Papa Francesco, Nach dem Konklave 2013

Im Rahmen einer Predigt nahm der Fundamentaltheologe und Religionsphilosoph Prof. Dr. Klaus Müller in der Münsteraner Dominikanerkirche zur Wahl des neuen Bischofs von Rom Stellung:

 

I. „Fratelli e sorelle, buona sera!“ Noch nie hat ein Pontifikat mit so einfachen und persönlichen Worten begonnen. Aber am letzten Mittwochabend war das so. Nach einem extrem kurzen Konklave und dem fünften Wahlgang sprach der Kardinaldiakon Tauran das berühmte „Annuntio vobis gaudium magnum: Habemus papam“. Dann ging der rote Vorhang auf der Mitteloggia von St. Peter auf. Und heraustrat Jorge Maria Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires in Argentinien, als Papst Franziskus.

 

II. Aber wie er das tat! Fratelli e sorelle, buona sera! Guten Abend, Brüder und Schwestern. Und dann meinte er, die Kollegen Kardinäle hätten ihn vom Ende der Welt hierher als Bischof von Rom berufen. Weshalb neben ihm – völlig ungewöhnlich – auch der Kardinalvikar stand, der faktisch die Amtsgeschäfte des Bistums Rom führt. Kein einziges Mal nahm er das Wort „Papst“ in den Mund.

 

Und dann die Ästhetik, die Bilder, die gerade unter Benedikt XVI. so ungeheuer wichtig geworden waren: „Arriva il papa nudo“, titelte eine italienische Zeitung: Der Papst kommt nackt daher. Und in der Tat: Franziskus trat auf die Loggia einzig mit der weißen Soutane bekleidet und dem Brustkreuz aus Eisen, das er seit seiner Zeit als Weihbischof trägt. Keine rote Mozetta (das ist der Schulterumhang) aus Samt, kein Hermelinbesatz, keine überreich verzierte Stola, nichts. Auf Youtube kann man das mit den vorherigen Pontifikatsauftritten wunderbar vergleichen. Einfach so. Und dann spricht er zu den Hunderttausend auf dem Petersplatz über den gemeinsamen Weg, den sie und er zu suchen hätten. Er betet mit den Leuten für seinen Vorgänger. Und vor dem ersten großen Segen „Urbi et orbi“ bittet er das Volk Gottes zu seinen Füssen, zuerst für ihn zu beten. Er neigt sich tief, unglaubliches Schweigen breitet sich über den Petersplatz. Dann erst lässt er sich vom Zeremoniar Guido Marini die Stola reichen, nach dem Segen legt er sie sofort wieder ab. Marini wirkt völlig derangiert, die Backen vor Aufregung rot, noch dazu in den albernen vorkonziliaren Klamotten eines Päpstlichen Protonotars. „Salice piangente“ nennen sie ihn schon länger in der Kurie, „Weinerliches Würstchen“. Seine Tage dürften gezählt sein. Und dann wünscht Papst Franziskus den Menschen auf der Piazza San Pietro „un buon riposo“ – Schlaft gut. Und „a presto“ – bis bald, fügt er an.

 

III. Sofort wittern ein paar Superschlaue wie der Münchener Kollege Friedrich-Wilhelm Graf an der evangelischen Fakultät München, ohne Zweifel eine Kapazität in der Nachbardisziplin, dass da einer Bescheidenheit inszeniere, um seiner Eitelkeit genüge zu tun. Bei allem Respekt, Kollege Graf: voll daneben. Denn die Story ging auch offline, also abseits der Öffentlichkeit genauso weiter.
 

Ich erzähle im Telegrammstil:
Nach dem Segen gings für die Teilnehmer des Konklave zurück in die Unterkunft im Gästehaus Santa Marta. Für die Kardinäle warteten Busse, für den neuen Papst standesgemäß eine schwere Mercedes-Limousine. Und was macht Francesco? Lässt die Karre stehen und steigt mit den anderen in den Bus. Die Zeitung Repubblica hat das Foto davon veröffentlicht, das wohl ein Kardinal heimlich mit seinem Handy aufgenommen hat. Seitdem hängt nach fast dreißig Jahren als Priester und vierzig Jahren als Theologe zum ersten Mal ein Papstfoto in meinem Arbeitszimmer.

 

Am folgenden Tag ging das genauso weiter: Franziskus besuchte gleich am Vormittag Santa Maria Maggiore, um dort vor der uralten Marien-Ikone, dem römischen Heiligtum par excellence, zu beten und ein paar Blumen niederzulegen. Er kam nicht mit großer Entourage, sondern mit ganz wenigen Begleitern in einem einfachen Wagen der vatikanischen Gendarmerie. Und am Rückweg hielt er den Fahrer zu einem Umweg an. Der führte zur Casa del Clero in der Via della Scrofa nicht weit von der Engelsburg, wo Bergoglio vor Beginn des Conclave wohnte. Er stieg aus, holte seinen dort deponierten Koffer, bedankte sich beim Personal, ging an die Rezeption und bezahlte persönlich die Rechnung. Auch davon gibt es Fotos in der Presse: Der Nachfolger Petri in weißer Soutane stützt sich auf den Tresen und wartet wie sonst unsereiner auf die Rechnung. Rechtskonservative Internetseiten schäumen deswegen schon – wegen Würdelosigkeit und so. Verwundern kann dann eigentlich gar nicht mehr, dass er bei der ersten Messe mit den Wahlkardinälen später nicht sitzend, sondern stehend und ohne Mitra frei nicht eine Regierungserklärung, sondern eine einfache Predigt hielt, die vom Kreuztragen handelte.

 

IV. Jetzt denken Sie vermutlich: O Gott, kann das gut gehen? Warum verklärt der den Neuen so? Keine Sorge. Ich sehe wie viele andere, dass der neue Papst lehrmäßig gesehen genauso konservativ ist wie sämtliche Andere im Kardinalskollegium. Mit der Theologie der Befreiung hatte er nie etwas am Hut. Im Gegenteil kleben ihm da hinsichtlich des Kontaktes zur argentinischen Militärdiktatur Fragen an, die aufwühlend sind – aber die er bislang auf eine Weise zu beantworten wusste, die ihn klar eine Unschuldsvermutung zu beanspruchen erlaubt.

 

Auch in all den Fragen, die die nordeuropäischen und die nordamerikanische Kirche umtreiben – geschiedene Wiederverheiratete, Homosexualität, Frauen in Ämtern, Zölibat – wird sich meiner Meinung nach vorerst nichts ändern. Aber an den Voraussetzungen dafür, dass sich da überhaupt etwas ändern kann, indem bestimmte Zuständigkeiten viel stärker in die Verantwortung regionaler Autoritäten, also konkret der Bischofskonferenzen gelegt werden, - da könnte etwas anders werden, wenn es Papst Franziskus gelingt, die römische Kurie auf das Maß eines Dienstleisters für die Weltkirche zurück zu stutzen. Allein die Tatsache, dass da einer „vom Ende der Welt“ – wie er selber sagte – Petrusnachfolger wird, verändert atmosphärisch etwas: Es wächst das Bewusstsein, dass auch Kirchen weitab vom römischen Zentrum etwas zu sagen und zu bieten haben.

 

Und diesbezüglich habe ich – bis zum Erweis des Gegenteils – größte Hoffnung: Schon die Namenswahl motiviert mich da: Francesco. Il Poverello di Assissi. Von ihm ging eine radikale Reformbewegung aus, die – eigentlich immer hart an der Grenze zum Häresieverdacht – an einer Erneuerung der vergammelten Kirche aus dem Geist der Armut und Einfachheit laborierte. Das Ideal des Poverello ist heute so aktuell wie eh und je, weit über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus – bis hinein in den Islam.

 

Wen sich ein Jesuit Franziskus nennt, denkt man automatisch natürlich auch an einen, der zu engsten Kreis um den Jesuiten-Gründer Ignatius von Loyola gehörte: Franz-Xaver, den großartigen China-Missionar. Könnte es Papst Franziskus gelingen, eine Brücke auch dorthin zu schlagen, wo in einem Milliardenvolk ca. 60 Millionen mit Rom verbundene Katholiken leben (also dreimal so viel wie hier in Deutschland), die das aber bis dato öffentlich gar nicht sagen dürfen, ohne sich Nachteile einzuhandeln?

 

Und überhaupt: Dass da ein Jesuit Papst wird! Auch das ist eine Botschaft, die man dem weitgehenden Altmänner-Kollegium der Kardinäle so kaum zugetraut hätte. Seit dem Pontifikat des so charismatisch begabten und politisch hellsichtigen wie innerkirchlich blinden Johannes-Paul II. wurde diese Elite der Kirche von einem neokonservativen Gesocks aus Opus Dei, Legionari di Cristo und ein paar anderen Bewegungen Stück für Stück verdrängt. Bis klar wurde, was da zum Teil für schräge Vögel die Finger im Spiel hatten und selbst der unpolitische Benedikt XVI. im Fall der Legionari und ihrs skandalösen Gründers knallhart die Reißleine zog. Mit dem Jesuiten Bergoglio dürfte da gegen all diese Geheimbündlerei wieder ein Stück Transparenz zurückkehren. 

 

V. Dio mio, was erwarten wir alles von diesem neuen Papst? Lassen Sie mich versuchsweise eine Antwort mit Paolo Farinella geben. Paolo Farinella, Jahrgang 1947, ist Priester, studierter Exeget und derzeit Pfarrer der Kirche S. Maria Immacolata e San Torpete im Zentrum von Genua, eine Pfarrei ohne Gebiet und Gemeinde, wo eben einfach so Leute kommen und gehen. Grade so wie bei uns hier in der Dominikanerkirche. Don Farinella hat ein berüchtigt loses Mundwerk und ist zudem poetisch begabt. 1999 veröffentlichte er einen Roman, der just 2012 wiederaufgelegt wurde. Er trägt den Titel Habemus papam, Francesco (echt, kein Witz). Und der Roman-Papst von Farinella vollbringt sein größtes Werk darin, dass er den Vatikan abschafft. Farinella vor wenigen Tagen in einem Artikel des Philosophie-Almanachs MicroMega: „Va bene, den Namen hätten wir schon mal. Vielleicht macht er den Rest jetzt auch noch. Die ersten Zeichen sind da.“ Und dann listet er auf, was ich ihnen soeben kurz erzählt habe.

 

Wenn das wahr wäre, wahr auch nur von Ferne, wären wir Zeitgenossen eine Revolution in der Kirche, die schon – um den verstorbenen Kardinal Martini zu zitieren – seit gut 200 Jahren aussteht. Farinella fügt dem etwas an, das mir – ich gestehe es ehrlich – schwer aufstößt, als Bayer und als Theologe. Er meint, das Pontifikat von Joseph Ratzinger sei nur eine Parenthese, ein unterbrechender Einschub, gewesen, der uns acht Jahre verlieren ließ – Anspielung auf das Faktum, dass Bergoglio damals im Konklave von 2005 der einzige Gegenkandidat von Joseph Ratzinger war und nur durch seinen Rückzug den Weg frei machte für die Wahl Benedikts. Dass die Ära Ratzinger ein Pannen-Pontifikat ohnegleichen war, lässt sich kaum bestreiten. Was von ihm bleiben wird, können Spätere besser abwägen. Die Doppelrolle, die er dabei als Petrusnachfolger und zugleich theologischer Autor einzunehmen versuchte, macht dieses Urteil nicht leichter, im Gegenteil. Ich verschweige nicht, das ich Papst Benedikt – Fehler hin, Fehler her – zutiefst dankbar bin, dass er das Thema Vernunft und Glaube auf vielfältige Weise in die breaking news der Weltöffentlichkeit katapultiert hat.

 

Aber die derzeitigen Versuche konservativer Kreise, Benedikts Jahre in ein „Pontificato luminoso“, ein leuchtendes Pontifikat umzulügen (so ausgerechnet sein Erzgegenspieler Sodano), sind nur noch peinlich. Ich denke mir nach all dem, was in den ersten Tagen des Pontifikats Francescos zu beobachten war, dass er gegen solche Spielchen immun ist. Und er muss als Papst auch gar nicht alles kennen, was Platon gesagt, Hegel geschrieben und Wittgenstein beschwiegen hat (denn, mi scusi, Santo Padre, das ist mein Bereich). Es reicht völlig, wenn er das korrupte Lumpenpack rund um den Staatssekretär Bertone samt diesem rauswirft und glaubwürdig das Evangelium predigt (was ihm aus Buenos Aires auf die Seele geschrieben ist). Und dann gilt, womit Farinella seinen jüngsten Kommentar zur Sache beschließt: La primavera comincia con il primo fiore – der Frühling beginnt mit der ersten Blume. Ich sag’s noch ein bisschen romantischer: Mensch, Bruder Papa Franz, mach’s weiter.

 

Predigt von Prof. Dr. Klaus Müller (Univ.- Prof. für Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster), März 2013. siehe hier.

 

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