Zum Missbrauch in der kath. Kirche
Predigt von Harald Prinz am 16.03.2019

Bei der Vorabendmesse am 16.03.2019 in der Pfarre Enns - St. Laurenz hielt der Pfarrleiter Dr. Harald Prinz die folgende Predigt zum Missbrauch in der kath. Kirche. Dr. Harald Prinz ist auch Sprecher der Diözese Linz in der Plattform "Wir sind Kirche Österreich".

 

 

Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen!

Schwere Enttäuschung klingt aus den Worten des Apostels Paulus heraus, die wir heute in der Lesung aus seinem Brief an die Gemeinde in Philippi gehört haben. Diese Gemeinde ist nicht irgendeine Gemeinde, es ist die älteste Christengemeinde in Europa, Paulus hat sie im Jahr 49 oder 50 auf einer seiner Reisen gegründet, nachdem er dort Kontakt zu einer jüdischen Gebetsgemeinschaft gefunden hatte, von denen einige – vor allem Frauen - das Evangelium von Jesus Christus bereitwillig annahmen. Nun schreibt ihnen dieser Paulus einen Brief, möglicherweise bereits aus seiner eigenen Gefangenschaft in Rom, und dieser Brief ist auch ein Zeugnis der Enttäuschung. Nicht von allen ist Paulus enttäuscht, das macht der Brief auch deutlich. Da sind offensichtlich noch viele, die ihr Leben tatsächlich am Evangelium Jesu Christis ausrichten und die ihrem Leben eine ehrliche christliche Prägung zu geben versuchen. Aber Paulus hat offensichtlich auch von anderen erfahren. Er hat erfahren von Menschen, von denen er früher oft erzählt hat und jetzt nur mehr unter Tränen sprechen kann.

Man wird neugierig, als Hörer oder Leser dieser Worte, was sie denn getan haben, diese Menschen, dass Paulus solche Enttäuschung über sie empfindet, dass ihm regelrecht die Tränen kommen, wenn er an sie denkt. Der heutige Ausschnitt aus dem Philipperbrief, den wir gehört haben, gibt dazu keine Antwort, da müssten wir jetzt die Bibel in die Hand nehmen und dort im Brief selbst ein wenig weiterlesen. Ich will das jetzt nicht tun, sondern ich will heute bei der Enttäuschung des Paulus stehen bleiben und davon ausgehend eine Brücke in unsere Zeit bauen.

Denn: Erleben wir nicht auch selbst in unserer gegenwärtigen Zeit Enttäuschungen schwersten Ausmaßes, was die Gemeinschaft unseres Glaubens angeht?! Das erwähnte Paulus-Zitat passt haarscharf auf eine Reihe von Situationen, die wir als Kirche momentan erleben: Paulus schreibt über seine damalige Situation, er habe von den betreffenden Menschen oft erzählt – und zwischen den Zeilen schwingt mit, er habe dies mit Hochachtung und Freude, mit Respekt und Ehrfurcht getan – und jetzt habe er nur mehr Tränen, wenn er an diese Menschen denke. Wer sich heute mit der aktuellen Lage der Kirche auseinandersetzt, der könnte ähnlich formulieren und dafür auch eine Reihe von Namen nennen, auf die diese Feststellung ebenfalls zutrifft: Namen von Männern, die sich in der Gemeinschaft des christlichen Glaubens hervorgetan haben, die durch etwas, was von vielen Seiten bewundert wurde, groß geworden sind, die sich in dieser Gemeinschaft emporgearbeitet haben, die belohnt wurden mit angesehenen Positionen und Titeln, die dem Rest der Glaubensgemeinschaft als nachahmenswerte Vorbilder hingestellt wurden, … – und die doch in der Tiefe ihrer Seele ein Geheimnis bargen oder bergen, das einem die Tränen kommen lassen könnte.

Die Zeitungen sind voll damit, die Medien berichten landauf, landab über den „Sündenfall der Kirche“. Dabei gilt es freilich vorsichtig zu sein und nicht jeder medialen Vorverurteilung unkritisch zu folgen. In Australien zum Beispiel, wo Kardinal George Pell wegen Sexuellen Missbrauchs zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, muss erst noch das Berufungsverfahren abgewartet werden, da die Prinzipien des Rechtsstaats natürlich auch für einen Kardinal zu gelten haben und dieser daher so wie jeder andere auch, der sich zu Unrecht beschuldigt und verurteilt fühlt, in Berufung gehen kann, was Kardinal Pell ja auch getan hat.

Ähnliches – wenn auch unter anderen Vorzeichen – gilt auch für den Erzbischof von Lyon, Kardinal Barbarin, der dieser Tage von einem französischen Gericht verurteilt wurde, weil er einen Missbrauchsfall vertuscht haben soll, also, weil er nicht die Justiz eingeschaltet habe, als ihm klar geworden sei, dass ein Priester seiner Diözese sich sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hat. Auch Kardinal Barbarin hat Berufung eingelegt, auch dieser Berufungsprozess ist abzuwarten, auch wenn Kardinal Barbarin am Tag des Schuldspruchs angekündigt hat, dem Papst seinen Rücktritt anzubieten.

In beiden Fällen gibt es nach wie vor durchaus auch laute Zweifel am schuldhaften Verhalten dieser Kardinäle, und dennoch machen beide Fälle deutlich, welch schwere Probleme unsere katholische Kirche hat.

Und es gibt andere Fälle, in denen es keine Zweifel mehr gibt. Ich erwähne nur einen einzigen, wobei dieser Name wahrscheinlich den meisten unbekannt ist. Aber er ist wichtig, und ich vermute, er wird keine geringe Rolle spielen im riesigen Akt der Aufarbeitung, vor dem unsere Kirche steht: Der Mann hieß Marie-Dominique Philippe, Priester des Dominikanerordens, charismatischer Universitätsprofessor, zunächst in Frankreich, dann in der Schweiz. Und schließlich: Gründer eines rasch wachsenden Ordens namens Communauté Saint Jean - „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“, mit einem männlichen Zweig und zwei weiblichen Zweigen und jeweils unglaublich vielen Neueintritten. Gestorben im Jahr 2006, wurde das Begräbnis von Pater Philippe in Frankreich zu einer großen katholischen Manifestation mit Hunderten von Priestern und mehreren Bischöfen. Allein: Im Jahr 2013 gab die Ordensleitung öffentlich bekannt, dass es sehr glaubwürdige Hinweise darauf gäbe, dass der von vielen fast als heilig verehrte Gründer der Gemeinschaft gegen das Gebot der Keuschheut mit mehreren erwachsenen Frauen verstoßen habe, auch der Vatikan schaltete sich ein, und erst vor 14 Tagen hat eine Dokumentation des Fernsehsenders Arte mit dem Titel „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ das Ausmaß dieses gewaltigen Missbrauchs dargelegt, ein Missbrauch, der in erster Linie ein Missbrauch an Klosterschwestern war, die ihr ganzes Leben in den Dienst der Kirche stellen wollten. Und je mehr man sich mit dieser furchtbaren Geschichte auseinandersetzt, desto deutlicher erkennt man: Es geht hier um Machtmissbrauch, es geht um spirituellen Missbrauch, und es geht um sexuellen Missbrauch. Verschiedene Formen des Missbrauchs, die eng miteinander verwoben sind und sich gegenseitig begünstigen.

Wer noch genauer hinschaut – und das hat diese Fernsehdokumentation nicht getan -, der sieht, dass dieser Pater Philippe in einer gewissen Weise ein Doppelleben geführt hat, über dessen Existenz offenbar sogar Freunde und Weggefährten vielfach ahnungslos waren. Einer von ihnen war der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn: Er hat die junge Gemeinschaft – sowohl den Männer- als auch den Frauenzweig in seine Erzdiözese Wien geholt und sich über die Klostergründungen sehr angetan gezeigt, er hat öffentlich sein gutes Verhältnis zum Gründer dargestellt, der als Dominikaner ja sein Ordensbruder war, hat erzählt, dass sie beide jahrelang Professorenkollegen an der gleichen Universität waren und im gleichen Kloster gelebt haben, und er hat ihn anlässlich seines Todes im Jahr 2006 als einen großen Dominikaner gewürdigt … Ob Kardinal Schönborn bei den paulinischen Worten aus der heutigen Lesung des Philipperbriefes an Pater Philippe denkt, wenn dort bei Paulus die Rede ist von Menschen, von denen man oft (gern) erzählt hat und jetzt nur mehr unter Tränen sprechen kann?!

Der Fall von Pater Philippe ist aber leider kein Einzelfall und darum meine ich, dass es wichtig ist, dass wir uns mit ihm auseinander setzen: Es gibt Fälle wie diesen offensichtlich über die ganze katholische Welt verstreut, und wir in Österreich haben ja unsere Geschichte mit Kardinal Hans-Hermann Groer gemacht. Und nicht ohne Zorn und Wut fragen sich viele: Was hat die Kirche in all den Jahren aus diesen furchtbaren Enthüllungen gelernt? 23 Jahre sind vergangen seit damals, 23 wertvolle Jahre, die die Kirche hätte nützen müssen, die Grundthematiken dieser schlimmen Ereignisse neu zu denken und zwei Worte in der katholischen Lehre neu zu buchstabieren: das eine Wort heißt „Sexualität“, das andere „Macht“. Beides ist auf Jahrzehnte weithin unterblieben, erst Papst Franziskus scheint bereit, hier neue Seiten im Buch der Kirche aufzuschlagen, aber es stellt sich die Frage, ob es nicht zu spät ist; ob er noch genug Kraft hat für diesen römischen Kampf; ob er noch die Energie aufbringt, die Kirche auf einen neuen Kurs zu setzen, ihr ein neues – glaubwürdiges - Gesicht zu geben, das sich wieder am Evangelium Jesu Christi orientiert.

Ich habe vor 14 Tagen mit einem Ehepaar hin- und hergeschrieben, das vor einigen Wochen aus der Kirche ausgetreten ist. Mir schien, dass dieses Ehepaar an Kirche und Glaube durchaus interessiert war, dass es aber an der Kirche, wie sie sich jetzt zeigt, geradezu verzweifelt und daher ausgetreten ist. Auch in der Kirchenreformbewegung „Wir sind Kirche“, deren Sprecher in Oberösterreich ich ja bin, stehe ich vor der Situation, dass Menschen aus unserer Reformbewegung austreten, weil sie den Glauben an die Kirche verloren haben und weil sie zunehmend auch das Vertrauen verlieren, dass diese Kirche sich überhaupt noch reformieren könnte. Das ist auch für mich selbst – als Seelsorger, als Sprecher der Kirchenreformbewegung, aber auch als Christ – eine harte Anfrage, die mich immer wieder auch auf die Frage zurück wirft: Was lässt denn mich noch Christ sein? - Ich denke, es ist die Sache Jesu, es ist diese ehrliche Auseinandersetzung, die dieser Jesus mit dem Leben und für das Leben geführt hat, die mich nach wie vor überzeugt glauben und Teil der Kirche sein lässt. Und so habe ich diesem Ehepaar u.a. folgendes zurück geschrieben: „Ich … will nicht müde werden, für Reformen in dieser Kirche zu kämpfen. Ich betrachte die Sache Jesu und auch vieles in unserer Kirche als so wertvoll, dass ich all das nicht einfach >gegen die Wand fahren< lassen will oder irgendwelchen Ewiggestrigen zu überlassen bereit bin.“

Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen, ich bin wirklich zutiefst davon überzeugt: Die Botschaft Jesu ist heute so wertvoll wie eh und je und die Kirche als Gemeinschaft derer, die an diese Botschaft glauben, ebenso. Ich bin sicher: Die Welt – auch unsere Welt heute - braucht das Evangelium, die Welt braucht auch die Kirche! Und ich lasse mir beides nicht wegnehmen und zerstören, weder von denen, die diese Kirche am liebsten ausradieren möchten noch von denen, die diese Kirche für ihre eigenen kranken Zwecke missbrauchen. Da, wo ich bin, will ich Kirche leben können, so wie ich sie vom Evangelium her verstanden habe und verstehe. Und so viel anderes, das auch Teil ist dieser Kirche - der ganze Machtapparat in Rom, und das römische Kirchenrecht, vor dem unsere Bischöfe leider immer noch in die Knie gehen – das wird für mich immer unwichtiger, spielt eine immer kleinere Rolle, lehrt mich immer weniger auch das Fürchten. Orientieren will ich mich in meinem Leben und Glauben an anderem, an Wichtigerem, an Zentralerem.

Dem Grunde nach sagt uns die heilige Schrift, was das Wichtigste ist und worauf es ankommt. Bei Paulus lesen wir – und jetzt gehe ich zum Schluss meiner Predigt doch noch ein paar Verse über die heutige Lesung hinaus, am Ende des genannten Philipperbriefes nämlich lesen wir: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert und ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht. … Und der Gott des Friedens wird mit euch sein!“

 

 

 

 

 

 

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