Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen!
Die Tage vor Allerheiligen war ich gemeinsam mit meiner Frau in Rom, um unsere Tochter zu besuchen, die dort studiert. Es waren wunderbare Tage: ein goldener Herbst bei warmen Temperaturen, eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen, wir waren auch im Vatikan bei der Papst-Audienz: ein voller Petersplatz. 60-70-80.000 Menschen, die sich da versammelt haben und mittendrin auf sehr präsente Weise Papst Leo, der sich bemüht, in dem für ihn neuen Amt die Kirche in die Zukunft zu führen und die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen. Und wir haben natürlich auch über den Vatikan hinaus eine Fülle an Kulturgütern gesehen, an Kirchen, an denen es in Rom wahrlich nicht mangelt, wie auch an antiken Monumenten aus der Zeit des Imperium Romanum.
Ich könnte mich nun fragen „Was war das Schönste von all dem, was wir in der Ewigen Stadt gesehen haben?“, aber wir wissen alle, dass Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt … und es wird auch gar nicht viel einfacher, wenn ich nicht nach dem Schönsten frage, sondern nach dem Beeindruckendsten im Laufe dieser Tage. Aber eines gibt es doch, das sich mir in besonderer Weise eingeprägt hat und woran ich mich vielleicht immer erinnern werde. Es war eine kleine orthodoxe Marien-Ikone, die mir in einer privaten Wohnung ins Auge gesprungen ist: Maria, die Mutter Jesu, und auf ihrem Arm das Jesuskind, wie es sein Gesicht an das der Mama drückt und wie die Mama die Liebe ihres Kindes mit warmem Blick erwidert. Man könnte vielleicht sagen: eine Ikone wie viele andere. Aber etwas ist mir beim Betrachten dieses Marienbildes aufgefallen und das ist der Grund, warum ich Ihnen heute am Allerheiligentag davon erzähle.
Dieses Bild war von einem einfachen, aber großen und breiten Rahmen umgeben. Und dieser Rahmen war für mich in der Interpretation der Ikone sofort bedeutsam. Denn der Künstler oder die Künstlerin hatte – wie es meistens so üblich ist – der Madonna einen Heiligenschein gegeben und dieser Heiligenschein ging über das gemalte Bild hinaus, er ging in den Rahmen hinein, wurde auf den Rahmen aufgemalt, er sprengte den Rahmen gewissermaßen auf. Und das ist mir ins Auge gesprungen, das hat mich stutzig gemacht: Hätte der Künstler oder die Künstlerin das Bild nicht gleich größer anlegen können, damit der Heiligenschein auf dem Bild selbst Platz gefunden hätte?! Aber das ist ihm oder ihr wohl nicht einfach nur passiert: Wir haben in Rom auch das beeindruckend einfache Grab von Papst Franziskus in der Basilika Santa Maria Maggiore besucht und ich habe mir natürlich auch die berühmte alte Marien-Ikone angeschaut, die in dieser Kirche dort verehrt wird und der auch Papst Franziskus so zugetan war. Und siehe da: Auch auf dieser Ikone – Salus populi Romani, wie sie genannt wird - geht der Heiligenschein der Gottesmutter in den Rahmen hinein, sprengt der Heiligenschein den Rahmen in einer gewissen Weise auf.
Und jetzt frage ich Sie, frage ich mich: Hat das vielleicht etwas zu bedeuten?: dass es gerade der Heiligenschein ist, der den Rahmen aufmacht, der den Rahmen sprengt? Und ich möchte antworten: „Ja“. Denn wenn ich in das Leben vieler Heiliger schaue – Männer, Frauen, Kinder; egal, ob sie von der Kirche heiliggesprochen wurden oder von Menschen nur aus ihrer eigenen Herzensintention heraus verehrt werden – wenn ich mir die Biographien dieser Heiligen anschaue, dann sehe ich: Da gibt es viele, extrem viele, die einen Rahmen aufgesprengt haben, die in ihrem Leben gemerkt haben: „Da gibt es Eingrenzendes, Einengendes, … das gehört aufgemacht, das gehört geöffnet.“ Die gespürt haben: Da muss über den Rand hinausgedacht werden, ja: Da muss an die Ränder hinausgegangen werden, wie Papst Franziskus das vielleicht ausgedrückt hätte.
Nehmen wir einen Franz von Assisi oder eine Teresa von Kalkutta: Denen war die betuchte Welt ihrer Gesellschaft zu eng, die haben über ihre wohlgesicherte Existenz hinausgeschaut, haben den Rahmen ihres Lebens aufgesprengt - der eine den des bürgerlichen Lebens, die andere den des klösterlichen Lebens – und haben die Wahrheit des Evangeliums außerhalb des üblichen Rahmens gesucht – und ein Stückweit auch gefunden, wie ich behaupten möchte.
Und vielleicht war es so mit allen großen Heiligen und allen großen Guten der Menschheitsgeschichte. Auch in der Kirche ist es nicht anders: Der größte Papst der jüngeren Zeit war meines Erachtens Johannes XXIII. – der „gute Papst“, wie man ihn aufgrund seiner Bescheidenheit und Volksnähe gern nannte: dieser vermeintliche Übergangspapst der späten 50er, frühen 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der so sympathisch auch über sich selbst lachen konnte und der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Kirche auf einen Weg geschickt hat, der sie viele Rahmen aufsprengen ließ. Wie bezeichnend ist doch die Anekdote, die man sich darüber erzählt, wie Johannes XXIII. reagiert hat, als man ihn vor dem Konzil im Vatikan fragte, was er sich denn von einem Konzil überhaupt erwarte: Der Papst ging zu einem Fenster … und öffnete es. Jetzt kann man sagen „Frische Luft muss herein in die Kirche“ – ja, das war es wohl, was er zum Ausdruck bringen wollte und was uns dieser Papst bis heute als bleibendes Vermächtnis hinterlassen hat. „Frische Luft muss herein in die Kirche!“ ... Aber wir können es auch aus der Perspektive des Papstes selbst sehen: Er hat nicht einfach gewartet, dass die frische Luft von selbst hereinkommt, er hätte auch sagen können „Die alten Fenster sind eh nicht mehr so dicht, da ein Ritz und dort ein Spalt, da kommt ohnehin von selbst was rein.“ Nein, er ist persönlich aktiv geworden: Er ist gegangen und hat das Fenster geöffnet. Er hat – wenn wir so wollen – den Raum geöffnet, den Rahmen gesprengt. Und wer sich auskennt in Theologie und Kirchengeschichte, weiß, was die Kirche diesem Rahmensprengen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verdanken hat – weiß aber freilich auch, dass Fenster und Türen unvermittelt auch wieder zugehen können und dass die Aufgabe des Öffnens und Lüftens nie ein- für allemal erledigt sein kann, sondern vielmehr immerwährender Auftrag ist, immerwährende Aufgabe bleibt.
Und für uns als einzelne Christinnen und Christen, als Menschen, die sich probieren in der Spur Jesu, in der Spur der Gottesmutter und in der Spur der Heiligen: Für uns bleibt die Frage: Wo sind unsere Rahmen, die uns einengen, die uns am Leben hindern, die uns das Atmen schwer machen? Wo sind unsere Rahmen, die wir aufmachen müssen, unsere Rahmen, die WIR aufzusprengen haben?
Die Antwort muss jede und jeder für sich selbst suchen. Aber eines ist uns doch allen gemeinsam: Diese Frage hat etwas mit unserer persönlichen Heiligkeit zu tun, mit unserer christlichen Berufung, dem Leben und seiner Heiligkeit zu dienen. Möge jede und jeder von uns diese Frage für sich selbst ernst nehmen … und dann auch entdecken, welch heilige Kraft es haben kann, Rahmen, die einengen und am Leben hindern, aufzumachen und aufzusprengen!