Es ist kein Geheimnis, dass sich die Kirche vielerorts in einem grundlegenden Wandel befindet. Das betrifft nicht nur den deutschen Sprachraum, sondern ist auch an vielen anderen Orten der Welt feststellbar. Hierzulande gibt es Strukturreformen über Strukturreformen, der Linzer Bischof Manfred Scheuer, der seiner Diözese selbst eine groß angelegte Strukturreform verordnet hat, spricht mittlerweile sogar von "Strukturfetischismus in der Kirche".
Dass es nicht reicht, einfach nur die äußeren Strukturen zu ändern, sondern dass es vielmehr nötig ist, Kirche überhaupt neu zu denken, wurde in den letzten Jahren von vielen Theolog:innen angemahnt. Auch die Kirchenreformbewegungen haben sich entsprechend geäußert. Unter dem aktuellen Logo von kirchenreform.at prangen die Worte "KIRCHE NEU DENKEN".
Doch wie soll Kirchenreform aussehen, dass sie dem Evangelium entspricht und zeitgemäß ist? Darüber scheiden sich die Geister. Und vielen wird in zunehmendem Maße bewusst, dass das herrschende Verständnis der Weiheämter und der Kirche jede sinnvolle Kirchenreform verhindert. Es gilt also beim kirchlichen Amtsverständnis anzusetzen. Der emeritierte Pastoraltheologe Richard Hartmann (Fulda) plädiert daher für ein neues Verständnis der Ämter in der Kirche und für ein neues Verhältnis von Kirche und Amt: Kirche soll nicht länger von den bestehenden Ämtern her gedacht werden, sondern die Ämter sollen vom Auftrag der Kirche her gedacht werden.
Dieser Perspektivenwechsel führt weg von einem autokratisch dominierten Kirchenverständnis und leitet hin zu einem synodalen Volk Gottes, liegt also durchaus auf der Linie dessen, was auch die Kirchenleitung seit Papst Franziskus verstärkt in den Blick nimmt. Allerdings sprengt er das geltende Amtsverständnis auf und damit jenen Punkt, der die gegenwärtige Krise der Kirche wesentlich bedingt und öffnet so den Blick in eine mögliche Zukunft.
Im Interview mit katholisch.de (28.7.2026) ermutigt Hartmann aber auch dazu, Impulse aus der Kirchengeschichte aufzugreifen, die deutlich machten, dass Entwicklung immer möglich sei: "Das Bußsakrament etwa war zunächst keineswegs ausschließlich an Priester gebunden. Solche Erfahrungen zeigen, dass Entwicklungen möglich sind."
In seinen Überlegungen will Hartmann nicht von den Zuständigkeiten denken, sondern von der Sendung der Kirche: "Mir geht es in erster Linie gar nicht um Zuständigkeiten, sondern um das Verständnis des priesterlichen Dienstes. Da bekenne ich mich natürlich auch zu meiner eigenen Tätigkeit als Priester: Wir sind Sakramente für das Volk Gottes. Mit der Art und Weise, wie wir leben, wie wir Zeugnis geben in diakonischen und gemeindlichen Umfeldern, sollen wir transparent sein für die größere Wirklichkeit Gottes. Es geht nicht zuerst um die Frage: Was kann oder darf der? Vielmehr geht es darum: Wer ist dieser Mensch und wie verweist er mit seinem Leben auf Jesus Christus? Wenn wir das ernst nehmen, verschiebt sich auch die Diskussion über kirchliche Ämter."
"Die Kirche und ihre Ämter neu denken. Ein Zwischenruf" ist im Patmos-Verlag erschienen und hat 112 Seiten.
Roman Fürst, 31.7.2026