon mit seinen Gottesbildern
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Michael StriebelBewertung: 2
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Was kommt nach Lenaers? |
13.01.2009 07:14 |
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Zunächst möchte ich mich für diese Gedanken - ich kenne bis jetzt nur den zwölfseitigen Vortrag, den man von dieser Website herunterladen kann - bedanken. Es ist für mich eine große Erleichterung, das zu lesen, was ich in den letzten zwanzig Jahren gedacht und gefühlt habe. Nicht immer habe ich Verständnis gefunden, wenn ich ähnliche Gedanken geäußert habe.
Die Annahme einer radikalen Säkularisierung und die gleichzeitige "Verinnerlichung" des Gottesbegriffes werfen (teilweise alte) Fragen auf, die ich im erwähnten Vortrag nicht finden konnte:
1) Wie kann man noch die normale Liturgie in einer katholischen Kirche mitfeiern? An mehreren Stellen kommt das Opferdenken durch (z.B. "Der Herr nehme das Opfer an zum Lob und Ruhm seines Namens..."). Brauchen wir nicht eine ziemlich große Liturgiereform?!
2) Wenn die Bibel nicht heteronom von "oben" in diese Welt gekommen ist und daher als "externes" Wort Gottes geglaubt werden muss, wird man sich fragen müssen, wie nähert man sich nun diesen Texten? Wenn z.B. die 10 Gebote nicht direkt von Gott kommen, welche Legitimität haben sie dann noch? Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die meisten Regeln und Gebote, die in der Bibel vorkommen, auch sozialwissenschaftlich begründbar sind. Ein Beispiel: "Du sollst nicht stehlen!" Gäbe es diese Regel nicht, müsste man sie sofort erfinden, um ein halbwegs geordnetes Leben in sozialen Gemeinschaften sicher zu stellen. In dieser Betrachtungsweise verändert sich eigentlich nur die Motivation, mit der ich diese Regeln annehme: nicht mehr "um Gottes Willen", sondern um der Menschen willen. Was ja in Lenaers Betrachtungsweise letzlich ohnehin das Gleiche ist.
3) Auf Grund unserer mehr als 2000jährigen Tradition sind oder waren viele unserer Gewohnheiten mit religiösen Vorschriften verknüpft. z.B. ein Abendgebet verrichten, vor dem Essen ein Gebet sprechen usw.). Manche dieser Gewohnheiten wurden bereits von vielen Menschen beiseite gelegt, weil sie keine biblische oder fundamentaltheologische Begründung haben. Völlig zu Recht begegnen wir solchen - teils ähnlichen, teils gleichen - Vorschriften wieder in säkularisierter Form z.B. in Anleitungen für Übergewichtige, sie sollen sich vor dem Essen kurz besinnen, was sie jetzt gerade vorhaben und also bewusst essen. Was ich hier als dritte Aufgabe andeuten möchte, ist, den säkularen Gehalt der religiösen Traditionen zu sichern, bevor man die Traditionen einfach abschafft oder aufgibt.
4) Manche religiös formulierten Texte sollten dringend in eine säkularisierte Sprache übersetzt werden. Ich denke hier exemplarisch an die "Regeln zur Unterscheidung der Geister" von Inigo von Loyola. Als Psychologe wage ich zu sagen, dass diese mehrere hundert Jahre alten Regeln besser, weil differenzierter und subtiler sind als das, was in heutigen Lehrbüchern als Regeln zur Entscheidungsfindung angeboten wird. Die Probleme für viele "Vollsäkularisierte" - so bezeichne ich die Autonomen, die zwar die Wissenschaft, nicht aber eine Spritualität für sich gerettet haben - bestehen darin, dass sie mit religiösen Ausrücken versehene Texte von vorneherein ablehnen, weil sie sie entweder nicht verstehen können oder wollen.
5) Was machen wir mit Dingen, die die säkulare Wissenschaft nicht kennt und das aller Wahrscheinlichkeit nach auch für viele weitere Jahre? Beispiel: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die Wissenschaft weiß es (noch?) nicht. (Die Nahtoderfahrungen sind eben keine echten Todeserfahrungen, sonst wären die Personen ja nicht wieder ins Leben zurück gekommen.) Meine derzeitige Antwort: bei Dingen, die man wissenschaftlich nicht kennt, darf man glauben, was man will, solange bis sie wissenschaftlich vielleicht doch noch geklärt werden. Das ist irgendwie die Umkehrung der in den letzten Jahrhunderten gepfegten heteronomen Grundhaltung: ich glaube alles, wie es mir überliefert wurde, solange mir die Wissenschaft nicht etwas anderes beweist. Dann weiß ich es und brauche es nicht mehr zu glauben.
So viel für den Anfang, Michael Striebel
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Franz SchallhasBewertung: 1
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Die Welt als Pantheon mit seinen Gottesbildern |
16.01.2009 16:37 |
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In der vorkonziliaren katholischen Kirche sozialisiert fühlte ich mich lange, sehr lange Zeit in der katholischen Kirche beheimatet. Mit dem Erwachsenwerden spießte es sich aber zunehmend mit der katholischen Sexualethik: Gedankensünden, Augensünden, den ersten Kuss der Frau deiner Kinder, sündhafte Selbstbefriedigung. Gebetsformulierungen wie „gib, dass kein nächtlich Wahnbild uns erschreckt und unser Körper sich nicht befleckt“ brachten sogar das Phänomen der Pollutio nocturna in ein schiefes Licht. Die Frage, wie ein gesunder unverheirateter Mann dieser Ethik gerecht werden kann, war für mich nicht zu beantworten. In der Ehe war dann bezüglich Familienplanung außer der Wahl der Zeit oder totale Enthaltsamkeit wieder alles sündhaft. Und als ich dann erfahren musste, dass auch das freiwillige „Zölibat um des Himmelsreiches willen“ von vielen, sehr vielen Priestern nicht gelebt werden konnte, Kinder zeugten, sich in Bordellen herumtrieben oder in ihren Ersatzhandlungen in die Homosexualität oder Pädophilie abglitten, gelangte ich zur Überzeugung, dass die offizielle katholische Sexualethik mit der natura hominis nicht kompatibel ist, für gesunde unverheiratete Männer nicht lebbar ist. Diese so im Namen Gottes verkündete Sexualethik schlägt sich diametral mit einem alle Menschen ausnahmslos liebenden Gott. Die wohl grauslichsten Berichte, die mir geschildert wurden: Selbstverstümmelung und Selbstmord von Priestern.
Wenn aber einmal das totale Versagen auf einem Gebiet zweifelsfrei auf der Hand liegt, dann fragt man sich: In welchen Fällen liegt das so genannte kirchliche Lehramt noch daneben? Wie ist das mit der Dokumentation der Selbstoffenbarung Gottes? Da sind doch keine Tonbänder mitgelaufen. Wie kann man ein Gespräch nach einem Jahrhundert in direkter Rede wiedergeben? Wer stellt fest, was göttlich inspiriertes Schreiben ist und was nicht? Da wird per Konzilsbeschluss von einem Gremium gesalbter alter Männer ein zweifellos großer Prophet zur zweiten göttlichen Person erklärt und gleich eine dritte dazu postuliert. Wie war das wirklich mit der Zeugung Jesu? Die biblischen Berichterstatter kannten weder Mikroskop, noch wussten sie um Chromosomensätze, von DNA keine wie immer geartete Ahnung. Sie konnten das göttliche Geschehen nur in der ihnen zur Verfügung stehenden Sprache berichten. Muss man das ganze nun Buchstabe für Buchstabe glauben? Sind auch andere Interpretationen zulässig? Hunderte von Fragen und keine plausiblen Antworten, lauter Dogmen und ebenso viele Geheimnisse. Was ist das für eine Selbstoffenbarung, wenn ohnehin alles Geheimnis bleibt?
Ein Ausblick auf die anderen christlichen Kirchen und hunderten von christlichen Sekten innerhalb und außerhalb dieser Kirchen: Kein Deut besser.
Nachdem aber die Frage, ob etwas und wenn was hinter der sicht- und messbaren Welt steht, für mich schon immer ungemein spannend war und noch immer ist, machte ich mich auf den Weg ein bisschen hineinzuschnuppern, welche Antworten im Laufe der Menschheitsgeschichte auf die Gottesfrage formuliert wurden.
Ich las ein Buch von Dalai Lama (nicht über ihn, sondern von ihm, eine sehr gute deutsche Übersetzung), 3 Bücher über das Judentum. Derzeit beiße ich mich durch ein Buch über den Islam. Das nächste wird voraussichtlich eins über den Hinduismus sein. Auch die altägyptischen und indianischen Glaubensvorstellungen habe ich etwas angeschnuppert und lausche auch mit Begeisterung den Erzählungen meines Sohnes auf was er in seinem Anthropologiestudium schon alles gestoßen ist.
Religionsphilosophisch gesehen: Die Welt ein riesiges ideologisches Kuddelmuddel
Der Artikel von Roger Lenaer hat auch mein Interesse am Christentum wieder geweckt: Eine ganz neue Sicht, unheimlich spannend, umso abstoßender für mich die Apologetik, verbunden mit einem vereinnahmenden missionarischen Anspruch vom Stil der „Normalen Christen“.
Ich bin wahrlich kein Atheist, weil ein solcher auch nur ein Dogmatiker ist, der ganz genau weiß, was es nicht gibt. Wenn ich mich aber auf eines der tradierten Gottesbilder in diesem globalen Pantheon festlegen müsste, müsste ich mich als Agnostiker bezeichnen. Wenn es aber erlaubt ist, hinter der sicht- und messbaren Welt noch etwas zu erahnen, ohne etwas über das Sein dieses Etwas verbindliche Aussagen machen zu müssen, dann schaue ich mir gerne die Gottesbilder in diesem globalen Pantheon an, Lenaers Gottesbild ist dann ein für mich zwar ein sehr interessantes, aber auch nur eins von vielen, zu meinem Glaubensbekenntnis erhebe ich es bis auf weiteres noch nicht.
Im Übrigen bin ich ein unverbesserlicher Pragmatiker: Wenn ich mich nach dem physischen Tod selber und Gott, wie immer er sein mag, noch wahrnehmen kann, dann hoffe ich auf Barmherzigkeit, denn so rund war mein Leben trotz allem Bemühen auch wieder nicht und ich werde es erwarten können. Wenn nicht, kann ich es auch nicht ändern. Dieser Pragmatismus ermöglicht es mir, mich am letzten Rest, der mir jetzt noch bleibt, zu erfreuen, noch etwas im Sinne einer Schadensbegrenzung für die nach mir zu bewegen. Missionare, die aus mir einen Heiligen schnitzen wollen, lasse ich aber keine mehr an mich heran. Ihre Schnitzmesser sind mir zu oft ins „Fleisch“ geraten. Wenn an mir geschnitzt werden soll, dann rede ich mit.
Beitrag geändert von: Franz Schallhas, am: 16.01.2009 16:41
Beitrag geändert von: Franz Schallhas, am: 16.01.2009 16:43
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Michael StriebelBewertung: 2
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Re: Die Welt als Pantheon mit seinen Gottesbildern |
20.01.2009 15:22 |
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Lieber Franz, genieße die Jährchen die dir noch bleiben und liebe dich selbst. Der Rest gibt sich beinahe von alleine - und wenn du einmal nicht mehr hier sein solltest, dann tragen wir deine Fackeln weiter. Michael Striebel
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Willigis Jäger |
20.01.2009 15:30 |
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Wenn man sich erst einmal auf den Weg macht, wird man rasch auf Ähnliches hingewiesen. So ergeht es mir wenigstens. Derzeit lese ich "Die Welle ist das Meer" von Willigis Jäger. Er formuliert ähnliche Gedanken wie Roger Lenaers - vielleicht sogar noch ein bisschen radikaler.
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