Der erste und ein zweiter Blick

Bericht |
von Helmut Schüller
© Helmut Schüller

Rund um Konklave und Papstwahl war immer wieder von der wachsenden, vitalen Kirche außerhalb Europas die Rede. Und auch davon, dass demgegenüber die Kirche in der "Alten Welt" müde, im Schrumpfen begriffen und ohne viel Zukunft sei. Da sei eben auch der Glaube schwach und im Schwinden, - wie auch Umfragen belegen würden. Auf den ersten Blick scheint das auch zuzutreffen. Und dieser erste Blick prägt offensichtlich die Einschätzung vieler: vom Vatikan über die Bischofskonferenzen bis hinaus in die Gemeinden.

Aber gibt es da nicht auch einen zweiten Blick? Einen Blick, der hartnäckiger hinschaut und die Kirche gerade hier in Europa eher in der schärfsten Herausforderung sieht statt im Niedergang? Als am weitesten "vorgeschobener Posten" der Gesamtkirche: weil am tiefsten in die Auseinandersetzung mit der (Post?-)Moderne verwickelt, mit einer sich nachchristlich gebenden Gesellschaft. In der Kirche mit dem "bisher Gewohnten" schlechte Karten hat, weil in einer solchen Gesellschaft das, was wir als Kirche glauben, neu buchstabiert werden muss. Bloße "neue Begeisterung" oder bloßes Abwarten, bis die Gesellschaft wieder Gefallen an dem findet, was wir "immer schon gesagt haben", helfen da nicht weiter.

Ich behaupte sogar, dass die Kirche in Europa (und in ähnlichen Gesellschaften weltweit), so weit sie sich in ihrer Theologie und in ihren Gemeinden dieser Herausforderung offen stellt, Vorarbeit für die gesamte Kirche leistet. Weil überall dort, wo die Kirche noch mit dem "Bisherigen" blüht und gedeiht, sie sich bald derselben Herausforderung stellen wird müssen, weil sich auch dort Gesellschaft weiter entwickelt. Die Berichte aus den Regionen der Weltkirche an die Weltsynode sprechen da schon eine deutliche Sprache.

Als ich diese Behauptung vor einigen Wochen in einem Interview für den ORF vertreten habe, kam die erste Zustimmung von einem Bischof in Brasilien, der das Interview per Internet gesehen hatte. Das Bildmotiv zu diesem Artikel habe ich erst unlängst fotografiert: die Kirche "Maria, Mutter und Königin" auf dem Monte Grisa bei Triest. Architektur vom Anfang der 1960er-Jahre, die es mutig mit der neuen Zeit aufnehmen will. Aber so einfach ist das nicht mit der neuen Zeit. Das ist uns heute wohl bewusster als noch damals. Das wird noch ein langer und schwieriger Weg. Wir gehen ihn für die ganze Kirche. Auch, wenn es noch gar nicht so aussieht.