Ökumenische Impulse anlässlich des Besuches des Papstes in Lund (Schweden)

 

Martin Luthers Kritik an Missständen in der damaligen Kirche war in vielen Punkten berechtigt, sagt der Sekretär des Päpstlichen Einheitsrates, Brian Farrell. Luther habe „Missbräuche korrigieren“ und die Kirche „reinigen“ wollen, so der irische Kurienbischof in einem Interview mit der italienischen Zeitung „L’Avvenire“. Die Suche nach einer „heiligeren und lebendigeren Kirche enger am Evangelium Christi“ sei ein „positiver Impuls“. Viele der „Mahnungen“ des Reformators seien im Prozess der Auseinandersetzung „Teil des kirchlichen Lebens selbst“ geworden, so dass Katholiken heute dazu in der Lage seien, sie nachzuvollziehen, meinte Farrel vor der Papstreise ins schwedische Lund. (ascanews u. avvenire u. www.de.radiovaticana.va v. 25. 10.)

 

Papst Franziskus hat vor seiner Reise nach Schweden ein Interview zu Themen der Ökumene gegeben. Einige Zitate daraus: „Vorangehen, miteinander gehen – nicht in starren Perspektiven sich verschließen, denn in denen gibt es keine Möglichkeit zur Reform“, äußerte Franziskus als Vision für seine Schwedenreise, die dem 500-Jahr-Gedenken der Reformation gilt. Luthers Umgang mit der Heiligen Schrift findet die ausdrückliche Wertschätzung von Papst Franziskus. Der Reformator habe „einen großen Schritt getan, als er das Wort Gottes in die Hände des Volkes legte“. Zum Thema der historischen Abspaltung der Reformierten sagte Franziskus, Luther habe eine Geste der Reform in einer für die Kirche schwierigen Zeit gesetzt, er habe „in einer komplexen Situation einen Ausweg“ gesucht. Diese Abhilfe sei dann aber gleichsam erstarrt, erklärte der Papst. Luthers Geste der Reform „ist ein ,Status´ der Trennung geworden und nicht ein ,Prozess´ der Reform der ganzen Kirche, der hingegen grundlegend ist, denn die Kirche reformiert sich immer“. Um die Ökumene heute voranzutragen, ist eine „Ökumene der Tat“ wichtig, „etwas gemeinsam zu tun.“ Ein großes Lob äußerte Papst Franziskus für die lutherische Kirche in Rom, ihren Pfarrer und für die Fragen, die er dort bei seinem Besuch gestellt bekommen hatte. „Und auch der Pastor dieser Kirche ist wirklich gut!“ (www.de.radiovaticana.va v. 28. 10.)

 

Der ökumenische Gottesdienst in Lund war ein historisches Ereignis: Papst Franziskus zog zusammen mit der lutherischen Erzbischöfin Antje Jackelén, dem katholischen Stockholmer Bischof Anders Arborelius und den Spitzenvertretern des Lutherischen Weltbunds in das Gotteshaus ein. „Mehr als fünfzig Jahre lang waren Lutheraner und Katholiken auf einem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft“, sagte eingangs der lutherische Bischof Munib Younan, ein Palästinenser. Er steht seit sechs Jahren an der Spitze des Lutherischen Weltbundes (LWB) mit seinen 145 Mitgliedskirchen und Gemeinschaften. „Mit Freude können wir heute feststellen, dass das, was uns eint, viel mehr ist als das, was uns trennt.“ Kardinal Kurt Koch, der Präfekt des vatikanischen Ökumenerats, nahm den Ball auf: „Dank und Klage, Freude und Reue“, all das spiele beim Rückblick auf die letzten 500 Jahre eine Rolle. „Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle anderen mit“, zitierte schließlich Martin Junge, der Generalsekretär des LWB, den heiligen Paulus. Lutherische Christen wollten sich an die Geschehnisse vor 500 Jahren „nicht ohne die Beteiligung ihrer katholischen Geschwister erinnern“. „Jesus Christus, Herr der Kirche, heile unsere Erinnerungen!“, betete schließlich der Papst. „Hilf uns, die Gaben anzuerkennen, die die Reformation der Kirche gebracht hat, aber auch Reue zu fühlen über die Mauern, die wir gegeneinander hochgezogen haben, und führe uns zu gemeinsamem Zeugnis!“ Die gemeinsame Reue wiederum bezog sich darauf, dass „sich Lutheraner und Katholiken oft mehr auf das Trennende als auf das ihnen Gemeinsame konzentriert haben“ – eine Formulierung von Kardinal Koch. „Wir wollen künftig alles aus der Perspektive der Einheit und nicht der Spaltung betrachten“.Die lutherische Erzbischöfin Jackelén sprach das heikle Thema Interkommunion an. Die volle eucharistische Gemeinschaft sei das Ziel der ökumenischen Bemühungen, sagte sie. Das gemeinsame Dokument, das Younan und der Papst unterzeichneten, sprach sich für verstärktes Nachdenken über Wege zur gemeinsamen Kommunion aus. (www.de.radiovaticana.va v. 31. 10; Der Standard v. 2. 11.; Die Furche v. 3. 11.; JA v.13.11. )

 

Einige Zitate aus der „Gemeinamen Erklärung anlässlich des gemeinsamen katholisch-lutherischen Reformationsgedenkens“ vom 31. Oktober 2016, unterzeichnet vom Papst und vom Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Mounib Younan, im Rahmen des ökumenischen Gebetes in der Kathedrale von Lund: „Mit dieser Gemeinsamen Erklärung bringen wir Gott unsere froe Dankbarkeit für diesen Augenblick des gemeinsamenh Gebets in der Kathedrale von Lund zum Ausdruck und beginnen damit das Gedenken an 500 Jahre Reformation. 50 Jahre ununterbrochener und fruchtbarer ökumenischer Dialog zwischen Katholiken und Lutheranern haben uns geholfen, viele Unterschiede zu überwinden, und haben unser gegenseitiges Verständnis und Vertrauen vertieft. […Wir haben] gelernt, dass das Verbindende größer ist als das Trennende. […] Wir beten um die Heilung unserer Wunden und Erinnerungen, die den Blick aufeinander verdunkeln. […] Im Bewusstsein, dass die Art und Weise, wie wir miteinander in Beziehung treten, unser Zeugnis für das Evangelium prägt, verpflichten wir uns selbst, in der Gemeinschaft, die in der Taufe wurzelt, weiter zu wachsen, indem wir uns bemühen, die verbleibenden Hindernisse zu beseitigen, die uns davon abhalten, die volle Einheit zu erlangen. Christus will, dass wir eins sind, damit die Welt glaubt (vgl. Joh 17,21). Viele Mitglieder unserer Gemeinschaften sehnen sich danach, die Eucharistie in einem Mahl zu empfangen als konkreten Ausdruck der vollen Einheit. Wir erfahren den Schmerz all derer, die ihr ganzes Leben teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart im eucharistischen Mahl nicht teilen können. […] Wir sehnen uns danach, dass diese Wunde im Leib Christi geheilt wird. Dies ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen. Wir wünschen, dass sie voranschreiten, auch indem wir unseren Einsatz im theologischen Dialog erneuern. […] Indem wir einander im Glauben an Christus näher kommen, indem wir miteinander beten, indem wir aufeinander hören und Christi Liebe in unseren Beziehungen leben, öffnen wir uns, Katholiken und Lutheraner, für die Macht des Dreieinen Gottes.“ (www.de.radiovaticana.va v. 31. 10.)

 

Der Papstbesuch im schwedischen Lund war in der Ökumene sicherlich ein Schritt vorwärts. „Das werden wir in einigen Jahren beurteilen können,“ sagte de Vatikan-Korrespondenten Pater Bernd Hagenkord. „Heute würde ich sagen, dass es mich freut, dass diese Feier überhaupt möglich war. Die Trennung besteht weiter, sie wird auch nicht kleingeredet, aber es werden neue gemeinsame Felder der Ökumene entdeckt. Ökumene ist nicht nur für die Kirche da, sondern ist in sich schon Dienst an der Welt. Das ist etwas Neues. Die Abendmahlsfrage ist und bleibt zentral, aber die kann man und darf man nicht übers Knie brechen, dahinter stehen noch weitere Fragen, etwa nach Luthers Begriff von Freiheit oder nach dem Amt in der Kirche. Es war gut zu sehen, dass trotz all dem eine Feier möglich war. Und wenn man sich die fünf ökumenischen Imperative anschaut, dann wirkt hoffentlich der erste weiter: Immer von der Gemeinschaft ausgehen, nicht von der Trennung. Wenn das normaler Umgangston wird, dann war das mehr als nur ein kleiner Schritt vorwärts.“ (www.de.radiovaticana.va v. 1. 11.)

 

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx würdigt die Gemeinsame Erklärung von Lund als „zukunftsweisenden Impuls“. Das am 31. Oktober begonnene Gedenkjahr zu 500 Jahren Reformation sei Anlass, „miteinander auf schuldhaftes Verhalten in der Vergangenheit zu schauen, eigene Fehler zuzugeben und einander um Versöhnung zu bitten“, erklärte Marx in einer Pressemitteilung. „In Deutschland haben wir hier eine besondere Verantwortung. Deshalb werden wir in einem Gottesdienst am 11. März 2017 ökumenisch um Versöhnung bitten.” Die Begegnungen und gemeinsamen Veranstaltungen in Schweden seien „ein starkes Zeichen dafür, wie nah wir uns in der Ökumene bereits gekommen sind“, so Marx. Der Papstbesuch in Lund hat in der Frage der Ökumene nach Einschätzung von Schwedens einzigem römisch-katholischen Bischof, Anders Arborelius, manche Verhärtung gelöst und bei den Lutheranern etwa dazu beigetragen, das Papstamt neu zu sehen. „Die Rolle von Petrus ist es eben, die Einheit zu sichern, die Einheit dieses ganzen Volkes. In Schweden ist die Kirche wirklich katholisch im vollen Sinn: In jeder Pfarrei gibt es Katholiken aus aller Welt. Das ist nicht immer einfach, die Gläubigen kommen aus verschiedenen sozialen Gruppen und Kulturen. Aber alle haben sich vereint gefühlt durch ihn [den Papst]. Das ist das Mysterium der Einheit. Das sage ich immer, wenn ich mit den protestantischen Freunden rede. Und sie verstehen die Rolle des Petrus besser mit dieser Papstvisite.“ (www.de.radiovaticana.va v. 1. und 2. 11.)

 

Der römisch-katholische „Ökumenebischof“ Gerhard Feige sieht die Kirchen in Deutschland am Beginn des Reformationsgedenkjahrs „auf einem hoffnungsvollen Weg“. Eine „ökumenische Lerngeschichte“ sei in den vergangenen Jahren in Gang gekommen, erklärte Feige am 6. November vor der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Magdeburg. „Dass wir nun 2017 miteinander ein Christusfest feiern wollen und uns gemeinsam auf den besinnen, der uns die Einheit schenkt und in dem wir schon eins sind, ist eine Frucht dieser konstruktiven Entwicklung“, betonte der Bischof des Bistums Magdeburg. Als „ökumenischen Höhepunkt“ wertete Feige den Gottesdienst mit Papst Franziskus und dem Präsidenten des Lutherischen Weltbunds, Bischof Munib Younan, am Reformationstag in Lund. Dies zeige, „wie sehr uns allen die Versöhnung ein Herzensanliegen ist“, so Feige. (www.de.radiovaticana.va u. kna v. 6. 11.)

 

 

 

Weitere aktuelle Hoffnungszeichen

  • Der Erzbischof von Rabat, der Spanier Cristóbal López Romero, zieht eine positive Bilanz der Papst-Visite. „Bis jetzt wurde viel von Koexistenz und Toleranz gesprochen, aber der König sagte im Beisein des Papstes, dass Toleranz eigentlich wenig sei. Das bedeutet, dass wir nun zur Freundschaft, zum gegenseitigen Kennenlernen, zur gegenseitigen Bereicherung und zur Zusammenarbeit übergehen können [...] Wir müssen dazu einen qualitativen Sprung im islamisch-christlichen Dialog machen. […] Das ist schon jetzt im Moment ein gemeinsamer Weg. Wir arbeiten für Bildung, für die öffentliche Gesundheit, für die Förderung von Frauen zusammen, Muslime und Christen, und das muss so bleiben. Aber Barmherzigkeit ist kein Selbstzweck: Sie ist der Weg, um als Brüder und Schwestern zu leben.“ Hinderlich auf dem gemeinsamen Weg sei der Verdacht von Muslimen, dass Christen „Proselytismus“ betreiben würden. Der Papst hat das Thema bei einem Treffen mit Priestern und Ordensleuten angesprochen. Erzbischof López erklärt, es gebe leider „Christen, die es nicht verstehen, dass die Kirche keinen Proselytismus betreiben will. […] Schon Benedikt XVI. sagte: Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sondern durch Anziehungskraft, durch Zeugnis. Deshalb geht es uns als Kirche hier in Marokko gut: genau weil Proselytismus verboten ist. […] Ich glaube, dass Marokko eines Tages feststellen wird, dass die Christen, zumindest wir Katholiken, dieses Ziel des Proselytismus nicht haben“, stellt López fest. (vn v. 1. 4.)

     

  • Der Marseiller Erzbischof und Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Georges Pontier, hat zum Kampf gegen Hochmut und Machtstreben unter Priestern aufgerufen. „Papst Franziskus hat Klerikalismus in all seinen Formen als Ausdruck und Hauptursache von Störungen im Leben christlicher Gemeinschaften genannt", sagte er zu Beginn der Frühjahrsvollversammlung in Lourdes. Zu der Missbrauchsproblematik zitiert die Zeitung "La Croix" den Bischof von Grenoble, Guy de Kerimel: „Dem gesamten Episkopat ist bewusst, dass wir eine besonders schwere Krise durchmachen.“ Die Kirche werde nicht mehr wie vorher sein. Mehrere Bischöfe sprechen laut Angaben des Blattes von einem „Reinigungsprozess". (kathpress u. KNA u. vn v. 2. 4.)

     

  • Dass Jerusalem zum „Inbegriff des Friedens“ wird, wünschen sich die Patriarchen und Bischöfe der Heiligen Stadt in ihrer gemeinsamen Osterbotschaft. Der „multireligiöse und multikulturelle Status“ Jerusalems müsse erhalten werden, damit alle abrahamitischen Glaubensbekenntnisse die Stadt als Inbegriff des Friedens und der Ruhe erfahren können. Die Patriarchen und Bischöfe versprechen, „für einen gerechten und dauerhaften Frieden in Jerusalem und in der ganzen Welt“ zu beten, vor allem in Regionen, die von Gewalt und Angst gegen schuldlose Menschen und Gottesdienststätten geprägt sind. Dass die menschliche Würde respektiert und geehrt werden muss, zeige sich besonders an Ostern. Die Menschen seien nach Gottes Bild geschaffen und darum gleich an Würde. (vn v. 17. 4.)

     

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