Wenn sich die Lehre nicht ändert, dann werden die Wunden nicht heilen

25.09.2013, Jamie Manson

 

Der National Catholic Reporter hat am 25. September 2013 nachstehenden Beitrag von Jamie L. Manson veröffentlicht. Die Übersetzung hat Bernie Aurin gemacht.

 

Viele Katholiken begrüßten die Gedanken des neuen Papstes zur Homosexualität, die er in seinem Gespräch vergangene Woche mit dem Jesuitenpater Antonio Spadora äußerte. Für sie war es eine Brise frischen Windes, Ausdruck einer neuen Richtung für die Kirche und ein vielversprechender Hinweis auf kommende Veränderungen.

 

Mich hat es eher an meine Schwiegereltern erinnert. Lassen Sie mich das erklären.

 

Als ich meine Lebensfährtin Gretchen kennenlernte, hatte sie sich gegenüber ihrer konservativen, bibeltreuen Familie noch nicht als lesbisch geoutet. Nachdem wir dann drei Monate zusammen waren, nahm sie all ihrem Mut zusammen und sprach mit ihrer Mutter, ihrem Vater und ihren drei Geschwistern über ihre sexuelle Ausrichtung. Ihre Familie war schockiert und entsetzt.
 

Nachdem sie mir 2 1/2 Jahre aus dem Weg gegangen waren, taten Gretchens Eltern den mutigen Schritt und luden mich in ihr Zuhause nach Grand Rapids, Michigan ein - eines der Zentren des kalvinistischen Evangelikalismus in diesem Land.
 

Zu meiner Überraschung wurde ich mit der im Mittleren Westen typischen Freundlichkeit empfangen. Sie hießen mich in ihrem Haus willkommen, umarmten mich, gaben mir zu essen. Gretchen und ich waren erstaunt, dass dieses Treffen, von dem wir ehrlicherweise nie erwartet hätten, dass es noch während unserer Lebzeiten stattfinden würde, so harmonisch und gut ablief.
 

Sie können sich vorstellen, wie überrascht ich ein paar Monate später war, als wir erfuhren, dass Gretchens Familie sich zwar gefreut hatte mich kennzulernen, und dass sie froh waren, dass es Gretchen gut ging und sie glücklich war, doch dass sie unsere gemeinsames Leben ablehnten.
 

In den drei Jahren seit diesem Besuch war ich mindestens sechs Mal wieder in Grand Rapids und wurde jedesmal sehr warmherzig aufgenommen. Doch egal wie freundlich jeder Besuch abläuft, jedesmal wenn wir nach New York zurückkommen, erinnern uns Gretchens Eltern daran, dass - obwohl es uns beiden gut zu gehen scheint - sie sich doch wünschten, dass wir nur Freunde wären und keusch und sexuell enthaltsam zusammenlebten.
 
"Ich weiß nicht ob, Homosexualität Sünde ist," sagte Gretchens Schwester beim letzten Besuch zu ihr, "Gottseidank bin ich nicht diejenige, die über dich richten muss."
 

Obwohl Gretchens Familie uns willkommen heißt und uns aufnimmt, glauben sie doch, dass wir ein sündiges Leben führen und dass wir uns gegen Gottes Plan stellen.
 
Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr uns das beide verletzt.
 
Often denke ich, dass ich lieber auf die ganze Gastfreundschaft, den angenehmen Umgang und das tolle Essen verzichten würde, wenn sie dafür unsere Beziehung als genauso gut und gottgefällig anerkennen würden, in ihr die gleiche Würde sehen würden und ihr den gleichen Respekt zollen würden, wie der Ehe von Gretchens heterosexuellem Bruder.
 
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein herzliches Willkommen sehr missverständlich sein kann. Deshalb bin ich bei den Worten von Papst Franziskus über Schwule und Lesben sehr misstrauisch. Egal wie warm und offen sich Franziskus uns gegenüber gibt, er hat seine Überzeugung offen geäußert, dass "die Lehre der Kirche in dieser Sache klar ist, und dass ich ein Sohn der Kirche bin."
 
"Auf dem Rückflug von Rio de Janeiro sagte ich, dass wenn eine homosexuelle Person guten Willens und auf der Suche nach Gott ist, wer bin ich dann, dass ich sie verurteile," sagt Franziskus am Anfang des Interviews. "Wenn ich das sage, dann drücke ich das aus, was auch der Katechismus lehrt."
 
Obwohl Franziskus der Meinung ist, dass Schwule und Lesben mit Mitgefühl, Respekt und Sensibilität behandelt werden sollten, glaubt er doch, dass homosexuelle Praktiken gestört und sündig sind. Denn das ist es, was der Katechismus lehrt.
 
"In Buenos Aires habe ich Briefe von homosexuellen Personen erhalten, die sich ausgegrenzt fühlten, weil, wie sie mir sagen, sie meinen, dass die Kirche sie immer verurteilt hat," sagte Franziskus. "Aber die Kirche will das gar nicht."
 
Versteht Franziskus denn nicht, dass es genau die Lehre der Kirche ist, die diese Verletzungen verursacht? Und wenn diese Lehre fortbesteht, dann werden auch die Verletzungen weiter bestehen, egal wie herzlich der Willkommensgruß sein mag.
 
Viele Katholiken, einschließlich schwuler und lesbischer Katholiken waren hocherfreut über die Worte von Franziskus "die Wunden zu heilen." Doch es ist wichtig, den Vergleich, den Franziskus zieht, um seine Gedanken auszudrücken, näher zu betrachten:
 
"Für mich ist die Kirche wie ein Lazarett nach einer Schlacht. Da fragt man einen schwer Verwundeten doch nicht nach seinen Cholesterinwerten oder seinem Blutzucker! Man muss seine Wunden heilen. Und erst danach können wir über alles andere reden. Heile die Wunden, heile die Wunden."
 
Franziskus ermutigt die Seelsorger der Kirche die Hand nach den Schwulen und Lesben wie mir auszustrecken und die Wunden der gesellschaftlichen Ausgrenzung, die die Kirche uns zugefügt hat, zu heilen.
 
Führen wir diesen Vergleich doch einmal noch etwas weiter: Wenn die Wunden verheilt sind, sollte sich die Kirche dann nicht um meine chronische Verfassung kümmern, nämlich, dass ich eine Lebensgefährtin des gleichen Geschlechts habe?
 
Mir ist klar, dass Franziskus nicht möchte, dass ich das Gefühl habe, dass die Kirche mich verurteilt. Doch wenn die Lehre der Kirche darauf besteht, dass meine Liebe zu meiner Partnerin Sünde ist, wie kann ich  mich dann jemals zugehörig und gleichgestellt in dieser Kirche fühlen? Meine Wunden können unter diesen Unständen nicht verheilen.
 
Ich glaube auch nicht, dass dieser "Heile die Wunden"-Vorschlag auf andere Problemfelder der kirchlichen Sexualmoral übertragen werden kann, über die, laut Franziskus, zuviel geredet wird.
 
Verständlicher Weise sind viele Katholiken erleichtert, wenn Franziskus sagt, dass es nicht notwendig ist, "ständig" über Verhütung, Homosexualität und Abtreibung zu reden und wenn er Seelsorger kritisiert, die "besessen davon sind, eine nicht zusammenhängende Menge von Lehrsätzen aufzwingen zu wollen."
 
Aus taktischer Sicht ist es klug von Franziskus den Bischöfen zu sagen, dass sie die kirchliche Sexualmoral nicht zu ihrem zentralen Thema machen sollen. In vielen Fällen hat ihre Obsession damit zu nichts geführt. In den U.S.A. und im größten Teil Europas haben sie ihre Schlachten über diese Themen verloren und ihr Versagen wird auch in traditionell katholischen Ländern im Süden der Erdkugel deutlich, wie in Mexiko, Brasilien und selbst in Argentinien.
 
Doch wir dürfen hier nicht das eigentliche Problem aus den Augen verlieren. Das Problem ist nicht, dass über diese Themen ständig gesprochen wird. Das Problem ist, dass diese Sprechen ein Monolog der Hierarchie ist. Die Leiter der Kirche weigern sich, auf die Stimme Gottes zu hören, die durch die Menschen, durch ihre Lebenserfahrungen, ihre Nöte, durch ihre Schreie nach Gerechtigkeit spricht.
 
Davon dass weniger über die kirchliche Sexualmoral geredet wird, werden die Verletzungen, die sie anrichtet nicht verschwinden. Ja, vielleicht sieht die Kirche dadurch freundlicher und seelsorgerischer aus. Doch es kann auch dazu führen, dass Anliegen, die in vielen Ländern der Welt lebenswichtig und kritisch sind, ausgeklammert werden.
 
Was nützt es uns denn, wenn die Kirche mehr seelsorgerisch orientiert ist, Schwulen und Lesben jedoch weiterhin gesagt wird, dass ihre Beziehungen Sünde sind, wenn Frauen verboten wird, den Ruf Gottes zum geweihten Dienst in der Kirche zu folgen, wenn HIV/AIDS-infizierten Frauen und Männern in Afrika systematisch der Zugang zu Kondomen verweigert wird, wenn Frauen lebensrettende Abtreibungen verweigert werden und sie sterben müssen, wenn hungernden Familien auf den Philippinen Verhütungsmittel verboten werden?
 
Weniger Fixierung auf die kirchliche Sexualmoral bedeutet keine Verringerung der psychischen Verletzungen, der Gewalt, des Hungers, der Krankheiten und des Sterben, das von der Weigerung der Hierarchie verursacht wird, sich dieser Herausforderungen mit Ehrlichkeit, Offenheit und Demut anzunehmen.
 
Trotz aller ermutigen Worte dass die Kirche ein "großes Zelt" und keine "kleine Kapelle" ist, scheint sich Franziskus fest dazu zu bekennen, die Lehrmeinungen der Kirche so zu lassen, wie sie sind. Dass dies so ist, wurde jetzt wieder bestätigt: Nur ein paar Tage nachdem das Interview veröffentlicht wurde, bestätigte er jeden einzelnen von Benedikts Aufpassern in ihren Ämtern in der Glaubenskongregation.
 
Ob die institutionelle Kirche schlanker und schlagkräftiger ist, oder warmherziger und sanftmütiger, die kirchlichen Lehren zur Sexualmoral werden weiterhin Wunden aufreißen. Solange die Rufe des Volk Gottes nicht endlich gehört werden und diese Lehren geändert werden, können die Wunden nie richtig verheilen.

 

Zur Autorin: 

Jamie L. Manson ist Mitglied der Redaktion und für Bücher zuständig. Sie hat ein Diplom in Theologie von der Theologischen Fakultät der Yale University, wo sie katholische Theologie und Sexualethik studierte. Ihre Beiträge im NCR wurden mehrfach ausgezeichnet. Vor kurzem erhielt sie den zweiten Preis in der Kategorie "Kommentar des Jahres" vom Verband der Religions-Journalisten (RNA). Ihre E-mail Adresse ist jmanson@ncronline.org.

                                                                                                

                                                                                                                                   Übersetzt von Bernie Aurin.

 

 

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