Am 8. Juni 2026 traf Papst Leo in Madrid mit dem spanischen Regierungschef Pedro Sánchez zusammen. Während das Gespräch in der vatikanischen Botschaft stattfand, hielten die spanischen Mißbrauchs-Opferverbände vor der Botschaft eine Pressekonferenz sowie einen lautlosen Protest ab. Für manche kommt dieser Protest überraschend, war Leo doch bereit, sich mit einzelnen Mißbrauchsopfern zu treffen. Doch die Verbände als solche blieben außen vor: "Der Papst trifft sich lediglich mit ein paar von der Kirche ausgewählten Opfern, die keine unangenehmen Fragen stellen», sagte der Präsident des Nationalen Verbandes für gestohlene Kindheit (ANIR), Juan Cuatrecasas, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Laut Cuatrecasas hätten das Treffen zwischen Papst und einzelnen Mißbrauchsopfern, das kath.ch zufolge erst nach langem Zögern des Vatikans zustandekam, die spanische Bischofskonferenz und Vertreter des Opus Dei organisiert; damit sei das Ergebnis seit Jahren immer dasselbe: "Leugnen, Verheimlichen, Vernachlässigen der Pflicht zu Hilfeleistung sowie Komplizenschaft".
Beim Protest vor der Nuntiatur verurteilten die Demonnstrierenden den "Ausschluss repräsentativer Verbände" und verlangten eine rechtliche Anerkennung der Opfer, lebenslange psychologische Betreuung sowie angemessene Entschädigung und Wiedergutmachung. Und sie brachten ihre Erwartungen klar auf den Punkt: "Wir wollen kein Foto mit dem Papst. Wir wollen Rechte und Wiedergutmachung für alle".
Das Thema des Sexuellen Mißbrauchs hat die Katholische Kirche in Spanien schon vor Jahren in eine tiefe Krise gestürzt. Immer wieder war es auch Auslöser tiefer Zerwürfnisse zwischen den spanischen Bischöfen und der sozialistischen Regierung des Landes. Das zeigt sich auch in einer krassen Diskrepanz der Zahlenangaben, wie zeit.de berichtet: Während die spanische Bischofskonferenz von gut 1000 dokumentierten Fällen seit dem Jahr 1940 spricht, geht eine von Spaniens Parlament beauftragte Ombudsstelle von zumindest 236.000 Opfern aus. Doch der gesellschaftliche und politische Druck auf die Kirchenleitung zeigt Wirkung: Erst vor wenigen Monaten rangen sich die Bischöfe dazu durch, ein staatlich kontrolliertes Entschädigungsverfahren zu akzeptieren. Unmittelbar zuvor hatte sich die Regierung in dieser Frage direkt an den Vatikan gewandt. Und auch der spanische Monarch Felipe hat den Papst am 6. Juni 2026 daran erinnert, dass der durch sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche verursachte Schmerz "mit Klarheit und Festigkeit" aufgearbeitet werden müsse.
Indes ist die öffentliche Meinung in der spanischen Mißbrauchsdebatte sehr deutlich: Einer kürzlich durchgeführten Umfrage der Zeitung «El País» zufolge sind 70 Prozent der Spanier:innen der Meinung, die Kirche decke immer noch die Täter. Nota bene: Spanien ist ein Land mit starker katholischer Tradition.