Träume von einer Kirche

Ich träume von einer Kirche, der die alltägliche und selbstlose Liebe wichtiger ist als die Lehren aus dem Katechismus und die Normen des Kirchenrechts.

 

Ich träume von einer Kirche, die nicht immer auf die Antworten aus Rom wartet, sondern sich auf den schöpferischen Geist verläßt, der allen Christen, Männern und Frauen, gegeben ist. Ich träume von einer Kirche, die die Gleichheit aller Christen durchsetzt, die Würde der Frau sichtbar macht und endlich allen Klerikalismus überwindet.

 

Ich träume von einer Kirche, in der man nicht in Rom Bischöfe ernennt, die das Volk Gottes nicht annimmt und die am Ende weder der Wahrheit noch der Einheit dienen.

 

Ich träume von einer Kirche, die sich von den Menschen in Pflicht nehmen läßt: von den Armen und Kranken, von den Flüchtlingen, von den wiederverheirateten Geschiedenen, von den ungeborenen Kindern, von den Hungernden in der weiten Welt, von der nach Sinn verlangenden Jugend.

 

Ich träume von einer Kirche, die in der Verkündigung und in der Feier der Liturgie eine Sprache spricht, die zumal die jungen Menschen verstehen.

 

Ich träume von einer Kirche, die weder im Vatikan noch in den Ordinariaten meint, meinen Glauben bevormunden zu müssen.

 

Ich träume von einer Kirche, die zu feiern und zu beten versteht, die mit mir lachen und trauern kann, immer in Gemeinschaft mit allen Menschen.

 

Ich träume von einer Kirche des Amtes, die es der Wahrheit und Einheit wegen immer geben wird, die aber weiß, daß Autorität mit Liebe übersetzt werden muß und daß Amt nichts anderes als Dienst meint.

 

Ich träume von einer Kirche, die eine anziehende und wärmende Gemeinde ist und jeden einlädt und umschließt, der sich der armen und notleidenden Menschen wegen aufreibt.

 

Ich träume von einer Kirche, die das Wunder der Menschwerdung Gottes in vielen Wahrheiten bezeugt und auf vielen Glaubenswegen ausschöpft.

 

Ich träume von einer Kirche, die aus der Kraft des Heiligen Geistes die Spannungen aushält, die Konflikte bearbeitet und mit allen gemeinsam einen Weg der Liebe sucht und sich weisen läßt.

 

Ich träume von einer Kirche, die Hoffnung hat für die Welt und für einen jeden Menschen, weil sie den in ihrer Mitte hat, der alle Hoffnung begründet.

 

Ich träume von einer Kirche, die mich am Ende meines Lebens begleitet und mir in meinen letzten Atemzug hineinruft: Du wirst ewig leben.

 

                                                                                P. Roman Bleistein SJ

 

P. Bleistein stammte aus Aschaffenburg. Dort wurde er als zweites von vier Kindern geboren. Dort erhielt er auch seine schulische Ausbildung, die er mit dem Abitur 1948 abschloss. Als Mitglied der Marianischen Kongregation lernte er den Jesuitenorden kennen, in den er am 14. September 1948 in Pullach eintrat. Das letzte Kriegsjahr bis Januar 1945 war er als Luftwaffenhelfer eingezogen.

 

Nach Abschluss seiner Studien in Pullach und in Frankfurt (St. Georgen) wurde er zunächst in der Jugendarbeit in München eingesetzt. In dieser Zeit entstanden seine ersten Jugendbücher. Am 4. August 1960 wurde er während des Eucharistischen Weltkongresses in München, St. Michael, zum Priester geweiht. Nach dem Tertiat in St. Andrä unter P. Peter Heymeyer wurde er als Mitarbeiter an den 'Stimmen der Zeit' destiniert; gleichzeitig Studium an der Münchner Universität - Pädagogik, Psychologie und Soziologie -, das er 1965 mit der Promotion abschloss. Für ein Jahr musste er in Nürnberg als Kaplan an der Pfarrei St. Kunigund einspringen. Dann konnte er seine Arbeit als Redaktionsmitglied der Stimmen wieder aufnehmen. Er behielt diese Position bis zur Vollendung seines 70. Lebensjahres.

 

1968-1973 war er zugleich persönlicher Referent bei P. Karl Rahner in München und in Münster. 1973 wurde er Dozent und 1975 außerordentlicher Professor für Pädagogik an der Hochschule für Philosophie in München.

 

Als kompetenter und hochgeschätzter Experte für Jugendfragen war er Berater zahlreicher Gremien innerhalb und außerhalb der Kirche.

 

Im Jahr 1977 wurde ihm zusätzlich eine neue, zeitgeschichtliche Forschungsarbeit anvertraut. Er veröffentlichte im Laufe der Jahre umfassende Dokumentationen über die Jesuiten im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Als erstes erschienen 1982-1984 die Schriften von Alfred Delp in vier Bänden, denen 1988 ein 5. Band mit Briefen, Texten und Rezensionen folgte. Andere Fachliteratur betraf die Patres Rupert Mayer und Augustin Rösch. Allein in den 'Stimmen der Zeit' hat er fast 200 Aufsätze veröffentlicht, abgesehen von den vielen Buchbesprechungen. Hinzu kommen Publikationen in anderen Zeitschriften und ungezählt viele Vorträge.

 

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, hat in seinem Kondolenzbrief das Lebenswerk von P. Bleistein gewürdigt. Er nennt ihn einen 'kompetenten, offenen und engagierten Theologen und Seelsorger, der sich auf einzigartige Weise für eine glaubwürdige Jugendpastoral und deren Verankerung im Leben unserer Kirche eingesetzt hat.'

 

Roman Bleistein starb am 17. August 2000 kurz vor dem Ende seines Erholungsurlaubs auf der Nordseeinsel Borkum. Er hatte noch an der Abendmesse teilgenommen. Beim anschließenden Conveniat der Mitbrüder brach er plötzlich zusammen. Der Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Am 24. August 2000 wurde er auf dem Ordensfriedhof in Pullach beerdigt.  

 

 

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