„Theologie um der Seelsorge willen“
Zum 100. Geburtstag des Theologen Karl Rahner am 5. März 2004

05.03.2004

 

Mit großer Dankbarkeit und Respekt gedenkt die Plattform „Wir sind Kirche“ gemeinsam mit der KirchenVolksBewegung in Deutschland in diesen Tagen Karl Rahners, einem der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, der vor 100 Jahren geboren wurde. Durch sein Denken der Theologie vom Menschen her hat er das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) wesentlich beeinflusst, bei dem er persönlicher Berater des Wiener Kardinals Franz König war. Das Lebenswerk Karl Rahners ist und bleibt auch für kommende Generationen wegweisend. Für „Wir sind Kirche“ sind Person und Werk Rahners inspirierend, ermutigend und herausfordernd zugleich.

 

Sein entscheidender Beitrag für die Theologie ist die „anthropozentrische Wende“. Wie kein anderer stellte Rahner die Frage nach Gott konsequent vom Menschen, nicht vom rechtgläubig auftretenden Glaubenssystem her. Er hat sich nicht im elfenbeinernen Turm der Wissenschaft versteckt, sondern in die „Niederungen“ der Seelsorge eingelassen. „Ich habe immer Theologie betrieben um der Verkündigung, um der Predigt, um der Seelsorge willen“, wie er selber sagte. Nach Rahners Überzeugung sind es die existenziellen Fragen, die den Menschen über sich hinausführen und ihm eine Ahnung vom Ewigen vermitteln, dem er sich verdankt. Mit ganzem Herzen in ihrer Tradition beheimatet, kritisierte er aber auch die katholische Kirche aus Liebe zu ihr. „Vor Konzilsbeginn habe ich Rahner angerufen und gesagt: ‚Kommen Sie bitte mit mir nach Rom!’ Da hat er gemeint: ‚Ja, was fällt Ihnen ein, ich bin in Rom nicht gern gesehen! Die denken doch, dass ich zu liberal bin’“, erzählt Kardinal König in der „Furche“. Noch heute wird Rahner von verschiedenen Seiten angegriffen. In seinen letzten Lebensjahren wurde er immer mehr zum Kämpfer. Mit immensem Sachverstand stritt er gegen römischen Zentralismus und vorkonziliare theologische Ansichten, verteidigte die lateinamerikanische Befreiungstheologie. Er beklagte das paternalistische Verhalten der Mehrheit der Bischöfe genauso wie das Insistieren auf formaler Autorität in der Sexualmoral. Rahner forderte das freie Wort und den aufrechten Gang in der Kirche.

 

Hellsichtig warnte er vor der Versuchung, dass diese Kirche ihre zur Zeit des Konzils weit geöffneten Pforten wieder zusperrt, nicht mehr einladend und gesprächsbereit auf die Menschen zugeht. Als er den Elan der Konzilskirche verblassen sah, sprach er traurig von einer „Winterkirche“, die nur noch ängstlich abwehrend über die korrekte Lehre wacht.

 

Zu seinem 10. Todestag schrieb der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, der von 1964 bis 1967 Rahners Assistent in München war, dass „einer fehlt, der für viele ein Meister des Denkens und ein ungewöhnlicher Seelsorger war. Das Ausbleiben seiner Wegweisungen und Zwischenrufe, die für ein halbes Jahrhundert nicht wegzudenken waren, hat eine Lücke hinterlassen, die nicht geschlossen werden kann.“ – Sein unglaublich fruchtbares theologisches Lebenswerk umfasst über 4.000 Veröffentlichungen. Sein Schüler Johann Baptist Metz nannte ihn einen „Vater des Glaubens“, und Kardinal Schönborn betont in seinem Grußwort zum Symposion in Wien: „Wer heute Theologie betreibt, kommt um die Arbeit von Karl Rahner nicht herum“, und: „Ehrfurcht flößt die Weite des Denkens ein.“ Am 5. März 1904 in Freiburg am Breisgau geboren, trat Karl Rahner 1922 in den Jesuitenorden ein, wurde am 26. Juli 1932 in München zum Priester geweiht. Während des Krieges musste er in Wien im Geheimen Vorlesungen halten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er 1949 Professor für Dogmatik in Innsbruck, wechselte 1964 auf den Romano- Guardini-Lehrstuhl in München und wurde 1967 nach Münster berufen. Kurz nach seinem 80. Geburtstag starb er am 30. März 1984 in Innsbruck.

 

 

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