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Startseite • Zeitung • Ausgabe Nr. 58 / Juni 2008 • SEITE FÜR DIE SEELE
SEITE FÜR DIE SEELE PDF Drucken E-Mail
23.07.2008, Martha Heizer
Die sieben (neuen) Todsünden

Stolz, Unmäßigkeit, Trägheit, Wolllust, Neid, Zorn und Geiz wurden vor 1500 Jahren von Papst Gregor dem Großen als die sieben zur Verdammnis führenden Todsünden propagiert, als Verhaltensweisen also, die todbringend sind. Thomas von Aquin und Dante haben später ihre Beiträge dazu geliefert.

Papst Benedikt meint nun, es sei Kennzeichen unserer Zeit, dass wir allmählich das überkommene Bewusstsein von Sünde verlieren. Es sei nämlich eine Tatsache, dass unsere heutige Kultur ausgerechnet die althergebrachten Todsünden zelebriere: Eltern sehen z.B. Stolz als Erziehungsmittel an, ihren Kindern Selbstwertgefühl zu vermitteln. Wolllust gehört zur Verkaufsstrategie von Boulevardzeitungen und Autokonzernen, die eine nackte Schöne auf die neueste Limousine setzen, um Kauflust zu wecken. Zorn über ungerechte soziale Zustände kann heutzutage sehr wohl gerechtfertigt sein und mancheR stressgeplagte ManagerIn wäre für Zeiten der Trägheit ungemein dankbar, da sie Erholung bedeuteten.

Bischof Gianfranco Girotto, zuständig für Sünde und Buße im Vatikan, stellt fest, dass „man Gott nicht nur beleidigt, indem man stielt, flucht oder die Frau des Nachbarn begehrt“, sondern indem man die Umwelt verschmutzt, Menschen klont, Drogen nimmt, soziale Ungerechtigkeit verursacht oder stinkreich wird. Die Liste neuen Todsünden lautet demnach:
VIII) Genmanipulation, 
IX) Experimente am Menschen (z.B. Klonen), 
X) Umweltverschmutzung, 
XI) Verursachen von sozialer Ungerechtigkeit,
XII) Verursachen von Armut, 
XIII) ungeheurer (obszöner) Reichtum, 
XIV) Drogenhandel und -konsum.

Todsünden sind ursprünglich Verfehlungen des Einzelmenschen. In unserer heutigen globalen Kultur haben sie aber auch massive soziale, möglicherweise sogar gesamtgesellschaftliche verheerende Auswirkungen. Bischof Girotto meint daher, dass man ihnen heute unbedingt mehr Aufmerksamkeit schenken muss. Sie sind global und nicht nur regional oder individuell.

Ursprünglich wiesen uns die Todsünden darauf hin, dass sie uns trennen von unse-ren Mitmenschen und damit von Gott, und wir seine Gnade verlören.  Die neuen hingegen entfremden uns zusätzlich von einer großen Zahl von Mitmenschen. Dadurch bekommen unsere Vergehen irgendwie etwas Unpersönliches. Wenn ich nämlich weiterhin jeden Kilometer mit dem Auto fahre, keinen EZA Kaffee auf Fair-Trade Basis kaufe, sehe ich nicht unmittelbar, wem ich damit schade. Bei den traditionellen Todsünden ist das sehr wohl der Fall: Wenn ich mit der/dem PartnerIn meines Nachbarn Ehebruch begehe, wird das wahrscheinlich sehr bald schlimme und spürbare Konsequenzen habe. Wenn ich jemandem was aus Neid stehle, zu faul bin, meine Arbeit zu tun, dann auch. 

Deshalb hat bereits Mahatma Ghandi versucht, bei seiner Version der Todsünden den privaten Aspekt mit dem sozialen zu verknüpfen:
1) Reichtum ohne Arbeit 
2) Vergnügen ohne Rechenschaft 
3) Wissenschaft ohne Menschlichkeit 
4) Wissen ohne Verantwortung 
5) Politik ohne Prinzipien   
6) Wirtschaft ohne Gewissen 
7) Gottesverehrung ohne Opfer

Vermutlich kann man alle diese „neuen“ Todsünden tatsächlich auf die „alten“ zurückführen. Wichtig ist allerdings der erweiterte Blick: Die Verantwortung liegt sehr wohl beim Einzelmenschen. Die Verpflichtung, sich um Andere zu kümmern, ist aber genauso wichtig wie um seine eigene Seele. Und da hat sich der Blick in unserer globalen Welt geweitet.

(Der Artikel ist teilweise die Übersetzung eines TIME Essays vom März 2008)