Höchststrafe?!

Es war so etwas wie ein Paukenschlag, dass Papst Franziskus wenige Tage vor dem Beginn des Missbrauchs-Gipfels im Vatikan den früheren Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick nach ebenso erschreckenden wie glaubwürdigen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs aus dem Klerikerstand entließ.

 

In großen Schlagzeilen wurde landauf, landab über die Versetzung des Ex-Kardinals in den Laienstand berichtet und darin einmal mehr ein Hinweis darauf gesehen, wie ernsthaft Papst Franziskus die Missbrauchskrise aufzuarbeiten versuche, worauf schon Monate zuvor im Herbst 2018 die Laisierung zweier anderer Bischöfe aus ähnlichen Gründen hingedeutet habe.

 

Nun mag man darüber erfreut sein, dass endlich auch die höchsten Kirchenämter nicht mehr vor Strafverfolgung schützen – gegenüber der Affäre Groër in den 90er-Jahren ist dies tatsächlich ein gewaltiger Wandel -, aber über die Art und Weise der Bestrafung wird man als normaler Kirchenbürger doch sehr verwundert sein. Um nicht zu sagen: Es könnte einem darüber schlecht werden!!

 

Ich bin Laie: Ich habe mich als Theologe nie um die Aufnahme in den Priesterstand beworben. Nicht, weil ich mir den Priesterberuf für mich nicht hätte vorstellen können, sondern weil  mir einfach niemand die Sinnhaftigkeit der priesterlichen Verpflichtung zur Ehelosigkeit je so hätte erklären können, dass ich sie auch verstanden hätte; das Diakonat wiederum schien mir aus Solidarität mit meinen Kolleginnen, denen dieses Amt aufgrund ihres Frau-Seins verschlossen ist, auch nicht offen zu stehen. So bin ich also Laie. Und empfinde mein ebensolches Dasein durchaus als schön: Ich bin glücklich verheiratet, habe zwei liebe Kinder und fand in der Kirche auch als Laie meinen gestaltenden Platz, der mich nach wie vor sehr zufrieden sein lässt.

 

Wenn ich dann aber lese „Ex-Kardinal McCarrick in den Laienstand versetzt – Schärfste Strafe …, die das Kirchenrecht für einen Kleriker vorsieht“ (homepage der Erzdiözese Wien) oder „Höchststrafe für Theodore McCarrick“ (Domradio Erzdiözese Köln), dann platzt mir doch das nicht vorhandene Kollar: Offenbaren diese Worte nicht in dramatischer Weise die Absurdität und die menschenverachtende Ideologie kirchlichen Standesdenkens?! Kann die höchste Strafe für einen klerikalen Missbrauchstäter tatsächlich darin bestehen, wieder auf eine Stufe mit den Laien gestellt zu werden?!?

 

Und so frage ich mich, innerlich erschüttert über die solcherart zutage getretene klerikale Präpotenz in unserer Kirche: Müsste der Kampf gegen den Klerikalismus, den sich Papst Franziskus durchaus auf die Fahnen schreibt, nicht dem klerikalen Stand als solchem gelten? Ist nicht um der Menschenwürde und der Glaubwürdigkeit der Kirche willen generell zu fordern, dass dieser klerikale Stand überhaupt abgeschafft wird?! Und könnte – zumal dieser Klerikerstand ja per se Relikt eines antiquierten feudalen Gesellschaftsverständnisses ist – die Abschaffung des Standesdenkens der Kirche vielleicht helfen, endlich in der Gegenwart anzukommen??

 

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich propagiere nicht die Abschaffung des Priestertums. Ich bin der Meinung, dass Priesterinnen und Priester für die Kirche sehr wohl segensreich sein können – aber nicht aus irgendeiner standesmäßigen Besserstellung heraus, sondern ausschließlich aus der Authentizität und dem Engagement ihres persönlichen Lebens und Glaubens.

 

Die Verlockung zum priesterlichen Dienst oder zum Dienst in der Kirche allgemein sollte auf alle Fälle das Evangelium sein – und nicht die Feudalposition eines Klerikerstandes!

 

Dr. Harald Prinz

 

 

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