Unter Theolog:innen und Bibelversierten ist seit langem bekannt, dass im Lauf der Bibelüberlieferungen mancher Frauenname verschwunden oder gar in einen Männernamen verwandelt wurde. Bekannte Beispiele sind Nympha aus dem Kolosserbrief und insbesondere Junia, die im Römerbrief als "berühmt unter den Aposteln" dargestellt wird - eine Auszeichnung, die in einer patriarchisch geprägten Kirche vielen nur für einen Mann vorstellbar war, weswegen aus Junia kurzerhand ein Junias gemacht wurde.
Nun hat der amerikanische Papyrologe Lincoln Blumell ein Buch vorgelegt, in dem er ein weiteres Beispiel für das Unsichtbarmachen von Frauen im biblischen Text anführt: "Lady Eclecte. The Lost Woman of the New Testament." Demnach ist der zweite Johannesbrief des NT nicht an die (auserwählte) Kirche allgemein gerichtet, wie gemeinhin angenommen wird, sondern an eine konkrete Frau namens Eklekte, was zwar bereits bei Clemens von Alexandrien (2./3. Jh.) überliefert ist, heute so aber in keiner einzigen Bibelübersetzung vorkommt. Blumell, der für sein Buch in mühsamer Kleinarbeit papyrologische und sprachwissenschaftliche Erkenntnisse zusammengetragen hat, weist damit auf die Verdrängung einer weiteren Frau aus dem Neuen Testament hin.
Der Wiener Theologe Hans Förster, der "Lady Eclecte" in der Wochenzeitung "Die Furche" am 22.1.2026 einen zweiseitigen Artikel widmete und sich Blumells Einschätzung anschließt, dass diese Entdeckung einem Erdbeben gleichkommt, schließt daran eine Hoffnung: "Und so steht zu hoffen, dass mit den nächsten Revisionen der deutschsprachigen Bibelübersetzungen eine weitere Frau im Neuen Testament ihren gebührenden Platz erhält." Wer die Geschichten von Nympha und Junia kennt, weiß freilich, dass die Erfüllung dieser Hoffnung noch lange auf sich warten lassen kann.
Quelle: Förster H., Die übersehene Frau im Neuen Testament; Art. in: Die Furche (Wien, 22.1.2026: Kompass 9,10).