Liebe Mitchristinnen und liebe Mitchristen!
König Salomo gilt als einer der ganz großen Könige des Volkes Israel. Er war der Sohn des großen Königs David, durch den sein Geschlecht zur Königswürde gelangt ist und in dessen Ahnenfolge später auch Jesus stand. Es gibt mehrere Evangelientexte, in denen Jesus als „Sohn Davids“ bezeichnet wird, d.h. als Nachfahre Davids. 1000 Jahre liegen freilich zwischen David und Jesus. Aber Betlhem, wo die Krippe Jesu gestanden haben soll, wird zur Zeit Jesu immer noch die Stadt Davids genannt.
David und Salomo: Sie sind die beiden großen Könige in der Geschichte Israels. David war der Begründer der Linie, der ruhmreich Goliath besiegt hat, der den Hirtenstab dann mit dem Szepter tauschte und anschließend an die 40 Jahre regierte, und Salomo war der, der ihm auf den Thron folgte, der die Herrschaft festigen und dem Reich eine gute Verwaltung geben sollte und der es auch verstehen sollte, dem Reich nach Außen Frieden zu geben.
Nun können wir uns vorstellen, vor welchen Herausforderungen man als junger König steht. Neid und Intrigen sind das eine, die Anforderungen der großen Politik das andere. Und da kommt nun die heutige Bibelstelle ins Spiel – und mit ihr Gott. Gott nämlich erscheint dem jungen Salomo im Traum und bietet ihm an, ihm einen Wunsch zu erfüllen. Und wo viele Menschen sich das wünschen würden, was sie am Ziel ihrer Träume erreicht haben möchten, wünscht David sich das, was er braucht, um auf dieses Ziel zugehen zu können. Er wünscht sich nicht eine lange Regentschaft, er wünscht sich nicht eine erfolgreiche Außenpolitik, er wünscht sich nicht Reichtum und Ruhm. Stattdessen wünscht er sich das, was er brauchen wird, um den Weg zu all dem gehen zu können. Er wünscht sich ein hörendes Herz. Er spürt: Das ist es, was ich brauche, wenn mein Königtum Erfolg haben soll; das ist es, was mir helfen wird, meine Ziele zu erreichen: ein hörendes Herz.
Wer in der Bibel weiterblättert, versteht, dass dieses Hören in mehrere Richtungen geht. Wir könnten sagen: Der Mensch hat ja mehrere Ohren und so hört auch das Herz in mehrere Richtungen. Da ist einmal das hörende Herz zu den Mitmenschen hin, aber es gibt auch das hörende Herz zu Gott hin. Und es gibt wohl auch das hörende Herz in sich selbst hinein, das der Mensch braucht, um glücklich zu werden.
Und Gott weiß den Wunsch Salomos um ein hörendes Herz zu schätzen. Er antwortet ihm sogar deutlich „Weil du nicht um ein langes Leben, nicht um Reichtum oder um den Tod deiner Feinde gebeten hast, sondern um Einsicht gebeten hast, um auf das Recht zu hören, werde ich deine Bitte erfüllen. Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz …“
Und so weise und verständig ist Salomos Herz dann geworden, dass die Weisheit Salomos sogar sprichwörtlich wurde ist und Salomo bis in unsere Tage herauf, immerhin 3000 Jahre später, immer noch für seine Weisheit berühmt ist.
Es war Josef Gründwidl, der diese Erzählung von Salomos Bitte um ein hörendes Herz für seine Weihe zum Erzbischof von Wien im vergangenen Jänner auswählte und sie so einem größeren Kreis an Menschen vertraut machte. Josef Grünwidl hat erkannt, wie wichtig das Hinhören ist und wie sehr er in seiner neuen, sicher herausfordernden Aufgabe als Bischof einer großen Diözese genau diese Gabe des Hinhörens braucht. Ich habe mich damals, als ich bei der Bischofsweihe von Josef Grünwidl vor dem Fernseher saß, sehr über diese Textauswahl gefreut, denn die Krise der Kirche, die wir in unserer Zeit erleben, hat auch damit zu tun, dass wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eben auch Bischöfe hatten, die nicht hören konnten. Es gab Ausnahmen, gar nicht wenige sogar wie unseren Bischof Maximilian Aichern oder andere, aber es gab viele und mächtige, die nicht hören konnten, weil sie glaubten, als Bischof wäre ihnen nicht das Hören aufgetragen, sondern das Reden, das Lehren, das Anschaffen. Beides aber gehört wohl zusammen und gehört gemeinsam dazu zur Aufgabe des Bischof-Seins, oder allgemeiner gesprochen zur Aufgabe des Leitens, beides gehört wohl zusammen. Ohne gutes Hinhören gibt es auch kein gutes Leiten.
König Salomo hat das vorgemacht. Sein erfolgreiches Königtum war in dem verortet, dass er bereit war, gut hinzuhören. Und es wurde ihm und seinem Volk zum Segen.
Nun hat aber nicht nur ein König oder ein Bischof eine Aufgabe, sondern auch jede und jeder von uns: ob im Beruf oder in der Familie, in der Pfarre oder im Freundeskreis – nehmen wir uns die Weisheit Salomos mit, uns um ein hörendes Herz zu bemühen.
Möge es uns dann gehen wie Salomo, nämlich dass daraus ein glückliches Leben wachsen kann!
Harald Prinz, Enns - St. Laurenz, 26.7.2026