Maria - eine, die aufsteht!

Spirituelle Texte |
Im Marienmonat Mai denkt Astrid Krogger über ihr Marienbild nach - und über eine wenig beachtete Perikope des Markus-Evangeliums.

Wenn die Wiener Bibelwissenschaftlerin Eva Puschautz eine kaum gepredigte Stelle aus dem Markusevangelium historisch-kritisch unter die Lupe nimmt, dann wirbelt sie damit gängige Marienbilder durcheinander. Denn diese Sätze passen so gar nicht in das Bild, das wir uns im Laufe von 2000 Jahren so gerne von der gottergebenen, demütigen und still leidenden Himmelsmutter gemacht haben.

Genau geht es um die Stelle, in der beschrieben wird, dass seine Angehörigen sich auf den Weg zu Jesus machen, „um ihn zu ergreifen“, denn sie sagen: „Er ist von Sinnen“ (Mk 3,21).Als Mutter Maria und die Brüder dann vor dem Haus stehen, in dem Jesus und seine Jünger von einer Menschmenge bedrängt werden, und ihn herausrufen lassen, verweigert sich dieser und erklärt alle jene zu seiner Mutter und seinen Brüdern, die den Willen seines Vaters tun (Mk 3,34f.).

Eva Puschautz zeigt auf, dass hier das Bild der Heiligen Familie als solcher nicht stimmt. Der sehr alte und damit authentische(re) Text zeigt Maria, die zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit schon verwitwet und damit von Existenzängsten geplagt ist und die deshalb von ihrem ältesten Sohn einfordert, sich doch so, wie es das Recht vorsieht, um seine Familie zu kümmern. Doch von ihm bekommt sie eine wenig verständnisvolle, ja harte Abfuhr.

Kann man nun eine so spröde und verwirrende Perikope dennoch als „Geschenk“ verstehen? - Ja, natürlich, denn sie ergänzt das Bild der makellosen Madonna: Maria als eine, die aufsteht und für ihre Bedürfnisse einsteht. Eine, die ihren Sohn nicht versteht, auch wenn er die Massen anspricht. Eine, die mit Zurückweisung (und letztlich dem Tod ihres Kindes) klarkommen muss. Eine ganz normale Mutter also. Und umso mehr ein Vorbild!

Weiterführende Literatur: Puschautz Eva, Maria – Mutter im Konflikt, Mohr Siebeck 2025