Der Vatikan stellt das nachsynodale apostolische Papst-Schreiben „Amoris Laetitia“ (Freude der Liebe) vor.

Das in neun Kapitel unterteilte 190 Seiten starke Schreiben vom 8. April lässt Raum für Interpretationen. Die sechs zentralen Punkte sind:1. Nicht immer nur Rom: „Nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen [müssen] durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden“ (AL 3). 2. Realismus: Es sind „Urteile zu vermeiden, welche die Komplexität der verschiedenen Situationen nicht berücksichtigen […] Ein allzu abstraktes theologisches Ideal der Ehe [...], das fast künstlich konstruiert und weit von der konkreten Situation und den tatsächlichen Möglichkeiten der realen Familien entfernt ist“, ist zu vermeiden (AL 36). Idealismus führt dazu, dass die Ehe nicht als das gesehen wird, was sie ist, nämlich ein „dynamischer Weg der Entwicklung und Verwirklichung“ (AL 37). 3. Es geht um alle Aspekte der Liebe [„amor“ und nicht „caritas“, Anm. P. W.], Verlässlichkeit und Hingabe über Leidenschaft und Erotik. Sexualität zum Beispiel wird „als eine Teilhabe an der Fülle des Lebens in seiner [Christi] Auferstehung erlebt“. 4. „Es geht darum, alle einzugliedern; man muss jedem Einzelnen helfen, seinen eigenen Weg zu finden, an der kirchlichen Gemeinschaft teilzuhaben, damit er sich als Empfänger einer unverdienten, bedingungslosen und gegenleistungsfreien Barmherzigkeit empfindet“ (AL 297). Hat die Bischofssynode 2015 nur diesen „Weg der Buße" beschrieben, so fügt Franziskus den entscheidenden Satz hinzu: „In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein." Damit ist in individuellen Fällen für wiederverheiratete Geschiedene der Weg zu Beichte und Kommunion offen. 5. „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden“ (AL 37). Außerdem ist der Einzelne zu respektieren, im Gewissen ist er allein mit Gott. „Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen […] berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“ (AL 300). 6. Wider das öffentliche Gezerre: Dem Papst ist bewusst, was für einen innerkirchlichen und medialen Begleitlärm die Bischofssynode hatte. Bereits in seinen beiden Abschlussreden hatte er das kritisiert. Außerdem: Wiederverheiratete sind „keineswegs exkommuniziert“: „Was die Geschiedenen in neuer Verbindung betrifft, ist es wichtig, sie spüren zu lassen, dass sie Teil der Kirche sind, dass sie ‚keineswegs exkommuniziert‘ sind […] , weil sie immer Teil der kirchlichen Communio sind.“ Diese Situationen „verlangen eine aufmerksame Unterscheidung und von großem Respekt gekennzeichnete Begleitung, die jede Ausdrucksweise und Haltung vermeidet, die sie als diskriminierend empfinden könnten. Stattdessen sollte ihre Teilnahme am Leben der Gemeinschaft gefördert werden“, so der Papst. Dazu die Leiterin der zur Kategorialen Seelsorge gehörenden Dienststelle „Plattform für Geschiedene und Wiederverheiratete“ (WIGE): „Der Papst verurteilt oder beurteilt nicht den Status quo der Geschiedenen, sondern sagt: Schaut euch die Geschichten dieser Menschen an“. In weiten Strecken erinnere sie das nachsynodale Schreiben des Papstes an eine 2007 von der WIGE mit Anregungen von Kardinal Christoph Schönborn verfasste Wiener Broschüre, die in der Erzdiözese Wien den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen regelt. Die Broschüre mit ihren „fünf Aufmerksamkeiten“ richtete sich 2007 sowohl an Seelsorger als auch an die Betroffenen. Die aufrechte sakramentale Ehe sei unauflöslich und habe vor Gott die höchste Würde, wird darin gleich vorweg klargestellt. Für Menschen, deren erste Ehe zerbrochen ist, solle aber ein „zweites Gelöbnis“ ohne den Rang einer kirchlichen Eheschließung möglich sein. Dadurch erhalte diese neue Verbindung eine entsprechende Würde. (www.de.radiovaticana.va u. religion.orf. u. DiePresse.com u. KAP und zahlreiche Medien vom 8. 4.; Die Furche vom 14. 4.)

 

 

Weitere aktuelle Hoffnungszeichen

  • Junge Menschen aus dem Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus haben am Wiener internationalen Dialogzentrum KAICIID einen einjährigen „Fellow“-Lehrgang zur Förderung von interkulturellem und interreligiösem Dialog absolviert. Der vatikanische Kurienbischof Miguel Ayuso Guixot und KAICIID-Generalsekretär Faisal bin Muaammar übergaben den 41 jungen Männern und Frauen aus 25 Ländern bei einer Feier ihre Dekrete. Ayuso, der als Sekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog auch Mitglied des KAICIID-Verwaltungsrates ist, rief die jungen Leute dazu auf, in ihren Heimatländern als „aktive Friedensstifter“ tätig zu sein. Der Aufbau einer friedlicheren Welt erfordere interkulturellen und interreligiösen Dialog als wesentliche Bausteine. Interreligiöser Dialog dürfe sich dabei nicht nur unter Religionsführern abspielen, sondern unter „so vielen Gläubigen wie möglich“. Einmal mehr verurteilte der Kurienbischof den Missbrauch von Religion für Gewalt: „Niemand darf den Namen Gottes benutzen, um Gewalt anzuwenden. Im Namen Gottes zu töten, ist ein schweres Sakrileg. Im Namen Gottes zu diskriminieren, ist unmenschlich“, zitierte Ayuso aus einer Rede von Papst Franziskus und betonte, dass es beim Religionsdialog nicht um eine „Vermischung“ von Religion gehe. Alle Beteiligten müssten sich von ihrer „authentischen religiösen Basis“ aus in den Dialog einbringen. Die ausgebildeten „Fellows“ sollen in ihren Heimatländern „Brücken des Dialogs“ bauen, und Projekte entwickeln, wie sie religiöse Verantwortungsträger im interreligiösen Dialog unterrichten könnten. Mittlerweile gibt es mehr als 150 Stipendiaten aus 44 Ländern. Die KAICIID-Fellows würden von Organisationen zunehmend als ExpertInnen für den Religionsdialog hinzugezogen, berichtete Anas Alabbadi, einer der Verantwortlichen des Dialogzentrums. Das KAICIID wird von Vertretern von Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam und Judentum geleitet. (kap u. vn. v. 2. 12.)

     

  • Dass Papst Franziskus die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt radikal ändert, wenn die Bischöfe des Amazonas-Gebiets dies beschließen, sagte der Wiener Theologe Paul Zulehner am 1. Dezember bei einer Veranstaltung in Freiburg. Langfristig solle dieser Weg auch Frauen offenstehen. Er begründet seine Einschätzung mit einer Äußerung des Papstes gegenüber dem emeritierten brasilianisch-österreichischen „Amazonas-Bischof" Erwin Kräutler, die Bischofssynode im kommenden Jahr im Vatikan solle mutige Vorschläge machen. Zulehner sprach von „Modellen an der Peripherie, die weltkirchlich Karriere" machen. Eine solche Dezentralisierung könne die „lähmende Stagnation der katholischen Weltkirche überwinden". Der Theologe verwies auch auf ein von ihm gemeinsam mit dem früheren südafrikanischen Bischof Fritz Lobinger erarbeitetes Positionspapier. Demnach sollen die Gemeinden aus ihrer Mitte Frauen und Männer („personae probatae") benennen, die eine dreijährige seelsorgliche Ausbildung erhalten und dann in ein „Team of Elders" geweiht werden. (kathpress u. kna v. 6. 12.)

     

  • Am 10. Dezember fand wieder der alljährliche „Lichtermarsch für verfolgte Christen“ in Wien statt. Diesmal stand der Schweigemarsch im Zeichen des 70. Jahrestags der Proklamation der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“. Vertreter vieler katholischer und orthodoxer Kirchen nahmen daran teil. Der syrisch-orthodoxe Chor sang das Vaterunser in Aramäisch, der Sprache Jesu. (Christen in Not 01/2019)

     

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