Helmut Krätzl zum 80. Geburtstag von Johann Weber

25.04.2007, Weihbischof DDr. Helmut Krätzl

 

22. April 2007 – Grazer Dom;

Lesungen vom 3.Sonntag der Osterzeit (L Ijob 12, 7 ff;  Ev Joh 21,4 ff;)

 

Liebe dankbar feiernde Gemeinde!
Lieber Bischof Johannes!

Das Evangelium, das wir gerade gehört haben verlockt, mit Dir, lieber Bischof Johannes gleichsam das prall gefüllte Netz des Fischfangs Deines Lebens ans Land zu ziehen und mit Dir dankbar die großen und kleinen Erfolge zu betrachten, die Dir Gott gelingen ließ.

 

Dazu ist aber hier weder Ort noch Zeit. So habe ich nachgedacht, welches Ereignis in Deinem Bischofsleben Dich wohl am besten charakterisiert. Mir fiel der Abend des 23. Oktober 1998 ein, als Du die Delegiertenversammlung „Dialog für Österreich“ in Salzburg St. Virgil eröffnen musstest, gegen deinen Willen, aber offenbar durch eine Fügung Gottes. Du hast damals die 300 Delegierten, die aus den verschiedensten Denkrichtungen der Kirche kamen, so motiviert, dass fast ein Sprachenwunder eingetreten ist. Auch jene, die sich vorher fast den rechten Glauben abgesprochen haben, hörten aufeinander und konnten auf einmal voll Achtung miteinander reden. Das hat uns gezeigt, dass Du ein Mann des Dialogs bist. Als solchen möchte ich Dich in dieser Stunde für uns alle als Vorbild hinstellen. Das scheint mir so wichtig, weil der Dialog so vielfach in der Gesellschaft und sogar in der Kirche gestört ist, obwohl er Grundlage unseres Glaubens ist und Grundauftrag der Kirche in dieser Welt. Paul VI hat dies 1964 in seiner Antrittsenzyklika „Ecclesiam suam“ so eindrucksvoll beschrieben: "Ehrwürdige Brüder, der Dialog liegt im Plane Gottes selbst". Religion, Gebet, Offenbarung, Menschwerdung seines Sohnes, Heilsgeschichte insgesamt sind Ausdruck des von Gott aus freien Stücken, in Liebe eröffneten Dialogs. Diesen Dialog vor Augen müssen wir erkennen, "welche Beziehung wir, das heißt die Kirche, mit der Menschheit anzubahnen und zu fördern" haben.

Bischof Weber, ein Mann des Dialogs. Das lag schon in seinem Wesen. Aber er ging auch in die harte Schule des Dialogs. Als Kaplan in den Pfarren Kapfenberg und Köflach erlebte er, wie Dialog fast unmöglich ist, wenn tiefe Wunden politischer und ideologischer Kämpfe, wie sie zwischen Kirche und Arbeiterschaft aufgebrochen waren, noch nicht verheilt sind. Vielleicht hat er aber damals auch von der Katholischen Arbeiterjugend viel gelernt, deren engagierter Seelsorger er war. Eine Arbeiterjugend, die in den 50er Jahren im Geiste Josef Cardjns das Evangelium selbst in den Fabriken zum Dialog gebracht hat. Die beste Schule für den Dialog war für Weber aber wohl die Zeit als Pfarrer. Als Pfarrer ist man herausgefordert zum vorurteilslosen Gespräch mit allen Schichten des Volkes, vom Kleinkind bis zum Sterbenden. Da traf er auf die kritischen Fragen der Akademiker genauso wie auf den schlichten Glauben einfacher Leute. Bischof Johannes! Du bist auch als Bischof, wie damals in St. Andrä, immer „Pfarrer“ geblieben. Diese Erfahrung hast Du manchen Mitbrüdern im Bischofsamt voraus. Das zeigtest Du in deinem brüderlichen Umgang mit Priestern, Pastoralassistenten, Religionslehrern, die Du fast alle beim Namen kanntest und die Diözese gleichsam wie eine große Pfarrfamilie führtest. Ich erinnere mich gut an eine der großen Versammlungen der Religionslehrer zu Beginn des Arbeitsjahres, wo ich referieren durfte und Du dann herzlich einladend zu Katecheten sagtest: „Kommt, jetzt fangen wir gemeinsam an!“

Die Hohe Schule des Dialogs aber war für unsere Generation – ich darf mich dazu zählen, ich bin ja nur um vier Jahre jünger – das II. Vatikanische Konzil. Johannes XXIII. hatte zum umfassenden Dialog aufgerufen. Die Durchführung des Konzils selbst war "Dialog“, zwischen Konzilsvätern und ihren Theologen, mit den "Beobachtern" aus anderen christlichen Kirchen, schließlich mit der "Welt" in Form einer bislang noch nie dagewesenen medialen Kommunikation. Weber hat das Konzil als Stadtpfarrer in Graz miterlebt. Dort erlebte er die Aufbruchsstimmung, hohe, zum Teil auch überzogene Erwartungen, aber auch manche Ängste, da so viel anders zu werden schien. Das Konzil hat ihn für alle künftigen Aufgaben geprägt und uns beide – ich darf es sagen – in der Sorge verbunden, dass der mutige Schritt nach vorn doch nicht gehemmt werde.

Aber Dialog ist immer auch Wagnis, kommt in Krisen. Das erlebte Paul VI schmerzhaft, als er nach dem Tod Johannes XXIII das Konzil, das sich zu spalten drohte, weiterführen wollte. Daher schrieb er seine erste Enzyklika, seine "Regierungserklärung", über den Dialog. „Die Kirche muss ihr eigenes Bewusstsein vertiefen“, sagte er, „ihr tatsächliches Antlitz mit ihrem Idealbild vergleichen und schließlich als Folge daraus den Dialog mit der Welt aufnehmen.“ Ja, die Kirche macht sich selbst „zur Botschaft, zum Dialog". Dann nennt der Papst die Adressaten für den Dialog: die Welt, die Monotheisten, die anderen christlichen Kirchen und schließlich den Dialog im eigenen Haus, und er mahnt eindringlich, dass dieser Dialog im eigenen Haus "mit Eifer und Familiengeist gepflegt werde".

Der Dialog im eigenen Haus, also innerhalb unserer Kirche, war dann für Bischof Weber künftig die große Herausforderung seines Bischofslebens. Als er am 10. Juni 1969 zum Bischof von Graz-Seckau ernannt wurde, fand er eine tief gespaltene Diözese vor. Vor allem die Priesterschaft war gespalten. Das hat wohl Bischof Schoiswohl zur vorzeitigen Aufgabe seines Amtes bewogen und den neuen Bischof, der jeglicher Spaltung abhold war, zu tiefst schockiert. Kirche soll Zeichen und Werkzeug für die innerste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit sein, hat uns das Konzil gelehrt. Und sakramental bilden Bischof und Priester durch die gemeinsame Teilhabe am einen Priestertum Jesu Christi das eine Presbyterium. Aber das wird doch für die Welt nur glaubhaft, wenn diese Einheit auch gelebt wird. Weber, so sagen seine Wegbegleiter, hat keine eigene Strategie entwickelt, sondern den Priestern seine persönliche Wertschätzung zu vermitteln versucht, um sie dadurch in die Mitverantwortung mit dem Bischof einzubeziehen. Der Beginn jeglichen Dialogs ist die Achtung vor dem anderen, das wusste Weber ganz genau.

Kirche als Werkzeug für die Einheit der Menschen überhaupt. Das war sicher auch der Grundgedanke für den Tag der Steiermark 1993. Es war kein Katholikentag, aber von Katholiken getragen, mit den Parteien, mit Kammern und Gewerkschaften und mit den anderen Kirchen abgesprochen und „gefeiert“. Kardinal Lehmann hat damals im Kammersaal einen Vortrag über den Dialog gehalten. Es haben sich gleich zu Beginn drei Dialogregeln herausgebildet: Einander ins Auge schauen. – Etwas zu sagen haben. – Und: Ich höre dich an, ich nehme dich ernst, auch wenn ich dir nicht zustimmen kann. Diese Regeln stammten sicher von Dir, Bischof Johannes. Das ist Deine Sprache. Und sie erinnern mich an jene wunderbaren Dialogregeln, die Ignatius von Loyola 1546 drei Jesuiten, die als Berater am Konzil von Trient teilnehmen sollten, mitgegeben hat. Dialog kann nie von oben herab sein, sondern muss sich auf gleicher Augenhöhe abspielen. Das gilt in der Ökumene, gilt aber auch für den Dialog mit der Welt, mit Fernstehenden, mit der Wissenschaft. Und Zweitens: Dialog ist nur sinnvoll zwischen solchen, die etwas zu sagen haben, sonst bleibt er Schall und Rauch. Das bedeutet aber, sich zuerst der eigenen Überzeugung klar zu werden, sie auch verständlich artikulieren zu können, - das hast Du lieber Bischof immer hervorragend beherrscht - aber dann etwas zu sagen, was den anderen angeht, sein Leben trifft und nicht daran vorbeigeht. Und schließlich steht und fällt der Dialog damit, ob man einander ernst nimmt und somit auch Unterschiede ertragen kann. Graz war 1993 eine Stadt voller Gespräche. Und gemeinsam hat man ein Manifest des Lebens entworfen und sogar getanzt. Kirche hat damals die Feuerprobe als Werkzeug für mehr Einheit in aller Öffentlichkeit bestanden. Und Weber hatte den „häuslichen Dialog“ im Hause Steiermark beispielhaft geführt.

Der „häusliche Dialog“ innerhalb der katholischen Kirche Österreichs sollte schwerer werden. Nach dem Abgang von Kardinal König1985 waren heftige Turbulenzen über die Kirche in Österreich hereingebrochen. Kritik loderte vielfach auf. Und im April 1995 wurde diese in einem Kirchenvolksbegehren sogar organisiert. „Sind solche, die das tun, noch auf dem Boden der Kirche?“, fragte man sogar in der Bischofskonferenz. Weber wurde gerade zu dieser Zeit zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewählt. Das Kirchenvolksbegehren drängte nach einer österreichweiten öffentlichen Auseinandersetzung. Weber sah das Gespenst einer Spaltung. Er fürchtete, die katholische Kirche in Österreich drifte auseinander. Vorschnelle Verurteilung oder gar Ausgrenzung war nie Webers Sache. Wohl aber Dialog. Da kam ihm die Idee einer Wallfahrt nach Mariazell. Eine Wallfahrt der Vielfalt unter dem Motto „streiten und beten“. Da wurde uns klar, dass Weber keinesfalls nur „harmoniesüchtig“ ist, wie es manchen schien. Damals beklagte er sogar das Einstimmigkeitsprinzip in der Bischofskonferenz. „Wir waren zu salbungsvoll von dem hohen Gedanken beherrscht, wir müssen in der Bischofskonferenz alles einstimmig machen Das war ein Fehler.“ Es müssen auch bei Meinungsverschiedenheiten Entscheidungen fallen.

Die guten Erfahrungen in Mariazell ermutigten, für Oktober 1998 eine Delegiertenversammlung nach Salzburg einzuladen. Die Vorbereitung trug Webers Handschrift. Aber er wollte dieses Ereignis nicht als seine „eigener Sache“ erscheinen lassen, sondern in die Hände anderer legen und so trat er im April davor als Vorsitzender zurück. Als am Vorabend der Tagung Kardinal Schönborn, der neue Vorsitzende, plötzlich erkrankte, fiel die ganze Verantwortung wieder auf Weber zurück. Eine Fügung Gottes? Jedenfalls hat Weber der Tagung zu einem Verlauf verholfen, den niemand erwartet hätte.

Was gab diesem Mann die Kraft, immer wieder, trotz mancher Enttäuschung, den Dialog nicht aufzugeben? Einmal seine kommunikative Art, dann die Liebe zu den Menschen, seine große Achtung vor anderer Meinung, aber vor allem seine unerschütterliche Liebe zur Kirche. Schließlich, dass er selbst im Dialog mit Gott blieb. Beim heutigen Evangelium muss ich daran denken, wie oft wohl Johannes Weber in seinem Priesterleben gleichsam vor dem Herrn stand und die Frage hörte:

„ Liebst du mich?“ Er wird diese Frage in jungen Jahren zur Zeit seiner Priesterberufung voll Enthusiasmus beantwortet haben. Zum Bischof ernannt wird er bei der gleichen Frage gezögert haben, im Wissen, was ihm dieses Amt aufbürdet und was sich alles in den Sorgen eines solchen Amtes zwischen ihn und Christus drängen kann. Jetzt aber im vorgerückten Alter steht er erneut vor dem Auferstandenen: „Johannes liebst du mich?“ Er wird wie Petrus innehalten und zögernd sagen: „Herr, du weißt alles in meinem Leben. Mein Bemühen und Versagen, meine Liebe zu deiner Kirche, die manchmal auf die Probe gestellt worden ist, mein ungeduldiges Fragen, warum manches so und so kommen musste und was du uns damit sagen wolltest. Aber du weißt auch, wie sehr ich dich liebe.“

80 Jahre und was nun? Was sagt die Schrift dazu? Zunächst fällt einem der Psalm 90 ein wo es heißt: „Die Zahl unserer Jahre ist 70 und wenn es hoch kommt dann 80. Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin.“ Nein das passt ganz und gar nicht für heute. Bei der Suche nach der Zahl 80 fiel mir dann Mose ein, der gerade 80 war, als er den brennenden Dornbusch entdeckte. Als sozusagen seine heilsgeschichtliche Karriere begann. Das passt auch nicht direkt auf Weber, obwohl der Papst Benedikt sogar 10 Tage älter ist als unser Jubilar. Und doch will ich beim 80 jährigen Mose bleiben. Ich stelle mir vor, dass Bischof Weber wie weiland Mose noch mit 80 hell wach ist, um noch immer nach den Zeichen der Zeit, den Zeichen Gottes Ausschau zu halten. Ich möchte Dich bitten, Bischof Johannes, uns wie Mose zum brennenden Dornbusch vorauszugehen und uns aus Deiner großen Glaubenserfahrung hinzuweisen, wo Gott heute mitten unter uns sichtbar wird und wo das Feuer zu finden ist, das eine erlöschende Glut in uns wieder anfacht. Bischof Johannes! Lehre uns wie Mose, vor dem Heiligen Halt zu machen. Die derben, abgetragenen Schuhe des Alltags abzulegen, um wieder ehrfürchtig stehen und staunen zu können. Stell für uns und für die vielen, die suchen, wie Mose die Frage an Gott: „Wie heißt du?“ Und dann sag uns in der Beredsamkeit Deiner Worte, - die Dir Gott sei Dank geblieben ist - mehr noch aus der erprobten Überzeugung Deines Glaubens: „Hört! Er ist der ‚ich- bin –da’. Seht doch wie er mitten unter euch ist!“ Und dann glaube ich, Bischof Johannes, wie damals eine Stimme aus dem Dornbusch zu hören, die dich auch heute trifft, wie damals Mose: „Jetzt geh und führe mein Volk aus Ägypten!“ Führe uns heraus mit deinen Gebeten und ermunternden Worten aus aller Angst, die uns heute umfängt, aus aller Enge, in die wir uns selbst oft eingeschlossen haben. Führ uns hinaus auf einen Weg, der in ein weites Land führt, das Gott uns gerade jetzt zeigen will. Geh Du uns noch viele Jahre voran und zeig uns den Weg durch manche Wüste. Bischof Johannes! Wir brauchen Dich noch lange! Geh uns voran und führe uns. Du kannst sicher sein, wir gehen in Dankbarkeit und großer Freude mit Dir!

 

 

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