Ungehorsam
22.10.2011, Hans Rotter SJ
Anmerkungen

Von Ignatius von Loyola wird berichtet, dass er einmal von Rom aus einem Oberen anderswo einen Befehl erteilte, der der Sache nach nicht angemessen war. Die Obere führte den Befehl aus. Als aber Ignatius inzwischen zu der Einsicht gekommen war, dass dieser Befehl der Situation nicht ausreichend Rechnung trug, tadelte er den Oberen, dass er den Befehl ausgeführt hatte, obwohl er es doch besser hätte wissen müssen.

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Freilich ist es bequemer, sich an eine klare Linie zu halten, etwa im Sinne einer blinden Gefolgschaft gegenüber einer Autorität. Aber es kann leicht sein, dass man gerade dadurch schuldig wird, weil man dann Fehlentscheidungen mit zu verantworten hat.

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Wir müssen lernen, dass die Autonomie der sittlichen Persönlichkeit verlangt, dass man auch seine Unterordnung unter eine legitime Autorität nach dem eigenen Urteil prüft und verantwortet. Hier kann durchaus einmal Ungehorsam geboten sein. Ungehorsam ist nicht bloß in einer Ausnahmesituation legitim, sondern in gewisser Hinsicht eine Tugend, die die moderne demokratische Gesellschaft verlangt.

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Kritik ist nicht immer als Unbotmäßigkeit gegenüber einer legitimen Obrigkeit und als etwas moralisch Verwerfliches zu verstehen, sondern auch als Partizipation an der Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl, die nicht exklusiv der Obrigkeit zukommt, sondern eben auch jedem Mitglied der Gemeinschaft.

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Nicht jeder Mensch, auch nicht jede Autorität kann die Komplexität einer Situation immer voll überschauen. Dadurch werden auch Willensäußerungen einer kompetenten Autorität oft eine Vereinfachung darstellen und der Gegebenheit nicht voll gerecht werden. Dieser Mangel kann unerheblich sein, er kann aber auch die Qualität des Unrechts haben. Dann ist es wichtig, diesen Mangel aufzuzeigen und in einer konstruktiven Kritik zur besseren Lösung beizutragen.

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Idealer Gehorsam setzt ideale Autoritätsausübung voraus, soweit die überhaupt möglich ist. Optimale Autoritätsausübung ist jedenfalls unter heutigen Bedingungen nur bei einem ausreichenden Maß an Dialog zwischen Leitung und Basis, bzw. in einem ausreichenden Maß an Mitsprache möglich.

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Es ist wichtig, an der Unterschiedlichkeit der theologischen Qualifikation festzuhalten, wie es ja auch die traditionelle Theologie getan hat. Wenn man in theologischen Fragen ohne Unterscheidung sehr strenge Forderungen des Gehorsams stellt, dann führt das zu einem Auseinanderklaffen zwischen dem, was die Katholiken äußerlich annehmen müssen und dem, was sie innerlich denken. Das führt dann auch zu einer Beeinträchtigung der Glaubwürdigkeit und Autorität der Kirche.

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Die Geschichte ist ein großes Lehrbuch. Wir sollten nicht vergessen was geschehen ist, um künftig Fehler zu vermeiden und es besser machen zu können. Widerspruch in solchen Fragen zeigt letztlich die Sorge um das Wohl der Menschen, auch um das Wohl der Kirche.

Hans Rotter SJ, Moraltheologe